Bernhard Peter
Nara, Hannya-ji


Lage und Erreichbarkeit
Der Hannya-ji liegt im Norden von Nara, im Stadtteil Nara-zaka (Nara Kitamachi), 1250 m Luftlinie von der Haupthalle des Todai-ji in nordnordwestlicher Richtung (Adresse: 221, Hannyajicho, Nara-shi, Nara, 630-8102, Japan). Von den beiden nächstgelegenen Bahnhöfen ist der Tempel ziemlich weit entfernt, 2,6 km Luftlinie vom JR-Bahnhof Nara und 1,9 km Luftlinie vom Kintetsu-Bahnhof Nara. Deshalb erreicht man diesen Tempel am besten mit dem Bus, von JR Nara ab Bussteig 11 in 20 min. für 210 Yen, Richtung Aoyama jutaku oder Kunimidai hatchome; von Kintetsu Nara ab Bussteig 2 in 15 min. für 210 Yen, Richtung Aoyama jutaku-mae, Ausstieg Hannya-ji. Von da sind es 170 m oder 10 min. zum Romon. Ein Orientierungspunkt ist das nur 250 m entfernte, riesige Jugend-Gefängnis aus Backstein.

Der weit abseits der Touristenströme und Reisebusse vergleichsweise einsam gelegene Tempel ist auch als Cosmea-Tempel bekannt, weil hier in jedem Sommer und Herbst zahlreiche Schmuckkörbchenpflanzen (Cosmea) blühen und den Tempel in ein Meer aus weißen, roten und rosafarbenen Blüten tauchen, am besten vom späten September bis zum frühen November zu erleben. Deshalb trägt der Tempel auch den Namen Kosumosu-dera, Cosmea-Tempel. Aber auch andere Pflanzen wie Kamelien, Hortensien, Hagi-Sträucher (Buschklee, Lespedeza) und Goldröschen (Kerrien) bringen Blütenpracht auf das Tempelgelände. Deswegen gehört der Hannya-ji auch zu den 25 Kansai Hana no Tera, wörtlich Kansai - Blume - Genitiv - Tempel, also denjenigen Tempeln in der Region Kansai (bzw. die sechs Präfekturen Osaka, Hyogo, Kyoto, Shiga, Nara und Wakayama), die für ihre Blütenpracht bekannt sind. Der Tempel ist klein, aber reizvoll, und vor allem weitgehend touristenfrei.


Geschichte und Bedeutung
Die Ursprünge dieses Tempels und das Gründungsjahr sind unklar; es gibt mehrere abweichende Angaben. Einerseits soll der Priester Ekan den Tempel schon in der Asuka-Zeit im Jahr 629 errichtet haben und darin ein Bildnis des Monju Bosatsu aufgestellt haben, andererseits soll Kaiser Shomu diesen Tempel im Jahr 735 errichtet haben, um einen Schutz gegen die nach Feng Shui ungünstige nördliche Richtung zu bekommen. Klar ist lediglich, daß es diesen Tempel bereits zur Nara-Zeit gab, weil man bei Ausgrabungen alte Dachziegel fand, die sich in diese Periode datieren lassen. Der Tempel wird auch bereits im Jahr 742 in den Shosoin monjo (Shosoin-Dokumente) erwähnt, so daß sein hohes Alter zweifach gesichert ist. Nach einem Brand entstanden die nächsten Gebäude in der Kamakura-Zeit.

Der Name des Tempels ist von der Sutra Hannya-kyo abgeleitet, und Hannya bezeichnet die höchste Weisheit, also "Weisheitstempel". Entsprechend wird in der Haupthalle des Tempels eine Figur des Monju Bosatsu = Bodhisattva Manjusri verehrt, der zusammen mit Kannon, Fugen und Jizo zu den vier großen Bodhisattvas gehört, als Bodhisattva der Weisheit angesehen wird und in besagter Sutra der höchsten Weisheit erscheint. Außerdem wird Monju Bosatsu zu den 13 Gottheiten des Shingon-Buddhismus (Fudo Myo-o, Shaka Nyorai, Monju Bosatsu, Fugen Bosatsu, Jizo Bosatsu, Miroku Bosatsu, Yakushi Nyorai, Kannon Bosatsu, Seishi Bosatsu, Amida Nyorai, Ashuku Nyorai, Dainichi Nyorai, Kokuzo Bosatsu) gerechnet und spielt eine Rolle in den 13 Erinnerungsfeierlichkeiten für Verstorbene, dabei steht er für die dritte Feier am 21. Tag. Entsprechend ist auf den Pilgerstempeln (Goshuin) des Tempels als Sumigaki (der mit Tinte handgeschriebene Teil) ein Alias von Monju Bosatsu zu lesen: Myokichijo (Myoukichijou).

Der Hannya-ji gehört zur buddhistischen Schule Shingon Risshu. Sie gehört zum esoterischen Buddhismus der Hauptrichtung Shingon, spaltete sich aber während der Kamakura-Zeit ab. Die Schule wird auch Shingon-Vinaya genannt, weil sie einen größeren Wert auf die klösterliche Disziplin der Gemeinschaft und ihre Regeln legt, denn das regulatorische Grundgerüst der Gemeinschaft (Sanskrit: Sangha) wird Vinaya genannt, nach den kanonischen Texten Vinaya Pitaka. Gautama Buddhas Lehrtexte lassen sich einteilen in Dharma = Doktrin und Vinaya = Disziplin. Der Name Shingon Risshu setzt sich zusammen aus Shingon = wahres bzw. heiliges Wort (Mantra), Ritsu = Verhaltensregeln und Shu = Schule, Richtung. Der Begründer dieser kleinen, aber eigenständigen buddhistischen Schule war ein Schüler von Jokei, des Namens Eison (1201-1290). Nach ihm folgte dessen Schüler Ninsho (1217-1303) als Oberhaupt nach. Der Haupttempel dieser Richtung ist seit 1238 der ebenfalls in Nara befindliche Saidai-ji. Weitere Tempel dieser Richtung sind z. B. der Ensho-ji in Ikoma (Präfektur Nara) und der Renge-in in Tamana (Präfektur Kumamoto). Cave: "Nur" Risshu bzw. Ritsu ohne Shingon ist eine andere Schule, die bereits in der Nara-Zeit entstand und deren Haupttempel der Toshodai-ji ist.


Struktur der Anlage und Beschreibung
Schon beim Betreten des Tempels in dessen Südwestecke sieht man den größten architektonischen Schatz, das Romon bzw. turmartige Tor, das als Nationalschatz klassifiziert ist. Zwei Seitenwände mit je drei tragenden Pfosten spannen den die ganze Breite einnehmenden Durchgang auf. Darüber trägt eine Plattform mit Geländer das Obergeschoß mit dem ausladenden Dach. Das Obergeschoß ist durch die vier tragenden Pfosten der langen Seite in drei Interkolumnien aufgeteilt, wobei der mittlere Abstand größer ist als die beiden seitlichen. Dieses Tor stammt noch aus der Zeit des Wiederaufbaus in der Kamakura-Zeit und ist das älteste Gebäude des Tempels.

Mehrere Gebäude sind als wichtiges Kulturgut klassifiziert, allen voran der Sutrenspeicher (Kyozo), in dem ein Issai-kyo aufbewahrt wird, die komplette Sammlung buddhistischer Schriften. Das Kamakura-zeitliche Gebäude steht zwischen Steinpagode und Außenmauer im äußersten Südosten. Es handelt sich um ein längsrechteckiges Gebäude mit Satteldach, mit drei Interkolumnien Breite und zweien Tiefe und mittig angeordneter Tür. Die beiden seitlichen Flächen rechts und links der Tür besitzen jeweils ein Oberlicht.

Ebenfalls im südöstlichen Bereich der Außenanlagen befindet sich eine ca. 13 m hohe Steinpagode mit insgesamt 13 Ebenen zwischen Sockel und Spitze, die höchste Steinpagode (Sotoba) Japans. Diese Steinpagode ist daher ein wichtiges Kulturgut. Eine kleine Buddha-Figur steht im Osten am Sockel auf der tragenden Plattform.

Auch zwei Kasatoba am östlichen Rand des Tempelgartens werden zu den wichtigen Kulturgütern gezählt: Das sind innerhalb einer Umfriedung aufgestellte, steinerne, mit Inschriften versehene flache Stelen mit einem Dachaufsatz aus andersfarbigem Stein, eine besondere Art eines Erinnerungs-Monumentes für Verstorbene, eine Kreuzung aus Namenstafel und Stupa. Bei näherem Hinsehen erkennt man, daß die Inschriften nicht aus Kanji zusammengesetzt sind, sondern in Sanskrit abgefaßt wurden.

Die einstöckige Haupthalle (Hondo) mit Irimoya-Dach stammt aus der Edo-Zeit und wurde 1667 errichtet. Sie ist nicht vom Staat, sondern von der Präfektur Nara als schützenswertes Kulturgut eingestuft. Am Weg, der direkt auf die Haupthalle zuführt, steht eine interessante Steinlaterne (Ishidoro) von hexagonalem Querschnitt des Gehäuses, die einen eigenen Hannya-ji-Stil bildet. Der Glockenturm (Shoro), westlich der Haupthalle zu finden, wurde 1694 errichtet. In einem außerhalb von Sonderöffnungszeiten nicht zugänglichen Gebäude wird eine Figur eines aufrecht stehenden Amida Nyorai (Amitabha Tathagata) aufbewahrt (Hakuho-Hibutsu), die zu den wichtigen Kulturgütern gezählt wird.

Viele kleine Besonderheiten sind in dem umgebenden Garten zu finden, darunter die rings um die Haupthalle wie ein Zaun aus Steintafeln aufgebauten 33 Kannon-Figuren. Das ist eine Art Miniatur-Pilgerpfad zu den 33 Stationen des Kannon-Pilgerweges in Westjapan, von denen jede von einer kleinen Station vertreten wird, jede mit einem Kannon-Bildnis, wobei die Erscheinungsformen variieren, genauso wie auf dem echten Pilgerpfad.

Eingebettet in die Cosmea-Beete liegt ein großer Felsblock, der Kamman-Stein, dem göttliche Fähigkeiten nachgesagt werden. Oben auf diesem Stein befindet sich eine kleine Bronzestatue von Fudo-Myo-o (Acala). Auf einem Brett sind fünf Steine aufgereiht, mit denen man seine Körperkräfte testen kann.  Der Stein Sankaibanreihi gilt als Erinnerungsstein für alle verstorbenen Seelen der Welt. Der Stein Makabara gilt als glücksbringend; sein Name bezieht sich auf einen Passus in der Hannya Shingyo (Prajna-paramita sutra).

Auf dem Gelände befinden sich ferner noch zwei Erinnerungs-Pagoden mit Gorin-no-to, eine für den aus dem Kaiserhaus stammenden Prinzen Otonomiya Moriyoshi, der in der Zeit der zweigeteilten Höfe und des Nanbokucho-Krieges (Nan = Süden, Boku = Norden) eine Rolle spielte. Eigentlich handelt es sich bei ihm um Prinz Morinaga Shinno (1308-12.8.1335), den Sohn von Kaiser Go-daigo. Otonomiya oder Daitonomiya ist dabei sein buddhistischer Name, denn er wurde Mönch und war zeitweise Oberpriester des Klosters am Hiei-zan. "O" ist ein Honorativ-Präfix; "Dai" heißt "groß" - deshalb sind beide Namensformen im Grunde fast das selbe, nämlich eine respektvolle, ehrerbietige Form von "Tonomiya". Das hinderte ihn aber nicht, im weltlichen Leben zu den Waffen zu greifen und für seinen Vater zu kämpfen. Sein eigentliches Grab befindet sich in Kamakura - er wurde von Shogun Ashikaga Tadayoshi hingerichtet. Einen literarischen Widerhall fanden die Ereignisse im Epos Taiheiki, "Geschichte des großen Friedens".

Eine zweite Erinnerungspagode steht im Garten für Fujiwara no Yorinaga (1120-11.8.1156). Dieser war in der Heian-Zeit Sadaijin, Minister zur Linken, und er war einer der Drahtzieher der Hogen-Rebellion (Hogen-no-ran). Er ergriff die Partei von Sutoku, einem zurückgetretenen Vorgänger des amtierenden Kaisers Go-Shirakawa. Sein älterer Bruder, Fujiwara no Tadamichi, stand auf der anderen Seite und unterstützte Go-Shirakawa. Die Taira und die Minamoto unterstützten mit unterschiedlichen Protagonisten beide Seiten. Als die Partei von Sutoku die Auseinandersetzung verlor, wurde Fujiwara no Yorinaga im Kampf getötet. Im Ergebnis führte diese Auseinandersetzung zu den bekannten Rivalitäten zwischen den Taira und den Minamoto, der Dominanz der Kriegerfamilien über Land und das Kaiserhaus und die Herausbildung des japanischen Feudalstaates.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@34.6999085,135.8363348,17.5z - https://www.google.de/maps/@34.7000568,135.8362017,126m/data=!3m1!1e3
Webseite des Tempels:
http://www.hannyaji.com/
Hannya-ji auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hannya-ji
Hannya-ji auf JPManual:
http://jpmanual.com/en/hannyaji
Shingon Risshu:
https://en.wikipedia.org/wiki/Shingon_Risshu
Paul B. Watt: Eison and the Shingon Vinaya Sect, in: George Tanabe: Religions of Japan in Practice, Chapter 7, Princeton University Press, 1999, ISBN 0-691-05789-3
Shingon Risshu:
http://www.uni-tuebingen.de/de/27809
Tempel der Shingon Risshu:
http://www.kotobuki-p.co.jp/kensaku/list_shu/shu603.htm
vier große Bodhisattvas:
http://www.onmarkproductions.com/html/4-compassion-bosatsu.shtml
Monju Bosatsu:
http://www.onmarkproductions.com/html/monju.shtml
Kinji Fujii: Kansai hana no tera 25kasho junrei, Osaka, 2009, ISBN-10: 4862491367, ISBN-13: 978-4862491367
auf Offbeat Japan:
https://offbeatjapan.org/hannyaji-cosmos-temple/
auf Pen Japan:
http://penjpn.com/30nara/hannyaji.html
auf Japan Travel:
https://en.japantravel.com/nara/hannyaji-temple/93
auf Tale of Genji:
http://www.taleofgenji.org/hannyaji.html
bei Johan Fransson:
http://blog.johanfransson.se/2018/01/cosmos-temple-a-visit-to-hannya-ji-in-nara/


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