Bernhard Peter
Fudo Myo-o (O-Fudo-sama)


Fudo Myo-o (Fudou Myou-ou) gehört zu den buddhistischen Mantrakönigen (Sanskrit: Vidya-raja). In Japan wird er auch etwas respektvoller O-Fudo oder O-Fudo-sama genannt. Die Sanskrit-Bezeichnung lautet Acala (wörtlich: der Unbewegliche - gemeint ist damit seine Standhaftigkeit im Verteidigen der Lehre), Acala-natha, Ary-acala-natha oder auch Acala-vidya-raja. Unter den insgesamt fünf Mantrakönigen (Myo-o) nimmt er die zentrale Stellung ein. Nach Buddhas und Bodhisattvas sind Mantrakönige die dritte Sorte verehrter Gottheiten, im Rang über den Deva-Gottheiten (Tenbu) stehend. Fudo gehört zu den Fünf Großen Myo-o (Go-dai Myo-o, Go-dai Myou-ou). Zur Wortbedeutung: Go = fünf, dai = groß, myou = hell, entspricht im Sanskrit: Vidya = Weisheit, magische Formel, Mantra, ou = beschützender Herr, entspricht im Sankrit: Raja = König, daher die möglichen Übersetzungen "Weisheitskönige" oder "Mantrakönige", also sind Go-dai Myo-o durch esoterisches Wissen oder durch Mantra-Formeln anrufbare Beschützerherren. Fudo bildet in dieser Gruppe stets das Zentrum und die wichtigste Figur. Anders als die anderen vier der Gruppe wird er stets nahe der menschlichen Gestalt mit lediglich zwei Armen und nur einem Gesicht dargestellt.

Das Aussehen der Mantrakönige ist grimmig, da macht auch die Figur des Fudo mit. V-förmige Zornesfalten sind auf der Stirn zu sehen, aus dem grimmig geöffneten Mund schauen Reißzähne heraus. Blau, Schwarz oder auch Rot ist die Farbe seiner Haut. Die durchdringenden Augen sind weit aufgerissen. Er wird stehend oder sitzend mit gekreuzten Beinen dargestellt. Meist wird er von einer flammenden Aureole umgeben. Seine Funktion ist wie bei allen zornvollen Manifestationen Verteidigen und Beschützen der buddhistischen Lehre, denn der Buddhismus hat diese zornigen Elemente als Verbündete zur Abwehr des Bösen, des die Lehre Bedrohende gewonnen. Ursprünglich entstammen diese Gestalten der hinduistischen Götterwelt, wurden aber vom Buddhismus quasi "umgedreht", als man erkannte, daß man mit Weltentsagung und Mildtätigkeit alleine nicht weit kommt, sondern auch Aktiva im Kampfe gegen die Bedrohungen der Lehre braucht. Deshalb wird Fudo auch oft vor Tempeln aufgestellt, um Feinde zu verscheuchen. Deshalb ist sein Attribut neben dem Feuer der Aureole sein Schwert (Kurikara), dessen Griff nach Art eines Vajra gestaltet sein kann. Mit dieser Waffe, Symbol des leidenschaftlichen Einsatzes zur Verteidigung des Wissens, ist er bereit, gegen die Bedrohungen der Lehre zu kämpfen, insbesondere gegen Gier, Haß und Zorn sowie Unwissenheit und Verblendung, die drei Geistesgifte der Lehre. In der Linken hält Fudo meist eine Seilschlinge, mit welcher er Dämonen einfangen kann und alle Kräfte binden kann, die sich der Lehre entgegenstellen. Sein langes Haar ist oft auf der linken Körperseite zum Knoten gebunden und hängt wie ein Zopf asymmetrisch herab (Benpatsu); das unterscheidet die Figur von anderen zornvollen Gottheiten und ist eigentlich ein Symbol dienender Stellung - Fudo, eigentlich göttlich, stellt so seine Fähigkeiten in den Dienst der Erleuchtung suchenden Menschen.

Eine große Rolle spielt Fudo bzw. Acala im Vajrayana-Buddhismus oder esoterischen Buddhismus; er genießt hohe Verehrung in den Richtungen Shingon, Tendai, Shugendo, Nichiren und Zen. Kukai (774-835), der den esoterischen Buddhismus in Japan begründete, machte die Gottheit wie auch die anderen vier der Gruppe populär. Im Ursprungsland Indien taucht er hingegen selten auf, ebensowenig in China. Mit steigender Beliebtheit ordnete man den aus dem Hinduismus entlehnten Gottheiten nun auch einen Buddha oder Bodhisattva zu, als dessen zornvolle Erscheinungsformen sie fortan galten. Nach Shingon-Tradition ist Fudo-Myo-o eine Erschei­nungs­form des Dainichi Nyorai (Buddha Vairocana, kosmischer Buddha). Die Fünfergruppe als Ganzes setzte sich jedoch nicht durch, wohl aber Fudo alleine, der in Japan von allen buddhistischen Ländern die höchste Verehrung genießt. Der Kult der zornvollen Gottheiten, also der etwas "besseren" Mantrakönige" und auch der niederrangigen Deva-Gottheiten (Tenbu) hatte seinen Höhepunkt im bürgerkriegszerrissenen japanischen Mittelalter. Dazu spielt Fudo eine Rolle in den Jenseitsvorstellungen: er hat den Vorsitz über eine am siebten Tag nach dem Tod stattfindende Totenzeremonie.

Fudo kann einzeln auftreten, oder in der eingangs beschriebenen Fünfergruppe der Mantrakönige, aber es gibt auch eine Fudo-Triade (Fudo Sanzon, Fudou Sanzon), in der Fudo von Kongara Doji (Douji, Sanskrit: Kimkara, links von Fudo, symbolisiert Gehorsam) und Seitaka Doji (Douji, Sanskrit: Cetaka, rechts von Fudo, symbolisiert das angemessene Handeln) flankiert wird. Fudo kann sogar acht mögliche Begleiter (Fudou Hachi-dai Douji, hachi = 8, dai = groß, douji = jugendlich) haben, das sind neben den beiden Genannten Ekou Douji, Eki Douji, Anokudatsu oder Anokuta Douji, Shitoku Douji, Ukubaga Douji und Shoujou Biku. Darstellungen mit allen acht Begleitern sind jedoch selten (s. u.).

Wo gibt es herausragende Darstellungen? Eine der besten und wertvollsten Gruppen der Godai Myo-o, die von Kukai selbst in Auftrag gegeben wurde, steht im To-ji in Kyoto in der Halle Kodo (Koudou). Das ist zugleich die älteste erhaltene Fudo-Figur in Japan; sie sitzt auf einem Felsen (Symbol der Unbeweglichkeit), der den Weltenberg Sumeru symbolisiert. Hinter der Figur ist eine flammende Aureole (Kaen kouhai) angebracht. Eine Darstellung aus dem Jahr 1006 steht im Douju-in des Toufuku-ji in Kyoto. Eine Heian-zeitliche Standfigur von Fudo wird im Nationalmuseum in Kyoto aufbewahrt. Eine weitere Figur aus der späten Heian-Zeit befindet sich im Dairin-in des Enryaku-ji (Präfektur Shiga). Eine herausragende, 1,35 m hohe und im Jahre 1195 entstandene Fudo-Figur, die in der Kamakura-Zeit von dem Meisterbildhauer Unkei geschaffen wurde, befindet sich im Tempel Jyoraku-ji (Jyouraku-ji) in Yokosuka (Präfektur Kanagawa). Eine weitere, 1,36 m hohe, im Jahre 1186 von Unkei geschaffene Fudo-Standfigur steht im Tempel Ganjoju-in (Ganjouju-in) in der Präfektur Shizuoka. Fudo mit seinen acht Begleitern als Gruppe gibt es im Kongoubu-ji (Koya-san, Präfektur Wakayama) zu sehen; sechs Figuren der Gruppe stammen von Unkei; die Fudo-Figur stammt aus dem Jahre 1198. Im Kannon-ji in Tokyo wird eine weitere 1+8-Gruppe aufbewahrt, die 1272 vom Bildhauer Kouen angefertigt wurde. Eine 1+8-Gruppe aus dem 14. Jh. wird im Choufukuji (Präfektur Okayama) aufbewahrt.

Manche, insbesondere größere Tempelanlagen besitzen eine eigene Fudo-Halle, den Fudo-do. Vor diesen Hallen ist gewöhnlich ein offener Platz (Goma, Sanskrit: Homa) für Feuer-Zeremonien (Saitou goma) abgesteckt mit einer zentralen Feuerstelle, an der entsprechende Riten (Goma-gyoji) durchgeführt werden. Bei einem Goma-Shiki werden hölzerne Täfelchen verbrannt, auf die zuvor Wünsche und Gebete geschrieben worden sind und die so Fudo dargebracht werden. Während einer Feuer-Meditation werden symbolisch alle negativen Anhaftungen durch das Wissen verbrannt. Eine weitere Verbindung hat der Fudo-Kult mit den Yamabushi, den Bergasketen. Beispiele für Fudo-do mit Goma lassen sich im Daigo-ji in Kyoto finden, sowohl im unteren Teil als auch im oberen Teil auf dem Berg. Weitere Fudo-do lassen sich am Kinkaku-ji in Kyoto finden, im Saiko-ji bzw. Risshaku-ji in Yamadera (Präfektur Yamagata), um nur einige wenige zu nennen; und im Kongo-ji in Hino (Tokyo) ist eine herrliche Fudo-do aus dem Jahre 1342 zu sehen.

 

Abb.: Uji (Präfektur Kyoto), Kosho-ji, rechts Ausschnittsvergrößerung mit der Seilschlinge

 

Abb.: Kyoto, Daigo-ji, vor dem Fudo-do mit Feuerstelle.


Literatur, Links und Quellen:
Myo-o, FudoMyo-o: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie/Myoo
Fudo (Acala):
https://de.wikipedia.org/wiki/Acala - https://en.wikipedia.org/wiki/Acala
auf japanese Buddhism:
https://www.japanese-buddhism.com/fudo-myo-o.html
Fudo Myo-o:
http://www.onmarkproductions.com/html/fudo.html
auf Shugendo-Austria:
https://www.shugendo-austria.org/gottheiten/fudo-myoo/
auf Fudosama:
https://fudosama.blogspot.de/2014/05/fudo-myo-o-introduction.html
auf Shingon:
http://www.shingon.org/deities/jusanbutsu/fudo.html
Ayako Ishii: Buddhist Statuary, Bilingual Guide to Japan, Nippan Verlag 2017, 125 S., ISBN-10: 4093884609, ISBN-13: 978-4093884600
auf Jaanus:
http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/f/fudoumyouou.htm - http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/h/hachidaidouji.htm - http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/k/kongaradouji.htm - http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/s/seitakadouji.htm
J. Hackin, Clement Huart, Raymonde Linossier, H. de Wilman-Grabowska, Charles- Henri Marchal, Henri Maspero, Serge Eliseev: Asiativ Mythology, a detailed description and explanation of the mythologies of all the great nations of Asia, Asean Educational Services, New Delhi, Madras 1994, ISBN: 81-206-0920-4, S. 425 ff.
P. F. Kornicki, I. J. McMullen (Hrsg.): Religion in Japan, arrows to heaven and earth, Cambridge University Press 1996, ISBN 0-521-55028-9, S. 16


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