Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 7:
Yassir

8 Juni 2005

Mein Arbeitstag im Ministerium beginnt normalerweise um halb Neun. Wenn ich Glück habe, holt mich Jassir, unser Fahrer, um 8.10 h ab. Wenn er bis 8.15 h nicht erschienen ist, mache ich einen Kontrollanruf. Es reicht üblicherweise ein unschuldiges „Guten morgen“ meinerseits... ‚Bin in 2 Minuten da’ – ist ein gutes Zeichen. Bin „on the way“ – ohne Zeitangabe heisst soviel, wie „gerade erst von Zuhause losgefahren“, also ein schlechtes Zeichen, denn Jassir wohnt am Ende der Stadt. Ein solches ‚on the way’ verbunden mit einem frühen Termin im Ministerium veranlasst mich dazu, auf eigene Kosten ein Taxi zu nehmen. Jassir ist dann einen halben Vormittag lang betröpfelt. – Natuerlich schneide ich mir selbst ins Fleisch und nicht immer bin ich mit dem Taxi schneller als Jassir. Aber welche Mittel und Wege habe ich, um Jassir den Wert des abstrakten Begriffes Pünktlichkeit zu vermitteln. – Schließlich habe ich als EU Expertin – zumal als Deutsche - eine gewisse Vorbildfunktion. - Sicherheitshalber - die Normalität der Verspätung ließen in mir Zweifel aufkommen, ob wir denn wirklich eine feste Zeit festgelegt hatten - und um ihm kein Unrecht zu tun, fragte ich Jassir letzte Woche nach der vereinbarten morgendlichen Abholzeit. ‚Um acht.’ (Ich war spürbar erleichtert, dass ich richtig lag.) ‚Hm, und wann hast Du mich das letzte Mal um 8 Uhr abgeholt?’ ‚Oh, dass muss in der Woche gewesen sein, bevor Ernst zu Besuch kam’. Ich muss zugeben, dass ich Jassir um sein hervorragendes Gedächtnis beneidete. Ernst war vor 2 Monaten hier gewesen.

Am nächsten Tag staunte ich nicht schlecht, als Jassir bereits um 8 Uhr vor der Eingangstür stand und selbst am folgenden Tag war er nur 5 Minuten zu spät. 

Das war letzte Woche.

Diese Woche geschah dann das unglaubliche. – Samstagmorgen, der erste Tag der Arbeitswoche (erfahrene Leser wissen, dass Samstag im Jemen Montag in Deutschland ist.). Ich hatte einen arbeitsreichen Freitagabend (eigentlich Sonntag – womit ich geschickt versteckt andeute, dass ich gelegentlich am Wochenende arbeite.) hinter mir, schlimmer noch eine Nacht mit einem Dutzend Moskitostichen, die mich veranlassten, gegen 4 Uhr morgens das Moskitonetz über dem Bett aufzuspannen und – als der Ruf des Muezzins kurze Zeit später von der nahen Abu Bakr Moschee ertönte - die Silikon-Ohrstöpsel noch ein bisschen fester ins Ohr zu drücken. –

Ich erwachte von gedämpftem Klopfen und der vagen Wahrnehmung meines zweiten Vornamens. Mein erster Blick fiel in Richtung Wecker – einer geschmackvollen pinkfarbenen Plastik – Moschee mit unwiderhörlichem Muezzinruf (natürlich nur, wenn man den Wecker STELLT), die mir meine beiden IT GOPA Kollegen Hans und Jost freundlicherweise bei ihrem letzten Besuch als Geschenk verehrten. -

Es war 9.23 h.

Es kostete mich Überwindung, meiner getrübten optischen Wahrnehmung Glauben zu schenken. – Ich versuchte Jassir per Telefon zu erreichen, der sich aber nicht meldete. Ich rief im Büro an, wo sich Najla schon Sorgen machte. – Derweil liefen Jassir und mein Vermieter um alle Ecken des Hauses in der Hoffnung, mich lebend anzutreffen.

Jassir erklärte mir später, dass er sich am morgen wieder etwas verspätet hatte. Er dachte, ich hätte versucht ihn telefonisch zu erreichen (was aber, weil er die Telefonrechnung nicht bezahlt hatte und die Telefongesellschaft daraufhin das Mobiltelefon lahmgelegt hatte, nicht möglich war. Aber das ist eine andere Geschichte). Und hätte dann ein Taxi zum Ministerium genommen. - Nach einer Reihe verketteter glücklicher und unglücklicher Zufälle schaffte es Jassir, meinen Vermieter wachzuklingeln und die Umshausgehrufaktion zu starten.

Es war mir schrecklich peinlich, dass ausgerechnet MIR das passiert war, und dass ausgerechnet der notorische Zuspätkommer Jassir mich aus dem Dornröschenschlaf geweckt hatte. sich seit Samstag um ein paar Minuten erhöht.– Meine Toleranzschwelle für morgendliches Abholen hat

Jassir ist Vater geworden. – Der kleine Wischt heißt Al-Qasm – so wie der Sohn des Propheten, aber das wissen nur wenige – sagt Najla’a auf einem unserer Heimwege vom Ministerium. Al-Qasm ist allemal besser als ‚Imam’, letzterer war einer der drei Namen, den Jassir’s Schwester – die an der Reihe war, einen Namen vorzuschlagen - genannt hatte. Weder Jassir noch seine Frau Dunja schienen über die vorgeschlagenen Namen glücklich. Jassir machte kein Geheimnis daraus, dass er – wenn er selbst wählen dürfte „Al-Qasm“ vorschlagen würde.

Und so konsultierte er Katja und mich einige Wochen vor dem großen Ereignis. Wir waren bei ihm zu hause eingeladen, als er uns bat, einem der drei vorgeschlagenen Namen den Vorzug zu geben. Wir konnten uns für keinen der Namen begeistern, aber ‚Imam’ war der allerunpassenste für einen kleinen Wurm – fanden wir. Da traf Mutter Jassir – ihr fiel als Witwe und Ältester im Haus das letzte Wort zu - eine ungewöhnliche Entscheidung. Sie – die eine monatliche Witwenrente aus Großbritannien bezog (ihr Mann kam aus Aden und hatte einen britischen Pass gehabt), meinte: „Wenn Ihr das Kind Imam nennt, verbaut Ihr ihm die Zukunft. Ihr seht doch wie der Namen die Ausländer [Katja und mich] abschreckt. Das Kind wird später keine Arbeit bei den Ausländern finden’ (klar, dass Arbeit für ausländischen Firmen viel besser bezahlt wird). Damit war beschlossen, es Al-Qasm zu nennen. – Jassir grinste.

Vor ein paar Tagen schrieb mir unser Teamleiter ein Email, in dem er mich aufforderte, dem „Fahrer“ den Projekt-Lap-top abzunehmen und ihm dem vor einigen Wochen ernannten Projektkoordinator zu überlassen, der dieses „Werkzeug“ gut gebrauchen könnte. – Keinen Augenblick zweifelte ich daran, dass der neu-ernannte jemenitische Koordinator – ein äußert freundlicher Mann, der uns bereits zwei oder drei mal zu sich nach hause eingeladen hatte (bei der Gelegenheit hatte ich die beiden privaten Computer auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer bewundert) – einen weiteren Computer gut gebrauchen könne.

Unser Teamleiter zieht es vor, Jassir „Driver“ zu nennen, dabei habe ich ihm schon mehrfach gesagt, Jassir arbeite weit mehr als nur als driver. Oder sollte ich sagen, alles andere als ein „driver“. Eigentlich brauche ich keinen Fahrer, eigentlich will ich auch kein Auto. Aber nun ist es einmal da, und Jassir dazu.

Jassir hat eine innere Abneigung gegen Routinearbeiten (wie zum Beispiel das „Wasserholen“). – Man kann Jassir auch nicht böse sein, wenn man sich nach einem Schluck Wasser sehnt, aber feststellen muß, dass wir wieder einmal vergessen haben, Jassir rechtzeitig ans Wasserbeschaffen zu erinnern. (Najla hat uns verboten, das Wasser aus dem Waschraum zu nehmen. Und Najla, die einen Uniabschluß als Laborantin hat, muss es ja wissen.)

Es hat ein wenig gedauert, ehe wir Jassir’s wahre Bestimmung in unserem Team erkannt haben: Daten sammeln - Befragungen bei den Mitarbeitern des Ministeriums durchzuführen. Noch ehe unser vierköpfiges Trainingsbedarfserfassungsteam nach 2 oder dreimonatiger Vorbereitung in Aktion trat, hatte Jassir bereits seinen Fragebogen zur Erfassung der IT Situation im Ministerium verteilt und eingesammelt. Dabei sammelte er nicht nur Daten, sondern knüpfte er auch Kontakte zu interessierten Mitarbeitern des Ministeriums.

Ich schätze Jassir’s Anregungen. Heute inspirierte er mich zu einem weiteren Fragebogen. Wäre doch zu schade, Jassir’s Datensammeltalent verkommen zu lassen.

Jassir hat sich freundlicherweise dazu bereit erklärt, die Daten auch einzugeben. Das bedeutet allerdings, dass ich mich jetzt am Wochenende hinsetzen muss, um eine gescheite Exceltabelle zu entwickeln. – Oh, was gäbe ich doch für ein Statistikprogramm…

Viel schlimmer aber wird es sei, aus den vielen Auswertungen die dazugehörigen schriftlichen Analysen zu verfassen. Ich ahne dunkel, was auf mich in den nächsten Wochen zukommen wird. Vielleicht meldet sich ja noch ein begnadeter Schreiberling.

Erst einmal ist Urlaub angesagt. Ende Juni hat Ernst Geburtstag, und da darf ich nicht fehlen. Selbstverständlich werden wir nicht feiern (Nicht vergessen: 28. Juni – später Nachmittag in unserem Garten – Nicht verraten.), denn Ernst verabscheut Geburtstagsfeiern. – Warum? Weil man zwangsläufig bei so einer Geburtstagsfeier im Mittelpunkt des Interesses steht.

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2005
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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