Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 8:
Jemeniten und die Tiere

Fische gehören zu den wenigen Haustieren, die sich bei den Jemeniten großer Beliebtheit erfreuen: am liebsten gegrillt bei AL Shebani. Davon konnte ich mich selbst überzeugen, als ich vor kurzem im Kreise einiger Jemeniten, Kollegen aus dem Gesundheitsministerium, ungeduldig bei Al Shebani auf mein Gemüse wartete. Um meine Wartezeit mit Bildung anzureichen und den bohrenden Fragen nach meinen vegetarischen Essgewohnheiten auszuweichen, erkundigte ich mich nach den Essgewohnheiten der Muslime, die den Vegetariern gar nicht so unähnlich sind. Denn: eigentlich dürfen Muslime nur tierische Vegetarier essen. Tiere, die andere Tiere essen, sind unrein und damit verboten.

Hm - dachte ich mir. Und ich muss wohl laut gedacht haben… Denn meine Kollegen waren etwas konsterniert, als ich gedankenverloren die gegrillten Exemplare auf dem Mittagstisch betrachtete „was ist denn mit den Fischen, die Fische essen?“. Betretenes Schweigen. „Tun sie das wirklich?“. Ratlosigkeit. - Ich gebe zu, wenn ich nicht so lange auf das Gemüse hätte warten müssen, hätte ich das Thema nicht angeschnitten. - „Fische sind auf jeden Fall ausgenommen. Der Koran erlaubt Fische.“ Die Logik ist wohl, dass Fische sind immer im Wasser bewegen, also von Natur aus rein sind. Nun denn, Pech gehabt, ihr Fischlein.

Moskito
Mein Reiseführer schreibt, dass es in Sana’a keine Malaria gibt, weil aufgrund der Höhenlage von ca. 2200 – 2400 m es keine infektiösen Mosquitos gibt. – Ich will mich nicht mit dem Reiseführer streiten, aber Mosquitos als solche – oder will sagen, Viehcher, die so aussehen wie Stechmücken, fliegen wie Stechmücken und auch stechen wie Stechmücken, gibt es durchaus.

Jemeniten haben üblicherweise die Fenster und Türen ‚vernetzt’ und halten diese auch geschlossen. – Anne – Christine hat die dumme Angewohnheit, die Haustür offen zu lassen, wenn sie zu hause ist, was Katzen wie auch Moskitos unglücklicherweise als Einladung empfinden. Katzen sind relativ einfach auszumachen – abgesehen von der einen, die ich neulich versehentlich die Nacht und den folgenden Arbeitstag über einsperrte (hätte ich ihr mal besser nicht den Joghurt vorher angeboten…), danach war es dann nicht mehr zu übersehen. - Moskitos sind eher zurückhaltend. Als das Kratzen (nicht zu verwechseln mit ‚Katzen’) kein Ende nehmen wollte, habe ich einige wissenschaftliche Experimente gestartet, um das Problem ganz vegetarisch natürlich zu lösen.

Mein erster Versuch war ein dreieckiges schwarzes Etwas, das laut fehlender Herstellerangabe eine 9 V Batterie benötigte – die kaufte ich dann beim nächsten Besuch in einem anderen Markt – und Moskitos per ultrasound (das kann unmöglich Ultraschall heissen) vertreiben sollte. Laut Werbeaufschrift nicht wahrnehmbar für das menschliche Ohr und völlig ungefährlich. Bedauerlicherweise scheine ich einer der wenigen Menschen zu sein, die den Ultrasound doch hören, und ihn als sehr unangenehm wahrnehmen. Die drei Moskitos, die auf mich zusteuerten, als ich das Gerät einer Waffe gleich zum ersten Mal austestete, kamen offensichtlich aus einer taubstummen Familie. Sie ließen sich nicht von ihrem Zielobjekt abbringen.

Dann ging ich zu Plan B über: das Moskitonetz. – Ich höre jetzt schon die Kommentare der werten Leserschaft, von wegen, warum hat sie das Netz nicht gleich benutzt. Nachts schön und gut, aber wer läuft schon tagsüber im Haus mit einem Moskitonetz herum. Zweimal schaffte ich das Moskitonetz im Schlaf herunterzureißen und irgendwie schafften es die Moskitos sich doch reinzumogeln. Oder sollte das ein Katzenfloh gewesen sein?

In jedem Fall besser, Katzen und Moskitos gleichermaßen vor der Haustür zu lassen, weshalb ich nun gelegentlich die Zwischentür schließe.

Das magische schwarze Dreieck habe ich dann doch noch vor ein paar Tagen in Aktion gebracht. Meine wissenschaftliche Neugier hat gesiegt. Ausgangpunkt meiner Beobachtungen waren 2, später drei tote Riesenkakalaken, die ich jeweils auf dem Rücken liegend im Bad und auf dem Küchenboden fand. Während ich noch grübelte, ob der plötzliche Tod meiner ungeliebten Wohnungsgenossen mit der Wunderwaffe in Verbindung stand, verschaffte mir vorgestern Abend ein besonders prachtvolles Exemplar einen ersten gezielten Einsatz. Ich schaltete das grässliche Geräusch an, richtete das Dreieck auf das Tier. Doch anstatt, dass das Vieh die Flucht ergriff, entschloss es sich zu einem Sprung von der Wand auf mich zu. – Ich beendete den Versuch kurzfristig durch fluchtartigen Rückzug.

Hunde gelten bei Muslimen wohl als besonders unrein. Hundeclans durchstreifen abends die Straßen auf der Suche nach etwas essbarem in den Mülltüten, die von den Bewohnern auf den Bürgersteigen abgelegt werden. Bis der Müllservice am nächsten Tag vorbeischaut, haben sich Hunde und Katzen die besten Teile gesichert. Schwieriger scheint es da schon mit der Flüssigkeitsbeschaffung zu sein. Sana’a ist vorwiegend trocken. Wenn es regnet, regnet es heftig, aber die übrige Zeit ist mau.

Katzen freuen sich daher besonders über Gartenfreunde, die regelmäßig ihre grünen Freunde gießen. Neulich konnte ich beobachten, wie sich eine Katze nach der anderen an dem Strahl frischen Wassers gütlich tat, der eigentlich für die Bewässerung der Pflanzen bestimmt war. Auch die Spatzen nutzen die Gelegenheit, laufen allerdings Gefahr, dabei von nicht mehr durstigen, aber umso hungrigeren Katzen verspeist zu werden.

Um die Katzen in meinem Garten auf andere Gedanken zu bringen, kaufe ich gelegentlich eine Extrapackung Milch im Supermarkt, was sich im Katzenclan bereits rumgesprochen hat. Meine Versuche, die Katzen auf vegetarische Kost umzustellen, scheiterten aber mit den Tofuwürstchen, die sie schmählich im Napf vertrocknen liessen. – Ganz anders Francois’s kleiner Schauwau, der bei jedem Gassigehen grosse Aufmerksamkeit hervorruft. Francois – mein Kollege, der im der Zivilen Luftfahrtbehörde arbeitet – rief mich heute an, um mir mitzuteilen, dass das vegetarische Hundegebäck, das ich ihm vor einigen Wochen als Mitbringsel aus Deutschland überreichte, von seinem kleinen Wollknäuel als DIE DELIKATESSE verspeist wurde. Inzwischen scheint der Wauwau auch seine anfängliche Depression hier im Jemen überwunden zu haben.

Muslime glauben, dass Hunde und Katzen schmutzig sind, weshalb ich ‚meine’ schwarze Katze – d.h. die, die ich vegetarisch auf Milchkonsum umstellen wollte - kurzerhand mit meinem Rosenduftshampoo shampooniert habe. Das Schwarz wurde nicht wirklich weiß, aber immerhin kamen einige weiße Flecken auf das Fell der Katze zum Vorschein.

Hanna, die Tochter meines Vermieters erzählte mir neulich, dass sie als Kinder Katzen hatten. Durch ein tragisches Unglück kam eines Tages eines der Katzenjungen unter die Ränder. Die Kinder weinten so herzergreifend, dass die Mutter kurzerhand den Rest der Katzen vor die Tür setzte (und sie sich selbst überließ) - mit der Begründung, dass die Kinder dann in Zukunft nicht mehr traurig sein würden.

Ich muss zugeben, nach einigem Nachdenken, habe ich durchaus eine gewisse Logik darin entdecken können.

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2005
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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