Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 20:
Alte Wohnung - neue Wohnung

Oktober 2006

Ich habe Ende Juni 2006 die Wohnung gewechselt und mir damit selbst einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Meine neue Wohnung hat nur ein Zimmer, allerdings mit Vorraum, Küche und etwas, was wie ein Badezimmer anmutet. Sie liegt in einem traditionellen Lehmhaus in der Altstadt von Sana’a.

Doch besser der Reihe nach:

Als mein ursprünglicher Vermieter Ende März eine weitere Vorrauszahlung – für Mai und Juni erbat (für die Anschaffung eines Autos), hatte ich mit ihm unter telefonischer Vermittlung seines deutschsprechenden Bekannten vereinbart, daß er das Umtauschrisiko tragen wird. D.h. sollte der Kurs des Euro für die beiden Monate ansteigen, würde die Differenz mit der darauf folgenden Monatsmiete verrechnet werden. Ich gab ihm das Geld, und er quittierte die Summe mit einem Vermerk in arabischer Sprache (er versteht kein Englisch). Seinen nächsten Besuch erwartete ich folgerichtig Ende Juni, wenn die Julimiete anstünde.

Daher überraschte mich sein Besuch Ende Mai. Aber vielleicht wollte mein Vermieter ja Ernst einen Höflichkeitsbesuch abstatten, der gerade im Lande weilte. War aber nicht der Fall. Es ging – wieder einmal – um die Miete. Mit meinen begrenzten Sprachkenntnissen konnte ich klären, daß er sich keineswegs im Monat geirrt hatte, sondern daß er erneut eine Vorauszahlung wünschte. Diesmal mit der Begründung, daß das Auto einen Unfall gehabt hatte, was mich zu der Überlegung verleitete, daß ich ihm besser keine Vorauszahlung für das Auto hätte geben sollen, da sich dann der Unfall nicht ereignet hätte. Da ich jedoch diese sophistischen Gedankengänge nicht mit meinen begrenzten Arabischkenntnissen vermitteln konnte, schlug ich vor, Hannah, die Tochter des Vermieters, einzuschalten. Zu diesem Zweck mußte ich Ernst, der eigentlich als meine moralische Unterstützung vorgesehen war, auf die Terrasse herauskomplimentierten. Denn Hannah konnte unmöglich in meine Wohnung, wenn ein fremder Mann zugegen war. Nach einer Ewigkeit erschien Hannah, die wohl über das Ansinnen ihres Vaters im Bilde war und sich deshalb v i e l Zeit nahm, um die Treppe vom ersten Stock ins Erdgeschoß herunter zusteigen (unangenehme Tätigkeiten liegen Hannah nicht).

Hannah übersetzte für mich, was ich schon verstanden hatte, und für ihren Vater, was er nicht verstehen wollte: Ich lehnte seine Bitte ab, ein weiteres Mal Miete für einige Monate im Voraus zu bezahlen. Alles Wiederholen seinerseits - anfangs freundlich, dann immer bestimmter - half nichts. Ich blieb stur.

Da er nicht von seinem Ansinnen abließ, schlug ich zum Gegenangriff über und erwähnte die Vereinbarung, daß er das Kursrisiko für die bereits getätigten Vorauszahlungen tragen würde. Offensichtlich aber war er auf diesem Ohr taub. Ein Ausgleich sei nicht nötig, bedeutete er mit großzügiger Geste, so als habe ER – und NICHT ICH - einen Verlust durch den in den letzten Monaten erheblich gestiegenen Eurokurs erlitten. Das brachte mich innerlich auf die Palme und äußerlich dazu, den Computer in Gang setzen und auszurechnen, daß ich bei der letzten Vorauszahlung einen Verlust von ca. 60 bis 70 Euro durch die Kursdifferenz erlitten hatte. Als ich dies meinem Vermieter vorrechnete, antwortete er, er werde diese Summe nicht bezahlen und werde mir seinerseits den Verlust, den er durch die Annahme von EURO (ich bezahle die Miete normalerweise in Dollar) erlitten hatte, nicht in Rechnung stellen. Das war das Ende meiner Geduld. Ich konstatierte, daß wir auf dieser Basis nicht weiter zu sprechen brauchten, ließ die beiden in meinen Mafratsch (Wohnzimmer) sitzen und begab mich zu Ernst in Richtung Terrasse, wo ich den feindlichen Abzug abwartete. Mir war klar, daß ich einen Fauxpas in Sachen jemenitischer Gastfreundschaft begangen hatte. Aber ich wußte mir nicht anders zu helfen.

Der nächste Tag verlief ruhig. Es war Ernsts letzter Tag. Da Jost, ein Kollege, der gerade in Sana'a weilte, in der gleichen Nacht und mit dem gleichen Flieger abreiste, fuhr ich ausnahmsweise nicht mit zum Flughafen. Es war noch keine Stunde seit dem Abschied vergangen, da klingelte es Sturm von draußen. Um die Uhrzeit, es war 10 Uhr abends, reagiere ich immer stoisch-ignorant. Ich beachtete das Pochen und Klopfen gegen die Außenpforte nicht. Da es aber kein Ende fand, griff ich schließlich zum Haustelefonhörer, um mich telekommunikativ nach dem Pocher und dessen Anliegen zu erkundigen. Und, welche Überraschung, es war ‚Mohammed’ – mein Vermieter. Der hätte mich natürlich viel einfacher per Telefon vorwarnen und dann über einen der beiden Wohnungseingänge erreichen können. Aber wahrscheinlich war ihm klar, daß ich ihn um die Uhrzeit höflich, aber bestimmt telefonisch abgewimmelt hätte.

Reichlich genervt machte ich mich auf zum Tor, wo ich nicht nur Mohammed, sondern auch dessen Deutsch sprechenden Freund vorfand. Da ich keinerlei Anstalten machte, die beiden in meinen Teil des gemeinsamen Hofes zu lassen, was in völligem Einklang mit dem jemenitischen Ehrenkodex für weibliche Personen stand, verschaffte sich Mohammed Einlaß in den Hof, was nicht in Einklang mit dem Ehrenkodex stand, aber von ihm als Hausherr als legitim angesehen wurde. Wie nicht anders zu erwarten, drehte sich die Diskussion um die Vorauszahlung der Miete. Ich hatte keine Ambitionen auf eine Wiederholung und brach das Gespräch nach 10 Minuten mit den Worten ab, daß ich GEHE. Ich meinte damit sowohl, daß ich jetzt zurück ins Haus ginge als auch meinen baldmöglichen Auszug aus dem Haus. Mohammed verstand dies nur allzu gut und rief mir nach, daß er nichts gegen meinen Auszug habe.

Während ich beschwingt über meinen Entschluß und das positive Ende der Diskussion meinen Rückzug antrat, wurde mir nachgerufen, ich sei die Miete für Juni noch schuldig. ‚Die habe ich die schon vor MONATEN bezahlt!’ sagte ich patzig und ließ die beiden endgültig auf dem Hof stehen.

Die nächsten Wochen verliefen ruhig. Ich begann in meinem Bekanntenkreis nach leerstehenden Wohnungen zu fragen. Eines Freitagabends begab ich mich in die Altstadt, wo ich vor ein paar Monaten eine Hinweistafel auf ein Apartmenthaus gesehen hatte. Nach anderthalb Stunden wurde ich endlich fündig – meine Orientierung ist miserabel – und erfuhr, daß das Haus ab Juli zu einem Hotel umfunktioniert werden sollte. Enttäuscht bestieg ich ein Taxi, das ich zufällig ein paar hundert Meter weiter vor der Qubat al qimma Moschee an der Saila fand. (Die Saila ist ein asphaltiertes Flußbett, das bei nicht vorhandenem Regen als Fahrstraße längs durch die Altstadt benutzt wird. Einige Jemeniten nennen sie auch die Metro Sana’as, weil sie naturgemäß etwas tiefer als die Altstadt liegt.) Während der Taxifahrt nach Hause, erwähnte ich meinen fehlgeschlagenen Versuch und erntete zu meiner Überraschung das Angebot des Taxifahrers, Ahmed war sein Name, mir bei meiner Wohnungssuche in Alt-Sana’a zu helfen. Er kenne ein wunderschönes Apartmenthaus, genau das richtige für mich. Ich willigte ein, das Etablissement noch am gleichen Abend aufzusuchen. Als wir dieselbe Straße einbogen, von der ich aus der Altstadt kommend in die Saila eingebogen war, kamen mir schon die ersten Zweifel, die ich mich genötigt sah, mit dem Taxifahrer zu teilen…. Und als wir dann endlich vor dem angekündigten Apartmenthaus standen, wurde es Gewißheit: es war dasselbe Apartmenthaus, das nun kein Apartmenthaus mehr war, sondern ein Hotel werden sollte. Sämtliche Versuche, den Taxifahrer von der erneuten Kontaktaufnahme abzuhalten, blieben erfolglos: ‚Das mag ja sein’, sagte er, aber der Hausbesitzer ist mein Freund und wird sicher ein Apartment für dich freimachen! Laß mich mal machen.’ Ließ ich auch, aber Erfolg brachte es keinen.

Ahmed, der Taxifahrer, fand ein Einsehen, und während wir den Rückzug antraten, offerierte er mir, in den nächsten Tagen eine Wohnung zu besorgen.

Seine Bemühungen für den Abend ließ er sich großzügig honorieren. ‚Was soll’s’, dachte ich. ‚Er muß mir ja nicht sympathisch sein. Wenn er mir nur eine Bleibe besorgt’. Ein paar Tage später zeigte er mir dann tatsächlich eine kleine 2-Zimmer-Wohnung in der Altstadt. Die Hausherrin, eine vermummte Sana'eri, die ich um die 60 Jahre einschätzte, lebte mit ihrer unverheirateten Tochter im gleichen Haus. Die beiden Zimmer waren nett, lichtdurchflutet, allerdings ohne jegliche Möbel. Das Bad war jemenitisch, d.h. Stehklo, und die Küche eher eine Rumpelkammer. Wir vereinbarten die Konditionen, u.a. das Streichen, Aufräumen und die Basisausstattung (Kochplatte) der Küche. Ich bezahle 100 Dollar für den Rest des Monats und würde in den nächsten Tagen vorbeikommen, um probezuschlafen. Ahmed brachte mich nach Hause, das heißt, zu Yemenia (Fluggesellschaft), wo ich meinen Flug nach Deutschland buchen wollte, und verlangte seinen Tribut. Ich zahlte ihm zusätzlich zu dem Geld, das ich ihm am ersten Abend bereits gegeben hatte, 6000 Rial und verabschiedete mich. Daß er keineswegs mit der Summe zufrieden war, entnahm ich der Tatsache, daß er mir ins Yemenia-Office begleitete und nach (meiner) Buchung seine Forderungen nach ‚MEHR’ Ausdruck zu verleihen begann. Da wir nichts vorher vereinbart hatten und ich noch gar nicht wußte, ob ich überhaupt die Wohnung nehmen würde, empfand ich das Honorar, das ich ihm bisher zugeteilt hatte, als mehr als großzügig und ließ ihn bei Yemenia stehen.

Die nächsten Tage und Abende war ich sehr beschäftigt. Als ich dann endlich mit einer Decke und Kissen bewaffnet das Probeschlafen unternehmen wollte, stellte ich bei der Ankunft in der Saila fest, daß ich den Weg doch nicht mehr in Erinnerung hatte. ‚Kein Problem’, dachte ich mir und rief bei der Hausherrin an, um mich nach der GENAUEN Adresse zu erkundigen (in Sana’a gibt es in der Regel keine Straßennamen oder Hausnummern; jedenfalls keine, mit denen irgend jemand etwas anfangen kann.) Ich erwischte aber nur deren Tochter, die ich bislang noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Da sich die Verständigung schwierig gestaltete, übergab ich das Handy an den Taxifahrer, der mir den sana’anischen Dialekt in modernes Hocharabisch übersetzte. ‚Sie sagt, daß die Wohnung inzwischen vermietet sei.’ Ich verstand die Welt nicht mehr. Konnte es sein, daß die Dame mein Geld eingesteckt hatte und nun darauf hoffte, daß ich den Weg nicht mehr finden würde? Natürlich hätte ich den anderen Taxifahrer, Ahmed, einschalten können, wenn der mir bloß nicht so unsympathisch und dreist erschienen wäre… Ehe ich den Fahrer bitten konnte, die Tochter der Hausherrin nichtsdestotrotz nach dem Weg zu fragen, hatte die bereits eingehängt. Beim zweiten Versuch stellte sich dann zu meiner Erleichterung heraus, daß sie beim ersten Anruf nicht begriffen hatte, daß ICH diejenige war, an die die Wohnung vermietet war. Als ich erneut darum bat, daß sie dem Fahrer die Adresse nennen sollte, damit ich heute zum Probeschlafen antreten könnte, hatte sie abermals aufgehängt. Beim dritten Anruf meinte sie, Probeschlafen sei heute nicht angebracht und hängte ein. Der vierte Versuch scheiterte am Besetzzeichen auf der anderen Seite der Leitung. Meine Stimmung war gereizt. Selten war ich mir so dämlich vorgekommen… Dennoch, man soll ja nie (vorzeitig) aufgeben, wies ich den Taxifahrer an, es bei der nächsten Sailaausfahrt zu probieren. Gesagt – getan. Diesmal erkannte ich die Stelle und den Weg zur Wohnung. Mit zwei dicken Reisetaschen (die Decke und das Kissen!) bewaffnet, warteten wir vor der Haustür auf. Nach einem kräftigen Hämmern an der Metallvorrichtung (die alten Haustüren sind anstatt mit einer Klingel mit einem Metallklopfer versehen), lugte schließlich das vermummte Gesicht der Hausherrin aus einem Fenster ein paar Etagen höher hervor. Wir sollten uns noch ein paar Minuten gedulden. Als ich nach 5 bis 10 weiteren Minuten schon zu glauben begann, daß das nur ein dummer Trick gewesen war, tat sich doch noch die Tür vor uns auf. Der Taxifahrer ließ sich seine Begleitung großzügig honorieren und verschwand in der Dunkelheit. Ich stieg die Treppe hinauf, um dort in der (meiner) Wohnung die Tochter und einen Mann anzutreffen. Eine vernünftige Erklärung, warum man mir die Adresse verheimlicht hatte, bekam ich nicht. Allenfalls ein vages ‚wir wollten vorher noch saubermachen…’ war der Dame zu entlocken. Für mich sahen die beiden Zimmer sauber genug aus, Möbel zum Abstauben gab es eh keine….Als dann nach weiteren 5 Minuten endlich die alte Hausherrin kam, fragte ich abermals nach, in der Hoffnung, eine plausiblere Antwort zu finden. Als die ausblieb, bat ich darum, die Schlüssel für Wohnung und Haustür zu erhalten. Der Haustürschlüssel war ein riesiges Unikum von mindestens 20 cm Länge. Mir war klar, daß sich an diesem Abend keine Kopie des guten Stücks anfertigen und aushändigen ließ. Die Hausherrin aber weigerte sich kategorisch, mich jemals in den Besitz des Haustürschlüssels kommen zu lassen; mit dem Argument, daß sie ja IMMER zu Hause sei. Mein Argument, daß ich keine Lust hatte, wie heute Abend 5 bis 10 Minuten vor der Haustür zu verbringen und sie auch nicht bei der nächsten Rückkehr von meinem Deutschlandbesuch mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen wollte, machten auf sie keinen Eindruck.

Die Tochter und der Mann versuchten sie umzustimmen. Vergebens.

‚Das fing ja gut an’, dachte ich…. und kam zu dem Schluß, daß es besser gar nicht anfangen sollte. Dachte es und verlangte verärgert mein Geld zurück.

Ratlos trat ich den Rückweg an. Was hatte ich falsch gemacht? Jetzt stand ich ohne Wohnung da, und würde mich, wenn sich nicht schnell eine neue auftat, einen weiteren Monat mit meinem ungeliebten Vermieter herumschlagen müssen.

Die Rettung kam ein paar Tage später. Evelyn, eine deutsche Krankenschwester, die seit 2 Jahren im Jemen für den deutschen Entwicklungsdienst DED arbeitete, erzählte mir von dem kleinen Apartment unter ihr, das zur Zeit leer stand…

Sie gab mir auch gleich die Telefonnummer ihres Vermieters. Dann stellte sich allerdings heraus, daß die Wohnung im ersten Stock nicht zur Vermietung stand. Jesper, ein dänischer Mitarbeiter des Roten Kreuzes, hatte sich zeitweilig auf die Anweisung seiner Organisation hin in einen anderen (‚sichereren’) Stadtteil ausquartieren müssen. Hintergrund waren die abschätzigen Karikaturen, die eine dänische Zeitung abgedruckt hatte und die nun die islamische Öffentlichkeit empörten.

Die Lage hatte sich nun wieder entspannt, und Jesper würde bei seinem nächsten Jemenaufenthalt im Oktober wieder in die Altstadtwohnung zurückkehren. Jesper arbeitete nämlich nur zeitweise im Jemen. Das Arrangement mit seinem Arbeitgeber sah vor, daß er für jeweils 2 – 3 Monate Jemen und Dänemark pendelte. Jesper bot mir allerdings an, das kleine Apartment bis zu seiner Rückkehr zu bewohnen.

Eigentlich hatte Jesper ein Auge auf Evelyn’s Wohnung geworfen. Evelyn würde Mitte September nach zweijähriger Tätigkeit für den Deutschen Entwicklungsdienst nach Deutschland zurückreisen. Noch war nicht endgültig geklärt, ob der DED den Mietvertrag für eine neue Entwicklungshelferin verlängern wollte. Sicherheitshalber verlängerte Jesper den Mietvertrag für die untere Wohnung [man weiß ja nie], klärte aber mehrfach mit dem Vermieter ab, daß er die obere Wohnung übernehmen wolle, sofern der DED keinen Anspruch erhebe. Die obere Wohnung hatte eindeutig mehr Zimmer – und einen Mafratsch auf dem Dach. Evelyn, meine ehemalige Schulkollegin Andrea und ich hatten hier im März einen bezaubernden Donnerstagabend (klar, daß Donnerstagabend Samstagabend ist) verbracht, bei Kerzenschein und einer Flasche selbstgebrautem Rotwein (das heißt natürlich nicht, daß ICH die Flasche Rotwein gebraut und / oder getrunken habe). Während Jesper unten 70 Dollar monatlich bezahlte (da spricht dann auch nichts dagegen, ein halbes Jahr im Voraus zu bezahlen...), zahlte Evelyn etwas mehr als 200 EURO. Hinzu kamen Strom, Wasser, Telefon. Das heißt, Telefongebühren brauchte Jesper keine zu bezahlen, weil es in der unteren Wohnung keinen Telefonanschluß gab.

Die nächsten Wochen verbrachte ich daher (zumindest zuhause) internet- und zudem fernsehlos. Ich fühlte mich an meine Studentenzeit in Lich (bei Giessen) erinnert, wo ich über vier Jahre in der Mansarde eines alten Fachwerkhauses gewohnt hatte.

Erst einmal war Umzug angesagt. Ich hatte nicht geahnt, wie viel sich in den beiden Jahren an persönlichem Klein- und Großkram ansammelt hatte. Ein Teil der Zweit- und Drittkopien, der abgetragenen Kleider und dessen, was man immer mal wegwerfen wollte, sich aber nie getraut hatte (weil, kann man vielleicht noch brauchen), wanderte auf den Bürgersteig vor dem Haus (während der Trockenzeit kommen die Müllmänner zweimal am Tag vorbei…). Der Umzug startete Freitagabend und zog sich über einige Werktagsabende hin. Am Tag vor meiner Abreise nach Deutschland (Ernst hat Ende Juni Geburtstag…) teilte ich meinem bisherigen Vermieter mit, daß ich ihm nun die Schlüssel übergeben wolle. Er schien mich durchaus zu verstehen, bestand aber, - wie er sagte, ‚zu meinem eigenen Nutzen’ – darauf, daß ich einen jemenitischen Zeugen dazubestellen sollte.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Es war nach vier Uhr nachmittags. Ines und Ahmed waren schon nach Hause gegangen und außerdem war Qatzeit… Kurzerhand rief ich unseren Fahrer an, der zwar seit etlichen Wochen krank geschrieben war, dem es aber dem Vernehmen nach wieder besser ging. Jassir war bereit, diese Bürde der Schlüsselübergabe mitzutragen. – Zur vereinbarten Uhrzeit erschienen beide, wir durchschritten die Wohnung und stellten fest, daß nichts fehlte, alles funktionierte etc. Dennoch weigerte sich der Vermieter die Schlüssel entgegenzunehmen. Er bestand darauf, daß ich ihm die Junimiete sowie 2 oder 3 weitere Mieten als Kompensation für den zukünftigen Mietausfall, nicht zu vergessen das Wassergeld für ein halbes Jahr zahlen sowie die gesamte Wohnung neu streichen solle. Ich lachte, nahm die Sache nicht allzu ernst und ließ die Schlüssel im Schloß stecken, bevor ich mich kopfschüttelnd mit dem Fahrrad Richtung Altstadt bewegte.

Mohamed, der Vermieter, war Jurist. Er wußte genauso gut wie ich, daß es keinen Mietvertrag zwischen uns gab, ich auch weder die Kopie noch den Wortlaut seines seinerzeit mit Abu Nabil abgeschlossenen Mietvertrages kannte (siehe frühere Folge). Was immer er forderte, tangierte mich nicht.

Das einzige, was mich ärgerte, war seine Behauptung, ich schulde ihm immer noch die Junimiete. – Jassir brachte das Thema am nächsten Tag (meinem Abreisetag) noch mal auf’s Tapet. Betröppelt erzahlte er davon, daß er noch weitere anderthalb Stunden mit meinem ehemaligen Vermieter verbracht hatte, bevor es ihm gelungen war, sich loszueisen. Mitfühlend vernahm ich, was dem Vermieter in den anderthalb Stunden noch eingefallen war.

Wegen der angeblich noch fälligen Junimiete empfahl mir Jassir, daß ich dem Vermieter einfach die Quittung vorlegen sollte. – ‚Werde ich’, sagte ich, ‚aber erst wenn ich im Juli aus Deutschland zurück bin’ und verabschiedete mich.

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© Copyright Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2006
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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