Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge (15): Ishidoro


Steinlaternen sind in Japan allgegenwärtig, in Tempel- oder Schreinbezirken, in Gärten sowie auf Privatgrundstücken. Sie werden als Ishidoro (Ishidourou) bezeichnet, was sich aus Ishi = Stein und Toro (Tourou) = Laterne (wörtlich: Licht-Turm) zusammensetzt, und ihre Gegenwart hat einen spirituellen, einen funktionalen und einen ästhetischen Aspekt. Ihr Gebrauch geht bis auf das 6. Jh. zurück., als in der Asuka-Zeit Steinlaternen aus China nach Japan kamen. Ursprünglich hatten diese Lampen einen rein sakralen Charakter: Sie flankierten die Eingänge und Zuwege (Sando, Sandou) zu Tempeln und Pagoden, und das Entzünden einer Öllampe in dem dafür vorgesehenen Hohlraum im Kopf der Lampe war eine Art Opfer, so wie überall in buddhistischen Verehrungsstätten Lampen (Öl, Butter etc.) vor den Bildnissen als Zeichen des Opfers und der Verehrung entzündet werden. Diese alten Lampen hatten zwar eine Tür zum Hineinstellen der Öllampe, eine Luftzufuhr durch die Schlitze der Tür und einen Rauchabzug; aber um Seitenfenster, aus denen das Licht nach draußen scheinen konnte, machte man sich noch keine Gedanken, weil der Zweck der Laterne noch ein anderer war.

Auch heute noch werden Steinlaternen bei entsprechenden sakralen Anlässen entzündet. Ein solcher Anlaß ist z. B. das Obon-Fest, das Mitte Juli bis Mitte August zur Errettung der Geister der verstorbenen Ahnen gefeiert wird. Während Obon kehren die Seelen Verstorbener zurück, und in der japanischen Ikonographie werden die Seelen der Toten oft als Flammen dargestellt. Deshalb sind viele Obon-Festlichkeiten zugleich Laternen-Feste.

 

Abb. links: Uji, auf dem Gelände des Tempels Kosho-ji. Abb. rechts: Otsu, auf dem Gelände des Ishiyama-dera.

Seit der Heian-Zeit fanden die Laternen Eingang in die Shinto-Schrein-Anlagen und später auch in Privatgrundstücke. Daneben dienten die Lampen als Beleuchtung der Zuwege, aber erst ab dem 14. Jh., und dabei erhielten die Laternen auch die heute üblichen Seitenöffnungen im Lampengehäuse. Mit dem Aufkommen der Tempelgärten, der Teegärten im Speziellen während der Azuchi-Momoyama-Zeit, begann im 16. Jh. ihr Dasein als gestalterisches Element in den kunstvoll gestalteten Gartenanlagen, als ästhetischer Blickfänger und als Beleuchtung des Zuweges über die gewundenen Wege aus Trittsteinen bei abendlichen Teezeremonien. Seit Sen no Rikkyuu (1522-92) und seinen Gestaltungen sind Steinlaternen aus japanischen Gärten nicht mehr wegzudenken. Heute werden sie in den Gärten vorrangig als ästhetischer point de vue eingesetzt, an einer Kurve des gewundenen Pfades, am Ufer eines Wasserlaufes oder an sonstigen markanten Punkten der Komposition. Nicht nur die Form und das Material (meist Granit) an sich dient der Ästhetik, sondern auch die natürliche Alterung durch Flechten und Moosbesatz, begünstigt durch feucht-warmes japanisches Klima, bei dem eine solche Patina schnell heranwächst.

Abb.: Otsu, auf dem Gelände des Miidera

Es gibt verschiedene Grundmodelle. Steinlampen auf einer kurzen vertikalen Säule nennt man Tachi-doro (Tachi-dourou). Normalerweise steht eine "einbeinige" Laterne mit ihrem Pfosten auf einer Sockelplatte, dem sogenannten Erdring, weil dieser die Verbindung zum Untergrund herstellt. Eine Lampe mit Sockelplatte wird Dai-doro (Dai-dourou, wörtlich: Plattform-Lampe) genannt. Manchmal steht die ganze Lampe noch auf einer Natursteinplatte (Kidan). Auf der sich kelchartig verbreiternden Plattform (Chudai, Chuudai) befindet sich das Lampengehäuse, in das eine Öllampe eingestellt werden kann, wobei dieses Gehäuse meist polygonal gestaltet ist. Den oberen Abschluß bildet ein runder oder polygonaler Schirm, manchmal mit nach oben gebogenen Ecken (Warabide oder Warabite), der oben oft ein "Juwel" oder eine Lotusknospe trägt.

Der häufigste und eleganteste Subtyp einer Tachi-doro (Tachi-dourou) ist die schlanke Kasuga-doro (Kasuga-dourou), benannt nach dem berühmten Schrein Kasuga-taisha in Nara. Der kleine Schirm besitzt sechs oder acht Kanten und ornamental nach oben aufgeworfene Ecken. Das Lampengehäuse ist vier- oder sechseckig. Ebenfalls sehr gebräuchlich ist die Yunoki-doro (Yuunoki-dourou), auch ein sehr alter, aus der Heian-Zeit stammender und ebenfalls beim Schrein Kasuga-taisha in Nara vorkommender Subtyp. Der Name deutet auf den Stamm des Zitronatzitronenbaumes (Citrus medica). Der Schirm ist schlicht und besitzt nie aufgeworfene Ecken. Der Schaft besitzt mehrere Ringe. Als Gravurmuster finden wir auf der Basis und auf der Plattform häufig das Lotusmotiv.

 

Abb. links: Kyoto, Toji-in. Abb. rechts: Kyoto, Eikando bzw. Zenrin-ji.

Die Ansprache des oberen "Knaufes" als Juwel leitet über zur Bedeutung der einzelnen Elemente. Genau wie bei einer Pagode oder bei einem Gorinto (Gorintou) besteht die Steinlaterne (Dai-doro) aus fünf gestalterischen Einzelabschnitten übereinander, die für die fünf Elemente gemäß buddhistischer Philosophie und Kosmologie stehen, nämlich Erde, Wasser, Feuer, Luft und Leere (Nichts). Die Grundplatte (Kiso), der Erdring, entspricht der Erde (Chi), der Schaft (Sao) entspricht dem Wasser (Sui), das Lampengehäuse (Hibukuro) dem Feuer (Ka), während die dem Himmel nächsten Abschnitte, Schirm (Kasa) und Juwel (Hoju, Houju oder Hoshu, Houshu, oft auf einem lotusblütenförmigen Unterbau, dem Ukebana), für Luft (Fuu) und Leere (Kuu) stehen.

Die ältesten Steinlaternen Japans stehen in und in der Nähe von Nara: Der Tempel Taima-dera in Katsuragi, Nara, besitzt eine geschätzt 1300 Jahre alte Steinlaterne aus der Asuka-Zeit, und der Schrein Kasuga-taisha in der Stadt Nara eine solche aus der Heian-Zeit vom Typ einer Yunoki toro, immerhin rund 850 Jahre alt. Aus der Kamakura-Zeit (1185-1333 AD) existieren noch über hundert Steinlaternen, davon drei im Nationalmuseum in Kyoto, alle aus Granit und knapp über 2 m hoch.

Der Kasuga-Schrein in Nara besitzt auch eine der größten Ansammlungen von Steinlaternen: Am Zugangsweg zum Schrein stehen über 2000 Steinlaternen, die sich über ein Jahrtausend als Spenden der Gläubigen angesammelt haben. Eine weitere große Ansammlung von Steinlaternen ist auf der Schreininsel Miyajima bei Hiroshima zu finden am Küstenweg zum Itsukushima-Schrein.

Unter einer "begrabenen" Laterne = Ikekomi-doro (Ikekomi-dourou) versteht man eine Steinlaterne, deren Basis direkt im Erdreich eingegraben ist, ohne sichtbare Sockelplatte. Auch hier werden mehrere Subtypen unterschieden.

Abb.: Himeji, Kokoen-Garten.

Daneben gibt es noch Steinlaternen auf mehreren (2-6) gebogenen Beinen, Ashitsuki-doro (Ashitsuki-dourou) oder Yukimi-doro (Yukimi-dourou). Aufgrund ihrer Konstruktion haben diese Laternen ein niedriges, fast geducktes Erscheinungsbild und werden daher ausschließlich als Gartenlaterne aufgestellt, z. B. an Teichen oder Wasserläufen, wo ihre niedrige Form gut zur Geltung kommt und als zur höheren Vegetation überleitendes gestalterisches Element verwendet wird. Teilweise werden sogar einige der Beine im Wasser plaziert. Der geduckten Form entspricht oft ein ausladender runder Schirm, aber auch polygonale Schirme kommen vor.

Manche Steinlaternen besitzen auch Pagodenform mit mehreren Pseudodachebenen übereinander über dem Lampengehäuse, wobei jede Etage durchbrochen gearbeitet ist.

Im Gegensatz zu den Steinlaternen werden Hängelampen als Tsuri-doro (Tsuri-dourou) bezeichnet, welche in den Tempeln und Schreinen an der Dachkonstruktion aufgehängt werden. Ein alternativer Name für diese aus Metall, oder Holz hergestellten, vier- oder sechseckigen Lampen ist Kaitomoshi.


Literatur, Links und Quellen:
Steinlaternen: https://en.wikipedia.org/wiki/T%C5%8Dr%C5%8D
Steinlaternen:
http://www.kuwayama-museum.jp/teien1%20tourou.htm
Jaanus - Dictionary of Japanese Architectural and Art Historical Terminology compiled by Dr. Mary Neighbour Parent:
http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/, insbesondere: http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/t/tourou.htm
Steinlaternen:
http://www.onmarkproductions.com/html/ishidoro.shtml - http://www.onmarkproductions.com/html/ishidoro-pt.html - http://www.onmarkproductions.com/html/kyoto-natl-museum-lanterns.html
Nicholas Bornoff, Michael Freeman: Things Japanese - Everyday Objects of Exceptional Beauty and Significance, 143 S., Verlag Periplus, 2014, ISBN-10: 480531303X, ISBN-13: 978-4805313039, S. 40-41
Steinlaternen in Gärten:
http://www.japanvisitor.com/japan-house-home/stone-lanterns


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