Bernhard Peter
Kyoto, Jakko-in (Ohara)


Lage und Erreichbarkeit
Der Jakko-in ist ein Tempel im Dorf Ohara (gesprochen: langes O am Anfang!) am Nordrand von Kyoto, das noch zum Stadtbezirk Sakyo gerechnet wird (Adresse: 676 Kusao-cho, Ohara, Sakyo-ku, Kyoto-shi, Kyoto-fu). Er liegt ganz abseits der anderen Tempel, westlich der Hauptstraße. Das Dorf ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur per Bus erreichbar. Von der örtlichen Bushaltestelle, die wenige Schritte südlich der Brücke über den Takano-Fluß liegt, folgt man der Straße bis zur Ampel, geht aber vor der Brücke hinter dem Soba-Restaurant nach links. Man kann auch in das moderne Gebäude der Bushaltestelle gehen und innen 90 Grad nach links abbiegen. Dann geht es die Stufen herunter etwas im Zickzack flußabwärts bis zum Restaurant Kirin, und dann überquert man den Fluß per Fußgängerbrücke und die Straße. Kleine braune Holzschilder mit weißer Schrift und weißen Pfeilen sind als Wegeweiser angebracht. Jenseits des Zebrastreifens geht es auf dem hellbraunen Schotterweg für Fußgänger und Radfahrer am Kusawajido-Park entlang weiter. Wenn sich die Straße gabelt, rechts halten. Die Straße endet abrupt vor einer Holzhütte, dort geht es scharf nach links, am Ende der Straße wieder scharf nach rechts. Man folgt der durch den westlichen Ortsteil führenden Straße in den Taleinschnitt hinein, bis rechterhand eine Mauer und hinter der Bachüberquerung nur noch Wald kommt, das ist genau der Punkt, an dem der Tempeleingang rechterhand liegt. Insgesamt ist das ein Fußmarsch von ca. 20 min. durch ländlich-lockere Bebauung mit Blick auf bewaldete Hügel und Äcker und Felder im Talgrund. Zu den Anreisemöglichkeiten per Bahn und Bus siehe beim Sanzen-in.

Der Tempel liegt abseits des Publikumsmagneten Sanzen-in und ist daher nicht so überlaufen. Insgesamt ist die Anlage recht klein und verträgt auch nicht viel Touristenansturm, deshalb ist es gut, daß der Extra-Weg manchen Besuchern von Ohara zu viel ist. Wer hierhin kommt, wird zwar nicht mit viel historischer Bausubstanz, aber mit sehr schönen Gärten belohnt. Am schönsten ist es hier natürlich im Herbst, nur ist man dann ganz und gar nicht allein. Und dann ist der Treppenaufgang zum Sanmon die malerischste Szenerie, die man garantiert nicht menschenleer photographieren kann.


Geschichte und Bedeutung
Die wirklichen Ursprünge des für Nonnen bestimmten Tempels sind nicht bekannt. Der Überlieferung nach wurde der Jakko-in im Jahre 594 von Prinz Shotoku (574-622) gegründet, um hier für die Seele seines Vaters zu beten, Kaiser Yomei (518-587, regierte 585-587). Dieser halbmythische Prinz lebte zur Asuka-Zeit und war eine der wichtigsten Gründergestalten für den japanischen Buddhismus. Zu der Gruppe der von diesem Prinzen gegründeten Tempel gehören jedenfalls der Hokki-ji, der Horyu-ji und der Chugu-ji in Ikaruga (Präfektur Nara) und der Shitenno-ji in Osaka. Die Amme des Prinzen, Tamateru-hime, die später unter dem Namen Ezen-ni bekannt war, wurde eine der ersten drei Nonnen Japans, und sie wurde die erste Äbtissin des Jakko-in.

Der Tempel hat eine Verbindung zur Geschichte der Heike (Taira) und der Minamoto, die Ende des 12. Jh. um die Vorherrschaft kämpften. Taira no Tokuko (1155-1213), die später unter dem Namen Kenrei Mon-in bekannt wurde, war die Tochter von General und Oberstem Regierungsminister Taira no Kiyomori (1118-1181), die Adoptivtochter von Kaiser Go-Shirakawa und die Frau von Kaiser Takakura (1161-1181), und sie war die Mutter des Kaisers Antoku. Sie zog sich nach der endgültigen Niederlage der Taira in der Seeschlacht von Dan-no-ura 1185, dem Finale einer langen Auseinandersetzung, als eine der wenigen Überlebenden hierhin als buddhistische Nonne zurück. Sie folgte ihrer Mutter und ihrem Sohn nach verlorener Schlacht absichtlich ins Meer, als das Ende unausweichlich war und ihre männlichen Verwandten entweder getötet worden waren oder Seppuku begangen hatten, doch sie wurde entgegen ihrer Selbsttötungsabsicht an der Haaren wieder aus der See gezogen und gerettet, nicht aber ihr sechsjähriger Sohn und ihre Mutter. Danach entschied sie sich für das Witwenschicksal und wurde Nonne. Sie leitete den Jakko-in als dritte Oberpriesterin und trauerte hier in der Waldeinsamkeit über den Niedergang ihrer Familie und den Verlust ihrer Verwandten. Deshalb findet der Tempel im Werk "Heike Monogatari" (Erzählungen von den Heike) Erwähnung.

Die Haupthalle wurde in der Edo-Zeit in der Keicho-Ära durch den Daimyo von Ibaraki und Tatsuta, Katagiri Katsumoto (1556-1615), neu erbaut. Die Anweisung dazu gab Yodo-dono (1567-1615), eine Konkubine und zweite Frau von Toyotomi Hideyoshi, der zugleich ihr Adoptivvater war. Sie war die Mutter von Toyotomi Hideyori. Diese früh-Edo-zeitliche Haupthalle wurde 2000 durch Brandstiftung zerstört und bis 2005 wiederaufgebaut. Aus der Edo-Zeit stammen nur noch das Eingangstor (San-mon) und der Glockenturm.

Der Jakko-in gehört heute wie die meisten Tempel in Ohara zur Tendai-Schule. Das war nicht immer so, früher mischten sich hier die Tendai-Richtung und der Reines-Land-Amidismus. Er trägt noch den Titel "Gyokusen-ji" und den Berg-Namen "Seiko-zan". Das hier verehrte Hauptkultbild ist ein Rokumantai Jizo Bosatsu, ein Jizo der 60000 Formen. Deshalb trägt das Goshuin (Pilgerstempel) auch in der schwarzen Kalligraphie (Sumigaki) den Wortlaut "Jizo-son", Jizo-Kultbild.


Rundgang und Beschreibung:
Der Zugang zum Tempel liegt auf der Südseite. Die Gästehalle mit dem Ticketbüro (Kyakuden mit Uketsuke) liegt auf der rechten Seite des Weges. Hinter diesem befindet sich ein weiterer Zugang (Goryo sando) mit Steinstufen (Ishidan). Das eigentliche Tempeltor, das San-mon, liegt zurückgesetzt weiter im Norden und höher am Hang. Man erreicht es nach Passieren des auf der linken, westlichen Seite des Weges gelegenen Schatzhauses (Museum, dort sind auch sanitäre Anlagen) über einen von uralten Bäumen gesäumten Treppenweg (Sando ishidan). Die Stufen steigen zwischen den Baumstämmen wie in einem Säulengang empor, und das ist einer der schönsten in einen Tempel hineinführenden Wege.

Nach Passieren des Edo-zeitlichen San-mon sind die Gebäude übersichtlich: Geradeaus im Norden liegt die relativ kleine Haupthalle (Hondo), wie gesagt, in ihrer aktuellen Substanz ein Wiederaufbau aus der Zeit 2000-2005, nachdem der Vorgängerbau samt Kultbild durch Brandstiftung verloren ging. Sie ist nur drei Pfostenabstände breit. Innen wird die Figur des Rokumantai Jizo Bosatsu als Hauptkultbild verehrt, auch diese ist eine Nachbildung des stark durch den Brand beschädigten Originals aus der Kamakura-Zeit, das als wichtiges Kulturgut eingestuft war. Die Überreste des Originals werden noch aufbewahrt und im kleinen Museum an wenigen Tagen im Jahr ausgestellt. Das Original sieht noch genau so aus, wie man es verkohlt aus der Brandruine geborgen hat. Und dennoch, im Vergleich dazu wirkt die Rekonstruktion mit dem plumpen weißen Gesicht, den roten Lippen, den knalligen Farben ästhetisch flach und künstlerisch billig. Von den weit über dreitausend winzigen Jizo-Figuren im Innern haben alle die Katastrophe des Jahres 2000 überlebt; einige davon werden in Reihen aufgestellt hinter der großen Figur gezeigt. Diese Mini-Jizos repräsentieren die 60000 Erscheinungsformen des großen Jizo. Weiterhin sind in der Haupthalle zwei sehr ähnliche hölzerne Figuren aufgestellt, welche die Nonnen  darstellen sollen, Awa-no-naishi und Kenrei mon-in, erstere eine Tochter von Fujiwara-no-Michinori und die Hofdame und Aufwärterin der letzteren.

Vor der Haupthalle liegt der Vordergarten mit einem Koi-Teich. Ganz links geht es zum hinteren Tor (Uramon, Tsuyomon). Im Nordosten liegt der Shoin, an den hinten die Küche stößt. Dort steht auch noch ein Lagerhaus (Dozo). Hinter dem Korridor, also im Osten der Haupthalle und im Norden des Shoin, liegt im Nordgarten (Kita teien) der Gartenteich Shiho-shomen-no-ike. Wieder zurück zur Vorderseite: Im Eck zwischen Shoin und Hondo, die durch einen gewinkelten Korridor (Watari-roka) miteinander verbunden sind, steht eine besondere Laterne aus Metall, die Yukimi-doro genannt wird. Ihr Dach wird wie ein umgedrehter Blütenkelch mit zwiebelförmig abgesetzter Spitze. Der Laternenkörper ist mit durchbrochen gearbeiteten Kiri-Motiven geschmückt, Paulownienblütenstände mit Blättern, was auf den Spender dieser Laterne verweist, Toyotomi Hideyori (nicht Hideyoshi, wie im Tempel-Faltblatt steht). Denn erst Hideyori war verantwortlich für die Neugestaltung der Gärten. Diese Laterne stand einst in der Burg Fushimi und wurde dem Tempel von dem Sohn des zweiten Reichseinigers geschenkt, als seine Mutter den Tempel wiederherstellen ließ. Südlich vom Shoin befindet sich das Teehaus (Chashitsu) Ko-un (wörtlich: "einsame Wolke"). Ein lockerer Bambuszaun trennt den Bereich vom Hauptweg ab, ein Tor mit zwei Pfosten und einem geraden, moosüberzogenen Satteldach gibt Zugang. Ganz im Westen steht der Edo-zeitliche Glockenturm (Shoro).

Im Garten stehen links (westlich) von der Haupthalle die Überreste des Stammes einer mehr als tausendjährigen Kiefer (Hime ko-matsu), die so alt ist, daß sie schon im "Heike Monogatari" erwähnt wird, aber bei dem Brand im Jahre 2000 vernichtet wurde. In der Überlieferung ist sie der Hintergrund für das traurige letzte Lebewohl zwischen der in Armut und Zurückgezogenheit lebenden Prinzessin und ihrem Adoptivvater, der sie 1186 hier besuchte, weshalb sie Prinzessinnen (Hime)-Kiefer genannt wird.

Im Nordosten befindet sich ein dreistufiger Wasserfall (San-dan-no-taki, 3-Stufen-Genitivpartikel-Wasserfall). Die einzelnen Ebenen sind ein wenig gegeneinander versetzt und verdreht, dazu sind die Felsen moosüberzogen, am Wasserbecken wachsen Hortensien, insgesamt eine sehr malerische Ecke. Von hier nimmt der kleine Bach seinen Ausgang, der dann an der Haupthalle und der zuvor beschriebenen Laterne entlang fließt bis zum Teich Shinji-ike in der Nähe des Glockenturmes. Etwas abgesetzt im Nordosten der Anlage, hinter dem Shoin, wird das Grab von Kenrei-mon-in gezeigt. Viel mehr als einen Steinzaun und ein graues Torii (typisch Meiji-zeitliche Herrichtung des Grabes) gibt es nicht zu sehen. Ihr ehemaliges Wohnhaus (Kenrei-mon-in goanjitsu iseki) ist nur noch eine Ruine, ein Fundament unter hohen Bäumen westlich der Tempelanlage, nahe der Stichstraße, die zu einem Speichergebäude (Shuzo-ko) führt, das nur an wenigen Tagen im Jahr geöffnet hat. Eine moderne Steinstele mit Inschrift erinnert an die Bedeutung dieser Stelle. In der Nähe sind auch die Überreste eines Brunnens, den Kenrei-mon-in benutzt haben soll.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.1238352,135.8214814,19.6z - https://www.google.de/maps/@35.1238352,135.8214814,142m/data=!3m1!1e3
Jakko-in auf Japan Travel Manual:
http://jpmanual.com/en/jakkoin
Jakko-in auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report132.html
Webseite des Tempels:
http://www.jakkoin.jp/en/
Ohara:
https://kyotofukoh.jp/report137.html
auf Japan Visitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/jakkoin
Ohara auf Japan Guide:
https://www.japan-guide.com/e/e3932.html
auf Kyoto Travel:
http://kyoto.travel/de/shrine_temple/186
auf Discover Kyoto:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/ohara/jakko/
Ohara:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/ohara/
Seeschlacht von Dan-no-ura:
https://de.wikipedia.org/wiki/Seeschlacht_von_Dan-no-ura - https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Dan-no-ura
Seeschlacht von Dan-no-ura:
https://samurai-world.com/the-battle-of-dan-no-ura/
Seeschlacht von Dan-no-ura:
https://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Battle_of_Dan_no_Ura
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186
Judith Clancy, Ben Simmons: Kyoto - City of Zen, 144 S., Verlag Tuttle Shokai Inc. 2012, ISBN-10: 4805309784, ISBN-13: 978-4805309780, S. 90-91
Ian Littlewood, Ayumi Oe Littlewood: Kyoto Without Crowds, A Guide to the City's Most Peaceful Temples and Gardens, 264 S., CreateSpace Independent Publishing Platform, 1. Auflage 2018, ISBN-10: 1978158998, ISBN-13: 978-1978158993, S. 216-219


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