Bernhard Peter
Kyoto: Myokaku-ji


Lage und Erreichbarkeit
Der Myokaku-ji (Myoukaku-ji) ist ein Tempel im Stadtbezirk Kamigyo, im Bereich nordwestlich des Kaiserpalastes und ca. 1 km Luftlinie von dessen Nordwesteck entfernt (Adresse: Shimoseizoguchicho, Kamigyo-ku, Kyoto-shi, Kyoto-fu). Im Süden wird er von der Kami Goryo-mae Dori begrenzt, im Westen von der Ogawa Dori, und im Norden verläuft die Kurama guchi Dori. Die nächstgelegene U-Bahnstation ist Kuramaguchi (580 m Luftlinie, 750 m zu Fuß); von dort verkehrt kein sinnvoller Bus, es sind 750 m zu Fuß nach Westen. Alternativ kann man ab JR Hauptbahnhof Kyoto Eki den Bus Nr. 9 nehmen, der die weiter westlich gelegene Horikawa Dori entlang fährt, und an der Haltestelle Tenjin Koen Mae aussteigen, von dort sind es 300 m oder 3 min. zu Fuß in Richtung Osten, aber mit Bus braucht man insgesamt ca. 14 min. länger als mit der U-Bahn. Der Tempel ist wenig touristisch und liegt abseits der üblichen Besucher-Routen. Am besten besichtigt man diesen Tempel im Verbund mit dem Myoken-ji, dem Honpo-ji, dem Myoren-ji und, in Gegenrichtung, in einer Tour mit dem Shokoku-ji.


Geschichte und Bedeutung
Wie sein südöstlicher Nachbar ist auch der Myokaku-ji ein Nichiren-Tempel. Er wurde von Nichizo Shonin (Nichizou Shounin, 1269-1342) gegründet und ist einer der insgesamt 16 Haupttempel dieser buddhistischen Lehrrichtung in Kyoto. Der Nichiren-Buddhismus wird auch Hokke-shu genannt, Lotus-Schule, wegen seiner Fokussierung auf der Lotus-Sutra. Von den Schülern des Nichiren (1222-1282, wörtlich "Sonnen-Lotus") gründeten Nisshou, Nichirou, Nikkou, Nikou, Nichiji und Nitchou, die auserwählten sechs Schüler des Gründers, eigene Schulen. Der Myokaku-ji bildet zusammen mit dem Myoken-ji (150 m im Südosten gelegen) und dem Ryuhon-ji eine Triade, genannt Sangusokuzan, die drei Gusoku-zan, die "drei Tempel (= "Berge") des Nichizo", die alle von Nichizo gegründet wurden. Nichizo gehörte zu einer Gruppe von neun auserwählten Schülern des Nichiro (Nichirou, 1245-1320, lebte im Tempel Ikegami Honmon-ji), steht also in der nächsten Generation und ist ein Schüler des Schülers des Gründers des Nichiren-Buddhismus, sozusagen sein geistiger Enkel. Der Myokaku-ji wird auch Kitaryuuge-gusokuzan genannt.


Rundgang und Beschreibung
Das wertvollste Gebäude dieses Tempels ist das Tor im Süden, das große Tor (Dai-mon). Es ist recht groß und besitzt doppelte Torflügel und darüber einen verborgenen Platz für Wachen im Gebälk. Das Tor stammt aus dem Jahr 1378 und wurde ursprünglich von Ryuugein Nichijitsu an der Kreuzung Shijo-Omiya erbaut und führte als Eingangstor zum Anwesen des wohlhabenden Kaufmanns Ono Myokaku. Das Tor wurde im Laufe der Zeit mehrfach versetzt, erst nach Nijo-Koromodana, dann 1590 zum ab 1586 von Toyotomi Hideyoshi erbauten Palast Jurakudai, bei dem es als rückwärtiges Tor diente. Toyotomi Hideyoshi bewohnte diesen Palast in seiner Zeit als Kampaku (Regent) bis 1591. Danach zog sein Adoptivsohn Toyotomi Hidetsugu, eigentlich der Sohn einer Halbschwester, in dem Palast ein, während er selber ab 1594 das Schloß Fushimi erbauen ließ. Toyotomi Hidetsugu mußte 1595 auf Befehl seines Onkels wegen Verrats Seppuku begehen, woraufhin der Palast Jurakudai aufgelöst wurde. Die Einzelteile wurden in andere Baukomplexe integriert, sehr viel kam ins Schloß Fushimi, der Pavillon Hiun-kaku kam in den Nishi Hongan-ji, das Kara-mon kam in den Daitoku-ji, und dieses Tor kam in den Tempel Myokaku-ji und wurde ein letztes Mal 1663 umgesetzt an seine gegenwärtige Position.

Von der holzverkleideten südlichen Abschlußmauer ist nur ein kurzes Teilstück rechts und links des Tores erhalten. Links neben dem kürzeren Teilstück führt eine Durchfahrt in den als Parkplatz genutzten Hof, und hier befindet sich linkerhand in einem zweistöckigen, chamoisfarbenen modernen Gebäude mit nachempfundenen Irimoya-Giebeldach ein Kendo-Dojo, ein Trainings-Zentrum für japanischen Schwertkampf (Myokakuji-Dojo). Hinter dem Dai-mon führt ein gepflasterter Weg geradewegs auf die 2018 renovierte Gründerhalle (Soshido) zu. Kuri (Küchenbau), Genkan (formeller Eingang) und die von einem Garten (Hondo teien) umgebene Haupthalle (Hondo, hier ein Shakado: Halle, in der Shaka Nyorai verehrt wird, der historische Buddha) liegen zur Linken. Ein Kara-mon führt von Osten her zur Haupthalle.

Es fällt auf, daß im Myokaku-ji die Halle Soshido, in der der Gründer verehrt wird, wesentlich größer ist als die Haupthalle, in der Shaka Nyorai verehrt wird, und sie ist in der zentralen Hauptachse positioniert, während die Haupthalle durch die Einbettung im Garten fast privat wirkt. Im verwandten Ryuhon-ji ist die Haupthalle (Shaka-do) die größere von beiden und steht in der zentralen Süd-Nord-Achse, die Halle Soshido steht seitlich und ist kleiner. Hier hingegen im Myokaku-ji tritt die Gründerhalle wie eine Haupthalle auf. Das ist eine Entwicklung, die sich übrigens noch im jüngeren Yobo-ji (Youbou-ji, ein weiterer Tempel der Nichiren-Schule) fortsetzt, wo es nur noch eine große Halle Soshido ohne Shakado gibt, und dort erfüllt die Gründerhalle vollständig die Funktionen einer Haupthalle.

Nördlich der Haupthalle des Myokaku-ji steht etwas gedreht im Garten eine separate kleine Halle. Im Norden der Gründerhalle Soshido befinden sich zwei separat ummauerte Subtempel, beide mit Tor in der südlichen Mauer, im Westen der Zenmyo-in und im Osten der Jissei-in.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.0366872,135.7539547,18.75z - https://www.google.de/maps/@35.0366872,135.7539547,210m/data=!3m1!1e3
Myokaku-ji auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report813.html
Myokaku-ji auf Samurai Archives:
https://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Myokaku-ji
Kendo-Dojo bei Japan-Kyoto:
https://japan-kyoto.de/kendo-dojo-myokakuji-%E5%A6%99%E8%A6%9A%E5%AF%BA%E5%89%A3%E9%81%93%E6%89%80/
Jurakudai auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Jurakudai
Jurakudai auf Samurai Archives:
https://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Jurakudai
Erläuterungstafeln vor Ort
Nichiren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Nichiren - https://en.wikipedia.org/wiki/Nichiren
Nichiren-Buddhismus:
https://de.wikipedia.org/wiki/Nichiren-Buddhismus
Bernhard Scheid:
Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001. Kapitel über den Nichiren-Buddhismus: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Nichiren
Nichizo:
https://en.wikipedia.org/wiki/Nichiz%C5%8D


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