Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 14:
Tiere II: Ratten!

Februar 2005

Es war früh am Morgen. 7.00 h ist für einen Morgenmuffel wie mich eine Zumutung. - Mein erster Gang führte mich an diesem Morgen ins Bad. Dort ließ ich mich noch schlaftrunken auf dem vermeintlich stillen Örtchen nieder - bis ich aus den Augenwinkeln heraus eine blitzartige Bewegung wahrnahm, die mich endgültig aus dem Schlaf riß. Meine erste, noch hoffnungsvolle Erklärung war: eine Katze. - Ich denke nie zuerst ans Schlimmste.

Ich brauchte etwas Zeit, um den Realitäten ins Auge zu blicken. – Wie gesagt, früh am Morgen... Mir fielen die Sägespäne unter dem Küchenschrank wieder ein, die ich am Vorabend mit Verwunderung aufgekehrt hatte. Da hatte ich noch auf einen riesigen Holzwurm samt Großfamilie getippt. Nicht wirklich, aber die Hoffnung stirbt als letzte - sagen die Russen.

Die beiden Phänomene spiegelten sich zuerst wie eine Gleichung mit zwei Unbekannten (X = Holzwurm ? und Y = Katze ?) vor meinem geistigen Auge – und verschmolzen dann - quasi als Dreisatz - zu einem einzigen: X          gleich....       Ratte...

Meine nächsten Schritte bewegten sich mit erhöhter Geschwindigkeit in Richtung Küchentür, die sogleich dank meines mechanischen Eingreifens ins Schloß fiel. Aufatmen. - Das heißt - sicher konnte ich mir natürlich nicht sein, daß meine Mitbewohnerin (bei Ratten denke ich immer an eine SIE) wieder den Weg zur Küche gefunden hatte. Zur Sicherheit schloß ich daher alle Türen, um das Problem erst einmal EINZUGRENZEN...

Um es zu beheben, konsultierte ich Jassir, meinen treuen Fahrer, der am Nachmittag auf dem Nachhauseweg bei mehreren Geschäften anhielt, um sich nach einschlägigen Lösungsmethoden zu erkundigen. - Wir entschieden uns gegen Gift, sondern kauften stattdessen 2 Fallen, eine mit Totschlageffekt und eine sympathische Lebendfalle. Die Fallen waren selbstgebastelt, kosteten jeweils 200 oder 300 Rial (2 - 3 DM). Kostenlos hingegen bekamen wir den Hinweis des Verkäufers dazu, daß Ratten Brot und Mäuse Käse bevorzugten.

Gesagt - getan, die beiden Fallen stellte ich mit Fladenbrot bestückt in der Küche auf, und überließ alles Weitere der Ratte.

Erst am nächsten Morgen traute ich mich, einen Blick in die Küche zu werfen und fand dort tatsächlich eine Ratte vor. Sie hatte sich offensichtlich von schweren Depressionen geplagt in die unsympathische Totschlagfalle geworfen. Ich bereitete ihr ein kurzes Begräbnis mitsamt der Falle in einer Plastiktüte, die ich anschließend - wie das im Jemen so üblich ist - auf dem Trottoir vor der Außentür ablegte, bevor ich erleichtert den Weg zum Büro antrat.

Da ich am Nachmittag noch nicht recht in der Stimmung war, die Küche einer Generalreinigung zu unterwerfen, stattete ich zur Abwechslung einem Schnellrestaurant in der nahe gelegenen Haddastraße ein Besuch ab. Erst am nächsten Morgen öffnete ich nichts ahnend die Küchentür. - Morgens ist definitiv nicht meine beste Zeit; und dieser Morgen ganz und gar nicht ...

Mit einem gellenden Schrei ließ ich die Tür ins Schloß fallen, stürmte aus der Haustür, um mich dann - nachdem ich mich wieder beruhigt hatte - auf die Suche nach meinem Mobiltelefon zu machen. - Jassir war schon auf dem Weg und versprach Hilfe.

Da standen wir nun und blickten uns ratlos an. Jassir hatte die Ratte in dem kleinen Käfig (Lebendfalle) auf den Treppenabsatz gestellt. Was nun? - Jassir machte den Vorschlag, die Ratte bei lebendigen Leib zu verbrennen, damit die anderen Ratten ein für alle mal abgeschreckt würden. - Die Ratte blickte mich mit verschreckten Augen an. Damit war diese Option vom Tisch.

Schließlich einigten wir uns darauf, daß Jassir die Ratte am Stadtrand aussetzen würde. Wir packten sie in einen Umzugskarton, den wir schnell im hinteren Teil des Wagens verstauten. Unserer Kurzzeitexpertin Diana, die wir auf dem Weg zum Ministerium abholten, sagten wir vorsichtshalber nichts, und hofften darauf, daß sich die Ratte ruhig verhalten würde. - Tat sie auch.

Während ich mich danach zu unserem Workshop begab, machte sich Jassir auf, die Ratte in einiger Entfernung vom Ministerium freizulassen. Al-Hamdulillah.

Mit meinem Vermieter wechselte ich ein ernstes Wort. Er versicherte mir, daß er eine Sperre ins Kanalsystem einbauen würde, was er auch brav tat, natürlich nicht ohne mehrfach darauf hinzuweisen, daß ihn diese Anschaffung mehr als 29000 Rial kostete (ca. 250 DM). Wenn ich geglaubt hatte, damit mein Rattenproblem gelöst zu haben, dann befand ich allerdings auf dem Holzweg. Es dauerte keine 3 Wochen, da hatte sich erneut eine unerwünschte Besucherin in meinem Badezimmer eingefunden.

Es war kurz vor elf spätabends - Zeit zum Schlafengehen, als ich aus dem Badezimmer ein verdächtiges Scharren hörte. Jemand versuchte die Tür von innen anzunagen. Ich hämmerte heftig dagegen, was die Ratte aber nur kurzfristig stoppte. - Ich versuchte Hannah, die Tochter des Hauses, anzurufen und schickte ihr eine SMS. Offensichtlich war sie bereits schlafen gegangen. In meiner Not rief ich einen Kollegen aus dem Ministerium an, der mir freundlicherweise Asyl für die Nacht gewährte. Ich verließ die Wohnung fluchtartig.

Als ich nach der Arbeit am nächsten Tag nach Hause zurückkehrte, herrschte Totenstille. Ich öffnete vorsichtig die Badezimmertür und betrachtete die nächtlichen Spuren: Holzspäne und Teppichwolle. Ansonsten nichts von der Verursacherin zu erspähen. Ich atmete auf und hoffte darauf, daß die Ratte den Weg zurück in das Kanalsystem gefunden hatte, ließ aber weiterhin die Badezimmertür verschlossen. Kurz vor dem Schlafengehen wiederholte sich das Szenario vom Vorabend. Diesmal hatte ich mehr Glück. Die Familie des Vermieters kam gleich runter - hatte ich sie doch schon am Nachmittag vorgewarnt. Allerdings nahmen sie die Sache nicht einmal halb so tragisch wie ich, ja lachten auffällig, wohl um mir die Angst zu nehmen, was mich aber nur noch mehr verärgerte. - 'Mäuse' gibt es überall in Jemen, in allen Häusern... - sagte Hannahs Vater - das Wort 'Ratten' existierte schlichtweg in seinem Sprachgebrauch nicht, wie ich schon mehrfach in vorangegangenen Gesprächen festgestellt hatte.

Mit vereinten Kräften wurde der Angriff auf das Badezimmer gestartet, bewaffnet mit Besen und anderen Totschlaggeräten. Vergeblich: die Ratte blieb unentdeckt. 1 zu 0 für sie.

Unverrichteter Dinge verabschiedeten wir uns wieder. Ich bedankte mich für die Unterstützung, und wir alle hofften, daß sich damit das Problem in Wohlgefallen aufgelöst haben würde. Ich begann bereits darüber nachzudenken, daß ich mir das ganze vielleicht nur eingeredet hatte ...

Es dauerte keine halbe Stunde, da machte sich meine ungebetene Besucherin - irgendetwas sagte mir, daß die Ratte eine 'sie' sein mußte - wieder durch lautes Scharren und Nagen bemerkbar. Abermals bemühte ich meine Vermieter hinunter, und wieder blieb der Erfolg aus. Diesmal beharrte ich allerdings darauf, daß die Waschmaschine - von der ich ja bereits in einer früheren Folge berichtet hatte - als mögliches Versteck der Ratte evakuiert wurde. Danach war erst einmal Ruhe. Die Ratte machte sich nicht wieder bemerkbar.

Wie sie verschwunden war, blieb mir ein Rätsel. Erst Tage später bemerkte ich im Drahtnetz, das das Badezimmerfenster vor Schnaken schützen sollte, ein rattengroßes Loch in der linken unteren Ecke. Die Drähte am Saum um das Loch herum waren nach außen gerichtet. Die auf die anderen Räume ausgeweitete Untersuchung ergab, daß es ein ähnliches Loch auch im Küchenfensterdraht gab, allerdings hier in der unteren rechten Ecke.

Ein paar weitere Tage später, nachdem die Waschmaschine wieder auf dem gewohnten Platz stand, stellte sich heraus, daß die Ratte wohl den Keilriemen der Schleuder verzehrt hatte. Fast schon bekam ich ein schlechtes Gewissen: wie hungrig oder verängstigt mußte das arme Tier gewesen sein....

Für die nächsten Wochen und 3 Monate war erst einmal Ruhe angesagt. Keine nächtlichen Störungen, keine Holzspäne oder dergleichen. Meine Vermieter fuhren nach Ägypten, um dort Hannahs ältere Schwester zu besuchen, die gerade Nachwuchs bekommen hatte. Erst Anfang Januar kann der Hausherr wieder zurück. Kurz darauf traf ich Hannah im Hof. Sie erzählte mir von dem Mitbringsel aus Ägypten, eine auf Ultraschall basierende Ungezieferabschreckungsanlage. Am nächsten Tag wollte sie mit dem Gerät bei mir vorbeikommen. 'Schön' sagte ich, und fügte hinzu, daß ich für den Abend eine neue Putzhilfe erwartete. 'Wir haben auch gerade jemanden eingestellt' sagte Hannah und zeigte nach oben in Richtung Mafratsch (dem Wohnzimmer), wo sich gerade eine dunkelhäutige Fee an den Fenstern zu schaffen machte.  Ein wenig wunderte es mich schon, daß mein Vermieter, der ein schrecklicher Geizhals war, seiner Frau entgegengekommen war und einer Putzhilfe – wenn auch nur stundenweise - zugestimmt hatte. Das führte mich zu einem anderen Thema.

'Hannah', sagte ich, richte Deinem Vater bitte aus, daß wir über die Wasserrechnung sprechen müssen.' Ich zahle jedem Monat 4000 Rial – ohne jeglichen Nachweis des tatsächlichen Verbrauchs. Am Vortag hatte Hannahs Vater Jassir eine Wasserrechnung von 1300 Rial unter die Nase gehalten und ihn gebeten, mich zu veranlassen, diese Rechnung zu bezahlen. - Warum er so einfältig war, mir diese Rechnung zu präsentieren, die ja weitaus geringer war, als die 4000 Rial, blieb mir ein Rätsel. Meine einzige Erklärung war, daß er MICH für einfältig genug hielt, neben den 4000 Rial auch noch die 1300 Rial zu bezahlen.

Die Putzfrau kam am späten Nachmittag und begann eifrig ihre Putztätigkeit. Ich mußte sie für eine Stunde allein lassen, um das Flugticket für meine Reise nach Deutschland zu kaufen. Eid Kabir, das sich über eine Woche erstreckende Opferfest, stand an. Eine gute Gelegenheit, um nach Deutschland zu reisen, wenn gleich Mitte Januar alles andere als eine günstige Zeit war.

Ich hatte mit Hannah verabredet, daß ihr Vater am nächsten Tag vorbeikommen würde, um vorab die Miete zu kassieren. Die Miete war immer am 15. des Monats fällig. Diesmal hatte ich vorgeschlagen, daß ich für anderthalb Monate bezahlen würde, so daß der Termin zukünftig auf das Monatsende fallen würde, wenn die anderen Gebühren (Telefon, Strom etc.) fällig würden.

Dazu kam es aber nicht...

Am Nachmittag des folgenden Tages - noch vor dem vereinbarten Termin - entdeckte ich etwas, das mir nicht nur den Appetit verdarb - ich machte mir gerade in der Küche etwas zu essen - sondern auch meine Meinung über meinen Verbleib in der Wohnung radikal änderte. Es war an und für sich nur eine Kleinigkeit: Holzspäne unter dem Küchenschrank. Zu groß für die Holzwurmtheorie. Hannah kam sofort zur Hilfe geeilt. Wir fanden heraus, daß das Abflußloch unter der Spüle offen stand. Die nahe liegende Vermutung war, daß es die Putzperle am Vorabend hatte offen stehen lassen. - Wir schlossen es wieder mit dem dazugehörigen Deckel und legten an den gefährdeten Stellen Gift aus. Außerdem brachte Hannah die bereits angekündigte Ungezieferbeschallungsanlage zur Anwendung.

Das Gespräch am Abend mit meinem Vermieter, d.h. Hannahs Vater, konzentrierte sich meinerseits darauf, ihm verständlich zu machen, daß ich meine vor einem halben Jahr ausgesprochene Drohung - bei der nächsten Ratte ziehe ich aus - nun wahr machen würde. Seinerseits versicherte er mir ein weiteres mal, daß es überall in Sana'a Ratten gäbe, und dies nun wirklich kein Grund sei, eine so schöne Wohnung zu verlassen. Ich konterte, daß mir alle Kollegen und Bekannten bereits versichert hatten - KEIN Rattenproblem zu haben. Und schließlich, sei ich nicht bereit für solch ungebetene Mitbewohner die Miete mitzubezahlen.

Ich überreichte ihm die halbe Monatsmiete, d.h. Für den 15 Januar bis zum 31 Januar mit dem Hinweis, daß er umgehend nach einem neuen Mieter ausschauen sollte... Er weigerte sich, die halbe Monatsmiete zu akzeptieren, und bestand darauf, daß ich - für den Fall, daß ich vorzeitig ausziehen würde - vertraglich verpflichtet sei, 3 Monatsmieten um Voraus zu bezahlen.

Die Emotionen lagen blank und eine Einigung in weiter Ferne. Das Gespräch zog sich hin wie Gummi. Irgendwann wurden die Argumente nur noch wiederholt. Schließlich vertagten wir uns - wie zwei ermüdete Krieger nach einem unentschiedenen Duell - auf den nächsten Tag....

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2006
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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