Bernhard Peter
Tempel: Kyoto, Kiyomizudera (1)


Der Kiyomizudera ist ein spektakulär an den Bergrücken gebauter buddhistischer Tempelkomplex im Osten von Kyoto am Hang der "östlichen Hügel" (Higashi-yama). Der Tempel zählt seit 1994 zum Weltkulturerbe Historisches Kyoto. Was ihn aber zu einem bedeutenden Wallfahrtsort macht, ist seine Position auf dem ca. 1300 km langen Saigoku-Pilgerweg (Saigoku sanjuusankasho), wo er die sechzehnte von insgesamt 33 Stationen darstellt. in allen Stationen wird die Kannon als Hauptgottheit verehrt, eine weibliche Inkarnation des Bodhisattva Avalokiteshvara. Der Pilgerweg beginnt am Seiganto-ji in Nachi-Katsuura (Präfektur Wakayama). Bevor der Kiyomizudera erreicht wird, ist der letzte Halt der Imakumano Kannon-ji, der Tempel der elfköpfigen Kannon in Kyoto. Nach dem Kiyomizudera geht es weiter zum Rokuharamitsu-ji, einem weiteren Tempel der elfköpfigen Kannon in Kyoto. Der traditionelle Pilgerweg endet am Kegon-ji in Ibigawa (Präfektur Gifu).

Es gibt noch einen zweiten Pilgerweg, den Rakuyo-Kannon-Weg, welcher 33 Stationen mit Bezug zu Kannon auf dem Stadtgebiet von Kyoto besitzt und am Rokkaku-do (Choboji) beginnt; zu diesem gehören als 10. bis 14. Station nacheinander vier Hallen des Kiyomizudera (Zenkoji-do, Okuno-in, Hondo und Asakura-do) und der südlich gelegene Subtempel Taisan-ji. Danach geht es weiter zum Rokuharamitsu-ji, um schließlich am Seiwa-in zu enden. Die Zahl 33 bei beiden Pilgerwegen kommt daher, daß Kannon 33 verschiedene Formen annehmen kann, daß Kannon 33 Gelübde geleistet hat, um die Menschheit zu retten etc.

Man erreicht den Kiyomizudera (Adresse: 1-294 Kiyomizu, Higashiyama-ku, Kyoto) am besten ab Bahnhof mit dem City-Bus Nr. 206 (Richtung Kitaoji bus terminal) oder mit dem Raku-Bus 100 (Richtung Ginkaku-ji) bis zur Haltestelle Gojo-zaka oder Kiyomizu-michi auf der Higashi Oji Dori, desgleichen mit dem Bus Nr. 207 ab Shijo-Kawaramachi, dann 10 Minuten ostwärts laufen. Auch den Kyoto Bus 18 nach Ohara kommt man zur Haltestelle Gojo-zaka. Mit der Keihan Line kommt man bis zum Bahnhof Kiyomizu Gojo, von dort ist es etwas weiter zu laufen (25 min.). Wegen seiner Nähe zu wichtigen Verkehrsadern und seiner geringen Entfernung zu den beliebten Stadtteilen Higashiyama und Gion ist die Anlage eine touristische Hauptsehenswürdigkeit mit entsprechendem Andrang (> 4 Millionen Besucher im Jahr) und einer ganz und gar unkontemplativen Fülle von Menschen. Eigentlich ist der Tempel alles, was er nicht sein sollte: Überfüllt, laut, mehr Selfiesticks als Holzsäulen, ohne ruhiges Plätzchen, ohne jede Besinnlichkeit und erschreckend kommerziell, zu touristisch, wobei die Selfie-Pest jedes echte Interesse an der Architektur und der Würde und Weihe des Ortes mit Füßen tritt - und dennoch ist es eine der sehenswertesten Tempelanlagen Kyotos. Es wird geraten, nur wochentags und ganz früh hinzugehen (der Tempel öffnet um 6:00 Uhr morgens), da ist es weniger stressig, außerdem ist der Blick auf die Stadt mit Licht von Osten schöner. Die zum Komplex hinführende Straße Matsubara Dori ist das Herz des Kommerz-Tourismus und besteht aus einem Geschäft neben dem anderen, aus lauter florierenden Touristenfallen, Andenken- und Nepp-Geschäften auf der Straße Sannenzaka, weswegen man streßfreier den südlichen Weg nördlich vom Otani-Mausoleum durch das Friedhofsgelände nimmt, wo man außerdem noch an ein paar anderen schönen Subtempeln vorbeikommt.

Die Geschichte des Tempels Otowa-san Kiyomizu-dera begann im Jahre 798. Der Gründungslegende zufolge erschien dem in Nara im Kojima-dera lebenden Mönch Kenshin ein alter, weißgekleideter Mann im Traum und befahl ihm, nach Norden zu gehen und eine kristallklare Quelle zu finden. Als er diese in Form eines Wasserfalles am Berg Otowa fand, begegnete ihm Kannon in Gestalt des Priesters und Eremiten Gyo-ei-koji. Dieser gab ihm einen heiligen Baumstamm und trug ihm auf, ein Kannon-Bildnis daraus zu schnitzen, damit dieses den heiligen Platz und die Quelle schützen soll. Als Gyo-ei-koji daraufhin verschwand, wurde Kenshin, der nur ein Paar zurückgelassener Schuhe auf dem Berg gefunden hatte, plötzlich klar, daß es sich bei dem Verschwundenen um eine Inkarnation der Kannon selbst gehandelt hatte. Das war im Jahr 778. Zwei Jahre später traf Kenshin den auf der Hirschjagd befindlichen Krieger Sakanoue-no-Tamuramaro (758-17.6.811), der später General und Shogun wurde. Er lehrte diesen den Wert allen Lebens und die Barmherzigkeit der Kannon, und den Krieger packte die Reue angesichts des getöteten Hirsches. Er wurde Kenshins Schüler und baute schließlich im Jahre 798 den ersten Tempel zum Schutz des mittlerweile hergestellten und in der alten Einsiedlerhütte aufbewahrten Kannon-Bildnisses. Dabei handelte es sich um eine "abgelegte second-hand-Halle": Der Kaiser hatte 974 in Nagaoka einen Palast gebaut, der mit seinem Umzug der Hauptstadt nach Kyoto übrig war. Er schenkte die Shishinden (Thronhalle) seinem General Sakanoue-no-Tamuramaro als Belohnung für geleistete Dienste. Dieser wiederum ließ die Halle auf den Berghang überführen, um dort als erster Hondo zu fungieren. Der Tempel wurde unter den Schutz des Kaisers Kanmu gestellt. Kenshin nahm später den Namen Enchin an. Besagter Wasserfall war namengebend für den Tempelkomplex, denn "kiyoi mizu" bedeutet "reines Wasser", und "-dera" = Tera = Tempel. In der Heian-Zeit war der Tempel eine der wichtigsten stadtnahen Pilgerstätten.

Der Tempel gehört zur Kita-Hosso-Sekte, einem Zweig der 657 vom chinesischen Mönch Dosho gegründeten Hosso-Sekte, die wiederum eine der sechs Glaubensrichtungen des Nara-zeitlichen Buddhismus. "Kita" bedeutet "nördlich", und dieser Begriff wurde genommen, um sich von der im südlich von Kyoto gelegenen Nara ansässigen Hauptsekte abzugrenzen. Bis 1965 war der Kiyomizudera ein Zweigtempel des Kofuku-ji in Nara, welcher der Haupttempel der Hosso-Sekte ist. Dann wurde der Kiyomizudera selbst Haupttempel der Kita-Hosso-Sekte, als sie sich unter dem Gründer und ersten Abt Onishi Ryokei Wajo selbständig machte. De facto ist der Kiyomizudera nun unabhängig und besitzt selber Subtempel. Dieser Abt, der 109 Jahre alt wurde, prägte die Revitalisierung des Tempels in der zweiten Hälfte des 20. Jh. und war besonders engagiert darin, den Buddhismus als Lebenshilfe in die moderne Gesellschaft zu tragen und Einrichtungen zur Betreuung von Kindern und Senioren zu schaffen. Nicht umsonst ist der Kiyomizudera ein Tempel der Kannon, des Bodhisattva der Barmherzigkeit.

Die heutigen Gebäude stammen aber zum Großteil aus der Zeit 1631-1633. Die vorherigen Bauten waren etliche Male verwüstet worden und abgebrannt. Der Tempel war in einen Richtungskampf mit dem Tempel Enryoko-ji verwickelt, und die Anhänger des letzteren setzten den Kiyomizudera 1146 und 1165 jeweils in Brand. Im Onin-Bürgerkrieg brannte der Tempel 1469. Ein letztes großes Feuer hatte den Tempel 1629 verwüstet. Nur einige wenige Gebäude im Westen der Anlage wie das Nio-mon sind älter als 1633, weil sie das Feuer nicht erfaßt hatte. Die Tokugawa-Shogune unterstützten den Wiederaufbau 1631-1633, insbesondere der dritte Shogun, Tokugawa Iemitsu.

Das gesamte Tempelgelände mißt 130000 Quadratmeter am Hang des Berges Otowa. Das Kloster hat etlichen Grund dazugekauft, damit die moderne Bebauung nicht zu dicht an die historischen Gebäude kommt oder gar Hochhäuser die einzigartigen Ausblicke verbauen können. Der Tempelgrund ist mit ca. 1500 Kirschbäumen bepflanzt und mit ca. 1000 Bäumen, die eine interessante Herbstlaubfärbung entwickeln. Damit ist das Tempelgelände eine erstrangige Adresse zur Kirschblütenzeit und zur Zeit der malerischen Herbstfärbung.

Der sich in West-Ost-Richtung erstreckende Bergrücken ist mit einer Vielzahl von Einzelgebäuden bebaut. Insgesamt gibt es 30 buddhistische und mehrere shintoistische Bauwerke auf dem Gelände. Wenn man sich dem Areal von Westen nähert, ist das markanteste Gebäude das zweistöckige Tor, das oberhalb einer von zwei Steinlaternen und tiefer von zwei Komainu flankierten Treppe stehende Nio-mon (Tor der göttlichen Könige bzw. Himmelskönige). Das Tor brannte im Onin-Bürgerkrieg (1467-1477) ab und wurde im späten 15. Jh. wiederaufgebaut; es ist damit eines der ältesten Gebäude auf dem Gelände, direkt nach der Sutra-Halle. Es ist ca. 10 m breit, 5 m tief und 14 m hoch. Zwei Nio stehen in den Nischen, ca. 3,60 m hoch. Im Jahr 2003 wurde das ganze Tor auseinandergenommen und renoviert, und 2004 erhielt es den rot-weißen Anstrich, der heute an mehreren renovierten Gebäuden zu finden ist und ursprünglich für alle Gebäude angenommen werden kann. Das Dach ist mit Zypressenrinde gedeckt. Den kleinen Vorplatz begrenzt nach Norden ein Pferdestall (Uma-dome, Uma-todome), der noch aus dem 15. bzw. 16. Jh. stammt und wo Samurai und Fürsten ihre Pferde ließen, wenn sie den Tempel aufsuchten. Noch weiter nördlich von Tor und Uma-todome liegt ein der Kannon geweihter Subtempel, der Hosho-in. Noch weiter nördlich und jenseits desselben, dem kleinen Tal zugewandt, liegt ein moderner Gebäudekomplex mit dem Daiko-do in der Mitte. Der Daiko-do wurde 1978 zur 1200-Jahrfeier des Tempels erbaut. In der Mitte befindet sich der Taho kaku, flankiert von zwei Seitenflügeln.

Zurück zum 1607 erbauten Nio-mon, geht es weiter nach Osten: Ein zweites Tor steht dort, das Sai-mon (West-Tor), wieder am oberen Ende einer weiteren Treppe, die von zwei Steinlaternenpaaren flankiert wird. Das heute zu sehende Gebäude (Renovierung 2017) stammt von einem Wiederaufbau aus dem Jahr 1631. Das im Momoyama-Stil erbaute Tor gilt als Tor zum Paradies und ist Ort der Nissokan-Meditation (Mediation über den Sonnenuntergang und Visualisierung des Reinen Landes). Das auf acht Pfosten stehende zweistöckige Tor besitzt ein mit Zypressenrinde gedecktes Dach. Zwei weitere Nio stehen in den Nischen. Man achte auf die Elephantenköpfe als Schmuck der Balkenenden.

Nördlich desselben steht der zinnoberrot gestrichene Glockenturm (Sho-ro) aus dem Jahre 1596. In den Schnitzereien erkennt man Chrysanthemenblüten. Er wurde 1999 restauriert. Diese Glocke, die einst den Tagesablauf der Mönche strukturierte, wird heute am jeweils letzten Tag des alten Jahres angeschlagen, und zwar 108 mal, weil der Buddhismus lehrt, daß 108 irdische Wünsche überwunden werden müssen auf dem Pfad zur Vervollkommnung.

In der Hauptlinie der Gebäudeflucht steht gleich östlich des Sai-mon die 1633 erbaute, 31 m hohe und dreistöckige Pagode (Sanju-no-to). Sie ist die höchste dreistöckige Pagode Japans. Ihre einzelnen Dächer sind mit Onigawara-Ziegeln gedeckt mit dämonischen Gesichtern und einem Drachen an der Südostecke; dieser Drache als wasserverbundenes Wesen ist ein Schutz gegen Feuer. 1987 wurde diese Pagode als erstes Gebäude des Komplexes wieder traditionell zinnoberrot und weiß angestrichen, so wie es bei den frühen buddhistischen Tempeln üblich war, die unter dem Einfluß chinesischer Baukunst errichtet worden waren. Diesem Trend bei der Restaurierung sind mittlerweile andere Gebäude gefolgt.

Dann folgt ostwärts eine mittlerweile ebenfalls rot-weiß gestrichene Sutrahalle (Kyodo), das älteste Gebäude des Komplexes, das als Bibliothek und Lagerort der buddhistischen heiligen Texte diente, und dann eine Gründerhalle (Tamura-Halle, Tamura-do, auch: Kaisan-do), die an Sakanoue-no-Tamuramaro erinnert. Darin sind Bildnisse des Gründers, des Mönches Enchin, des Eremiten Gyo-ei und von der Frau des Gründers, Takako. Im Norden der Gründerhalle befindet sich der Benten-jima, ein kleiner Schrein auf einer Insel in einem Gartenteich.

Nördlich des Kyodo steht eng benachbart ein Subtempel mit Bildern der Kannon und anderer Gottheiten, der Zuigu-do. Das Hauptbild in der Halle ist Daizuigu Bodhisattva (Daizuigu Bosatsu ist die Mutter des historischen Buddhas, daher der Name Zuigu-do), ein verborgenes Bildnis, welches alle Wünsche von jedem Besucher hört. Eigentlich steht dort nur ein Stein mit dem Sanskrit-Wort für "Mutterleib". Das gegenwärtige Gebäude stammt aus dem Jahr 1718. Unter der Halle befindet sich ein gesonderter Sakralbereich, der besichtigt werden kann (Tainai meguri). Der stockdunkle Bereich ist das symbolische Eintreten in den Mutterleib, und das Wiederhervorkommen ist wie eine Art (Wieder)-Geburt. Nordöstlich des Zuigu-do befindet sich der Chukodo. Etwas abseits steht der Jishin-in, der Tempel der Barmherzigkeit, welcher ein bevorzugter Andachtsplatz von Toyotomi Hideyoshi war und einige seiner persönlichen Gegenstände enthält.

Östlich der Gründerhalle folgt der Hauptkomplex, den man durch das mittlere Tor betritt (Todoroki-mon, "Tor des Widerhalles des Rufes (der Lehren Buddhas)", auch Chu-mon, "mittleres Tor"). Hier steht das dritte Paar Nio. Eine gedeckte Passage, zu beiden Seiten offen und zum Tal hin eine Galerie bildend, wird im Norden von der Kannon, Bishamonten und Jizu geweihten Asakura-Halle (Asakura-do) aus dem Jahr 1633 begleitet und führt zur Haupthalle des Tempels, dem Hondo. Dieser 1633 errichtete Hondo kragt mitsamt seiner Terrasse auf einer riesigen, bis zu 15 m hohen, beeindruckenden Balkentragwerks-Konstruktion über den Steilhang des Berges Otowa hinaus, und von hier hat man einen guten Blick über die Stadt Kyoto. 18 mächtige Säulen tragen allein die Terrasse (Butai); sie wurden aus vierhundertjährigen Zelkovenbäumen (Keyaki) gehauen. Insgesamt gibt es 139 Stützen und 90 Querbalken, um Halle und Terrasse zu stützen. Unten stehen Jizo-Statuen zwischen den mächtigen Säulen. Die 190 Quadratmeter messende und mit 410 Brettern aus Zypressenholz (Hinoki) gedeckte Terrasse (alles ohne Nägel zusammengefügt!) ist traditionell Ort von Veranstaltungen wie No-Spielen, Kabuki-Theater oder Kyogen-Komödien. Diese "Überhang-Architektur" wird Kake-zukuri genannt.

Die 58 m lange und 26,8 m tiefe Haupthalle (Renovierung des Daches 2017, soll bis 2020 dauern) besitzt ein geschwungenes Dach im Yosemuni-Stil (Yosemune-zukuri), welches mit Zypressenrinde (Hinoki) gedeckt ist. Im Norden, Westen und Osten besitzt das Dach Moikoshi, unter dem Hauptdach tiefer angesetzte falsche Dächer über den hier umlaufenden Korridoren. Die Halle erreicht eine Höhe von 16 m. Das ist eine Besonderheit, denn die Hallen buddhistischer Tempel sind normalerweise mit glasierten Ziegeln gedeckt, anders als bei Shinto-Schreinen, wo Schindeln aus Zypressenrinde oft vorkommen. Hier am Hondo des Kiyomizudera ist das eine Erinnerung daran, die die allererste Halle einst eine kaiserliche Thronhalle war (s. o.). Auch nach der Rekonstruktion im Jahr 1633 wurde dieses Merkmal beibehalten. Im Innern birgt die Haupthalle ein Bildnis der elfköpfigen, tausendarmigen Kannon (Juichimen-Senju-Kannon) im Nainaijin, dem allerinnersten Heiligtum. Das Bildnis, das als Nationalschatz eingestufte Hauptverehrungsobjekt (Gohonzon) dieses Tempels, wird von etlichen anderen wertvollen und künstlerisch bedeutenden Statuen (Nijuhachibu-shu, Shitenno = Himmelskönige, Bishamonten, Jizo etc.) begleitet. Um diesen innersten Bereich herum liegt das innere Heiligtum (Naijin), und um das das äußere Heiligtum (Gejin bzw. Raido). Normalerweise können die Besucher nur das äußere Heiligtum betreten, außer an bestimmten Pilgertagen. Das verborgen gehaltene Kannon-Bildnis wird regelmäßig einmal alle 33 Jahre (das nächste Mal 2044) gezeigt.

Am nordöstlichen Ende des Hondo führt eine Treppenanlage nordwestwärts zu einem auf dem Tempelgelände befindlichen Schrein, dem Jishu-gongen oder Jishu-jinja (siehe eigenes Kapitel). Wendet man sich ostwärts in Richtung Berghang, kommt man jenseits einer nach Süden herabführenden langen Treppe zu mehreren in Nord-Südrichtung aufgereihten Gebäuden. Ganz im Norden beginnt die Reihe mit dem Nishi-muki Jizo genannt, der nach Westen ausgerichtete Jizo-Halle, die dem Beschützer der Kinder und Reisenden gewidmet ist. Dann folgt die dem historischen Buddha Shakyamuni gewidmete Shaka-Halle (Shaka-do), dann die Amida-Halle und als letztes ganz im Süden der innerste Tempel (Oku-no-in), direkt oberhalb des Wasserfalles, am Ort der ersten Eremitenhütte der Gründungsgeschichte. Auch diese Halle mit einer großen Terrasse (Butai) über dem Abhang stammt aus dem Jahr 1633. All die genannten Gebäude sind als wichtige nationale Kulturgüter klassifiziert; die Haupthalle gilt sogar als Nationalschatz. Zwischen der Shaka-Halle und der Amida-Halle (Amida-do) liegt hinten am Hang, etwas zurückgesetzt, noch eine kleine Jizo-Halle, die Hyakutai-Jizo-do, Hundert-Jizo-Halle; sie enthält ca. 180 Jizo-Steinstatuen.

Weit im Süden des Tempelgeländes befinden sich noch die dreistöckige Koyasu-Pagode (Koyasu-no-to, so genannt nach dem Bildnis der Koyasu Kannon im Inneren, wobei Koyasu "leichte Geburt" bedeutet) und der Subtempel Taisan-ji. Die nach der jüngsten Renovierung wieder rot-weiß angestrichene Koyasu-Pagode stand zuerst neben dem Nio-mon und wurde erst im Jahre 1912 an den heutigen Standort verbracht, zum einen, um die dichtgedrängten Gebäude etwas "aufzuräumen" und die große Pagode wirkungsvoller stehen zu lassen, zum andern, um einen malerischen point de vue beim Blick von der Hondo-Terrasse zu bekommen.

Wenn man der vorerwähnten Treppe vor den letztgenannten Gebäuden südwärts nach unten folgt, gelangt man zu dem Wasserfall Otowa-no-taki und von da westwärts in die Parkanlagen des Kiyomizudera. Der Name "Otowa-no-taki" bedeutet "Wasserfall des Geräusches von Federn". Drei einzelne Wasserspeier am Wasserfall leiten das Wasser in ein tief darunter befindliches Becken. Mit langgestielten Schöpfkellen fangen die Besucher das Wasser auf und trinken es, weil ihm heilende und lebensverlängernde Wirkung nachgesagt wird. Das Wasser wird auch "goldenes Wasser (Konjiki-sui) oder "lebensverlängerndes Wasser" (Enmei-sui) genannt. Weil allen drei Einzelwasserfallkanälen unterschiedliche Kräfte nachgesagt werden (links: Weisheit, Mitte: langes Leben, rechts: glückliche Partnerschaft), maximieren die Besucher den Nutzen durch Trinken aus allen dreien. Eigentlich war der Wasserfall nur aufgeteilt worden, um mehr Personen das gleichzeitige Trinken zu ermöglichen - diese Rechnung wurde wohl ohne den phantasievollen Glauben des Volkes gemacht: Jetzt dauert es noch länger, weil jeder aus allen dreien trinkt.

Etwas abseits von dem großen Gebäudekomplex steht im Norden, etwa auf der Höhe der Asakura-Halle, jenseits zweier kleiner Seen ein Gebäude namens Joju-in. Das Gebäude mit dem Karahafu über dem Eingang war für den Priester Gana gebaut worden. Zeitweise wurde der Gebäudekomplex al kaiserlicher Privattempel von Go-Kashiwabara (reg. 1500-1526) benutzt. Danach wurde das Gebäude als Subtempel und als Verwaltungsbüro zum Unterhalt der Tempelgebäude und der Verwaltung der Tempelfinanzen genutzt. Der Joju-in besitzt einen hervorragenden Garten (sog. Mond-Garten), der jedes Jahr nur für eine begrenzte Zeit Ende April / Anfang Mai und Ende Oktober / Anfang November für den Publikumsverkehr geöffnet wird. Er wurde von zwei sehr bedeutenden Gartenarchitekten geschaffen, Soami (1472-1523) und Kobori Enshu (1579-1641).

Die wichtigen Tempelfeste sind das am 14.-15. März und am 14.-15. September stattfindende Fest des blauen Drachens (Seiryu-e). Die Lage der anderen Feste ist variabel.

Es gibt übrigens noch zwei andere Tempel mit dem gleichen Namen, den Kiyomizudera in Yasugi (Präfektur Shimane) und den Kiyozumidera, welcher mit dem Priester Nichiren in Verbindung gebracht wird. Der erstgenannte ist Teil eines weiteren Pilgerweges, des Chuugoku-Kannon-Pilgerweges mit, man erwartet es förmlich, ebenfalls 33 Stationen in Westjapan.

Nio-mon (Tor der göttlichen Könige bzw. Himmelskönige), von Westen. Das Sai-mon rechts ist eingerüstet.

Nio-mon von Südwesten. Es hat seinen Namen von den Nio, den göttlichen Königen bzw. Himmelskönigen.

Das zweistöckige Nio-mon mit Galerie und Irimoya-Dach, von Südosten

Nio-mon (Tor der göttlichen Könige bzw. Himmelskönige), von Osten mit Blick auf Kyoto

Die 1633 erbaute, 31 m hohe und dreistöckige Pagode (Sanju-no-to). Links das eingerüstete Sai-mon.

     

Die Sanju-no-to ist die höchste dreistöckige Pagode Japans.

1987 wurde diese Pagode als erstes Gebäude des Komplexes wieder traditionell zinnoberrot und weiß angestrichen.

Ihre einzelnen Dächer sind mit Onigawara-Ziegeln gedeckt. Rechts die Sutra-Halle (Kyodo).

Die rot-weiß gestrichene Sutrahalle ist das älteste Gebäude des Komplexes, Bibliothek und Lagerort der heiligen Texte.

Im Vordergrund die Gründerhalle (Tamura-Halle, Tamura-do, auch: Kaisan-do), die an Sakanoue-no-Tamuramaro erinnert.

     

Ansichten der dreistöckigen Pagode. Eine zweite dreistöckige Pagode wurde 1912 weit nach Süden versetzt.

Rituelle Reinigung vor dem Tempelbesuch.

Ein bronzener Drache dient als Wasserspeier.

Die Asakura-Halle (Asakura-do) mit Irimoya-Dach ist Kannon und Jizu geweiht.

Die Asakura-Halle (Asakura-do) wurde im Jahr 1633 erbaut und liegt zwischen Gründerhalle und Hondo.

Das Original vor dem Wiederaufbau war ein Geschenk des Kaisersohnes Asakura Sadakaga, Sohn von Kaiser Tenmu.

Das mittlere Tor, Chu-mon, heißt Todoroki-mon, Tor des Widerhalles des Rufes (der Lehren Buddhas).

Eine gedeckte Passage, zu beiden Seiten offen und zum Tal hin eine Galerie bildend, führt vom mittleren Tor zum Hondo.

Zum Tempelbesuch kleidet man sich gerne traditionell.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@34.9949741,135.7843657,19.25z - https://www.google.de/maps/@34.9949443,135.7844036,153m/data=!3m1!1e3
Kiyomizudera auf Discover Kyoto:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/kiyomizu-dera
Kiyomizudera auf Kyoto Project:
http://thekyotoproject.org/english/kiyomizu-temple/
Kiyomizudera auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kiyomizu-dera - https://en.wikipedia.org/wiki/Kiyomizu-dera
Kiyomizudera auf Oriental Architecture:
http://www.orientalarchitecture.com/sid/208/japan/kyoto/kiyomizu-temple
Kiyomizudera auf Japanese Buddhism:
http://www.japanese-buddhism.com/kiyomizu.html
Kiyomizudera auf Japan Guide:
https://www.japan-guide.com/e/e3901.html
Kiyomizudera auf Inside Kyoto:
https://www.insidekyoto.com/kiyomizu-dera-temple
Kiyomizudera auf Kyoto Travel:
https://kyoto.travel/de/shrine_temple/131 - https://kyoto.travel/de/latest_news/63
Kiyomizudera auf JNTO:
https://www.jnto.go.jp/eng/spot/shritemp/kiyomizudera.html
Kiyomizudera auf Sacred Destinations:
http://www.sacred-destinations.com/japan/kyoto-kiyomizudera
Homepage des Tempels Kiyomizudera:
http://www.kiyomizudera.or.jp/en/ - Plan der Anlage: http://www.kiyomizudera.or.jp/en/visit/ - Haupthalle: http://www.kiyomizudera.or.jp/en/learn/#MAIN_HALL - Joju-in: http://www.kiyomizudera.or.jp/en/visit/jojuin/ - zur Geschichte: http://www.kiyomizudera.or.jp/en/learn/
Saigoku-Pilgerweg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Saigoku-Pilgerweg
Kiyomizudera:
http://kyoto.asanoxn.com/places/higashiyama_mid/kiyomizudera.htm
Kiyomizudera:
http://www.taleofgenji.org/kiyomizu.html
Weltkulturerbe historisches Kyoto:
http://www2.city.kyoto.lg.jp/bunshi/bunkazai/isan-d-e.htm
Kannon-Pilgerweg:
http://www.taleofgenji.org/rakuyo_pilgrimage.html
John Dougill: Japan's World Heritage Sites - Unique Culture, Unique Nature, 192 S., Verlag: Tuttle Shokai Inc., 2014, ISBN-10: 4805312858, ISBN-13: 978-4805312858, S. 40-43
Judith Clancy, Ben Simmons: Kyoto - City of Zen, 144 S., Verlag Tuttle Shokai Inc. 2012, ISBN-10: 4805309784, ISBN-13: 978-4805309780, S. 52-55
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 17-25
Cees Nooteboom, Simone Sassen: Saigoku - Auf Japans Pilgerweg der 33 Tempel, Schirmer Mosel, 1. Auflage 2013, ISBN-10: 3829606435, ISBN-13: 978-3829606431, S. 112-114


Kiyomizudera (2) - Jishu jinja

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