Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 5:
Über Supermärkte und Sprachschulen

Januar 2005

Andere gehen in den Supermarkt, um einzukaufen. Ich gehe in den Supermarkt, um Arabisch zu lernen. Die fast täglichen Besuche im Supermarkt nahmen ihren Anfang irgendwann im Oktober 2004 mit einer Tüte Mehl, die ich suchte und dem Verkäufer gegenüber nicht beim (arabischen) Namen nennten konnte. Inzwischen weiß ich - dank Hamada, der sogleich von seinem nicht-englisch-sprachigen Kollegen gerufen wurde, nicht nur, wo das Mehl steht, sondern auch dass es „Daqiq“ heißt. Das nenne ich Service.

Apropos „wo das Mehl steht“. Mit dem Wissen um das Mehlregal ist das so eine Sache. Das Regal mit dem in transparente Plastikbeutel abgepackten Mehl befindet sich immer noch an derselben Stelle wie zum Zeitpunkt meiner ersten Erkundung, das andere (Regal) mit dem in Papiertüten abgepackten Mehl zwar auch noch (mal abgesehen davon, dass es im Januar um 45 Grad verschoben wurde), aber nicht mehr die Mehlpackungen selbst. Die wanderten in ein anderes Regal. Zweifelsohne verbirgt sich hinter den wöchentlichen Standortwechseln eine ausgebuffte Marketingstrategie, zumindest aber ein Mitarbeiterbeschäftigungsprogramm. Immer wenn ich den Supermarkt betrete, wird gerade irgendein Regal umsortiert oder gänzlich neu bestückt.

Das ist nicht weiter tragisch, da ich immer ausreichend Zeit mitbringe und – gerade zu genial für meine Zwecke – weil ich dann immer einen objektiven Grund habe, nach Hamada oder seinem Freund und Vorgesetzten Amer zu fragen, um mir den neuen Standort der Waren zeigen zu lassen. Die englische Übersetzung gibt es kostenlos dazu, quasi ein Servicepaket. Na, wenn das nicht Kundenorientierung ist. – Der einmalige Supermarkt, der dieses einmalige – von mir mitinitiierte - Konzept erfolgreich praktiziert, heißt „Happy Land“. Das ist allerdings nicht Arabisch, sondern Englisch – wie vielsprachige Leser sicherlich ohne Schwierigkeiten erkannt haben, und bedeutet „Glückliches Land“.

Bei meinem ersten Mehlbesuch lernte ich neben Hamada auch den Manager kennen, der mich mitsamt Hamada in sein Büro rief, um meine Kundenzufriedenheit zu messen. Ich nahm die Gelegenheit gleich beim Schopf, ihm über die allgemeine Versicherung meiner Kundenzufriedenheit hinaus auch gleich meine Kundenwünsche mitzuteilen, und damit er es auch bloß nicht bei der nächsten Warenlieferung vergisst, schrieb ich in großen Lettern die Worte „Maple sirup“ (Ahonrsirup – den brauche ich übrigens um aus der selbstgemachten Sojamilch genießbaren Sojayoghurt herzustellen) und „Soya milk“ auf. Den Sojayoghurt traute ich mich dann doch nicht aufzuschreiben, da ich vermutlich die einzige potentielle Kundin in ganz Sana’a bin, die die Vorzüge des Sojayoghurt vollends zu würdigen wüsste. – In dem Gespräch vertiefte ich mein Wissen über die globalen und regionalen Warenströme und erfuhr dabei aus erster Hand, dass der Jemen großhandelsmäßig zu „weit ab vom Schuss“ liegt. Die hiesigen Supermärkte schicken alle paar Monate einen Chefeinkäufer nach Oman, um von dort aus Waren in Containern per Lastwagen in den Jemen zu schicken.

Happy Land ist im Laufe der Monate zu meinem Lieblingssupermarkt avanciert und das schon VOR dem Mehl-Manager-Erlebnis. Das liegt zum einen an der physischen Nähe von Happy Land - 5 Minuten Fussweg von/vor meiner Haustür -, zum anderen an der Freundlichkeit des Personals. Happy Land Mitarbeiter lächeln, wenn sie mich sehen, grüßen schon von weitem und versuchen stets zu behilflich zu sein. Selbst wenn man mal gerade keine Hilfe brauchen sollte, weiß man doch, im Krisenfall steht gleich – unaufdringlich – ein Happy-Land-Mitarbeiter zur Stelle.

Im Gegensatz zu dem Mehlerlebnis in Happy Land, erntete ich im Al-Huda Supermarket mit meinem verzweifelten Einreden des englischen Wortes „glue“ (Klebstoff) auf die beiden Verkäufer nur ein fragendes Achselzucken und den wertvollen Hinweis, dass die beiden kein Englisch sprächen. Ob ich denn kein Arabisch spräche…. Ich listete die 3 bis 4 Sprachen auf, in denen ich mich hätte problemlos verständigen können, aber es war keine darunter, die den Gesichtsausdruck der beiden veränderte. Ich verließ Al Huda kleberlos.

Zurück zu Hamada und Amer. Hamada ist der ruhigere und ernsthaftere der beiden Jungs, die beide um die 20 sind. Hamada spricht einigermaßen Englisch, hat sich aber zum Ziel gesetzt, eine weitere Sprache zu lernen. Da kam ich mit meinem Muttersprachlerdeutsch wie gerufen. Als mir Hadama während unserer zweiten Begegnung das Angebot machte, sich mit ihm in der Freizeit zu treffen, habe ich dies nach jemenitischer Tradition höflich dankend abgelehnt. Eingetaucht in die Logik des jemenitischen Moral- und Verhaltenskodexes fand ich damals allein schon die Frage absurd. – Inzwischen nach mehr als drei Monaten des intensiven Arabisch-englisch-deutschen Austausches sind die Treffen eine Selbstverständlichkeit geworden. Wenn immer ich mit Menschen wie Hamada zusammenkomme, will mir so ganz und gar nicht in den Kopf gehen, dass es da draußen auf der Straße – 10 Meter vor meiner Haustür - diese andere zweigeteilte Welt gibt, in der es als „Haram“ – Tabu(bruch) gilt, wenn eine Frau sich mit einem Mann ohne Aufsicht trifft, um in welcher Sprache auch immer Konversation zu betreiben.

Da ich es im Allgemeinen eher mit der Ethik als der Moral halte, habe ich meine interkulturelle Zurückhaltung inzwischen aufgegeben und plappere eifrig mit Hamada und Amer Kauderwelsch, lerne mit viel Spaß nützliche und weniger nützliche arabische Vokabeln (die weniger nützlichen kommen stets von Amer, der mir unbedingt beibringen will, was Kosmetikabteilung, Kleinkinderlehrmittel und Staubsauger heißen. Zu allem Unglück bleiben diese Vokabeln dann auch noch in meinem Gedächtnis hängen. Was soll’s. Sollte ich meinen Job im Ministerium beenden, kann ich als Verkäuferin in einem jemenitischen Supermarkt anheuern (Mascha Allah). Das ist das Gute an meinem Status als westeuropäische Frau.

Übrigens, aber nur der Vollständigkeit halber, möchte ich an dieser Stelle auch noch erwähnen, dass ich tatsächlich am Anfang versucht habe, mich an einer hiesigen Sprachschule einzuschreiben bzw. mir privat einen Lehrer zu besorgen. Dieses Unterfangen scheiterte auf ganzer Linie. Die erste Schule, die ich aufsuchte, stellte mir in Aussicht, eine Sprachlehrerin für mich zu organisieren. Meine Bedingung war, dass ich erst nach einer Probestunde, die ich selbstverständlich bezahlen würde, endgültig entscheiden wollte – bevor ich wie verlangt die Gebühren für den ganzen Kurs bezahle, die anschließend nicht mehr rückerstattet werden. Nachdem alles soweit abgesprochen war, ich mich zu meiner vermeintlich ersten Stunde im Sprachinstitut einfand, fand ich dort nicht - wie angekündigt - die vermeintliche LehrerIN vor, sondern wurde an einen englischsprachigen Herrn verwiesen. Ich wunderte mich noch über den Geschlechtswechsel (hatte doch das Institut selbst zuvor mir eine LEHRERIN nahegelegt…), als der freundliche Herr auch schon loslegte, dass der angegebene Preis für den Kurs angesichts der Tatsache, dass es keine weiteren Mitschüler gebe, nicht auf dem Niveau gehalten werden könne. – Der Preis war tatsächlich „reichlich“ niedrig: 200 USD für ca. 80 Unterrichts h, das sah ich ein. Als ich aber von meiner Probestunde nicht abrücken wollte, offenbarte er mir, über welch hervorragenden Ruf die Schule verfüge, wie ich zweifelsohne von allen jemenitischen Zeitungen und Diplomaten erfahren habe oder noch könne. Nun hatte ich zu Anfang meiner jemenitischen Karriere noch wenige, um nicht zu sagen keine Verbindungen zu den hiesigen Diplomaten- und Journalistenkreisen, so dass ich mich von der Qualität des Sprachunterrichtes doch lieber selbst in einer Probestunde überzeugen lassen wollte.

Der freundliche Herr zeigte sich immer weniger freundlich (ich kann ja auch manchmal ganz schön hartnäckig sein), so dass ich auf die Idee kam, um ein Gespräch mit dem Manager der Schule zu bitte, woraufhin ich darüber belehrt wurde, dass dies der MANAGER der Schule (und NICHT wie ich dachte – der Arabischlehrer sei). Innerlich über diese Überraschung schmunzelnd, äußerlich verärgert über die Entwicklung des Gespräches zog ich es vor, dieses an der Stelle abzubrechen und mich nach einer anderen Sprachschule umzuschauen.

Die nächst beste, auf deren Hinweisschild folgend ich den Hof betrat, bot zwar einen Kurs (Einzelunterricht eines australischen Arabischschülers) an, dieser war aber ungünstig gelegen. Zudem sprach der Arabischlehrer keine Fremdsprache, mit deren Hilfe er die Grammatik hätte erläutern können. Die dritte Schule stellte mir in Aussicht, eine Arabischlehrerin zu vermitteln, ich schaute dreimal vorbei, um der Sache Nachdruck zu verleihen, hörte aber nie wieder etwas, so dass ich die Angelegenheit damit bewenden ließ. Die vierte Schule bot überhaupt kein Arabisch an (man muss dazu sagen, dass die meisten kommerziellen Abendsschulen nur Englisch im Programm haben. Es scheinen wenig Interessenten für Arabisch zu geben.). Das vierte Sprachinstitut verlangte eine solche Summe für eine Stunde Einzelunterricht, dass ich mich entschloss, für 500 EURO Sprachbücher und Kassetten aus dem Internet zu bestellen.

Wer nur mal so Arabisch für den Urlaub lernen will, dem sei „Einstieg Arabisch“ vom Hueberverlag empfohlen, die Kauderwelschbändchen (Der Satz „das Auto ist müde“ anstelle von „das Auto ist kaputt“ hat bei unserem jemenitischen Fahrern Gelächter ausgelöst), das CD Programm Rosetta Stone ist da was für stille Vokabelliebhaber mit einem Hang zum Autismus, und ganz und gar abzulehnen ist das Langenscheidt Arabischlehrbuch mit CDs, das mir die freundliche Hugendubelverkäuferin seinerzeit in Bad Homburg bestellte.

Ein letztes Wort zu Happy Land. Letzte Woche bekam ich von Amer die VIP Kunden Karte von Happy Land verliehen, die mich zu einem 5 % Rabatt auf Lebensmittel und 10 % Rabatt auf Kleidungsstücke berechtigt.

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2005
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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