Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 22:
Eine ganz unanonyme Morddrohung

Oktober 2006

Hamada hatte ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts in Sana’a kennengelernt. Er arbeitete als Verkäufer im Supermarkt ‚Happyland’ (vgl. frühere Folge). Er war der einzige, der mich verstand, das heißt, der meine in Englisch gestellte Frage ‚Wo steht das Mehl?’ verstand. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die darin mündete, daß wir uns mehr oder minder regelmäßig abends zum Arabisch- bzw. Deutschlernen trafen. Dann aber im Oktober 2005 begann der Ramadan. Hamada hatte inzwischen den Arbeitgeber gewechselt, arbeitete in einem Kosmetikladen im Al Komaim Center und war abends zu müde, um mit mir Arabisch / Deutsch zu lernen. Dafür hatte ich vollstes Verständnis.

Zum gleichen Zeitpunkt verließ uns unsere Projektassistentin, Najla, um angesichts ihrer unerfüllten Gehaltsvorstellungen ihre beruflichen Ambitionen per Aufbaustudium an der Universität Sana’a zu verbessern. Ich trauerte sehr um Najla und die mit einem Mal verlorene Unterstützung. Eine unschöne Überraschung für mich war, daß ihr Arbeitsvertrag keinerlei Kündigungsfrist enthielt. Jeder normale Arbeitsvertrag, und auch die der Kollegen, wies eine Kündigungsfrist aus. Aber bei Najla hatte unser Teamleiter eine Ausnahme gemacht. Offenbar wollte er ihr damit seine Macht unter Beweis stellen, d.h. sie ohne weiteres kündigen zu koennen. Nur schade, daß sie ihm mit der Kündigung ihre Macht bewies, und das bedauerlicherweise zu meinem Nachteil.

In der Kürze der Zeit und angesichts des Ramadan, wo einfach NICHTS läuft, war an eine ordentliche Stellenausschreibung nichts zu denken. Hinzu kam, daß ich selbst in ein paar Tagen für zwei Wochen in Urlaub gehen würde. Ich fragte bei den Kollegen und Bekannten aus Projekt und Ministerium herum, um wenigstens jemanden übergangsweise zu finden. Eine junge Frau erklärte sich schließlich bereit. Ich hinterließ ihr eine Reihe von Arbeiten, meistens Übersetzungen, die sie während meiner Abwesenheit abarbeiten sollte. Doch zwei Tage nach meiner Rückkehr warf sie das Handtuch. Sie hielt es nicht einmal für nötig, darüber in Kenntnis zu setzen. ‚Übersetzen mag ich nicht’, kam als Antwort, als ich sie endlich an die Strippe bekam.

Da stand ich wieder … und war so schlau wie da zuvor. - In der Not fragte ich Hamada, ob er nicht einspringen wollte. Er wollte. Doch die nächsten Wochen zeigten, daß er mit der Arbeit hoffnungslos überfordert war. Wohl oder übel mußten wir uns trennen.

Am meisten ärgerte ich mich über mich selbst. Ich hätte vorher wissen müssen, und ich habe gewußt, daß Hamada nicht über die nötige Qualifikation verfügte. In einer Mischung aus Hoffung (daß er sich entwickeln werde) und kurzsichtigem Eigennutz (ich brauche dringend jemanden als Unterstützung) hatte ich mir selbst etwas vorgemacht.

Das einzige, was ich Hamada zur Last legte, war, daß er meine Kollegin Wafa in ein schlechtes Licht setze, indem er überall im Ministerium verbreitete, er habe den Job verloren, weil Wafa, die ich gebeten hatte, die Qualität seiner Übersetzungen zu überprüfen, ihn nicht leiden konnte (und deshalb behauptet hatte, die Qualität seiner Übersetzungen sei unzureichend). Er hätte die Schuld ruhig auf mich schieben können. Warum die unschönen Unterstellungen gegen Wafa?!

Die nächsten Wochen hörte ich kaum etwas von Hamada, bis er kam eines Tages seinen Besuch bei mir zu Hause ankündigte. Ernst war wieder einmal im Lande. Nachdrücklich beschrieb Hamada, welch positive Erfahrung die Arbeit im Projekt gewesen sei, und was er alles gelernt habe. Ernst und ich blickten uns verdutzt an. Hamada bat um Unterstützung bei der Suche nach einer Studienmöglichkeit in Deutschland.

Vor einem halben Jahr hätte ich mir Arme und Beine ausgerissen, aber inzwischen war mir klar, daß es bei Hamada an den schulischen Grundlagen mangelte. Seine Schulabschlußnoten reichten nicht einmal für ein Studium in Sana'a aus. Wie um Himmels willen wollte er den strengen Anforderungen eines Studiums in Deutschland gerecht werden? Zudem zielte sein Begehren auf ein Medizin- oder Informatikstudium. Beides entspräche seinem Naturell.

‚Für Medizin mußt du kommunikativ sein und mit Menschen arbeiten. Für Informatik braucht man ganz andere Eigenschaften’, meinte ich nur trocken. ‚In jedem Fall aber hervorragende Noten und Basiswissen…’ Ernst fügte Beispiele von ausländischen Studienkollegen hinzu, die schon an den Prüfungen im Grundstudium gescheitert waren. – Alles half nichts. Hamada ließ sich nicht von seinem Wunsch abbringen.

‚Denk noch einmal darüber nach und überlege, wie du vorher hier im Jemen Dein Basis- und dann Fachwissen aufbaust. Dann kannst Du später immer noch nach Deutschland gehen. Du bist noch jung: gerade mal 20 Jahre’. Hamada verließ uns mit hängendem Kopf. Er tat mir leid.

Ein Gutes hatte die gescheitere Anstellung im Ministerium. War ich vorher völlig naiv in der Beurteilung von Hamada’s Fähigkeiten gewesen und hätte ihm blindlings jede Unterstützung geleistet, war ich jetzt doch um einiges weiser geworden. Die Erkenntnis wollte allerdings nur schwer in meinen Dickschädel, daß man manchmal Menschen mehr hilft, wenn man ihnen nicht hilft (mein Helfersyndrom!). Gut, daß Ernst an meiner Seite war. Ich blieb stark.

Im Laufe der nächsten beiden Monate kam Hamada noch das ein oder andere Mal vorbei. Wir einigten uns darauf, daß ich ihm für die Arabischstunden Geld geben würde und zusätzlich seine Deutschstunden am Deutschen Haus finanzierte. ‚Einigen’ ist vielleicht der falsche Begriff. Nur widerwillig akzeptierte Hamada meinen Vorschlag. Er wollte das Geld nicht annehmen, das ich nach jeder Arabischstunde in eine Schale legte. Doch irgendwann am Ende des Monats ließ er sich Geld dann doch zustecken. Ich wußte, er braucht es. Noch immer, d.h. seitdem er das Projekt Ende November verlassen hatte, hatte er keine neue Stelle gefunden.

Der Zufall wollte es, daß mir zwei nette Kollegen aus Deutschland von ihrer Absicht erzählten, während ihres mehrwöchigen Jemenaufenthaltes nach Feierabend Arabischstunden zu nehmen. Ich vermittelte Hamada und hoffte, daß er weniger Hemmnisse haben würde, Geld für die Stunden zu nehmen.

Wochen vergingen. Ich sah Hamada erst wieder, als die Zahlung für den nächsten Deutschkurs fällig war. Danach rief er noch einmal an und fragte, ob wir die Stunden fortsetzen sollten, druckste aber herum, als es um die Frage der Bezahlung ging. Er habe sich bislang nicht getraut, mir zu sagen…, aber ein Freund habe ihm verraten …, daß die 800 Rial pro Stunde… viel zu wenig seien. Am Sprachinstitut nehme man 10 EURO und mehr für eine Stunde.

Ich war verdutzt und versprach, mir seinen Vorschlag durch den Kopf gehen zu lassen. Des Abends beriet ich mich fernmündlich mit Ernst, der mir strikt davon abriet. So rang ich mich dazu durch, Hamada (ohne größere Begründung) abzusagen, als er nach ein paar Tagen anrief. Die Gebühren für den Deutschunterricht am Deutschen Haus zahlte ich jedoch weiterhin. Ab und an kam Hamada vorbei, um das Geld für den nächsten Kurs abzuholen.

Hamada’s Interesse an unserer Freundschaft verlegte sich mehr und mehr auf die Zahlung der Deutschkursgebühren. War das noch der schüchterne junge Mann, den ich vor anderthalb Jahren kennen gelernt hatte?

Ich schrieb es meinem dummen und nicht wieder gut zu machendem Fehler zu, ihn im Oktober eingestellt zu haben, und ärgerte mich ein weiteres Mal über mich selbst.

Als sich im Frühsommer 2006 die Anzeichen verdichteten, daß meine Stelle im Projekt gestrichen werden würde, sprach ich Hamada darauf an, daß er sich einen neuen Sponsor suchen solle.

Es war Ende Juli, ich war bereits in die Altstadt umgezogen und hatte gerade die Kopie der offiziellen Kündigung erhalten, als Hamada mich auf meiner neuen Handynummer – die alte hatte ich mitsamt Handy an das Projekt abgegeben - anrief. Von Jassir hatte ich kurz zuvor erfahren, daß sich Hamada nach mir erkundigt hatte. Auch diesmal war der Anlaß für Hamada’s Anruf die Kursgebühr… Hatte ich nicht erst vor ein paar Wochen für seinen laufenden Kurs bezahlt?! Ich hatte keinen Überblick, wie oft und wie viel. Widerwillig vereinbarte ich Ort und Termin der Übergabe: ein paar hundert Meter von meiner Wohnung, vor dem Hotel Felix Arabia. Ich händigte ihm die gewünschten 75 Dollar mit den Worten aus, daß ich bald ausreise und deshalb dies die letzte Zahlung sei. Anstatt sich zu bedanken, mir eine gute Reise zu wünschen oder dergleichen, verlangte er von mir, ihm das Geld für alle weiteren / zukünftigen Deutschkurse zugeben. Dazu hätte ich mich verpflichtet.

Ich war sprachlos und wollte einfach nur das Weite suchen. Er folgte mir, grinste und meinte, ich könne nichts dagegen machen. Wäre er mit ein paar freundlichen Worten gekommen, ich hätte mich erweichen lassen. Aber so bewirkte er nur das Gegenteil.

Ich beschimpfte ihn mit einem deutschen Wort, das ich an der Stelle nicht wiederholen möchte, und machte mich über etliche Umwege durch Sana’a Altstadt davon. Ich war mir sicher, daß ich ihn abgehängt hatte.

Eine unschöne Erfahrung. Dennoch hatte ich Verständnis für ihm. Halbwaise, ohne Unterstützung durch seine Familie, ohne die Chancen, die sich mir oder anderen Kindern so selbstverständlich bieten. Es war leicht für mich, ihm zu verurteilen. Ich beschloß, erst einmal Gras über die Sache wachsen zu lassen, schließlich würde ich noch ein paar Wochen im Lande weilen. Sicherlich würde Hamada ein Einsehen finden.

Tat er aber nicht. Die nächsten Wochen übte er ‚Telefonterror’. Ich schaltete nur noch auf ‚stumm’, wenn ich seine Nummer im Display sah, legte auf, wenn er sich unter dem Schutz einer neuen Nummer meldete.

In der Zwischenzeit war Katja angekommen. Katja kannte und schätzte Hamada von ihrem letzten Besuch im Februar 2005. Wohl oder übel erzählte ich Katja von der Geschichte, insbesondere weil ich gerade nichtsahnend mit einem unangenehmen Anruf konfrontiert wurde, nach dem Motto: ‚DU WIRST NOCH VON MIR HÖREN.’ ‚Der muß übergeschnappt sein’, sagte ich an jenem Abend zu Katja. ‚Der Hammer’ aber kam ein paar Tage später. Katja und ich saßen gerade im Internetcafe (meine neue Wohnung hatte keine Telefonleitung), als ich die folgende Nachricht öffnete:

E-Mail von: hamadh An: ac.hanser@gmx.de, Betreff: Hello, Datum: Mon, 14. Aug 2006 00:03:12 -0700

HI How you doing?
I was thinking about the best way how to kill you then I got an idea do you want to know what is it? I will tell you I will tight you very well in place in this place a lot of rats then I will put some blood on your body and then I will let the rats eat your Ass cz you don't deserve the pellet its too much for you deserve slowly death there for I chose this way to make feel suffer Cz you did for me a lot frustrated me you lied on me about the visa &……. Finally you lie on me about the Germany lessons I sewer gad you will not travel before i will kidnap you . expect me any time You know when i was working in happy land i was finish my shift and deirct to your Arabic lessons >But you know aim not mad because i will revenge and i will make you feel suffer Return the fees for 3 Germany courses I will see you soon

Ich drückte auf die ‘Reply’ Taste und antwortete mit einem schlichten ‘You are ill.’

Die Antwort las ich erst ein paar Tage später: ‚Du wirst schon sehen, wer von uns beiden krank ist.’

Derweil fuhren Katja und ich für ein paar Tage nach Aden zum Ausspannen. Wir ließen Internetcafes links liegen und genossen die Tage am Strand. Bei unserer Rückkehr nach Sana’a fand die dann die folgende Botschaft in meinem E-Mail-Körbchen:

E-Mail von: kasm moth An: ac.hanser@gmx.de, Betreff: Hello, Datum: Wed, 16. Aug 2006 17:12:21 +0100

Hi Anne
This me again by the way I was tracking you the last time and I knew your house I want you to understand Iam not bagging from you?????????? No I have worked for you as teacher and you told me you have my Word I will give you the fee for German courses then I agree. Now I want you to listen carefully I want my money or I swear god I Will >>> you the way which I explain it to you This is the last time? I will not ask again Think about it The period of time from Thursday – 17August to Thursday 24 August 2006
Expect me any time in you house

schow

Das war dann doch des Guten zuviel. Ich beschloß, Anzeige zu erstatten. Katja und Bassim, ein befreundeter Dolmetscher, begleiteten mich an jenem Samstagabend auf dem Weg zur Altstadtpolizei. Der Wachhabende mußte erst noch geholt werden, aber danach ging alles schnell. Ich reichte die beiden so ganz und gar nicht anonymen Morddrohungen ein, die Bassim in kurzen Worten übersetzte. Eine Anzeige wurde aufgesetzt und mögliche Wege erörtert, wie man Hamada habhaft werden könnte. Eine Adresse hatte ich keine, den neuen Arbeitgeber kannte ich nicht. Das was blieb, war seine Mobiltelefonnummer und die Adresse des Deutschen Hauses, wo aber – wie sich in einem kurzen Telefonat mit dem Leiter herausstellte – Hamada zur Zeit keinen Unterricht hatte. Zum Schluß begleiteten uns zwei der Beamten nach Hause, wo ich nach einigem Suchen im Computer Hamada’s Photo fand.

‚So sieht doch kein Verbrecher aus,’ witzelten die beiden. In der Tat, das Bild zeigte einen schmalgesichtigen Jüngling mit verdrehtem Sonnenschutzkäppi.

Als Katja und ich wieder allein waren – es war nach 22 Uhr, begann ich alle Fenster auf Einbruchsicherheit zu prüfen, die Fensterläden, soweit vorhanden, einzufahren und Katja bei jeder Gelegenheit einzuschärfen, auch das Badezimmer (wenn man es denn so nennen mag) – Fenster immer geschlossen zu halten, die geruchliche Belästigung explizit in Kauf nehmend.

Katja hielt meinem Wagenburgbauen-Syndrom entgegen,

- daß doch gar nicht sicher sei, ob Hamada unser Haus oder gar Apartment kenne (worauf ich entgegnete, daß sich das unschwerlich durch ein paar Stunden Beobachten und Nachbarnausfragen herausfinden ließe…),

- daß Hamada wohl kaum über das große Hoftor klettern würde (ICH: ‚mit einer Leiter kein Problem’),

- daß er erst einmal durch die schmalen Fenster klettern müsse (Ich: ‚bei seiner Figur – ein leichtes’)

- und daß Hamada dann im Bett gar nicht Anne – Christine, sondern Katja vorfände (Ich: ‚ja, was glaubst DU denn, weshalb ich so besorgt bin!!’)

Wir kamen überein, daß Katja tagsüber das Badezimmerfenster offen behalten dürfe, ABER, den äußeren Riegel zur Badezimmertür immer geschlossen zu halten hatte, eine Maßnahme, die sich ohnehin wegen möglicher ungebetener vierbeiniger Gäste empfahl.

Die nächsten Tage hielt Bassim Kontakt mit der Polizei und hielt mich auf dem Laufenden. Zu unser beider Überraschung meldete die Polizei nach zwei Tagen und zwei Nächten Erfolg. Ich saß gerade im Arabischunterricht, als ich telefonisch zur Gegenüberstellung gebeten wurde. Mit einem merkwürdigen Vorgefühl machte ich mich auf den Weg. Würde sich Hamada besonnen haben oder war seine Wut noch angestiegen?

Bassim schaffte es nicht rechtzeitig zur Gegenüberstellung; zu viel zu tun (gerade arbeitete er für eine internationale Organisation, die die bevorstehenden Präsidenten- und Regionalwahlen beobachten sollte).

‚Laß ihn ruhig noch ein paar Stunden in Polizeigewahrsein. Das wird ihm eine gute Lektion sein’, meinte Bassim noch, bevor ich mich am späten Nachmittag auf den Weg machte.

Der Wachhabende führte mich durch das karge, weißgetünchte Treppenhaus der Revierwache in den ersten Stock. Hamada wurde reingeführt, schluckte mehrfach, brach in Tränen aus. In dem Augenblick, als ich Hamada sah, konnte ich nur Mitleid mit ihm empfinden. Wir fielen uns in die Arme. – ‚Wie in einem echten Fernsehfilm’, kommentierte später Guido, der Leiter des Deutschen Hauses die Szene, als ich ihm die Geschichte erzählte.

Hamada bereute aufrichtig seinen dummen Jungenstreich, der ihm, wie er befürchtete, für immer die Einreise und das Studium im geliebten Deutschland verwehren würde. Halb tröstete ich ihn, halb zog ich ihn auf.

‚Tatsächlich’, sagte ich, ‚hat mich gestern jemand von der deutschen Botschaft kontaktiert.’ (Der Leiter des deutschen Hauses, den ich wegen Hamada’s Adresse kontaktiert hatte, hatte den für solche Fälle zuständigen Kollegen aus der Deutschen Botschaft unterrichtet, der darauf zu meiner Überraschung die Unterstützung der Deutschen Botschaft anbot. Ich war von der Initiative sehr angetan, äußerte aber die Zuversicht, daß die Polizei die Angelegenheit zufriedenstellend regeln würde.) ‚Vielleicht hilft es, wenn ich noch einmal mit der Deutschen Botschaft rede…’, bot ich an. (Tat ich auch, tags darauf. Mir wurde zugesichert, daß die Deutsche Botschaft ihrerseits nichts unternehmen werde. Der nette Herr konnte aber nicht ausschließen, daß die jemenitische Seite den Vorfall in Hamada’s Führungszeugnis vermerken würde.)

‚Warum nur hast Du das gemacht?!’ wollte ich wissen und baute ihm gleichzeitig eine Brücke, ‚Katja meint, das kann Dir nur ein schlechter Freund geraten haben.’

‚Ja, so war es auch.’

‚Katja ist nämlich hier. Sie wohnt in meinem Apartment’ fuhr ich fort. Meinetwegen wäre ich nicht zur Polizei gegangen. Aber so… Ich konnte nicht zulassen, daß Katja etwas passiert.’

‚Ich würde doch so etwas nie machen’, erwiderte Hamada betroffen.

‚Das dachte ich auch. Aber dann schriebst Du in deiner zweiten Email ‚Bei Gott…’. Ich lebe lange genug im Jemen, um zu wissen, daß kein Muslim einen solchen Schwur so leichthin ausstoßen würde.’ Das saß.

Die umstehenden, die kein Englisch verstanden, wollten wissen, ob der Fall nun erledigt sei. ‚Die Jungs gucken zu viele amerikanische Filme…’, meinte ich schmunzelnd. Die Umstehenden nickten wohlwollend, und Hamada blickte noch immer betröppelt.

Später, als Bassim kam und Hamada schon wieder abgeführt worden war, gab ich zu Protokoll, daß ich nichts gegen eine sofortige Freilassung Hamadas einzuwenden habe, brachte meinen Dank der Polizei gegenüber in Worten innerhalb und in Rial außerhalb des Protokolls zum Ausdruck. Bassim regelte das taktvoll und Jemen-erfahren.

‚Was bin ich Dir schuldig?’ fragte ich, nachdem wir das unscheinbare Reviergebäude verlassen hatten und ich in Bassim’s voluminösen Geländewagen hinaufgeklettert war.

‚Mir persönlich brauchst Du nichts zu bezahlen. Das war ein reiner Freundschaftsdienst. Aber den beiden Polizisten habe jeweils 5000 Rial bezahlt.’ (Also insgesamt 50 Dollar.)

‚Ja, die haben sie sich wirklich verdient!’ kommentierte ich anerkennend.

‚Ehrlich gesagt, hatte ich am Samstagabend, als wir Anzeige zu Protokoll gaben, nicht erwartet, daß sich die Polizei ein Bein ausreißen würde. Ich habe mich geirrt. Die haben alles in Bewegung gesetzt, um Hamada aufzuspüren…’ Es folgte ein ausführlicher Bericht, was die Polizei alles unternommen hatte, wenn kontaktiert, und wie sie dann schließlich Hamada an seinem neuen Arbeitsplatz aufgespürt hatten.

Auch ich hatte nicht mit einem raschen Ausgang der Angelegenheit gerechnet. Zum einen gibt es kein Melderegister, zum anderen keine Straßennamen. Ich hatte der Polizei keinerlei Angaben zu Hamada’s Arbeitgeber, Familie oder Freunden machen koennen. Und dennoch hatte es die Polizei geschafft, ihn ausfindig zu machen. Daß ich für die Dienste der Polizei NACH erfolgreichem Abschluß einen kleinen Obolus leistete, kam mir nur fair und angemessen vor. Allzu gut wußte ich aus den Berichten über den Öffentlichen Dienst in Jemen, daß die Mehrzahl der Staatsbeamten offiziell nur Hungerlöhne verdienten. Zuviel zum Sterben, zuwenig zum Leben. Das hatte System, aber an diesem System konnten weder ich noch das EU Projekt etwas ändern. Ich beglich meine Schulden bei Bassim. Die 50 Dollar hätte ich mit ebensolcher Freude Hamada gegeben, hätte er um das Geld lediglich freundlich gebeten.

Zu meiner Überraschung hörte ich einige Tage später, daß Hamada immer noch in polizeilichem Gewahrsam sei.

‚Ich habe doch vor ein paar Tagen schon die Erklärung unterzeichnet, daß ich nichts gegen die Entlassung einzuwenden habe’, meinte ich kopfschüttelnd zu Bassim.

‚Hamada war zu dem Zeitpunkt schon in ein Untersuchungsgefängnis überführt worden. Die jemenitischen Behörden nehmen es nicht auf die leichte Schulter, wenn jemand etwas gegen einen Ausländer zu tun plant’, war Bassim’s erklärende Antwort.

‚Er tut mir leid. Hamada hat das Gefängnis nicht verdient. Wenn ich einen dort sehen möchte, dann Rissaj! Und der war davon verschont geblieben. – Ob ich Hamada nicht doch das Geld für die restlichen Deutschkurse bezahlen soll?’ – überlegte ich laut… und erntete Bassim’s entgeisterten Blick: ‚Das hieße ja, Hamada’s Verhalten nachträglich gut zu heißen!’

Bassim hatte Recht. ‚Ich werde noch einmal anrufen und nachforschen, wann Hamada freigelassen werden wird. Wahrscheinlich schon nach dem Wochenende,’ versprach Bassim.

Am 9. Oktober, als ich längst in Deutschland war, traf eine Email ein, von Hamada:

‘Sorry I was In bad mood that day I hope that you don’t still angry of me
Many regrets to Anst [Ernst und] Katia’

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© Copyright Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2006
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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