Bernhard Peter
Kyoto: Shinnyodo (Shinsho Gokuraku-ji)


Lage und Erreichbarkeit
Der Shinnyodo (Shinsho Gokuraku-ji) ist ein Tempelkomplex im Stadtbezirk Sakyo (82 Jodoji Shinnyo-cho, Sakyo-ku, Kyoto-shi), Stadtviertel Okazaki. Er liegt auf einem Hügel westlich der Hauptverkehrsachse Shirakawa Dori. Der Komplex liegt etwa in der Mitte der Verbindungsachse zwischen Heian-Schrein und Ginkaku-ji, südöstlich des Berges Yoshida-Yama. Der Tempelkomplex nimmt den Nordteil des Hügels ein, wobei südlich angrenzend der Bereich des Kurodani (Konkai Komyo-ji) liegt. Das gesamte Gelände erstreckt sich über ca. 270 m in West-Ost-Richtung und ca. 200 m in Nord-Süd-Richtung.

Bezugspunkt für die Anreise sei wieder der Hauptbahnhof von Kyoto, von dem der Tempel ca. 6 km Luftlinie entfernt ist: Am besten fährt man mit der U-Bahn, Karasuma Line, nordwärts bis zur Haltestelle Marutamachi, an der Südwestecke des Kaiserpalastgeländes. An der Bushaltestelle Karasuma Marutamachi bekommt man die Linie 204, die man gerade ostwärts und dann ein Stück nördwärts bis zur Haltestelle Kinrinshakomae nimmt (14 min., 9 Stops). Von da sind es ca. 600 m zu Fuß bis zum Hondo, wobei man von Norden her auf den Hügel steigt. Man kann mit der Karasuma Line auch eine Haltestelle weiter fahren bis Imadegawa, dort bekommt man an der Haltestelle Karasumaimadegawa den Bus Nr. 203. Mit diesem fährt man ostwärts bis zur Haltestelle Kinrinshakomae (17 min., 9 Stops). Alternativ kann man auch ganz den Bus ab Hauptbahnhof nehmen: Die Linie Raku 100 fährt ab Kyoto Ekimae, Ausstieg nach 13 Stops bzw. 34 min. Fahrzeit an der Haltestelle Honeninmachi, von da sind es wiederum 600 m bis zur Haupthalle des Tempels. Eine andere Variante ist, ab Kyoto Ekimae mit der Bus-Linie 5 bis zur Haltestelle Shinnyodomae (18 Stops, 40 min.). Der Besuch läßt sich gut verbinden mit dem des Philosophenweges, des Kurodani und des Yoshida jinja. Zurück zum Hauptbahnhof ist es am günstigsten, ab der Haltestelle Kinrinshakomae wieder den Bus Raku 100 zu nehmen (18 Stops, 38 min.). Die Karasuma Line der U-Bahn erreicht man ab Kinrinshakomae entweder mit dem Bus 204 oder 93 bis Karasuma Marutamachi oder mit dem Bus 203 bis Imadegawa. Der Besuch läßt sich gut kombinieren mit dem des Yoshida-Schreines, des Munetada-jinja, des Saijosho Daigengu, des Kurodani und des Philosophenweges und mit dem des Heian-Schreines.

Das Gelände ist frei zugänglich, der Bereich mit Shoin, Kuri und den drei Gärten ist eintrittspflichtig, ebenso das Innere der Haupthalle. Der Aufbau des Tempels im Ganzen und die Gebäude im einzelnen folgen typischen Erwartungen. Keines der Gebäude ist älter als 1693; keines der Gebäude ist besonders spektakulär. Und dennoch ist die Anlage von großer Schönheit. Was den Tempel unter seinesgleichen heraushebt, sind zum einen die Lage auf dem innerstädtischen Hügel mit schönen Ausblicken, der Luxus des weitläufigen Geländes, die Anmut der Einbettung der Gebäude in die Natur und zum anderen ein ganz besonderer Garten, ein hochinteressanter moderner Steingarten. Das alles macht den Tempel zu einem unbekannten Juwel. Der Tempel ist gering besucht; die Touristen sind alle am Philosophenweg und haben diesen Tempel nicht auf dem Schirm. Und die engen Straßen, die zum Tempel führen, können von Tour-Bussen nicht befahren werden - gut für den Liebhaber beschaulicher Tempel ohne Massenandrang. Aufgrund der vielen Ahorne ist der Tempelbezirk ein 1A-Platz während der Ahorn-Saison (Momiji) und ist entsprechend bekannt, aber immer noch nicht überfüllt wie andere nahe Tempel. Aber solange die Ahorne hell- oder dunkelgrün sind (Ao-Momiji, ao-i = blaugrüne Farbe, diese Farbbezeichnung wird für die frischen, neuen Blätter genommen), ist der Besucherandrang gering, da gehört der ruhige Tempelbezirk den Einheimischen. Weil der Tempel so wunderbar einem idealen Edo-zeitlichen Tempel entspricht und viel Platz hat, dient er öfter mal als Filmkulisse für Samurai-Dramen. Das Goshuin des Tempels trägt den Wortlaut "Muryoju", eine Bezeichnung für Amida Nyorai.


Geschichte und Bedeutung
Der Name Shinnyo-do bedeutet "Wahrheits-Halle" und ist eigentlich nur der Name der Haupthalle, der aber als pars pro toto für den ganzen Tempel verwendet wird. Die alternative Bezeichnung ist der formelle Name Shinsho Gokuraku-ji, das bedeutet "wahrer Paradiestempel" oder "Tempel des wahren Paradieses". Und dann gibt es noch den Berg-Namen: "Reisho-zan".

Der Shinnyodo wurde im Jahre 984 (Eikan 2) durch Kaisan Syonin gegründet, als Ableger des Enryaku-ji auf dem Berg Hiei. Seine Anfänge erlebte der Tempel in einer kaiserlichen Villa, die einst der Mutter des Kaisers Ichijo gehörte. Er gehört zur Tendai-Schule. Das hier verehrte Hauptbild (Honzon) ist ein stehender Amida Nyorai, von Jikaku Daichi (Ennin, 794-864) angefertigt, der aber nur einmal im Jahr im Rahmen einer speziellen Zeremonie am 15. November öffentlich gezeigt wird. Mit der Übernahme dieses bisher im Enryaku-ji aufgestellten Kultbildes beginnt die Tempelgeschichte. Im Onin-Krieg (Onin-no-ran, 1467-1477) wurde der Tempel niedergebrannt, aber das Hauptbild konnte gerettet werden. Alle heutigen Gebäude stammen aus späterer Zeit, und auch die Stelle ist eine andere, denn der Tempel wurde mehrfach verlegt. Eine erste Rekonstruktion gab es 1484 mit Hilfe einer Spende von Shogun Ashikaga Yoshimasa. Um das Jahr 1500 wechselte der Tempel zur Jodo-shu. Die Haupthalle wurde 1604 (Keicho 9) mit einer Spende von Toyotomi Hideyori neu erbaut. 1661 brannte sie wieder ab, wurde 1690 wiederaufgebaut, 1692 wieder zerstört. 1693 wurde der Tempel auf Befehl von Kaiser Higashiyama wieder aufgebaut und dabei an den heutigen Standort verlegt, so daß dies die Untergrenze für das Alter aller Gebäude darstellt. Gleichzeitig kehrte der Tempel wieder zum Tendai-Buddhismus zurück. 1717 (Kyoho 2) wurde die Haupthalle wieder aufgebaut. Die Pagode wurde 1817 erneuert.

Der Tempel ist weiterhin eine Station auf dem Rakuyo-Kannon-Pilgerweg, der insgesamt 33 Kannon-Tempel in der Stadt Kyoto miteinander verbindet, am Rokkaku-do (Chobo-ji) beginnt und durch die Stadtbezirke Nakagyo-ku, Kamigyo-ku, Shimogyo-ku, Sakyo-ku, Higashiyama-ku und Minami-ku führt, bis er am Seiwa-in in Kamigyo-ku endet. Die Anzahl 33 orientiert sich an den 33 Erscheinungsformen der Kannon. In den verschiedenen Tempeln, manchmal in einem eigenen Kannon-do (Kannon-dou, Kannon-Halle) stehen jeweils als Hauptkultbild (Honzon) verschiedene Erscheinungsformen des Bodhisattvas der Barmherzigkeit. Der Shinnyodo (Shinsho Gokuraku-ji) ist die 5. Station und wird nach dem Kodo (Gyougan-ji) in Nakagyo-ku angelaufen. Hier wird eine elfgesichtige Kannon (Juichimen Kannon) im Shin Hase-dera verehrt. Danach geht es weiter nach Süden zum nahen Kuradani (Konkai Komyo-ji).


Rundgang und Beschreibung
Man kann sich dem Ziel von jeder der vier Seiten des von der Anlage des Tempels eingenommenen Rechtecks nähern. Der Hauptzugang liegt im Westen (Omote Sando, Nishi-Sando). Hier, in der Nähe zum Mausoleum des Kaisers Yozei, steht 40 m vom Straßenrand quer auf dem Weg das erste Tor, das 1695 errichtete So-mon oder Aka-mon (wegen der Farbe des Anstrichs "Rotes Tor"), ein einstöckiges Tor mit Satteldach. Es ist als wichtiges Kulturgut der Präfektur Kyoto gelistet. Dahinter läuft der Weg (Sando) in gerader Fortsetzung nach Ostsüdosten auf die Haupthalle (Hondo) zu. Auf der Höhe des So-mon liegen rechts und links erste Subtempel. Nach einer leichten Steigung mit weit auseinanderstehenden Stufen passiert man rechterhand südlich des Weges die dreistöckige Pagode (Sanjunoto, San-juu-no-tou, Hokke-to, Kulturgut der Präfektur Kyoto). Die 30 m hohe Pagode wurde 1817 (Bunka 14) erneuert. Die Ecken der Dächer tragen Onigawara, Endziegel mit Dämonenfratzen. An der Nordecke der Pagode steht eine Jizo-Halle (Kamakura Jizo-do) für den Kamakura-Jizu Bosatsu. An der Ostecke der Pagode ist das Waschbecken für die rituelle Reinigung zu finden (Chouzusha = Temizuya, Aka-sui). Hinter der Pagode liegt ein Stück weiter südlich hinter einem besonderen Ahorn (Blumen-Ahorn; die Laubfärbung wandert im Herbst von der Bauspitze beginnend nach unten, so daß es eine Zeitspanne gibt, in der die Baumspitze rot, die Baummitte gelb und das Baumunterteil grün sind) die Kannon-Halle (Agatai Kannon-do) mit einer Nyoirin Kannon im Inneren.

Auf der Nordseite des Weges befinden sich ein Chadokoro (Teestube) mit sanitären Anlagen und östlich daneben eine Jizo-Halle (Sentai-jizo-do, 1000 - Zählwort für Körper - Jizo). Das Gebäude wurde 1780 errichtet. Ein Stück weiter ist rechterhand südlich des Weges mit ca. 40 m Abstand der Glockenturm (Shoro) aus dem 18. Jh. zu sehen, mit Satteldach und Bonsho (Bronzeglocke). Weiter östlich folgt die Halle San-sen-butsudo (san = drei, sen = tausend, butsu = Buddha, do = Halle, also Halle der dreitausend Buddhas). Zwischen diesem und der Haupthalle befindet sich ein Glycinien-Klettergerüst (Fujidana). Neben der Halle San-sen-butsudo ist ein sitzender Buddha Amida (Amida nyorai robutsu zazo) zu sehen, weiterhin ein Stein-Buddha (Sekibutsu-gun). Weiter östlich auf Höhe der Schmalseite der Haupthalle steht ein besonderer Kirschbaum (Tate ka wa sakura).

Wieder zurück zum Hauptweg: Genau gegenüber dem Glockenturm auf der Nordseite des Weges steht in ca. gleichem Abstand zu diesen die Halle Ganzan-daishi-do, einstöckig mit Irimoya-Dach (Kulturgut der Präfektur Kyoto). Sie ist Edo-zeitlich und wurde 1696 erbaut; innen wird Ganzan Daishi (Ryogen) verehrt. Auf halber Strecke zwischen dieser Halle und der Haupthalle liegt ein Teich (Ike), mit einem Benten-Schrein (Schrein für Benzaiten) auf der Insel (Akazaki Benten-do). In der Nähe des südlichen Ufers stehen zwei Denkmäler. Mitten auf dem gepflasterten Sando steht eine Steinlaterne; die Pflasterung weitet sich hier zu einem langgezogenen Sechseck.

Die 1717 (Kyoho 2) fertiggestellte einstöckige Haupthalle (Hondo, wichtiges Kulturgut) trägt ein Irimoya-Dach. Rechterhand wächst vor der Front ein Bodhi-Baum (Bodaiju). Vor der Haupthalle ist auch eine steinerne Pagode zu sehen, genannt Hokyoin-to. Im eintrittspflichtigen Inneren der Haupthalle werden u. a. eine Statue von Monju Bosatsu (Manjusri) und Saicho dem Gründer des Tendai-Buddhismus, aufbewahrt. Zweimal jährlich werden zwei riesige Gemälde gezeigt, eines mit dem ins Nirvana eingehenden (sterbenden) historischen Buddhas Shakyamuni (Nehan-zu) und eines mit einem Mandala des Reinen Landes. Weitere Schätze des Tempels sind sechs Bände der Lotus-Sutra, Malereien aus der Zeit des Onin-Krieges und weitere Mandalas. Hinter der Haupthalle wachsen Ahorne, und hier mündet der über die östliche Steilflanke hochführende Aufstieg (Higashi sando, Ost-Zuweg). Dort stehen zwei weitere Gebäude, der Sutrenspeicher (Kyozo) und das Schatzhaus (Hozo).

An der nordöstlichen Ecke ist ein gedeckter Korridor (Watari-Roka, Rouka) angesetzt, der nordwärts mit den anderen eintrittspflichtigen Tempelgebäuden verbunden ist. Rechts weit im Osten abgesetzt liegt jenseits der Gartenmauer und dem Shoin-mon eine Halle für den Medizin-Buddha (heilender Buddha), die Halle Yakushi-do (Ishi-Yakushi-do), Showa-zeitlich und 1966 erbaut. Es ist das letzte Gebäude vor dem Steilhang. Wenn man sich nach Durchschreiten des Korridors nach rechts wendet, gelangt man zum Shoin, entgegen dem Uhrzeigersinn weiter zu einer Buddha-Halle (Butsuden oder Ihai-dono oder Ihai-den, weil hier Ihai aufbewahrt werden, die Holzbretter mit den Namen von Toten der Familie Mitsui). Über dem Architrav des Gebäudes ist das Familienwappen der Mitsui zu sehen (s. u.). Hinter diesem liegt im Nordosten abgesetzt die Gründerhalle (Kaisan-do). In diesem Tempelbereich (Shoin) gibt es ein paar Räume mit interessanten bemalten Schiebetüren, in monochromer Technik bemalt von Maegawa Bunrei (1837-1917) und Suzuki Shonen (1848-1918). Modernere Arbeiten stehen in der Tradition des Malers Maruyama Okyo; die Künstler wurden von der Mitsui-Familie gefördert.

Zurück zum Ende des Watari-Roka: Im Uhrzeigersinn kommt man zum großen formellen Eingang, dem Dai-Genkan. Dahinter liegt der Honbo. Nach links gelangt man zum Kuri (Küchenbau, persönlicher Lebensbereich der Mönche) und zum Shinnyo-sanso-Tempel (Shin-nyo = Wahrheit).

Noch eine Anmerkung zum Ost-Zugang, der von der Bushaltestelle Shinnyodo Mae aus gut zu erreichen ist: Der Weg ist sehr steil, aber dennoch ganz nett wegen der aufmunternden Wegweiser: Auf "Shinnyodo - noch 100 m, kämpfe!" folgt "noch ein bißchen" und schließlich "noch 20 m, bitte anstrengen!". Man nähert sich der Haupthalle von der Rückseite, kommt am Sutrenspeicher, Banrei-do (mit einem Jizo Bosatsu innen) und Schatzhaus vorbei und entdeckt die Gebäude im dichten Ahorn-Wald zuerst, geht an Hortensien vorbei, ehe man die Vorderseite mit den geraden, gepflasterten Wegen findet.


Gärten
Angrenzend an die Gruppe der Gebäude des Haupttempels sind drei Gärten (Teien) zu finden. Ringsum umbaut ist der Zuien-no-niwa ("Garten der Verbindung"), im Norden bis an die Buddha-Halle (Butsuden, Ihaidono) heranreichend. Dieser Garten fällt durch seine kraftvollen Linien und seine mutige Farbigkeit der unterschiedlichen Stein- und Kiessorten auf. Unregelmäßige Vierecke umschließen gevierte Quadrate und sind mit weißen, gelben und aschgrauen Kiesflächen bestückt. Die geharkten Linienmuster gehen über die steinernen Feldergrenzen hinweg. Einerseits sind die Felsen in den Mustern plaziert, andererseits setzen sie sich über die Feldergrenzen hinweg, als würden sie nicht für sie gelten. So entsteht ein spannungsgeladendes Miteinander der Flächen, die übergreifend verbunden werden. Grenzen und Grenzüberschreitung, Trennen und Verbinden sind die beherrschenden Gestaltungselemente. Es ist ein modernes und erfrischend mutiges Gartendesign, im Jahre 2010 entworfen von Chisao Shigemori, dem Enkel des berühmten Gartenarchitekten Mirei Shigemori. Genauso wie in dessen Gärten fallen auch hier die vertikale Dynamisierung durch aufgerichtete Felsen und die Erzeugung von Spannung durch Linien auf, aber in einer eigenen, einzigartigen Interpretation, die den eigentlich recht kleinen Garten mit einer kraftvollen Dynamik füllt. Die quadratischen Flächen, die in sich noch einmal vertikal und horizontal geteilt sind, stellen ein Ka-mon (Familienwappen) der Familie Mitsui (Mitsui-ke) dar, und zwar dasjenige eines Wohltäters des Tempels. Es besteht aus vier zu einem Quadrat zusammengestellten Quadraten (genannt Yotsumeyui, ähnlich dem der Kutsuki in Burg Fukuchiyama, aber nicht auf die Spitze gestellt wie jenes). Die Familie stammt ursprünglich aus der Provinz Omi und wurde in der späten Edo-Zeit eine der reichsten und prominentesten Familien Japans, die ein zeitweise aus ca. 150-270 Unternehmen bestehendes Wirtschaftsimperium leitet. Nach Umgruppierung ist heute die Anzahl geringer, dafür sind die Komplexe aus Handel, Bergbau und Bankwesen größer. Diese Familie hatte bereits beim Wiederaufbau des Tempels gegen Ende des 17. Jh. eine bedeutende Rolle gespielt, und seitdem ist es ihr Familientempel geblieben.

Im Osten am steil abfallenden Berghang befindet sich hinter dem Shoin der Garten Nehan-no-niwa, der Nirvana-Garten. Er heißt so, weil hier gestalterisch oben erwähnte Gemälde vom Ableben des historischen Buddhas thematisch aufgegriffen wird: Die vier großen Steine in der Mitte mit dem langen Mooshügel stellen Buddha dar, wie er auf der Seite liegt. Der Kopf befindet sich im Norden, das Gesicht blickt zum westlichen Paradies. Andere Steine drum herum stellen seine Schüler dar, die Buddhas Tod erleben. Der Strom aus Kies stellt den Fluß Ganges dar. Dieser 1988-1990 von Sone Saburo angelegte Garten verwendete ursprünglich das Prinzip der geborgten Landschaft (Shakkei). Hinter den Büschen und Bäumen waren in der Ferne die Higashiyama-Berge (Ostberge) als Hintergrund zu sehen, insbesondere der Berg Daimonji-yama, ein Teil der Higashiyama-Sanju-Roppo, der 36 Ost-Berge. Als mehr und mehr Hochhäuser gebaut wurden, wuchsen diese in die Szenerie hinein und störten den gestaffelten Aufbau der Landschaftskulisse. Infolgedessen wurde 2004 als Gartenabschluß eine doppelte Hecke gepflanzt, die niedrigere gerade, die höhere unregelmäßig kurvig. Mit der geborgten Landschaft ist es nun im unteren Teil vorbei, nur oben ragen die fernen Hügelgipfel über die Hecke. Aber auch das wird mit zunehmendem Wachstum von Häusern und Hecke bald verlorengehen.

In einem dritten Garten ist eine besondere Steinlaterne hervorhebenswert, die aus dem 14. Jh. stammt (Kamakura-Zeit) und noch vollständig aus Originalteilen besteht. Sie kommt aus dem Tomyo-ji ("Tempel des östlichen Lichts"), der ein Subtempel des Kofuku-ji war. Der Tomyo-ji war erst ein Tendai-Tempel, wandte sich aber dann 1663 unter dem neuen Abt Nichiben dem Nichiren-Buddhismus zu. Heute existiert er nicht mehr; einige Gebäude und deren Teile wurden im Park Sankeien in Yokohama wiederverwertet. Etwa in der Zeit, als 1751 die Haupthalle repariert wurde, verkaufte der Tempel die alte Steinlaterne an die Familie Mitsui, damit Liquidität für die notwendigen Reparaturen hereinkam. Der Shinmachi-Zweig der Mitsui-Familie brachte die originale Steinlaterne (Ishidoro) nach Kyoto in ihre Familienresidenz und gaben dafür dem Tomyo-ji eine Kopie. Der Investor und Sammler Mitsui Takanaru (1896-1986) setzte die originale Steinlaterne 1955 in sein Haus in Tokyo um. Aus Anlaß seines 90. Geburtstages schenkte er 1985 die Steinlaterne dem Shinnyodo, weil die Familie diesen Tendai-Tempel protegierte. Die Kopie aus dem 18. Jh. steht weiterhin vor dem Lagerhaus auf dem Gelände des ehemaligen Tomyo-ji. Beide Lampen haben einen wesentlichen Unterschied: Das Original trägt auf einer seiner sechs Seiten ein Relief der elfköpfigen Kannon. Die Kopie hat dort aber statt dessen einen Drachen in Wolken. Dann gibt es noch in diesem Bereich des Shinnyodo einen kleinen Teegarten, Cha-niwa.


Friedhof
Südlich der Haupthalle liegt ein ausgedehnter Friedhof, der bis zu dem Weg reicht, welcher das Tempelgelände von dem des Kurodani trennt. Im westlichen Abschnitt des Gräberfeldes befindet sich das Grab von Eikichi Ishida. Ein anderes hervorhebenswertes Grab ist das von Mukai Gensho (7.3.1609-25.11.1677), der u. a. als Neo-Konfuzianer Bedeutung erlangte und mit seinen medizinischen, astronomischen und arzneikundlichen Studien zur wissenschaftlichen Entwicklung im 17. Jh. beitrug. Er lebte in einer Zeit, in der aus dem Ausland nach Japan gekommene medizinische Traktate eine lebhafte wissenschaftliche Auseinandersetzung hervorrief. Er ist der Verfasser zahlreicher Schriften. Er wirkte zuerst in Nagasaki, zog aber 1658 nach Kyoto, wo er auch verstarb. Neben seinem Grab sind hier auch diejenigen seiner Nachfahren zu sehen.


Subtempel
Es gibt mehrere Subtempel (Tatchu) auf dem Gelände: Nördlich des So-mon liegt der Dakiniten States Temple, der Hoden-ji mit einer Darstellung von Dakiniten, dazu ein Shinto-Schrein, der Horin-in, der Shorin-in und der Jizo-an. Südlich des So-mon liegen der Kakuen-in und der Toyo-in. Wo sich der Bereich öffnet, liegen noch vor Erreichen der Pagode nördlich des Hauptweges jenseits des Querweges der Rishoin, der Kiun-in und der Shinchokoku-ji, südlich des Hauptweges der Kissho-in.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.0216257,135.7892078,19.29z - https://www.google.de/maps/@35.0216257,135.7892078,179m/data=!3m1!1e3
Shinnyodo als Kannon-Pilgerstation:
https://rakuyo33.info/05.htm
eigene Webseite:
http://shin-nyo-do.jp/
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 87-88
Judith Clancy, Ben Simmons: Kyoto Gardens - Masterworks of the Japanese Gardener's Art, 144 S., Verlag: Tuttle Shokai Inc. 2015, ISBN-10: 4805313218, ISBN-13: 978-480531321334, S. 34-37
Ian Littlewood, Ayumi Oe Littlewood: Kyoto Without Crowds, A Guide to the City's Most Peaceful Temples and Gardens, 264 S., CreateSpace Independent Publishing Platform, 1. Auflage 2018, ISBN-10: 1978158998, ISBN-13: 978-1978158993, S. 111-114
auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report189.html
auf Japan Travel Manual:
http://jpmanual.com/en/shinnyodo
auf Japan-Kyoto:
https://japan-kyoto.de/tempel-shinnyodo-in-kyoto/
Seite der Stadt Kyoto:
http://kanko.city.kyoto.lg.jp/detail.php?InforKindCode=1&ManageCode=1000127
auf Kyoto Project:
http://thekyotoproject.org/francais/shinnyo-do/
auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Shinsh%C5%8Dgokuraku-ji - https://ja.wikipedia.org/wiki/%E7%9C%9F%E6%AD%A3%E6%A5%B5%E6%A5%BD%E5%AF%BA
auf Japan Guide:
https://www.japan-guide.com/e/e3970.html
auf Inside Kyoto:
https://www.insidekyoto.com/shinyo-do-temple
auf GaijinPot:
https://travel.gaijinpot.com/shinnyo-do-temple/
Tale of Genji:
http://www.taleofgenji.org/shinnyodo.html
Bei Asano Noboru:
http://kyoto.asanoxn.com/places/okazaki/shinnyodo.htm
auf Japan Visitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/shinnyodo
auf Japanhoppers:
https://www.japanhoppers.com/de/kansai/kyoto/kanko/835/
auf Travelcaffeine:
https://www.travelcaffeine.com/shinnyodo-temple-info-kyoto-japan-tips/
auf Trip Kyoto:
http://eng.trip.kyoto.jp/spot/db/shinnyodo/
Zur Steinlaterne aus dem Tomyo-ji: Sherry Fowler: Locating Tomyoji and its "Six" Kannon Sculptures in Japan, in: Rebecca M Brown und Deborah S. Hutton (Hrsg.): A Companion to Asian Art and Architecture, John Wiley, Blackwll Publishing, 2011, ISBN: 978-1-4051-8537-0 oder 978-1-1190-1953-4, S. 589-590
https://books.google.de/books?id=7DX-CAAAQBAJ
Mukai Gensho:
https://de.wikipedia.org/wiki/Mukai_Gensh%C5%8D


Andere Artikel über Japan lesen
Andere Länder-Essays lesen
Home

© Copyright bzw. Urheberrecht an Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2019
Impressum