Bernhard Peter
Kyoto, Zuishin-in


Lage und Erreichbarkeit
Der Zuishin-in liegt in Stadtbezirk Yamashina, im südlichen Teil kurz vor der Grenze zum Stadtbezirk Fushimi, im Stadtviertel Onogoryocho. Am besten erreicht man den Tempel mit der U-Bahn Tozai Line, Zielbahnhof Ono. Von da sind es 350 m nach Osten bis zum Tempeleingang (äußeres Tor) bzw. 480 m bis zum eigentlichen Tempeltor (Yakui-mon). Wenn man vom Hauptbahnhof Kyoto aus anreist, kann man natürlich von dort die U-Bahn erst nach Norden nehmen und in Karasuma Oike umsteigen, was aber ein ziemlicher Umweg ist. Einfacher fährt man mit der JR Tokaido Main Line bis zum JR-Bahnhof Yamashina, geht wenige Meter südwärts zum U-Bahnhof und nimmt die U-Bahn über die Haltestellen Higashino und Nagitsuji nach Ono. Vom Hauptbahnhof Kyoto aus kann man auch den Keihan-Bus am Hachijoguchi-Ausgang nehmen und bis zur Haltestelle Ono fahren.

Man kann die Besichtigung sehr gut kombinieren, indem man vom Bahnhof Yamashina aus den Bishamondo besucht, dann nach dem Zuishin-in beim Kaju-ji vorbeischaut und anschließend zum Daigo-ji weiterfährt, der nur eine weitere U-Bahnstation nach Süden entfernt ist. An weiteren Sehenswürdigkeiten in der Nähe gibt es noch wenige Straßen östlich des Zuishin-in das Mausoleum des Kaisers Daigo, wo es aus der Fußgängerperspektive nicht wirklich viel mehr zu sehen gibt als einen bewaldeten Hügel.

Der Tempel liegt abseits des Zentrums und ist ruhig. Touristenmassen wird man nicht finden, dafür eine entspannte Atmosphäre. Nur zur Saison der Pflaumenblüte wird es hier ein bißchen voller. Im Tempel selbst können Besucher am Sutrakopieren (Shakkyo) oder am Kopieren von Buddhabildern (Shabutsu) teilnehmen. Alles in allem ist das ein stimmungsvoller Tempel zum Genießen.


Geschichte und Bedeutung
Dieser Tempel gehört zur Shingon-Schule (Shingon-shu), und innerhalb dieser Schule zum Zentsu-ji-Zweig.  Der Zuishin-in wurde im Jahr 991 gegründet. Er geht zurück auf den Priester Ningai (951-1046), welcher in der Traditionslinie von Kobo Daishi stand, dem Gründer des Shingon-Buddhismus. Die Traditionslinie begann bei Kobo Daishi und lief über Shinga und Gennin (818-887) zu Shobo (832-909) und kam schließlich über Kangen (853-925) zu Ningai, der ein Schüler von Gengo (914-995) gewesen war. Vom Kaiser bekam Ningai zum Dank für erfolgreich ausgeführte rituelle Bemühungen um Regen Land im Südosten Kyotos und gründete dort den Tempel, zunächst unter dem Namen Gyuhizan Mandara-ji (Mandara = Mandala).

Nach Ningai folgten in der Traditionslinie Seizon (1012-1074) und dann Hanjun (1038-1112), Genkaku und Shoshun. Ningais Schule des Shingon-Buddhismus wurde Ono-Strömung (Ono-ryu) genannt, im Gegensatz zur Hirosawa-ryu, die im Ninna-ji gepflegt wurde. Anfangs waren die Unterschiede marginal, doch im 11. und 12. Jh. gab es greifbare doktrinäre Differenzen. Die Ono-Strömung hatte als Zielgruppe mehr die einfache Bevölkerung, während die Hirosawa-Strömung sich mehr an die Aristokratie wandte, zu der sie gute Beziehungen unterhielt, ebenso wie zum Kaiserhaus. Die Ono-Strömung legte größeres Gewicht auf mündliche Traditionen im Vergleich zur Hirosawa-Strömung. Im Verlauf der Geschichte blieb es nicht bei diesen zwei Strömungen, denn minimal unterschiedliche Auslegungen in rituellen Fragen führten zu einer Aufspaltung erst in 12 Strömungen (Ryu), zu Anfang des 13. Jh. waren es bereits 36 Strömungen, und im 15. Jh. hatte man schon mindestens 70 Strömungen innerhalb der Shingon-Schule. Begünstigt wurde diese Zersplitterung dadurch, daß innerhalb des Shingon-Buddhismus Fragen der Lehre und des Ritus nie zentral verbindlich für alle geregelt worden waren.

Der neu gegründete Tempel wurde Mandala-Tempel genannt, nach einer Legende, gemäß der die Mutter des Gründungsabtes als Kuh in Toba (Präfektur Mie) wiedergeboren wurde, aus deren Haut er nach ihrem Ableben ein Mandala anfertigte. Der Name "Mandala-Tempel" hat sich auch für den Zuishin-in erhalten, der vom fünften Abt, Zoshun, als Subtempel des Mandara-ji gegründet worden war.

Ein Abt, der siebte namens Shingon, bekam den Titel "Monzeki", und seitdem wurde der Zuishin-in "Monzeki Zuishin-in" genannt. Der Subtempel wurde aufgrund des Status als Monzeki-Tempel relativ unabhängig von seinem Muttertempel und stand bald im Ansehen über diesem. Im Jahr 1221 wurde er anläßlich der Jokyu-Rebellion (Joukyuu-no-ran) ein Raub der Flammen. 1229 verschmolzen beide Tempel unter dem Namen des Subtempels zu einem. Erneut wurde der Tempel in der Muromachi-Zeit im Onin-Krieg (1467-1477) niedergebrannt.

Später, nach einem in der Azuchi-Momoyama-Zeit im Jahr 1599 erfolgten Wiederaufbau der Haupthalle, gab es hier mehrere Monzeki-Oberpriester aus den Familien Kujo und Nijo, deren großzügiger Unterstützung die Rekonstruktion und Ausstattung des Tempels zu verdanken ist. Also ist das ein Monzeki-Tempel nicht der kaiserlichen Familie, aber des Adels. Deshalb stammen die meisten Gebäude aus dem 17. Jh. In der Zeit von 1624 bis 1644 wurden der Genkan, der Shoin und das Yakui-mon errichtet. Das So-mon und der Kuri entstanden 1753. 1871 wurde das System aus Miya-monzeki (höchste Kategorie, das Oberhaupt ist ein kaiserlicher Prinz), Sekke-monzeki (das Oberhaupt entstammt einer Familie des Hochadels, die Regenten stellen konnten, also z. B. aus den Zweigen der Fujiwara-Dynastie), Seika-monzeki (das Oberhaupt stammt aus einer der anderen Kuge-Familien) und Jun-monzeki (gab es seit 1465, das Oberhaupt ist ein Mitglied der kaiserlichen Familie) abgeschafft, und der Tempel verlor seinen Titel und seine Sonderstellung.

Man nimmt an, daß es dieser Ort war, an dem die legendäre Dichterin Ono no Komachi (ca. 825 - ca. 900) ihren Lebensabend verbrachte. Damals gab es weder den Zuishin-in noch seinen ehemaligen Muttertempel Mandara-ji. Vielmehr hatte die Familie der Poetin hier Besitz. Sie wohnte nie im Zuishin-in, aber zahlreiche Erinnerungen an die Dichterin werden im Tempel wachgehalten. Erst später wurde der Tempel auf dem Gelände errichtet, sie kann kein einziges dieser Gebäude je von innen gesehen haben, auch wenn durch die Erinnerungspflege ein anderer Eindruck entsteht. Jedenfalls wird hier eine Figur von ihr aufbewahrt, die sie im Alter zeigt, angeblich von ihr selbst in Auftrag gegeben. In einem Bambushain wird die Stelle gezeigt, die für den Ort ihrer Hütte gehalten wird und wo ein kleiner Quellteich zu sehen ist. Am Eingang zum Tempel steht eine große Steinplatte mit einem ihrer Waka-Gedichte in weißer Schrift; es geht über verblichene Farben der Kirschblüte, die sie mit ihrem Weg durch ihr Leben und ihre eigene verblassende Blüte in Beziehung setzt, und über den Regen, der die Blüten so vorzeitig alt werden läßt, vielleicht eine Anspielung auf ihre unglücklich endenden Liebesbeziehungen. Im Innern des Tempels wird u. a. ein Tuschegemälde ausgestellt, auf dem die Poetin als Geist einem Wanderpriester erscheint.


Struktur der Anlage und Beschreibung
Von der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straße Daigo-michi erreicht man zunächst am Westrand des Tempelbezirks das So-mon, ein einfaches Tor mit ziegelgedecktem Satteldach. Der Weg führt nach Osten am separaten Subtempel (Tatchu) Daijo-in vorbei und knickt dann nach Süden ab, wo sich gegenüber der südlichen Zufahrt von der Daigo-michi das eigentliche Tor (Yakui-mon) zum Zuishin-in befindet. Hier im Westen ist die Tempelmauer am dicksten; die bis auf die vertikalen Holzelemente, die das Dach tragen, gelb gestrichenen Lehmmauern auf Bruchsteinsockel sind mit fünf weißen Horizontallinien gekennzeichnet. Die Mauern weichen hier beiderseits zweimal abknickend zurück und erzeugen einen rechteckigen Vorbereich, der die flache Treppenanlage aufnimmt. In dieser Qualität ist die Mauer aber nur ein kurzes Stück ausgeführt; die anderen Tempelseiten werden deutlich schlichter und aufwandsärmer abgegrenzt

Nördlich von diesem Tor befindet sich das Nagaya-mon, das wie ein breites, wehrhaftes Gebäude wirkt, in das ein Durchgang eingebaut ist, mit den angrenzenden Räumen unter einem durchgehenden Dach. Die Außenseite ist bis zur halben Höhe mit dunklen Holzbrettern beschlagen. Ein solches Tor kommt typischerweise in Samurai-Residenzen vor. Nagaya ist eigentlich ein "Reihenhaus", das in der Nähe einer Residenz von rangniedrigeren Samurai bewohnt wird, deren Einzelquartiere unter einem langen Dach baulich vereinigt sind. Ein Nagaya-mon ist ein Tor, das analog baulich mit angrenzenden Wachräumen kombiniert ist und ebenfalls unter dem durchgehenden Dach liegt. In der Westmauer befindet sich südlich des Nagaya-mon ein weiteres Tor, ein schlichter Mauerdurchbruch, das ist der Besuchereingang.

Hinter dem Yakui-mon gelangt man über ein paar Stufen zum Dai-Genkan (großes Eingangsgebäude), kenntlich an dem großen Vordach mit Karahafu vor der Stirnseite eines Fußwalmdaches. Dahinter schließt sich östlich der Omote-Shoin an, die vordere Studien- und Empfangshalle. Im Omote-Shoin fallen an einer Stirnseite die vier grellen und poppig kolorierten Schiebetüren vor dem kleinen Altar auf, das ist eine Arbeit der Designer "Daruma Shoten". Dargestellt werden Szenen aus dem Leben von Ono no Komachi in computergenerierter Pop-Art, das ländliche Leben in ihrer Heimat, die Zeit am kaiserlichen Hof, ihre Liebesgeschichte in Yamashina und ihre Wanderungen im hohen Alter. Der Altar selbst trägt eine Jizo-Statue und einige Erinnerungsstücke an die Poetin, darunter eine Noh-Maske. Im Norden davon liegt, über einen zweifach gewinkelten Korridor mit ersterem verbunden, der Kuri (umfaßt den Küchen- und Verwaltungsbau, den Speisesaal und den persönlichen Lebensbereich der Mönche).

Im Osten des Omote-Shoin kommt man zum nur zum Teil mit Tatami-Matten ausgelegten Noh-Zimmer (No-no-ma) im Verbindungsbau. Im Südosteck angebaut ist die Haupthalle (Hondo) mit nach Westen über dem Treppenaufgang zur sehr tiefen Veranda rechteckig vorgezogenen Dach. In der 1599 im Stil Shinden-zukuri erbauten Haupthalle befinden sich u. a. Figuren einer sitzenden Nyoirin Kannon, eines sitzenden Yakushi Nyorai (Medizin-Buddha), ein Heian-zeitlicher Amida Nyorai, ein Kongo Satta aus dem 13. Jh. aus lackiertem und vergoldetem Holz und mit Vajra und Glocke in den Händen, ein Fudo Myo-o und eine Figur des Kobo Daichi. Südlich der Haupthalle befindet sich der Garten (Teien) mit einem Teich, dem Shin-ji-ike, aufgrund seiner Form nach Shin = Herz benannt.

Auf der Nordseite des 1991 restaurierten Noh-no-ma liegt ein rechteckiger Innenhofgarten (Naka-niwa), rechts und links von gedeckten Korridoren eingerahmt, die zum den nördlichen Abschluß bildenden Oku-Shoin aus der frühen Edo-Zeit überleiten. Innen sind bemalte Fusuma-e zu sehen. Neben diesem steht im Nordosten der als Sutrenspeicher (Kyozo) dienende Omachi-do, ein Bauwerk neuen Datums. Wenn die beiden Flügeltüren geöffnet sind, erblickt man auf den Schubschrank-Stirnseiten ein modernes Gemälde von Ono no Komachi.

Im Südosten des Geländes befindet sich ein Waldstück mit einem Shinto-Schrein, dem Kiyotaki Gongen. Weiterhin ist der im westlichen Vorfeld zwischen äußerer und innerer Mauer gelegene Ono-Pflaumengarten berühmt mit seinen über 230 Pflaumenbäumen, von geschnittenen Azaleenbüschen eingefaßt. Man wird daran erinnert, daß es während der Heian-Zeit noch nicht die Kirschblüte war, die die Schöngeister in Verzückung brachte, sondern die Pflaumenblüte. Erst später lief ihr die Betrachtung der Kirschblüte den Rang ab. Vom Vorplatz aus betrachtet ergibt sich hier eine fünffache Höhenstaffelung durch zwei verschieden hohe Hecken kugelig geschnittener Büsche, den weiß, rosa und rot blühenden Pflaumenbäumen, den hohen Bäumen dahinter, die Straße abschirmend, und dahinter die Bergkette der Higashiyama.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@34.95926,135.8162946,18.62z - https://www.google.de/maps/@34.9593353,135.8164676,201m/data=!3m1!1e3
auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report573.html
Ian Littlewood, Ayumi Oe Littlewood: Kyoto Without Crowds, A Guide to the City's Most Peaceful Temples and Gardens, 264 S., CreateSpace Independent Publishing Platform, 1. Auflage 2018, ISBN-10: 1978158998, ISBN-13: 978-1978158993, S. 163-165
auf Tale of Genji:
http://www.taleofgenji.org/zuishin-in.html
auf Discover Kyoto:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/zuishin/
bei Asano Noboru:
http://kyoto.asanoxn.com/places/daigo/zuishinin.htm
auf Mykyotomachiya:
https://mykyotomachiya.com/zuichin-in-temple/
auf Deep Kyoto:
http://www.deepkyoto.com/zuishin-in-a-refuge-in-ono/
bei Damien Douxchamps:
https://damien.douxchamps.net/photo/japan/kansai/kyoto/yamashina/zuishin-in/
Christoph Kleine: Der Buddhismus in Japan, Geschichte, Lehre, Praxis, Mohr Siebeck, Tübingen 2011, ISBN 978-3-16-150492-1, S. 163
Brian Douglas Ruppert: Jewel in the Ashes, Buddha Relics and Power in Early Medieval Japan, Harvard University Prtess, Cambridge (Mass.), London, 2000, ISBN 0-674-00245-8, S. 310
Monzeki-Tempel: in Hamish Todd: A Glimpse above the Clouds: The Japanese Court in 1859,
https://www.bl.uk/eblj/1991articles/pdf/article14.pdf S. 218
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 351-352


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