Bernhard Peter
Kyoto: Josho-ji


Lage, Erreichbarkeit und Touristisches
Der Josho-ji (Joushou-ji) liegt im Stadtbezirk Kita-ku, Bereich Takagamine (Adresse: 1 Takagamine Kitatakagaminecho, Kita-ku, Kyoto-shi, Kyoto). Er bildet den nordöstlichen Eckpunkt einer kleinen Gruppe von Tempeln, die außerdem noch den Genko-an, den Kenko-in und den Koetsu-ji umfaßt und die nacheinander zu besuchen sich anbietet. Die allgemeine Erreichbarkeit dieser Gruppe wird beim Koetsu-ji beschrieben, siehe das entsprechende Kapitel. Von der Bushaltestelle Takagamine Genkoan mae geht es ein kurzes Stück weiter in Fahrtrichtung des Busses, dann geht es noch vor der nächsten Kreuzung linkerhand vor einem größeren Parkplatz zum 50 m zurückgesetzt liegenden Tempeltor. Kirschblüte und Herbstlaubfärbung sind berühmt in diesem Tempel, deshalb wird es zu diesen jahreszeitlichen Höhepunkten hier sehr voll. Insbesondere die lange Allee der Kirschbäume entlang des Sando wird dann zum Besuchermagneten. Die restliche Zeit des Jahres fällt der Tempel wieder in touristischen Tiefschlaf.


Geschichte und Bedeutung
Der Josho-ji wurde in der frühen Edo-Zeit im Jahre 1616 gegründet. Er ist eng verbunden mit der Etablierung der Künstlerkolonie Koetsu-mura durch Honami Koetsu, aus deren Zentrum später der Koetsu-ji wurde. Der Josho-ji (Joushou-ji), der im Nordosten des Koetsu-ji liegt, wurde von Koetsus Sohn Kosa (Kousa) gegründet. Danach stand dem Tempel von Jakushoin Nichiken Shonin (Shounin) als Abt vor, und auch dieser Tempel gehört der Nichiren-Richtung des Buddhismus an. Jakushoin gründete dort ein Seminar (Danrin) der Glaubensrichtung, eines von insgesamt nur sechs in der Region Kansai. Früher war der Tempel wesentlich größer, hatte viel mehr Gebäude, als der jetzige Bestand ahnen läßt, und war einst Heimat für mehrere Hundert Mönche und vor allem Novizen, denn der Tempel war damals eine Ausbildungsstätte. Die beiden anderen Tempel der Künstlerkolonie Koetsu-mura waren der Myoshu-ji (Myoushuu-ji), benannt nach Koetsus Mutter Myoshu, und der Chisoku-an in der Nordwestecke des Areals.


Rundgang und Beschreibung
Man betritt den Tempel durch das San-mon oder Yoshino-mon, ein Satteldach-Tor mit zwei seitlichen Maueransätzen und einer kleinen Tür in der Mauer zusätzlich neben dem westlichen Torpfosten. Hinter dem Tor liegt rechterhand ein Schatzhaus (Hozo, Houzou).

Der Weg (Sando) führt gerade zur Haupthalle (Hondo), sie steht einstöckig erhöht auf einer über Stufen zu erreichenden Plattform und ist mit quergelegtem Walmdach, rechteckig vorgezogenem Vordach und einer rückwärtigen Verlängerung mit dem einzigen Giebel des Daches ausgestattet. Das auf den Papierlaternen zu sehende Tempelwappen (Ji-mon) zeigt ein spezielles Zitrusgewächs, die Tachibana-Orange mit Blüte und fünf Blättern (jap. Tachibana, bot. Citrus tachibana, Citrus reticulata tachibana) innerhalb eines Vierecks aus sich an den Ecken überkreuzenden Balken. Die Kalligraphie auf der Schrifttafel bedeutet "Sendan-rin", etwa soviel wie "heiliger Wald".

Vor der Haupthalle rechterhand liegt das Tempelbüro im Kuri. Auch die dahinterliegenden Gebäude gehören zum persönlichen Lebensbereich der Mönche. Gegenüber liegt auf der linken Seite des Sando und der Haupthalle ein Moosgarten (Koke-niwa). Im Eck zwischen Kuri und Hondo führt ein mit Glasdach versehender moderner Korridor zu einem dritten großen, aber modernen Gebäude. Nordwärts liegt dahinter der Friedhof. Links um die Haupthalle herum gelangt man in den Gartenbereich vom Typ eines Wandelgartens (Kaiyu teien, Kaiyuu teien), und auch von da gelangt man auf den Friedhof.

Auf dem Friedhof steht frei ein kleines Gebäude, das Mausoleum für den Gründer (Kaisan-byou), Nichiken Shounin. Dahinter liegt das durch einen hohen Steinpfeiler erkennbare Grab (Haka) von Yoshino Tayu (Yoshino Dayuu Haka), einer berühmten Edo-zeitlichen Geisha, die richtig Tokuko Matsuda hieß, 1606-1643 lebte und nach den Worten des Schriftstellers Saikaku Ihara die außergewöhnlichste Kurtisane aller Zeiten gewesen sein soll. Aufgrund ihrer Jugend und der Perfektion ihrer Darbietung u. a. auf den Instrumenten Koto (Wölbbrett-Zither), Shamisen (Langhals-Laute), Biwa (Kurzhals-Laute) und Sho (Mundorgel mit Bambuspfeifen) sowie in der Waka-, Renga- und Haiku-Dichtkunst, muß sie eine Sensation gewesen sein. Mit ihr ist eine tragische Liebesgeschichte verbunden. Sie und Haiya Joeki wurden ein Liebespaar, worauf jener von seinem Vater enterbt wurde. Erst als der Vater zufällig seine Schwiegertochter kennenlernte, von der er sofort fasziniert war, verzieh er seinem Sohn, und endlich konnten die Beiden heiraten und offiziell glücklich zusammenleben. Daher kommt der Name, den Yoshino = Schwiegertochter. Tayu bedeutet Geisha des obersten Ranges; sie war Geisha im Stadtteil Shimabara. Der Ausdruck "Tayu" wird heute nur noch im Stadtteil Shimabara in Kyoto und Shinmachi in Osaka verwendet; in der Edo-Zeit außerdem noch in Nagasaki und in Edo = Tokyo. Nur wer weibliche Schönheit und höchste Kunstfertigkeiten in sich vereinigte, konnte in diesen Rang aufsteigen. Heute gibt es dieses Rangsystem nicht mehr, aber es gibt noch Tayu in Shimabara; die Ausbildung verläuft direkt. Am zweiten Sonntag im April jeden Jahres findet hier eine Gedenkveranstaltung für die berühmte Kurtisane statt, zu der sich auch die aktuellen Tayu einfinden. Man sagt, daß sie eine Anhängerin des Priesters Nichiken Shonin wurde und auch für die Errichtung des Tores (San-mon) spendete, das darum Yoshino-mon heißt.

Der Garten, vom Typ eines Hofgartens (Naka-no-niwa), zwischen Friedhof und Haupthalle wird Ryou-ju-san no niwa genannt, Garten des Berges Ryou-ju. Auf dem Gelände befinden sich weiterhin zwei Tee-Örtlichkeiten (Chaseki "Ihoan" und Chashitsu "Jurakutei"), ersteres am Nordrand des Friedhofs und letzteres nordwestlich der Haupthalle am Waldrand. In einem dieser Teehäuser gibt es ein Rundfenster, lange nicht so bekannt und berühmt wie das des benachbarten Genko-an.

Westlich der Haupthalle kommt man zu zwei weiteren Gebäuden, die etwas abgesetzt von der restlichen Baugruppe stehen. Das kleinere und südlichere der beiden wird Josho-ji kishibo sonshin-do genannt, Halle der Göttin Kishibo. Kishibo oder Kishimo ist eine Dämonenmutter und kannibalistische Gottheit aus vorbuddhistischer Zeit, die selbst 500 Kinder hatte, sich und ihre eigenen Kinder mit den Kindern anderer Mütter ernährte. Siddhartha Gautama versteckte daraufhin eines ihrer eigenen Kinder, worauf sie erstmalig den Verlustschmerz empfand und eine 180-Grad-Wende hinlegte; ihre Geschichte wird so umgedeutet, daß sie jetzt als Beschützerin der Kinder gilt. In Sanskrit wird sie Hariti genannt. Eine alternative Bezeichnung im Japanischen ist Kishibo-jin oder Kishimo-jin = teuflische Muttergöttin. Bei den Anhängern des Nichiren-Buddhismus und der Lotos-Sutra hat diese Gottheit als Karitei-mo eine gewisse Beliebtheit.

Das größere und nördlichere der beiden Gebäude wird Tsunetomi-dono (tsune = immer, tomi = Reichtum, dono = Halle) genannt und ist ein Schrein für eine Wächtergottheit (Chinju-sha). Am Waldrand steht rechts daneben noch ein Schrein eines Drachengottes, der Myoho ryu jinja (Myouhou ryuu jinja).


Literatur, Links und Quellen
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.05548,135.7327448,19z - https://www.google.de/maps/@35.055434,135.7327769,90m/data=!3m1!1e3
Beschreibung des Tempels auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report282.html
Tempel auf Japan Visitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/joshoji
Yoshino Tayu:
https://www.japanallover.com/2016/10/women-of-kyoto-yoshino-tayu/
Yoshino Tayu:
https://japanese-wiki-corpus.github.io/literature/Yoshino%20Tayu%20(a%20courtesan%20of%20the%20highest%20rank).html
Yoshino Tayu:
https://secretsofjapan.net/Japan/women-of-kyoto-yoshino-tayu
Tayu in Kyoto:
https://japan-kyoto.de/eine-neue-geisha-obersten-ranges-tayu-kyoto/
Josho-ji auf Japan Hoppers:
https://www.japanhoppers.com/en/kansai/kyoto/kanko/577/
Josho-ji bei Damien Douxchamps:
https://damien.douxchamps.net/photo/japan/kyoto/north/josho-ji/
Josho-ji auf Wikipedia:
https://ja.wikipedia.org/wiki/%E5%B8%B8%E7%85%A7%E5%AF%BA_(%E4%BA%AC%E9%83%BD%E5%B8%82)
Auf der Seite Kyoto-design:
https://kyoto-design.jp/spot/2767
Auf Traditional Kyoto:
https://traditionalkyoto.com/traditional-areas/gion-shinbashi/


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