Bernhard Peter
Shinto-Schreine: Kyoto, Kitano Tenman-gu (1)


Der Schrein Kitano Tenman-gu (Tenman-guu), einer der ältesten und wichtigsten Schreine von Kyoto, liegt im nördlichen Stadtbezirk Kamigyo, im Stadtteil Kitano. Seine Adresse lautet: 931 Bakurocho, Kamigyo-ku, Kyoto-shi, Kyoto-fu 602-8386. Er liegt südöstlich der nahen, aber kleineren Schreinanlage des Hirano jinja, durch den Fluß Tenjin von letzterem getrennt, welcher die in einem weitläufigen Grünbereich errichtete Anlage im Westen begrenzt. Im Osten grenzt der Kitano Tenman-gu an die Straße Gozen Dori. Erreichbar ist der Schein entweder ab Bahnhof mit der Buslinie 101 oder 50, oder ab Demachiyanagi Station mit der Linie 203, jeweils Haltestelle Kitano Tenman-gu-mae. Man erreicht den Schrein ebenfalls mit der Keifuku Electric Railroad Kitano Line ab der Kitano Hakubaicho Station in wenigen Minuten von Südwesten her. Alternativ bietet sich die U-Bahn der Karasuma Line an, ab Haltestelle Imadegawa kann man laufen oder die Busse Raku 102 oder 203 nehmen, Ausstieg an der Haltestelle Kitano Tenman-gu-mae.

Dieser Schrein ist Tenjin gewidmet, ein Kami, der für Gelehrsamkeit und die eng damit verbundenen Künste wie Kalligraphie zuständig ist. Tenjin ("Himmelsgott", Kurzform von Tenman-Tenjin) ist damit der Schutzgott der Gelehrten, der Kalligraphen und der Schreibenden allgemein. Ganz ausführlich heißt er "Tenman Dai-jizai Tenjin", was soviel heißt wie "himmels­füllender, großer, nach Belieben handelnder Himmels­gott“. Seine Schreine tragen Namen, in denen Teile dieses Vollnamens verarbeitet sind. Das Volk nennt ihn respektvoll einfach nur "Tenjin-san" oder "Tenjin-sama", "ehrenwerter Himmelsgott". Weitere Namen dieses Gottes sind Kan Shojo (Kan Shoujou) und Kanke.

Wer verbirgt sich dahinter? In der Heian-Zeit gab es einen Mann namens Sugawara no Michizane (845-903), der als Regierungsbeamter, Gelehrter bei Hofe und Dichter berühmt wurde. Er stammte selbst aus einer Familie von bei Hofe angestellten Schriftgelehrten, und sein eigener Vater unterhielt eine Privatschule zur Vorbereitung auf den Dienst bei Hofe, die vom Sohn weitergeführt wurde. Sugawara no Michizane, der in seinen besten Zeiten die Position des Monjo Hakushi hatte, also das höchste Lehramt am Daigaku, der nationalen Akademie zur Ausbildung von Staatsbeamten, zählte zu den bekanntesten und einflußreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit.

Er hatte zwar immer irgendwelche Ämter nominell inne, doch nach einer Wende in seinem Leben mußte er darauf zum Lebensunterhalt zurückgreifen: Er wurde nach einer Intrige als Professor gefeuert und wurde Gouverneur in der Provinz fern vom Hof. Erst als er die Gunst des Hofadeligen Fujiwara no Mototsune, Sessho und Kampaku, erlangte, wurde er wieder an den Hof in Kyoto berufen und stieg wieder unter Kaiser Uda (59. Tenno, Gründer des Ninna-ji) in Amt und Würden auf, wurde "Staatskanzler zur Rechten", bis er nach der Abdankung des Kaisers im Jahr 897 erneut einer Hofintrige zum Opfer fiel und als kleiner Verwaltungsbeamter 901 in der Provinz im Exil endete, diesmal in Dazaifu (Provinz Chikuzen auf Kyushu) als Vizegouverneur von Kyushu. Das Problem war, daß die Hofadelsfamilie der Fujiwara quasi ein Monopol auf die höchsten Hofämter hatten, die nicht mehr nach Verdienst, sondern nach Herkunft beansprucht und auch vergeben wurden. Die Fujiwara verheirateten sogar regelmäßig ihre Töchter mit dem jeweiligen Tenno. Und da stieg auf einmal dieser Gelehrte mitten in ihre Reihen auf und gefährdete ihre Hegemonie, wäre vielleicht gar Großkanzler geworden. Geht gar nicht! Der Staatsmann und Hofadlige Fujiwara no Tokihira bezichtigte deshalb den Gelehrten, ein Komplott gegen den Kaiser Daigo (60. Tenno) angezettelt zu haben, und schon konnte dieser froh sein, nur auf einen unbedeutenden Posten abgeschoben zu werden. Dazaifu gehört heute zu Fukuoka, und dort starb der Gelehrte im Alter von 57 Jahren, ohne je nach Kyoto zurückgekehrt zu sein.

So etwas ist allein noch keinen Schrein wert, doch nachdem der berühmte Gelehrte in der Provinz am 25.3.903 gestorben war, starben die Söhne des Kaisers Daigo (60. Tenno) und viele Angehörige der Hofadelsfamilie Fujiwara, es gab Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Dürreperioden, Stürme und Seuchen: Die Höhepunkte des Unglücks waren der Tod des 21jährigen Kronprinzen Yasuakira im Jahr 923, der Tod des Kronprinzen Yoshiyori im Jahr 925 und der Blitzschlag in den kaiserlichen Palast im Jahre 930, bei dem zahlreiche Höflinge ins Jenseits befördert wurden. Sein intriganter Gegenspieler, Fujiwara no Tokihira, war schon im Jahre 909 während einer Epidemie gestorben; er wurde nur 39 Jahre alt. Der Kaiser selbst wurde 930 krank und starb. Offensichtlich wütete hier der Geist des Sugawara no Michizane, um sich für die schlechte Behandlung zu Lebzeiten zu rächen.

Jedenfalls versuchte das Kaiserhaus daraufhin, dem Wüten des Geistes Einhalt zu gebieten und ihn zu besänftigen. Der Anfang des Kultes war also schlicht Angst vor Rache in Einsicht der Tatsache, daß dem Gelehrten großes Unrecht angetan worden war, gepaart mit der Furcht vor entfesselten Naturgewalten. Posthum wurde er in den Rang eines Shonii (Shounii) und eines Shoichii Daijyo Daijin (Shouichii Daijyou Daijin, Großkanzler) befördert. Alle Hinweise auf seine Exilierung wurden in den Akten getilgt. Man holte die Söhne des zu Unrecht abgeschobenen Gelehrten zurück. Daigo Tenno trat in den Mönchsstand ein. Ein Medium namens Tajihi no Ayako empfing schließlich im Jahr 942 einen Orakelspruch des Tenjin, und 947 wurde der im Ukyo-Viertel verehrte Schrein an die Stelle des heutigen Kitano Tenman-gu gebracht, so daß dieses Jahr als das Gründungsjahr des Schreins gilt. Ein zweites, ähnliches Orakel wurde von dem Priestersohn Taromaru empfangen, und deshalb wurde der Wunsch des Kami nach einem eigenen Schrein an besagter Stelle erfüllt. Zunächst war es ein personengebundener Schrein, später wurde der Gelehrte vergöttlicht; damit ist dieser Schrein der erste der japanischen Geschichte, in dem eine historische Person als Gott eingeschreint wurde.

Aber es ist ein wenig komplexer: Hier scheinen die deifizierte und historische Person des Sugawara no Michizane und ein bereits vor diesem verehrter Gott namens Tenman Tenjin zusammengeflossen zu sein, denn ein Tenjin-Kult war bereits vor der Zeit des Gelehrten in Japan etabliert, aber mit einer etwas anderen Bedeutung. In China gab es "Tenjin chigi" mit der Bedeutung himmlischer und irdischer Götter, dies könnte die Quelle des Kultes sein. In Japan wurden aus den Schriftzeichen Amatsu-kami und Kunitsu-kami, aber mit etwas anderer Bedeutung als in China. Es entstand ferner eine Überschneidung mit dem Donner- und Regengott Raijin, vor allem durch die Art des Unglücks, das mit dem wütenden Geist des Sugawara no Michizane kausal assoziiert wurde, spätestens seit dem Blitzschlag in den Kaiserpalast. Der Gelehrte wurde zunächst als Karai Tenjin verehrt, ein Donnergott mit Schutzfunktion für die damalige Hauptstadt Kyoto. Im Jahr 987 bekam er vom Kaiser Ichijo den Titel Tenman Tenjin.

Ein Verwandter des früheren Gegenspielers Fujiwara Tokihira spendierte sogar die ersten größeren Schreingebäude: Fujiwara no Morosuke (908-960), dessen Tochter Anshi (Yasuko) mit Kaiser Murakami verheiratet war, ließ die bestehende Anlage 959 auf seine Kosten erheblich vergrößern, als Angehöriger der Familie, die sich so an dem Gelehrten versündigt hatte, eine Art persönlicher Lebensversicherung. Soweit die Gründungsgeschichten. 1194 wurde die Lebensgeschichte des Gelehrten verfaßt und als Kitano Tenjin engi emaki (illustrierte Legenden des Kitano Tenjin Schreins) verbreitet.

In Kitano war zwar Tenjin bereits früher verehrt worden, aber nun floß er mit dem Kami des Gelehrten (Goryo, Goryou = zürnender Totengeist) zusammen und wurde mit ihm eins, d. h. der Gelehrte wurde postum vergöttlicht. Und das war noch nicht alles, denn zusätzlich zu dem Kami des Gelehrten und dem mythologischen Amatsu-kami (japanische Übernahme des chinesischen Tenjin) flossen in den Kult um den Tenman Daijizai Tenjin auch noch eine chinesische Gottheit, der Ochsen geopfert wurden, und eine esoterische buddhistische Schutzgottheit (Gohojin, Gohoujin) ein. Durch den Zusammenhang mit den Unglücksfällen, die das Kaiserhaus getroffen hatten, mutierte dieser synkretistische Geist zu einer Schutzgottheit für den Staat, und im Laufe der Entwicklung des Kultes und seiner Popularität weiteten sich die Zuständigkeiten von Tenjin aus: Gott der Landwirtschaft, Gott der ausführenden Künste, Gott der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, Gott gegen Verleumdungen etc.

Später erinnerte man sich an die eigentlichen Talente und Fähigkeiten des Gelehrten. Gegenwärtig ist seine wichtigste Bedeutung die als Kami der Bildung, der Gelehrten, des Lernens und des erfolgreichen Bestehens von Prüfungen; entsprechend beliebt ist er bei Schülern und Studenten. Sein Kult spielt auch heute noch in Japan eine große Rolle, landesweit gibt es ca. 10500 Schreine, die ihm gewidmet sind; damit steht der Kult an vierter Stelle nach den Inari-Schreinen (ca. 32000), Hachiman-Schreinen (ca. 25000) und den Shinmei-Schreinen (ca. 18000). Den größten Zulauf erhält dieser Schrein der heutigen Wahrnehmung seines Schutzgottes entsprechend zur Zeit der Uni-Aufnahmeprüfungen. Jeweils im Januar und Februar finden die Aufnahmeprüfungen zur nächsten Ausbildungsstufe statt, entsprechend voll wird es dann hier, und am allervollsten am 25.1. (s.u.). Der entsprechende Verkauf von Omamori (Schutzamulette, Talismane) blüht.

Diese Schreine bilden über dem ganzen Land ein riesiges Netzwerk, in dem der Kitano Tenman-gu in Kyoto und der etwas ältere, in der Nähe von Fukuoka befindliche Dazaifu Tenman-gu auf Kyushu die Hauptschreine sind, wobei letzterer bereits 919 am Ort seines Begräbnisses errichtet worden ist und der eigentliche Mausoleums-Schrein ist (das Mausoleum wurde 905 von Umazake no Yasuyuki errichtet, aus dem sich der buddhistische Tempel Anraku-ji entwickelte). Ein wichtiger Tenjin-Schrein steht auch noch in Osaka, der wegen seines großartigen Schreinfestes (Matsuri) bekannt ist.

Der Kitano Tenman-gu war einer der wichtigsten Schreine. Er gehörte ab dem 11. Jh. zu den vom Tenno persönlich verehrten Schreinen und wurde in der Heian-Zeit zu den sogenannten "22 Schreinen" gerechnet. Der Kaiser Ichijo (66. Tenno) stattete im Jahr 1004 dem Schrein erstmalig einen Besuch ab. Der Kitano Tenman-gu fand Aufnahme in die Liste der "22 Schreine" (Ni-juu-ni-sha), welche die bedeutendsten Schreine der Heian-Zeit umfaßte, war aber dort in der untersten Achtergruppe einsortiert, zusammen mit dem Kibune Jinja, dem Yasaka jinja, dem Yoshida jinja und dem Umenomiya taisha (alle in Kyoto), dem Niukawakami jinja in der Präfektur Nara, dem Hirota jinja in Nishinomiya, Hyogo, und dem Hiyoshi taisha in Otsu. Seit 991 gehörte der Schrein auch zu der Liste der bevorzugten Schreine, an denen kaiserliche Gesandte den Schutzgottheiten regelmäßig wichtige Ereignisse mitzuteilen hatten. Eine solche Liste wurde erstmals 965 von Kaiser Murakami erstellt, und diese wurde 991 erweitert, so daß den bisherigen 16 Schreinen noch einmal drei beigesellt wurden, die dieses Informationsprivileg genossen. Der Schrein wurde von Toyotomi Hideyoshi im Jahr 1578 als Ort für seine berühmte Massen-Teezeremonie gewählt. Er ließ sich dafür sogar ein goldenes Teehaus errichten. Sein Sohn Hideyori ließ die heutige Schreinanlage errichten. Auch die Shogune der Familie Tokugawa förderten den Schrein während der Edo-Zeit. Als 1871 die Schreine neu nach Rang eingeteilt wurden, landete der Kitano Tenman-gu in der Gruppe der Kanpei-chusha, dem zweiten Rang der kaiserlichen Schreine, zusammen mit 22 anderen Schreinen, darunter noch fünf andere in Kyoto. Diese Einstufung hatte aber nur bis 1946 eine Bedeutung, dann wurde sie abgeschafft.

Ganz im Süden betreten die Besucher das Schreingelände an der Straße Imadegawa Dori durch ein graues Beton-Torii. Ein großartiges Tor gibt weiter nach Norden Zugang zur Schreinanlage, das zweistöckige Ro-mon (Rou-mon). Es steht nicht in Achse mit dem Tor zum Hauptgebäude und ist das Hauptzugangstor zur Gesamtanlage. Das Ro-mon stammt aus der Momoyama-Zeit (1573-1603). Die vertikale Schriftplatte über dem Durchgang erklärt, daß Tenjin der Begründer von Literatur und Dichtkunst war. Beiderseits des Durchgangs stehen Zuishin (Zuijin), shintoistische Wächterstatuen in kriegerischer Aufmachung. Diese Figuren sind darstellerisch von der kaiserlichen Leibgarde abgeleitet. Der über Tore wachende Gott wird übrigens Kado-mori no Kami genannt.

Das einzigartig schöne Zugangstor zum Hauptgebäudekomplex, das innere Tor, ist das Sanko-mon (Sankou-mon), das Tor der Drei Lichter. Der Name kommt daher, daß Sonne und Mond auf dem Tor zu erkennen sind, die Sterne des Himmels darüber werden zum dritten Licht. Das Tor stammt aus dem Jahr 1607 und ist als Nationalschatz klassifiziert. Die goldenen Dekorationen, die feinen Schnitzereien und die leuchtenden Farben sind noch ganz dem Stil der Momoyama-Zeit (1573-1603) verhaftet. Die Reliefs stellen reale Tiere, Phantasietiere und Figuren der chinesischen Mythologie dar. Man findet auch die daoistischen Unsterblichen, z. B. den Tekkai Sennin, wie er seinen Lebensatem aushaucht, und auch den Gama Sennin mit der Kröte. Über dem Durchgang hängt ein Shimenawa-Seil, dahinter ein halbhoher Vorhang mit dem stilisierten Motiv der Pflaumenblüte darauf.

Der Hauptkomplex, den man von Süden her durch das Sanka-mon oder von Westen und Osten durch Nebentore betritt, ist um einen großen, rechteckigen Hof gruppiert mit dem Schwerpunkt, dem Hauptheiligtum (Shaden) im Norden. Die den Hof umgebenden Gebäude sind reihum mit goldenen Hängelampen geschmückt. Im Hof stehen ein Pflaumenbaum und eine Kiefer rechts und links des Hauptheiligtums.

Das heutige Hauptgebäude (Shaden) des Kitano Tenman-gu stammt aus der Zeit von Toyotomi Hideyori und wurde 1607 errichtet (12. Jahr der Keicho-Ära). Den Stil bezeichnet man als Gongen-Stil (Gongen zukuri). Charakteristisch ist die komplexe Verschachtelung der eigentlichen Heiligtumshalle (Honden) mit der davorliegenden Zeremonienhalle (Heiden). Den Stil nennt man auch Ishinoma-zukuri, Yatsumune-zukuri (8-Firste-Stil im Sinne von viele-Firste-Stil, denn eigentlich sind es nur sieben Firste) oder Miyadera-zukuri. Es entsteht eine H-förmige Grundstruktur, weil der Heiden und der dahinter liegende Honden, beide mit Irimoya-Dächern, durch ein Zwischenstück (Ai-no-ma oder Ishi-no-ma) miteinander verbunden sind. Dadurch entsteht eine komplizierte Dachlandschaft mit parallelen Firsten von Heiden und Honden, zu denen alle anderen die Firste des Zwischenstücks und des zweifachen Vorbaus senkrecht verlaufen. Seitlich sind an den Heiden noch niedrigere Dächer angebaut mit tieferliegenden Firsten. Weitere Beispiele dieses Stils sind der 1635 erbaute Nikko Toshogu (Nikkou Toushouguu) und der 1607 errichtete Oosaki Hachimangu (Oosaki Hachimanguu) in der Präfektur Miyagi. Der Name des Stils, Gongen, ist von einem Titel des ersten Tokugawa-Shoguns abgeleitet: Tokugawa Ieyasu (1542-1616) wird als Tosho Dai-gongen (Toushou Dai-gongen) tituliert. Die Zeremonienhalle ist als Nationalschatz eingestuft. Beide Gebäude, Heiden und Honden, sind mit Zedernrinde gedeckt. Vor dem Shaden stellen sich die Gläubigen auf, läuten die Schellen und beten. Der eigentliche Honden, in dem die priesterlichen Rituale stattfinden, ist umbaut und unzugänglich, allein das Dach kann man von außen sehen. Bemerkenswert sind die Holzschnitzereien reihum am Shaden, die dem legendären Künstler Hidari Jingoro (Hidari Jingorou) zugeschrieben werden, wobei nicht sicher ist, ob es diesen wirklich gab oder ob er fiktiv ist.

Sehenswert ist weiterhin das gleich rechts hinter dem Haupttor gelegene Schatzhaus, der Homotsu-den (Houmotsu-den), in dem u. a. eine als Nationalschatz eingestufte illustrierte Rolle mit Motiven aus der Geschichte des Schreins (Kitano Tenjin Engi Emaki) aufbewahrt wird, die aus der Kamakura-Zeit stammt und von Fujiwara no Nobuzane gemalt worden sein soll. Ebenfalls aus der Kamakura-Zeit stammt ein Tachi-Schwert, dessen Klinge von Tsunetsugu geschmiedet worden ist, mit Itomaki tachi koshirae. Aus der Momoyama-Zeit stammt eine schwarz-goldene Lackarbeit, Tischchen und Tintenbehälter, ebenfalls als wichtiges Kulturgut eingestuft. Von einer Schwertklinge, die den Namen Onikirimaru trägt, wird gesagt, sie sei 1000 Jahre alt und sei einst von dem berühmten Krieger Watanabe no Tsuna benutzt worden, um einen Oni (böser Dämon) zu erledigen. An den Beständen des Schatzhauses zeigt sich, daß der Schrein über Jahrhunderte Zuwendungen vom Kaiserhaus und wichtigen Adels- und Samurai-Familien bekam. Während das eigentliche Schatzhaus ein schlichter Bau in Blockbauweise ist, werden die Exponate in einem Museumsbau gezeigt. Weiterhin liegen auf der rechten Seite des Schreingeländes die Halle Kagura, die Plattform für Tanzaufführungen, und ein Lagerhaus für die Mikoshi, die Wagen für die Festumzüge. Linkerhand außerhalb der Haupteinheit liegt die Ema-do, die hölzerne Votivgabenhalle.

Auf dem Gelände befinden sich mehrere Ochsenstatuen. Es wird berichtet, der Karren mit dem verstorbenen Gelehrten war auf dem Weg zum Begräbnis, als die ihn ziehenden Ochsen nicht mehr weiterwollten und anhielten bzw. niederknieten. Deshalb begrub man den toten Gelehrten im nächstgelegenen Tempel. Später wurde dort der Dazaifu Tenman-gu errichtet. Außerdem ist der Gelehrte im Jahr und am Tag des Ochsen (vgl. chinesischer Kalender) geboren worden. Der Schrein wurde am Tag des Ochsen gegründet, dem 9.6.847. Die Ochsen blieben als Symbol, gelten als Botentiere (Otsukai) des Kami und werden von den Schreinbesuchern berührt, weshalb ihre Steinfiguren an einigen Stellen ganz blank poliert sind (nade ushi = Ochsen berühren). Man glaubt, das brächte Glück und hielte Schmerzen und Pech fern, und reibt bevorzugt die Stellen des Ochsens, die einem selber weh tun. Hier fließt in den Kult aber auch eine chinesische Gottheit ein, bei deren Verehrung Ochsen eine Rolle spielen. Jedenfalls sind die liegenden Ochsenfiguren auf dem Schreingelände sehr präsent.

Weil der historische Sugawara no Michizane ein großer Freund der Pflaumenblüte war, ist die Pflaumenblüte das Wahrzeichen der Tenjin-Schreine, und auch auf dem Gelände des Kitano Tenman-gu werden ca. 1500 Pflaumen- und Aprikosenbäume (Ume) kultiviert, in über 50 verschiedenen Sorten (weißblühende, pinkblühende, rotblühende...). Zur Zeit der Pflaumenblüte ist der Schreingarten (Bai-en) öffentlich zugänglich. Viele Tenjin-Schreine verwenden als Wappenzeichen (Mon) die stilisierte Pflaumenblüte aus einem zentralen Kreis und fünf Kreisen außenherum, z. B. auf Papierlaternen auf dem Schreingelände zu sehen oder auf den Fliesen. Der Gelehrte dichtete schon mit 11 Jahren über die Pflaumenblüten, und das Motiv taucht immer wieder in seinen Werken auf. Ein berühmtes Gedicht des Sugawara no Michizane entstand bei seinem Abschied aus der damaligen Hauptstadt Kyoto: "kochi fukaba / nioi okoseyo / ume no hana / aruji nashi tote / haru na wasure zo" - wenn der Wind von Osten weht, gebt ihm euren Duft mit, ihr Pflaumen­blüten, auch wenn der Hausherr weg ist, vergeßt nicht den Frühling. Seinen eigenen Garten konnte er nicht mehr wiedersehen, aber in seinen Schreinen lebt die Blütenpracht der Pflaumen Ende Februar und Anfang März fort, vor der Kirschblütensaison. Im Dazaifu Tenman-gu in Fukuoka wird ein Pflaumenbaum gezeigt, der Michizane angeblich aus Kyoto nachgeflogen sein soll.

Ein jahreszeitliches Highlight dieses Schreins ist auch der späte Herbst, wo im Ahorngarten (Momiji-en) ca. 300 Ahorne stehen; auch für diesen Teil gibt es im Herbst Spezial-Öffnungszeiten. Dort kann man auch Reste einer von Toyotomi Hideyoshi angelegten Befestigungsanlage sehen, die einst Kyoto mit Erdwällen und Wassergräben schützte, Odoi genannt. Der alte Graben wird malerisch von einer Brücke mit zinnoberrotem Geländer überspannt, und der Charme der parkartigen Anlage läßt die einstige militärische Bedeutung in den Hintergrund treten.

Der Schrein ist berühmt für seinen monatlich jeweils am 25. stattfindenden Floh- und Antikmarkt (Tenjin-san no itchi). Besonders gut besucht ist er in den Monaten Dezember und Januar. Der Gelehrte ist sowohl an einem 25. geboren als auch an einem 25. gestorben, ersteres im Juni. letzteres im Februar, daher die Wahl des Datums. Der 25.2. jedes Jahres ist zugleich als Todestag des Gelehrten Anlaß für ein Pflaumenblütenfest am Schrein mit open air-Teezeremonie (Baika-sai). Das Fest Kitano Matsuri (Reitai-sai), das erstmalig im Jahr 987 stattfand, wird am 4.8. begangen, und am 1.-4-10. ist Zuiki Matsuri (eine Art Erntedankfest), jeweils mit Umzügen mit tragbaren Schreinen durch das angrenzende Viertel. Am 26.11. findet hier das Fest Ochatsubo Hoken-sai statt, das Tee-Fest, in Erinnerung an die berühmte öffentliche Teezeremonie (Kitano O-cha-kai), die Toyotomi Hideyoshi einst im Jahr 1587 hier durchführte und zu der die "ganze Welt" eingeladen war, "selbst die Leute aus China". Weitere wichtige Daten in diesem Schrein sind 1.1. (Saitan-sai, Neujahr), 2.-4.1. (Fudehajime-sai und Tenmagaki), 25.1. (Hatsu Tenjin), 3.2. (Setsubun und Tsuinashiki), 15.3. (Haru Matsuri), 20.4. (Ake no Matsuri), 30.6. (Nagoshi no Harae, ein Sommer-Reinigungs-Ritual), 7.7. (Mitarashi-sai und Tanabata) und 25.12. (Shimai Tenjin).

Blick auf das Zentralheiligtum von Nordwesten: Auch der Honden besitzt ein Irimoya-Dach.

Blick auf das Zentralheiligtum von Westen: Die eng um den Honden gezogene Mauer ist mit einem kleinen Dach versehem und reihum mit Hängelampen besetzt.

Blick auf das die Nahtstelle zwischen Honden (links) und Heiden (rechts) von Westen: Ein Ishi-no-ma verbindet beide Bauten zu einem komplexen Ganzen.

Der Heiden besitzt beiderseits etwas niedrigere Seitenflügel mit Irimoya-Dach. Blick von Westen.

Blick von Südwesten auf die Nahtstelle zwischen Honden und Heiden.

Den Stil bezeichnet man als Gongen zukuri oder Yatsumune-zukuri, 8-Firste-Stil. Wenn man nachzählt, sind es aber nur sieben Firste: Honden quer, Zwischenstück längs, Heiden quer, Anbau links quer, Anbau rechts quer, Vorbau und Vordach jeweils längs. "Acht" wird hier im Sinne von "viele" benutzt.

Blick von Südwesten auf die Frontseite des Shaden mit festen Lampen und Hängelampen.

 

Insgesamt sechs Seile hängen auf der Frontseite, um die Schellen vor dem Gebet zu läuten.

Blick von Süden auf die Frontseite des Shaden.

 

Goldene Hängelaterne vor dem Shaden, rechts Detail, hier mit der Kombination aus Kiefer (Mitte), Pflaume (links) und Bambus (rechts). Es gibt auch solche mit dem stilisierten Pflaumenblütenwappen und solche mit Schriftzeichen.

Omiki: Gespendete Sake-Fässer.

Die Fässer werden dekorativ und werbewirksam für den Spender aufgebaut.

 

Auch ein Wasserbecken zur rituellen Reinigung kann mit einem Shimenawa als heiliger Bereich gekennzeichnet werden.

Blick auf den geschwungenen Giebel der Frontseite des Shaden mit goldenen Zierelementen und Schnitzereien.

Dieser Giebel wurde 1607 erbaut und hat noch den ganzen Reichtum des Momoyama-Stils.

 

Die Frontseite ist von großem Schmuckreichtum, von den Drachen bis zu den Schnitzereien unter dem Dachansatz.

Die Papierlaternen tragen die Tempelsymbole, links die stilisierte Pflaumenblüte, rechts die stilisierte Kiefer, jeweils vor einem solchen Baum.

 

Nachdem man sich durch Läuten bemerkbar gemacht hat, verbeugt man sich. Danach ist das Gebet willkommen.

Über dem Durchgang des Sanko-mon hängt ein Shimenawa-Seil, dahinter ein halbhoher Vorhang mit dem stilisierten Motiv der Pflaumenblüte darauf, abwechselnd mit der stilisierten Kiefer.

Dieser Subschrein steht im Norden des Shaden, direkt neben dem Nordeingang zum Gelände. Hinter dem zinnoberrot gestrichenen Schrein erhebt sich links ein riesiger Ginkgo-Baum. Unter den vielen Nebenschreinen ist auch einer, der Jinushi-no-Yashiro genannt wird, das ist der Schrein für den Gott des Schreingeländes, angeblich stammt er aus dem Jahr 836.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@35.0309075,135.7351264,19.25z - https://www.google.de/maps/@35.0309075,135.7351264,184m/data=!3m1!1e3
Ernst Lokowandt: Shinto - Eine Einführung. Publikation der OAG Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokyo 2001, 117 S., Verlag Iudicium 2001, ISBN-10: 3891297270, ISBN-13: 978-3891297278
Joseph Cali, John Dougill: Shinto Shrines - a Guide to the Sacred Sites of Japan's Ancient Religion, 328 S., University of Hawaii Press 2012, ISBN-10: 0824837134, ISBN-13: 978-0824837136
Suzanne Sonnier: Shinto, Spirits, and Shrines - Religion in Japan, Lucent Books 2007, ASIN: B00FAWMA88
Kenji Kato: Shinto Shrine, Bilingual Guide to Japan, Nippan Verlag 2017, 128 S., ISBN-10: 4093884781, ISBN-13: 978-4093884785
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 236-239
Webseite des Schreines:
http://kitanotenmangu.or.jp/ - http://kitanotenmangu.or.jp/top_en.php
Kitano Tenman-gu:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/kitano-tenmangu
Kitano Tenman-gu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kitano_Tenman-g%C5%AB - https://en.wikipedia.org/wiki/Kitano_Tenmang%C5%AB
Kitano Tenman-gu:
https://www.japan-guide.com/e/e3939.html
Kitano Tenman-gu:
https://kyoto.travel/de/shrine_temple/142
Kitano Tenman-gu:
http://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/kitano-tenmangu-shrine
Kitano Tenman-gu zur Pflaumenblüte, Photos:
http://www.psy.ritsumei.ac.jp/~akitaoka/kitano-e.html
Kitano Tenman-gu:
http://thekyotoproject.org/deutsch/kitano-tenmangu-schrein/
Kitano Tenman-gu:
https://www.japan-experience.de/stadt-kyoto/kitano-tenmangu
Tenjin:
https://de.wikipedia.org/wiki/Tenjin - https://en.wikipedia.org/wiki/Tenjin_(kami)
Sugawara no Michizane:
https://de.wikipedia.org/wiki/Sugawara_no_Michizane - https://en.wikipedia.org/wiki/Sugawara_no_Michizane
Shinto-Enzyklopädie
http://k-amc.kokugakuin.ac.jp/DM/dbTop.do?class_name=col_eos, Tenjin: http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/entry.php?entryID=1081 - http://k-amc.kokugakuin.ac.jp/DM/detail.do?class_name=col_eos&data_id=23287
Shinto-Schreine:
http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Bekannteschreine - http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Bauten/Bekannte_Schreine/Tenjin#_tenjin
Das Schrein-Wappen mit der Pflaumenblüte:
http://www.harimaya.com/o_kamon1/syake/kinki/s_kitano.html
22 Schreine:
https://de.wikipedia.org/wiki/22_Schreine - https://en.wikipedia.org/wiki/Twenty-Two_Shrines
Gongen-zukuri:
http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/g/gongenzukuri.htm
Rangliste der Shinto-Schreine:
https://en.wikipedia.org/wiki/Modern_system_of_ranked_Shinto_shrines#Imperial_shrines.2C_2nd_rank
Schreinfeste:
https://www.discoverkyoto.com/event-calendar/december/shimai-tenjin-kitano-tenmangu/ - https://www.discoverkyoto.com/event-calendar/february/baikasai-kitano-tenmangu/ - https://www.discoverkyoto.com/event-calendar/october/zuiki-matsuri-kitano-tenmangu/


Kyoto, Kitano Tenman-gu (2) - Kyoto, Kitano Tenman-gu (3)

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