Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 2:
Die Qatstunde - Geld und Kontoeröffnung

8/9. Oktober 2004

Heute ist Samstag, das heißt eigentlich ist Donnerstag. Aber im Jemen ist Freitag Sonntag, also Donnerstag Samstag. – Eigentlich kein Problem, sich darauf umzustellen, wenn man nicht durch den Kontakt mit der Welt in Deutschland immer wieder an die alte Zählweise erinnert würde. Am Donnerstag und Freitag sind die öffentlichen Einrichtungen, und somit auch unsere Arbeitsstätten, geschlossen. Die Mehrzahl der privaten Läden ist jedoch Donnerstag und eine Reihe auch am Freitag geöffnet. Vorgeschriebene Ladenöffnungszeiten, wie sie unser deutsches Einkaufsleben bestimmen, scheint es nicht zu geben, und wenn, dann hält sich niemand daran. Läden öffnen irgendwann am Morgen, schließen für die obligatorische Qatkaumittagspause am Nachmittag, und wenn sie doch geöffnet sind, dann kann man jede Wette eingehen, dass irgendwo in einer Ecke des Ladens die Verkäuferriegeriege zum Qatkauen lagert. Aber wie gesagt, viele Geschäfte sind sowieso über die Qatkauzeit geschlossen. Und bei den geöffneten wird man spätestens, wenn man nach einer bestimmten Ware fragt, an der golfballgrossen Ausbeulung an der rechten oder linken Mundhälfte feststellen, dass gerade Qatkauzeit ist.

Qat ist die Land(wirt)schaft beherrschende, kostbare Wasserreserven verschlingende Grünpflanze Jemens. Qat ist eine cash crop (landwirtschaftliches Vermarktungsprodukt), das den Bauern viel mehr Geld einbringt als irgendein anderes Agrarprodukt. Qatkauen (eigentlich Qatbunkern) ist eine Zeremonie, die allnachmittäglich die Herren (gelegentlich gibt es allerdings auch Qat kauende Frauenriegen) zu Debattierklubs zusammen kommen lässt, um die Probleme der Welt und Jemen im besonderen zu erörtern. Mit der Umsetzung der erörterten Lösungen scheint es dann aber am nächsten Morgen zu hapern. So dass mann sich am folgenden Nachmittag wieder zu einer Qatkaugesellschaft einfindet, um den Problemen noch tiefer auf den Grund zu gehen.

Dass Qat selbst ein Teil des Problems sein könnte, scheint niemandem in den Sinn zu kommen.

Es heißt, Qat sei wie Coca. Es macht dem Vernehmen nach nicht abhängig, hält die Aufmerksamkeit – jedenfalls in der Anfangsphase - wach, und reduziert das Hungergefühl. – Ich habe Qat probiert, zwei kleine grüne Blätter. Aber wahrscheinlich war mein Verstand schon geschärft genug, um daran Geschmack zu finden. Tatsächlich habe ich für den Moment keinerlei Hungergefühl oder sollte ich sagen „Appetit“ entwickelt. Ich kam mir eher wie eine Kuh vor, die ein Büschel Gras zermalmt. Da ich aber nicht wirklich eine Kuh bin und Gras nicht zu den DeliQATessen meines veganen Lebens gehört, habe ich davon Abstand genommen, 5 bis 10 DM (ähh, ertappt, ich rechne immer noch in DM) am Tag für den täglichen Qatkonsum auszugeben. 5 bis 10 DM pro Tag und (oh) Backe ist eine beachtliche Summe für ein Land, das zu den ärmsten der gegenwärtigen Welt zählt.

Apropos Geld.
Die Landeswährung sind jemenitische Rial, deren Wert im Augenblick bei 222 (äh, gerade steht er bei 225) YR für einen EURO bzw. 184 YR für einen USD steht. Setzt man/frau der Einfachheit halber YR mit Pfennigen gleich, braucht man für die Umrechnung von Pfennigen in DM lediglich das Komma um zwei Stellen nach links zu rücken. – Verstanden? Prima!

Donnerstagvormittag waren Paul, Nabil und ich in der Bank, um den zweiten Versuch zu starten, ein Bankkonto für das Projekt zu eröffnen. Der erste Versuch am Anfang der Woche (am Samstag) war daran gescheitert, dass

  1. fälschlicherweise der Antrag auf Eröffnung eines Bankkontos an die Arab International Bank anstatt die Arab Bank adressiert war. Auch wenn es Arab International Bank – zumindest im Jemen nicht gibt, der Fehler also offensichtlich war - genügte es nicht, den internationalen Fremdkörper mit einem Federstrich unschädlich zu machen. Nein, ein neues korrigiertes Schreiben der Mutterfirma aus Deutschland war einzureichen – was zum Glück dank Scanner und Computer eine vergleichsweise leichte Übung war.
  2. Zudem sollte die Authentizität dieses Schreiben von einer offiziellen Instanz in Deutschland, wie zum Beispiel einem Ministerium in Deutschland, bestätigt werden. Auf Nachfrage wurde versichert, dass eine Beglaubigung des Schreibens durch einen offiziellen Notar in Deutschland natürlich nicht ausreichend sei. – Nach einigem Hin- und Her (da wir es unsererseits als zu „ungewöhnlich“ ansahen, irgendein Ministerium in Deutschland dazu zu bewegen, uns ein solches Schreiben auszustellen) einigte man sich darauf, die EU-Delegation um ein Bestätigungsschreiben zu bitten.
  3. Dem nicht genug, wurde als dritte Hürde die Vorlage eines Schreibens eines jemenitischen Ministeriums verlangt, was von den drei Aufgaben die einfachste schien, da das Hauptbüro unseres Projektes im Ministerium für öffentliche Verwaltung untergebracht ist.

Am Donnerstagmorgen (naja, bis wir fertig waren, war es dann doch schon „Mittag“) war es endlich soweit: das Projektkonto wurde unter Vorlage der oben genannten zusätzlichen und der bereits beim ersten Besuch vorgelegten ursprünglichen Unterlagen eröffnet. Allerdings unter der Auflage, das noch ein weiteres Dokument vorgelegt werden würde, das die Authentizität der Unterschriften der nichtanwesenden zu bevollmächtigenden Personen (vom Hauptbüro in Deutschland) belegt. Ein zusätzlicher Antrag auf Eröffnung des Kontos wurde handschriftlich vom Teamleiter verfasst und dem Manager der Bank vorgelegt. – Der schien ein verständnisvoller Mensch zu sein, und zeichnete den zusätzlichen Antrag ab. (Und das obwohl Paul, unser Teamleiter, die beiden obligatorischen Passphotos vergessen hatte.) Als es dann aber zum Einzahlen des Mindestdepots an den Einzahlungsschalter im Erdgeschoss ging, stellten wir fest, dass das Konto noch nicht aktiviert worden war, weil noch die Ausnahmegenehmigung noch nicht vom Manager der Bank auf dem ursprünglichen Antragsschreiben auf Kontoeröffnung abgezeichnet und dem Sachbearbeiter vorgelegt worden war.

Nach all diesen Hürden konnten wir es dann – es war mittlerweile 12.30 Uhr und damit Schalterschluss – kaum glauben, nunmehr ein Projektkonto eröffnet hatten, und hätten vor Freude beinahe schon die Bank durch den Hinterausgang verlassen. Zum Glück wurden wir freundlicherweise daran erinnert, dass wir sinnvollerweise die Ausstellung eines Scheckheftes beantragen sollen. Als wir uns bei der Gelegenheit vorsichtig nach einer Karte für die Bankautomaten erkundigten, wurden wir darüber unterrichtet, dass dies für Firmenkonten nicht möglich sei, wir wohl aber eine Kreditkarte beantragen könnten.

Wäre Nabil, der Sohn unseres lokalen Consultingpartners nicht gewesen, wir hätten sicherlich – wie andere Projekte - noch Wochen und Monate auf die Eröffnung des Kontos warten müssen. – Ich muss zugeben, dass ich beeindruckt von den Hürden war, die man einem Projekt in den Weg legt. In meiner kindlichen Naivität hätte ich wahrscheinlich angenommen, dass diese Hürden Teil eines viel (ge)stri(c)kteren Antigeldwäschegesetzes seien als in Deutschland, wenn...

Ja, wenn ich nicht in einem Aufwasch ein Privatkonto für mich eröffnet, ohne jede Antrags-, Begleit- und Beglaubigungsschreiben. Einfach das Antragsformular ausgefüllt, 2 Passphotos abgegeben und Geld eingezahlt. Mit ein bisschen Glück bekomme ich in 3 bis 4 Wochen die Scheckformulare und die Bankkarte aus Jordanien zugeschickt. Hm, an welche Adresse eigentlich?? Die Post wird nur ans Postfach geliefert und ein solches habe ich (noch) nicht beantragt. Da sollte ich dann doch besser noch mal bei der Bank vorbeischauen…

Freitzeit
Nach den Anstrengungen der Bank machten wir – Paul (unser britischer Teamleiter) und ich – uns ins Taj Sheba, um die Mitgliedsanträge für den Health Club zu unterschreiben. – Taj Sheba ist eines der besseren Hotels der Stadt, mit indischer Küche, indischem Management und Personal, Swimming pool und Sauna. Ein bisschen in die Jahre gekommen, aber immer noch ganz nett, besonders der Swimming pool. Öffentliche Schwimmbäder scheinen unbekannt, dafür gibt es private Health Clubs – wie ich hörte sogar einen exklusiv für Frauen. Das Taj Sheba ist eine Art Oase in der Freizeitwüste, mit dem Flair einer vergangenen Kolonialzeit (die aber – und das auch nur im Süden des Landes – eine ganze Weile zurückliegt).

An Freizeitbeschäftigungen bieten sich kulturell die Veranstaltungen des deutschen Hauses in Sana’a an, eine Querstraße vom meinem Domizil entfernt. Dort besuchten Stephan - der Teamleiter des EU Health Reform Projektes – und ich neulich einen Vortrag vom Norbert Blüm zum Thema Kinderarbeit. – Kinderarbeit ist auch hier ein Thema, Straßenkinder in der Stadt, Jungs, die anstatt in die Schule zu gehen im Laden stehen, Mädchen auf dem Land, die beim Qatanbau helfen und sowieso – weil sie Mädchen sind – nicht in die Schule gehen. Was soll aus einem Land werden, dessen Kinder nicht Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, keine Ahnung von Geschichte, Biologie oder Physik haben (Zugegeben, meine Ahnung von Physik ist allenfalls eine Ahnung, aber zumindest Rechnen habe ich gelernt). Welche Zukunft haben Kinder, die zu 6 oder 7 (das ist die durchschnittliche Fertilität) in einer Familie aufwachsen, oft unter unzureichenden sanitären Bedingungen, ohne vernünftige Infrastruktur, auf schlammigen Straßen.

Auch in Sana’a, der Hauptstadt, stößt man auf diese Wirklichkeit. Ein paar Straßen weiter, in den Häuservierteln. – Was die vielen aufgerissenen Straßen anbelangt, so habe ich manchmal den Eindruck, dass jemand das Gerücht in die Welt gesetzt hat, es sei unter dem Asphalt der Schatz der Königin von Saba versteckt, weshalb die einigermaßen asphaltierten Straßen der Stadt Zug um Zug aufgegraben werden und dann – aus Enttäuschung, doch kein Schatz gefunden zu haben – offen liegen gelassen werden. Der Staub ist allgegenwärtig, er bedeckt die Straßen, dringt durch die Ritzen unter den Haustüren hindurch, und am Ende der Kette in Nase und Augen. Pech für Asthmatiker.

Apropos Haustüren. WAFA – eine junge, resolute Kollegin aus dem Gesundheitsministerium – und ich stellten dieser Tage, nachdem wir schon ein paar Wochen zusammenarbeiten fest, dass unsere Haustüren nicht allzu weit von einander entfernt sind. Ihre zur linken Seite der Moschee, meine zur rechten Seite. Das nenne ich Schicksal, ähh, Kismet, meine ich natürlich. Das verlangt doch geradezu danach, dass wir etwas zusammen in der Freizeit unternehmen. So hat mich WAFA für heute (heute ist mittlerweile schon Freitag, das bedeutet soviel wie Sonntag, verstanden? Prima. – Und wenn nicht: macht nichts.) zur Fahrt zur Residenz des letzten Imams eingeladen. D.h. eigentlich war es der zweitletzte Imam, denn nach seinem Tod lebte sein Sohn noch eine/ige Woche(n) (oder so ähnlich), bevor der Aufstand des Militärs der jahrtausendjährigen Tradition des Imamentums ein Ende setzte. – Deshalb, natürlich nicht wegen des Aufstandes, aber wegen der Einladung von WAFA, dorthin zu fahren, muss ich jetzt Schluss machen. – Alles Weitere in der nächsten Folge.

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2004
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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