Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge: Tanuki


Wenn man sie einmal bewußt wahrgenommen hat, begegnen sie einem überall in Japan: Tanuki. Das sind fröhliche kleine Keramikfiguren, die vor Geschäften oder Häusern stehen, am Straßenrand oder in Vorgärten und in ihrem bescheidenen künstlerischen Anspruch und in ihrer naiv-frivolen Darstellung ein wenig an deutsche Gartenzwerge erinnern. Doch ein Tanuki ist prinzipiell ein ganz bestimmtes Tier, nämlich ein Marderhund (Nyctereutes procyonoides) aus der Familie der Canidae, der Hundeartigen. Er sieht zwar mit seinem beigegrauen Fell, seinem niedrigen Körper, den kurzen Beinen und den Ohren ein wenig wie ein Waschbär aus, vor allem mit seinen Streifen, ist aber durch die geteilte Gesichtsmaske von diesen zu unterscheiden und gehört aber zu den Hunden, während keine Verwandtschaft mit Bären besteht. Der scheue und nachtaktive Marderhund oder Tanuki ist in Japan heimisch, das Land gehört sogar zu seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet, das neben Japan Nordostchina und Ostsibirien umfaßt. Daß wir in Mittel- und Osteuropa (Polen, Rumänien, Finnland, Weißrußland) eine zweite, völlig unabhängige wilde Population haben, liegt an der Einführung des Tieres in der Ukraine zur Fellgewinnung ("Seefuchs"). Seit 1962 ist der Marderhund auch in Deutschland als Neozoon eingebürgert, nachdem er schon 1654 in Österreich vorkam. Der Volksmund freilich nimmt die Bezeichnung "Tanuki" großzügig und nennt auch Dachse ("Mujina" im nördlichen Kanto = "Mami" in der Gegend von Tokyo = "Tanuki" in der Region um Osaka) oder den Japanischen Dachs ("Anaguma") so, die eigentlich zu den Mardern gehören. Für den einfachen Mann der Straße sind das alles "Tanuki". In Japan selbst ist es zudem regional unterschiedlich, was alles als Tanuki angesprochen wird.

In Japan spielen sie Tanuki neben den Füchsen (Kitsune) eine besondere Rolle, auch in Märchen, Fabeln und Erzählungen, wo sie als Meister der Verkleidung und Gestaltsänderung gelten und als Bake-danuki bezeichnet werden (t wird im Kontext zu d). Den Tanuki werden damit genau wie den Füchsen magische Kräfte zugeschrieben, weshalb die Tanuki zu den Yokai (Youkai) gezählt werden, die in ihrer natürlichen Gestalt wie die entsprechenden Tiere aussehen, aber bei Bedarf Menschenform annehmen können. Deshalb werden sie in Erzählungen auch mit menschlichen Charakterzügen ausgestattet. Übrigens sind alle Tanuki-Geschichten japanisches Erzählgut (siehe Forschungen von Juliane Stein), nicht wie bei den Füchsen, wo die Wurzeln der Erzählungen vielfach in China liegen.

Tanuki können in vielerlei Gestalten erscheinen, z. B. als Tanuki-bozu, als gutgenährter Mönch, auf seinem Kissen sitzend und den Holzfisch (Mokugyo) schlagend. Tanuki können zu mehreren nachts mit Laternen eine buddhistische Beerdigung mit ihren Litaneien imitieren, oder sie können hinter nächtens lärmenden Betrunkenen stecken. Mit einem Baumblatt können sie die Verwandlung einleiten; ein Blatt in der Hand oder auf dem Kopf eines Menschen ist ein sicheres Indiz dafür, daß es sich in Wirklichkeit um einen verwandelten Tanuki handelt, insbesondere wenn jener ein etwas seltsames Verhalten an den Tag legt. Bei allen fröhlich-lärmenden Auftritten können in Wahrheit Tanuki ihren Spaß haben, und diese lieben es, Schabernack mit den Menschen zu treiben. Sie treiben ihre derben Späße mit den Menschen, sind aber ihrem Wesen nach gutmütig.

Früher, d. h. in der Heian-Zeit, waren Tanuki nicht positiv konnotiert, sondern eher ein Untier, das es zu erlegen galt. Weil ein Tanuki übernatürliche Kräfte besitzt, war es sogar eine besondere Heldentat, einen zu erlegen. Die Erzählungen aus dieser Zeit beschreiben etliche Arten, einen Tanuki zur Strecke zu bringen. Eine dieser schlimmen Geschichten ist das Märchen "kachi-kachi yama": Ein übler und hinterhältiger Tanuki erschlug eine alte Frau, kochte aus ihr Suppe und setzte diese ihrem Ehemann vor, nachdem er selbst die Gestalt der Erschlagenen angenommen hatte. Dafür bekam er von einem Hasen erst den Rücken angezündet und kam zuletzt in einem Boot aus Lehm ums Leben.

Erst später wandelte sich das Bild zum Positiven. Das liegt vermutlich an einer populären Geschichte ("Bunbuku chagama", der verwunschene Teekessel), in der sich ein Tanuki zum Dank in einen Teekessel verwandelte, damit ein armer alter Mann, ein Holzfäller, der ihn zuvor aus einer Falle gerettet hatte, diesen vermarkten kann. Der Retter konnte den Kessel teuer an einen Priester des Morin-ji verkaufen. Der Tanuki mußte aber jedesmal leiden, wenn er als Teekessel benutzt wurde. Der Teekessel bekam wieder Schnauze und Beine und rannte davon, wenn es kritisch wurde. In einer Version der Geschichte durfte er im Tempel bleiben und wurde nicht mehr zum Wasserkochen verwendet. In einer anderen Version wurde er dem Holzfäller zurückgegeben, und er vollführte als Teekessel Kunststücke vor Publikum und bescherte seinem Besitzer Reichtum. Seitdem ist ein Tanuki im Volksglauben glücksbringend und gutmütig. Tanuki wurden seit der Edo-Zeit sehr beliebt. Sie bekamen auch ihre Rolle in den Kyogen-Spielen, einer komischen Form des japanischen Theaters. Aus der Edo-Zeit haben sich mehrere Kyogen-men, also Masken für das Kyogen-Theater, in Tanuki-Form erhalten. Auch als Netsuke-Motiv tauchen die Tanuki auf, gerne mit dem Blatt dargestellt, das ihre Verwandlungsfähigkeit symbolisiert.

Ein Tanuki ist typischerweise männlich, verfressen und entsprechend dick, und etwas derb und draufgängerisch veranlagt, ein Trickster, aber nicht so gerissen und schlau wie der Fuchs. Der Tanuki ist zwar trickreich, hinterhältig und listig, aber zugleich auch ein bißchen tölpelhaft und kriegt immer wieder eins drauf von schlaueren Gegenspielern. Manchmal ist der Tanuki auch etwas grob und grausam. Und er lärmt gerne nachts rum, schmeißt in der Küche Gefäße um und erschreckt die Hausbewohner. Die Keramikfiguren stellen den dickbäuchigen Tanuki oft in verniedlichender Form wie einen menschlichen Reisenden oder Vagabunden mit Strohhut dar, der weit in den Nacken gerutscht ist und unter dem Kinn mit einer Schnur gehalten wird. In seiner Hand hält er oft eine Trinkflasche. Ein echter Tanuki ist hingegen in der Natur alles andere als ein Vagabund, sondern lebt monogam und unauffällig.

Durch Betonung bzw. Überbetonung bestimmter Merkmale können sie sich auch in "Herrschergestalten“ ihrer Tierformen verwandeln. Beim Tanuki ist das eine abnorme Vergrößerung ihrer Hoden (Kintama, wörtlich: "Gold-Bälle", Assoziation mit Geldsäcken und Reichtum), und wenn man sich die Keramikfiguren genauer anschaut, ist meistens dieses Detail besonders üppig dargestellt. Reichlich Nachwuchs ist bei echten Marderhunden üblich, das lebenslang zusammenbleibende Paar zieht pro Wurf 6-10 Welpen groß. Warum auch immer, diese übergroßen Hoden, die sich als Universalwerkzeug, als Decke, zum Fliegen und als Schlagwaffe einsetzen lassen und in Zusammenhang mit den besonderen magischen Kräften der Tanuki stehen, gelten als Glückssymbol. Manchmal benutzt ein Tanuki seine eigenen Hoden als Trommel und drischt mit zwei Schlägeln darauf ein, um Lärm zu machen (ein Tanuki kann aber auch auf seinem dicken Bauch trommeln). Sie sind so groß, daß sie als hachi-jo-shiki-kintama bezeichnet werden, Hoden, die eine Fläche von 8 Tatami-Matten bedecken, also einen durchschnittlichen Raum. Ein Detail ist seltsam - trotz der riesigen Hoden ist der Penis selbst winzig oder fehlt sogar in älteren Darstellungen ganz.

Eine besondere Form sind sehr große Tanuki, die vor Restaurants (Resutoran) oder Kneipen (Izakaya) stehen: In der einen Hand halten sie eine Sake-Flasche und ermuntern so zum Mittrinken. In der anderen Hand halten die Viecher einen Zettel. Das ist ein zurückzulassender Schuldschein für den konsumierten Reisschnaps, aber bei den zuvor erwähnten Eigenschaften des Gesellen erwartet niemand, daß er ihn je ernsthaft einlösen wird. Er ist auch ein Zeichen dafür, daß der Tanuki alles Geld für Sake und Weiber ausgegeben hat und nun anschreiben lassen muß. Auch vor Geschäften stehen gerne Tanuki, in ähnlicher Funktion wie eine Winke-Katze: Glücksbringer für gute Geschäfte. Daß Japans Siedlungen seit dem 20. Jh. mit den Figuren eines bestimmten Stils überschwemmt wurde, liegt vor allem an dem Töpfer­meister Fujiwara Tetsuzo (1877-1967), der seine Werkstatt in Shigaraki (Präfektur Shiga) hatte, das eine lange keramische Tradition hat, zu den "sechs alten Öfen" der japanischen Keramik zählt  und seit 2004 als Shigaraki-cho in der neuen Stadt Koka aufgegangen ist. Seine Kreationen prägen das heutige Aussehen des Tanuki, das mit den deutschen Gartenzwergen die künstlerische Einfalt teilt.

Weibliche Tanuki sind die Ausnahme, auch wenn sie als Nischenprodukt hergestellt werden. Ihre fröhlich-naiv-dreiste Lebensfreude teilen sie mit ihren männlichen Artgenossen. Ein weiblicher Tanuki kommt beispielsweise in dem 1842 entstandenen Kyogen-Theaterstück "Tanuki no Hara Tsuzumi" vor, in dem er sich als Nonne verkleidet und einen Jäger mit den Schrecken der Hölle beschwört, Tanukis nicht zu jagen. Später entdeckt der Jäger die wahre Identität der Nonne und nimmt die Jagd wieder auf.

Übrigens trug der große Reichseiniger und erste Tokugawa-Shogun, Tokugawa Ieyasu, den respektlosen Spitznamen "Furu-Tanuki" - alter Tanuki. In neuerer Zeit gab es sogar einen Zeichentrickfilm über Tanuki (und auch die Füchse, Kitsune), er entstand 1994 und hieß "Heisei tanuki gassen ponpoko",  die Schlacht der Tanuki in der Heisei-Zeit. Der Film von Isao Takahata lief in Deutschland unter dem Namen "Pom Poko". Die Japaner lieben den Tanuki, so sehr, daß er in Anime, Musicalfilmen und als Nintendos "Tanuki-Mario" auftreten darf sowie als Werbeträger für den Notruf 110 dient und daß selbst die Kunstfigur "Hello Kitty" einen Tanuki-Freund hat.

Wer Tanuki-Figuren auf ihrer letzten Reise sehen will: Im Nordosten der Stadt Kyoto kann man beim Shisendo und Hachidai-jinja die Straße weiter den Hang hoch gehen, geradewegs nach Südosten dem Tal folgen. Dann kommt man ca. 600 m hinter dem Shisendo zum auf einer Holzterrasse gebauten Tempel Tanuki-dani-fudo-in, der letzten Ruhestätte kaputter Tanuki-Keramik.

 

Abb. links: Tanuki vor einem Geschäft in Kyoto. Abb. rechts: Tanuki vor einem Restaurant in Matsumoto.

Abb. links: größere Tanuki-Sammlung vor einem Privathaus in den Außenbezirken von Kyoto.

   

Abb.: Tanuki in Kyoto.


Literatur, Links und Quellen:
Marderhund auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marderhund
Yokai:
https://de.wikipedia.org/wiki/Y%C5%8Dkai#Tierische_Y%C5%8Dkai - https://en.wikipedia.org/wiki/Y%C5%8Dkai
U. A. Casal: The Goblin, Fox and Badger and Other Witch Animals of Japan, in: Asian Folklore Studies, 18. Jahrgang, S. 1-94.Pdf im Internet-Archiv:
https://web.archive.org/web/20070927212644/http://www.nanzan-u.ac.jp/SHUBUNKEN/publications/afs/pdf/a116.pdf ab S. 49
Juliane Stein: Der Tanuki – ein japanischer Trickster, Harrassowitz Verlag 2014, ISBN: 978-3-447-10120-2
Bernhard Scheid: Tanuki-Morphologie, in: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch, Universität Wien,
https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Verwandlungskuenstler/Tanuki
Bernhard Scheid: Tiergötter und Götterboten, Teil 2: Verwandlungskünstler, in: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch, Universität Wien,
https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Verwandlungskuenstler
Tanuki:
http://bento-daisuki.de/japan/fabelwesen/yokai-tanuki-4404/
Tanuki auf Kimono-Chroniken:
https://kimono-chroniken.de/2018/09/tanuki/
Tanuki auf Onmarkproductions:
https://www.onmarkproductions.com/html/tanuki.shtml
Nicholas Bornoff, Michael Freeman: Things Japanese - Everyday Objects of Exceptional Beauty and Significance, 143 S., Verlag Periplus, 2014, ISBN-10: 480531303X, ISBN-13: 978-4805313039, S. 124-125


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