Bernhard Peter
Kyoto: Hokyo-ji


Lage und Erreichbarkeit
Der Hokyo-ji (Houkyou-ji) Monzeki liegt im Stadtbezirk Kamigyo (Adresse: 547 Dodo-cho, Teranouchi-dori, Horikawa-higashi-iru, Kamigyo-ku, Kyoto-shi) und ist Teil einer ganzen Tempelgruppe nordwestlich des Kaiserpalastes. Er liegt westlich des Myoken-ji und südlich des Honpo-ji. Orientierungspunkt ist ein kleiner Westschwenk der Hauptverkehrsachse Horikawa Dori, an deren Beginn die Straße Teranouchi Dori kreuzt, die geht man 45 m nach Osten an einem Parkplatz vorbei bis zum Eingangstor des Hokyo-ji Monzeki auf der nördlichen Straßenseite. Im Osten wird die Parzelle von der Ogawa Dori begrenzt. Wenn man nur diesen Tempel ansteuert, kann man ab JR Hauptbahnhof Kyoto Eki den Bus Nr. 9 nehmen, der die Horikawa Dori entlang fährt, und an der Haltestelle Horikawa teranouchi aussteigen, von dort ist es nur eine kurze Gehstrecke in Richtung Osten. Wer mit Keihan oder Hankyu fährt, kann den Bus Nr. 12 ab Sanjo Keihan oder Hankyu Karasuma nehmen, Endhaltestelle ebenfalls Horikawa Teranouchi.

Sinnvoll ist es, den Tempel im Verbund mit den anderen zu besichtigen: Wenn man das Feld von Osten nach Westen aufrollen möchte, kann man die nächstgelegenen U-Bahnstationen benutzen, Imadegawa und Kuramaguchi, weil man schneller dort ist als mit dem Bus, dann besichtigt man vom Myoken-ji bis zum Myoren-ji die ganze Gruppe und fährt mit der Buslinie 201 ab der Haltestelle Horikawa imadegawa (500 m südlich des Tempels) zum JR Bahnhof Nijo (Nijo Ekimae), und dann kann man zügig mit unzähligen Pendlerzügen zum JR Hauptbahnhof zurück. Man kann auch 1,1 km nach Westen zur Bushaltestelle Kenryukomae laufen und dort in die Nr. 206 steigen, die in ca. einer halben Stunde bis zum Hauptbahnhof fährt.

Eine Innenbesichtigung ist nur im Rahmen von Sonderöffnungszeiten im Frühjahr und Herbst möglich; die meiste Zeit des Jahres außerhalb von März und November bleiben Touristen draußen. Für Pilger ist der Tempel jedoch geöffnet, und Pilger-Goshuin gibt es auch ganzjährig.


Geschichte und Bedeutung: Prinzessinnen und Puppen
Der Name des im 14. Jh. gegründeten Hokyo-ji (Houkyou-ji) bedeutet "Tempel des Schatz-Spiegels". Ein alternativer Name ist Ningyo-dera (Ningyou-dera), "Puppen-Tempel", aufgrund seiner Sammlung historischer Puppen (Ningyo), die im Rahmen der Sonderöffnungszeiten (meist März und November) in einer Ausstellung gezeigt werden. Diese Sonderausstellungen gibt es seit dem Jahre 1957. Einige der Hina-Puppen erreichen sogar Lebensgröße. Die Sammlung ist bedeutend und wertvoll und kam durch die enge Verbundenheit mit der kaiserlichen Familie in den Tempel.

Er ist nämlich ein Monzeki-Tempel, was man z. B. an dem häufigen Auftreten des Chrysanthemen-Wappens auf den runden Enden der Dachziegel oder den Endziegeln der Dachfirste sehen kann. Da er für in den Nonnenstand eingetretene weibliche Mitglieder des Kaiserhauses ist, nennt man den Typus Ama-monzeki-Tempel. Die Tradition begann mit Karin Egon, einer Tochter des Kaisers Kogon und 6. Äbtissin des Keiai-ji.

Der hochangesehene und sehr wohlhabende Rinzai-Tempel Keiai-ji war der ältere Tempel; er wurde von der Äbtissin Mugai Nyodai in der Koan-Periode (1278-1287) gegründet und prosperierte vor allem in der Zeit der Ashikaga-Shogune. Doch nach den Zerstörungen des Onin-Krieges und dem Verfall des Shogunats wurde er aufgegeben. Die letzte Äbtissin gründete zwar den Hokyo-ji neu, übernahm aber die Traditionslinie aus dem Keiai-ji.

Karin Egon übernahm also die Leitung des von ihr neu gegründeten Tempels, und seitdem folgten als Oberhaupt weibliche Mitglieder des Kaiserhauses. Diese erhielten besagte Puppen als Geschenk, so wurde die Sammlung aufgebaut. Insbesondere Reigen Rikin, die 24. Äbtissin, erhielt von ihrem Vater, Kaiser Kokaku (1771-1840), äußerst wertvolle Puppen zum Geschenk, darunter drei Paare Yusoku-hina-Puppen und rotgekleidete Shojo-Puppen.

Es gibt auf dem Gelände sogar seit 1959 eine eigene Grabstätte für benutzte Puppen, versehen mit einem Gedicht von Saneatsu Mushanokoji. Auf dem Monument befindet sich eine "Gosho Ningyo" genannte Puppenskulptur  des Künstlers Kanpo Yoshikawa. Jedes Jahr am 14. Oktober wird in diesem Grabhügel die Asche verbrannter Puppen (bzw. erst einmal stellvertretend nur von puppenförmig zugeschnittenem Papier, die eigentlichen Puppen werden später eingeäschert) bestattet, begleitet von einer Musik- und Tanzaufführung einer Darstellerin von Shimabara Tayu, einer höfischen Dame in großartigem Kostüm. Im Tempel werden damit spezielle Gedächtniszeremonien (Ningyo Kujo) für Puppen abgehalten, die ihr Puppenleben hinter sich haben. Denn auch nach dem Bild des Menschen geformte Puppen haben eine Seele, und nach ihrem Ableben bildet sich daraus ein Tsukumo-gami, an den man denken muß. Diese rituelle Trennung von abgenutzten Puppen ist doch viel respektvoller, als den langjährigen Begleiter einer Kindheit einfach in den Müll zu werfen, wenn er ausgedient hat. Folglich kann man hier alte und gebrauchte Puppen zur Einäscherung und zum Begräbnis abgeben (auch Tier-Puppen, und - ehem - auch ausgestopfte Tiere). Bei der Einführung dieser Sitte hat die Kyoto Doll Association of Commerce and Industry eine Rolle gespielt, die damit Aufmerksamkeit auf das heimische Kunsthandwerk lenken wollte und das Interesse an diesem Produkt steigern wollte. Während der Zeit der Puppen-Ausstellung wird im Tempel ein spezielles Goshuin (Pilgerstempel) vergeben mit einem Puppenmotiv im Stempel.

Umgangssprachlich wird der Tempel auch Dodo no Gosho genannt, Dodo-Palast. Der Hokyo-ji gehört zur Richtung des Rinzai-Buddhismus, ist aber ein unabhängiger Tempel. Sein Bergname lautet "Seizan". Das hier verehrte Hauptkultbild ist ein Kanzenon Bosatsu (eine Sho Kannon) mit einem heiligen Schatzspiegel. Diese Figur, die der Legende nach mit einem Fischernetz vor der Küste bei Ise gefunden wurde, stand ursprünglich während der Oan-Periode (1368-1375) im kaiserlichen Palast. Kaiser Go-Kogon schenkte die Figur dann der Äbtissin Karin Egon für ihren neu gegründeten Tempel, und daher kommt auch der Tempel-Name: Hokyo-ji bedeutet "Tempel des heiligen Spiegels".

Eine weitere Aufwertung erfuhr der Hokyo-ji im Jahre 1644, als Kugon Risho als 20. Äbtissin eingesetzt wurde. Sie war eine Tochter von Kaiser Go-Mizuno-o. Aus dem Anlaß der Amtsübernahme wurde dem Tempel eine purpurne Robe verliehen (Shi-e), ein Symbol der besonders tiefen Beziehung zwischen Tempel und Kaiserhaus. Die 22. Äbtissin war Tokugon Riho (= Honkaku-in).

Von den ursprünglichen Gebäuden ist wegen der vielen Brände nichts mehr vorhanden. Im Großen Tenmei-Feuer verbrannte 1788 zum letzten Mal die gesamte Anlage. Ab 1798 wurden alle 6 wichtigen Gebäude, großes Tor, großer Genkan, Haupthalle, Amida-Halle, Shoin (als erstes) und der Empfangsraum für die Gesandten, wiederaufgebaut. Alle diese Gebäude zählen heute zum materiellen Kulturgut der Stadt Kyoto.


Rundgang und Beschreibung
Der Tempel bildet eine sehr kompakte Gebäudegruppe. Das Tor Dai-mon (großes Tor) mit seinem ausladenden Satteldach liegt an der Teranouchi Dori im Süden. Es führt zum Omote-Genkan, dem vorderen formellen Eingangsbau, auch Dai-Genkan genannt, großer Eingang, also Haupteingang. Dahinter liegt der Uchi-Genkan, der innere Eingang. Vor dem Omote-Genkan führt rechterhand das Chu-mon (mittleres Tor) in den Gartenbereich (Teien). Auf derselben Seite liegt die Puppengrabstätte (Ningyo-dzuka).

Die linke, westliche Seite wird vom Kuri (Küchenbereich, persönlicher Lebensbereich der Nonnen) mit der eigentlichen Küche (Daidokoro) eingenommen. Dieser Trakt besitzt auf der linken Seite einen eigenen Zugang, den Kuri-Genkan (Küchen-Eingang).

Die rechte, östliche Hälfte wird von zwei parallel stehenden Hallen eingenommen, im Süden die in sechs Räume unterteilte Haupthalle (Hondo, 1827 rekonstruiert in Form des Hojo-Stils), im Norden der Shoin mit seinen residenzartigen Räumen (1798 rekonstruiert), die an ihrem westlichen Ende mit einem Korridor und an ihrem östlichen Ende mit einer weiteren Halle, der kaiserlichen Andachtshalle (Choku-saku-do, Amida-Halle, Amida-do) übereck miteinander verbunden sind und so einen Innenhofgarten (Nakaniwa) mit Kirschbäumen und Ahornbäumen einschließen. Innen besitzt der Shoin auf den Fusuma Malereien von Künstlern der Maruyama-Schule, darunter Okyo Maruyama, Oshin Maruyama und Kokei Yoshimura. Die Amida-Halle stand ursprünglich woanders und wurde zusammen mit der Statue des Amitabha vom Kaiserpalast hierher versetzt.

Zwischen Kuri und den Hallen gibt es mehrere Querverbindungen, die jeweils nur einen winzigen Lichthof mit ebenso winzigem Innenhofgarten (Tsuboniwa) zwischen sich offen lassen. Die Gärten umgeben diese kompakte Gebäudegruppe im Norden, Osten und Südosten. Im Osten des Shoin liegt der Tsurukame no niwa, der Kranich-und-Schildkröten-Garten, so benannt nach den beiden typischen Gartenelementen, die beide für langes Leben stehen. In diesem Garten verbrachte Prinzessin Kazu-no-miya, Tochter des Kaisers Ninko und vermählt mit Shogun Tokugawa Iemochi, in ihrer Jugend viel Zeit, und es werden im Tempel, in dem sie längere Zeit lebte, etliche Erinnerungsstücke an sie aufbewahrt. Im Nordosteck der Anlage steht isoliert ein Teehaus (Chashitsu).


Hokyo-ji und Daiji-in:
Ganz im Norden befindet sich der Daiji-in. Das war ursprünglich ein eigenständiger Tempel des Amida-Buddhismus (Jodo-shu), der von Sukenmon-in gegründet worden war, der Mutter von Kaiser Go-Enyu, aber in der Meiji-Zeit durch die antibuddhistischen Aktivitäten unterzugehen drohte und vom besser gestellten Hokyo-in geschluckt wurde. Deshalb trägt die Äbtissin des Hokyo-in seitdem auch den Titel einer Äbtissin des Daiji-in. Auch die wichtigen Kultbilder des Daiji-in werden im Hokyo-in in dessen Amida-do weiter verehrt, eine stehende Amida-Figur als Hauptbild und eine hölzerne Figur von Hino Tomiko in Nonnengewand.

Hino Tomiko (1440-1496) war die Tochter von Hino Shigemasa, einem einflußreichen Hofadligen. Sie war vermählt mit dem 8. Shogun der Muromachi-Zeit, Ashikaga Yoshimasa. Sie war die Mutter von Prinz Yoshihisa, und wegen dessen Nachfolge oder Nicht-Nachfolge auf dem Thron brach der Onin-Krieg aus, der fast ganz Kyoto vernichtete. Hino Tomiko wurde später Nonne im Daiji-in und nannte sich Myozen-in. Eine Tochter von Hino Tomiko und Ashikaga Yoshimasa, Keizan-zenni, wurde übrigens die 15. Äbtissin des Hokyo-ji.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.0340712,135.7527237,19.48z - https://www.google.de/maps/@35.0340084,135.7527364,93m/data=!3m1!1e3
Webseite des Tempels:
http://hokyoji.net/en/ - Geschichte: http://hokyoji.net/en/history - bedeutende Personen: http://hokyoji.net/en/people - Ausstellungen und Öffnungszeiten: http://hokyoji.net/en/event - Gedenkveranstaltungen für Puppen: http://hokyoji.net/en/memorial
Hokyo-ji auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report268.html
Hokyo-ji auf Trip Kyoto:
http://eng.trip.kyoto.jp/spot/db/houkyouji/
Hokyo-ji auf Kyoto Travel:
https://kyoto.travel/de/planyourvisit/events/schedule/188
Hokyo-ji auf Discover Kyoto:
https://www.discoverkyoto.com/event-calendar/october/doll-memorial-service-hokyoji-temple/


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