Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge (8): Senjafuda


In manchen Gebäuden eines Tempelkomplexes sieht man im Inneren eine Vielzahl weißer, schwarz bedruckter Klebezettel auf dem alten Holz. Die angeklebten Zettel auf den Säulen, den Wänden, Türen oder Decken nennt man Senjafuda, und es handelt sich um Zettel, die die Pilger einst angebracht haben. Senjafuda bedeutet wörtlich "Tausend-Schrein-Etiketten". Die Papierchen tragen den Namen und ggf. die Herkunft des Pilgers und ein Datum und sind nichts anderes als ein "Ich war hier". Es verwundert, diese Zettel nicht nur auch, sondern bevorzugt an der Decke zu sehen, aber es gibt bei den Pilgern einen gewissen Ehrgeiz, sie so hoch wie möglich anzubringen, auch unter Zuhilfenahme von Bambusstöcken oder Teleskopstöcken mit einer Bürste zum Reinigen der vorgesehen Stelle bzw. dann einer Klammer zum Anbringen des Zettels am oberen Ende. Je höher, desto besser, weil die Zettel dann besser gesehen werden. Das Überkleben älterer Zettel ist tabu. Über den ästhetischen Effekt dieser religiös-touristischen Praxis kann man sehr geteilter Meinung sein.

Der Brauch hängt mit dem Pilgern (Henro) und den seriellen Pilger-Rundwegen zusammen: Es gibt z. B. den Henro- oder O-henro-michi-Pilgerweg auf Japans kleinster Hauptinsel Shikoku mit 88 (hachi-juu-hachi) Stationen an buddhistischen Tempeln auf einer Länge von ca. 1400 km (Shikoku hachi-juu-hakkasho), wobei alle Stationen einen Bezug zum buddhistischen Heiligen Koubou Daishi (Kukai) haben, dem Begründer des Shingon-Buddhismus. Weiterhin gibt in mehreren Regionen Japans einen Pilgerweg zu den 33 Heiligtümern des Bodhisattvas Kannon, 33 (Sanjuu-san), weil die Zahl den möglichen Erscheinungsformen des Bodhisattvas gemäß der Lotos-Sutra entspricht. Einer der ältesten und populärsten Pilgerweg dieses Typs ist in der Region Kansai der ca. 1300 km lange Saigoku-sanjuu-san-sho, der Pilgerweg entlang der 33 Orte in den westlichen Landen, zu dem auch der Mii-dera in Otsu gehört, aus dem die unten gezeigten Abbildungen stammen, ferner der Ishiyama-dera in Otsu, wobei beide Tempel ein Bildnis der Kannon mit wunscherfüllendem Juwel besitzen. Dazu gehören auch der Kiyomizu-dera in Kyoto mit einer tausendarmigen Kannon und der Rokuharamitsu-ji in Kyoto mit einer elfköpfigen Kannon. Ein shintoistischer Pilgerweg wäre beispielsweise die Route oder besser das Routennetz des Kumano Kodou auf der Kii-Halbinsel südlich von Nagoya, die u. a. auch zum Tempelberg Koyasan führt.

Das Pilgern ist wichtig in Japan und eine auch heute noch intensiv gelebte Tradition. Auf diesen Pilgerrouten befestigen Pilger persönliche Zettelchen an jedem Haltepunkt. Die ersten Senjafuda wurden in der Heian-Zeit produziert. Als Anfangspunkt dieses Brauches gilt Kaiser Kazan (968-1008), der eine Pilgerschaft zu einem Tempel dadurch dokumentierte, daß er ein Gedicht schrieb und dieses am Tempeltor anheftete. Daraus ergab sich der Brauch, wobei anfänglich vor dem Papier Holztäfelchen üblich waren. Man kann sich das heute kaum vorstellen, aber Reisen war im alten Japan ein Privileg, das nur die obersten Gesellschaftsschichten genießen konnten, und dem einfachen Volk waren Reisen schlichtweg verboten. Erst in der Edo-Zeit lockerte sich das, und Pilgerschaften, religiös motivierte Reisen also, waren für die Menschen der einzig mögliche Weg nach draußen. Erst in der späten Edo-Zeit konnte sich auch das einfache Volk auf solche Reisen begeben. Anfangs waren die Zettelchen noch handgeschrieben, später wurden sie im Holzschnittverfahren gedruckt (nishiki-e), oft auch zwei- oder mehrfarbig. Ein Kalligraph (Shoka) entwarf die kalligraphische Schrift (Shodou), ein Schnitzer (Horishi) stellte den hölzernen Druckstock her, und der Drucker (Surushi ) fertigte damit die Zettelchen an, mit Tinte (Sumi) auf Reispapier. Weil während der Edo-Zeit die Anzahl der Stationen immer größer wurde und neben den Hauptzielen immer mehr kleine Ziele mit aufgenommen wurden, sprach man bald von einer "Tausend-Schrein-Pilgerschaft" (Senjamode), und davon abgeleitet ist der Name "Tausend-Schrein-Etikett" für die kleinen Klebezettelchen.

War das Ankleben der Zettelchen früher Ausdruck einer persönlichen gläubigen Auseinandersetzung mit dem besuchten Ort und des Wunsches nach einem gedanklichen Verweilen über den Pilgerschaftsbesuch hinaus, so wurde später daraus eine Art Sport ("I was here"), und seit der Meiji- und Taisho-Zeit sind die Zeugnisse früherer Pilgerbräuche ein eigenes volkskundliches Sammelgebiet. Dabei entsprechen die schwarz-weißen Daimei-nosatsu älteren Stil den in Tempeln und Schreinen angeklebten Zettelchen, während die Kokan-nosatsu neueren Stils die aufwendiger hergestellten farbigen Drucke bezeichnet, die manchmal auch von richtigen, normalerweise im Bereich der Farbholzschnitte tätigen Künstlern wie Hiroshige, Eisen, Kunisada oder Kuniyoshi hergestellt wurden und nicht an Tempeln zu finden sind, sondern in musealen und privaten Sammlungen. Diese "besseren" Gestaltungen, deren Aufwand und Gestaltung in der Edo-Zeit dem gesellschaftlichen Stand entsprechend reguliert war, waren nie zum Kleben gedacht, sondern zum Austausch unter Liebhabern. Eigene Vereine (Nosatsu-kai) kümmern sich um die Sammler. Heute ist der Brauch zum Schutz der historischen Gebäude zum Erliegen gekommen. Die meisten Tempel und Schreine verbieten heute das Anbringen, vor allem auch wegen neuerer synthetischer Klebstoffe, die das Holz beschädigen. Aber auch, weil immer mehr Besucher nur kleben und weder beten noch zahlen wollten. Wer ein Senjafuda an den dieser Praxis weiterhin offen gegenüberstehenden Tempeln anbringen möchte, benötigt die offizielle Erlaubnis des Tempelbüros und muß eine Gebühr berappen, und er muß natürlich die entsprechenden Gebete leisten. Dann bekommt er einen Eintrag in sein Pilgerbuch und darf sein Zettelchen anbringen. Statt dessen ist es heute üblicher, nur die Pilgerbücher (Nokyocho) zu führen, in das die Tempelbüros gegen entsprechende Gebühr eine Besuchsdokumentation malen und stempeln, auch dies eine Einnahmequelle für den jeweiligen Tempel, der sich aufgrund der strikten Trennung von Staat und Religion in Japan selbst finanzieren muß.

Abb.: Eine Halle in Otsu im Tempelkomplex des Miidera mit vielen Senjafuda an der Decke (Blick senkrecht nach oben)

Abb.: Eine Halle in Otsu im Tempelkomplex des Miidera mit vielen Senjafuda an der Decke und auf dem oberen Bereich der Wände


Literatur, Links und Quellen:
Encyclopedia of Shinto: http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/, insbesondere http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/entry.php?entryID=334
Senjafuda:
https://en.wikipedia.org/wiki/Senjafuda
Alice Gordenker: Shrine tags
https://www.japantimes.co.jp/news/2010/11/18/news/shrine-tags/


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