Bernhard Peter
Tempel: Kyoto, Seiryo-ji (1)


Der Tempel Seiryo-ji (Seiryou-ji) befindet sich im Stadtbezirk Ukyo-ku, im nördlichen Bereich des Stadtteils Sagano (Arashiyama), 800 m nordwestlich des JR-Bahnhofs Saga-Arashiyama gelegen. Der Beeich wird auch "Saga Moor" genannt. Der Tempel wird alternativ Saga-Shaka-do (Saga Shaka-dou) genannt, nach dem Kultbild "Halle des Shakyamuni in Saga(no)". Er liegt auf ebenem, rechteckig begrenztem Gelände und wird jeweils im Westen, Osten und Süden von geraden Straßen begrenzt, im Osten zusätzlich von einem Bachlauf. Die Adresse lautet: 46 Saga-shakado Fujinoki-cho, Ukyo-ku, Kyoto-shi, Kyoto-fu 616-8447. Am besten erreicht man den Tempel mit der JR Sanin Main Line in Richtung Kameoka, vom Bahnhof Saga-Arashiyama zu Fuß, alternativ vom etwas näheren Bahnhof Arashiyama der Keifuku-Eisenbahn oder mit dem City-Bus Nr. 28 ab Bahnhof Kyoto, Haltestelle Saga-shakado-mae. Das Gelände, dessen Hauptachse etwas nach Nordwesten verdreht ist, mißt knapp 250 m in der Länge und 150-200 m in der Breite.

Erstaunlicherweise ist diese große Tempelanlage, obwohl gut zu Fuß erreichbar, völlig untouristisch. Die Massen gehen andere Wege, in den Bambuswald, in den Affenpark etc., die Kulturtouristen gehen alle in den Tenryo-ji und haben mit diesem Weltkulturerbe meistens Arashiyama schon abgehakt. Dabei kann man in diesem Stadtteil allein locker zwei randgefüllte Besichtigungstage verbringen. Fakt ist, daß der Seiryo-ji wundervoll untouristisch ist und daß es anscheinend völlig ausreicht, nur wenige Meter neben den ausgetretenen Pfaden zu liegen, um hier schöne und ungestörte Stunden der Besichtigung verbringen zu können.

Im Hondo (Hondou, Haupthalle) wird als zentrales Kultbild (Honzon) eine 1,62 m hohe hölzerne Statue des Shaka-Nyorai (Buddha Shakyamuni, also der historische Gautama Buddha, Shakyamuni Tathagata) verehrt, die als Nationalschatz klassifiziert ist. Diese Figur, die nur selten gezeigt wird, ist eine der drei wichtigsten Nyorai-Figuren Japans. Sie wurde 985 von einem Mönch namens Chonen (er kam aus dem Todai-ji in Nara) anläßlich seiner Pilgerreise nach China als Kopie einer chinesischen Buddhastatue, die wiederum vom indischen König Udayana stammt (der Legende nach angeblich zu Lebzeiten des historischen Buddha angefertigt), bei seiner Rückkehr nach Japan mitgebracht. Das Original des Udayana-Buddhas in China ging übrigens 1900 während des Boxer-Aufstandes verloren. Die Darstellung, die von der japanischen Ikonographie abweicht, wurde selbst zum Vorbild und stilprägend; nach ihr entstand durch Kopieren der Seiryo-Stil (Seiryo-ji-shiki). Das unterstreicht die große Bedeutung dieser Statue für den Glauben und auch für die Kunst, und das Ausmaß an Verehrung, das man ihr entgegenbrachte. Interessantes Detail: Innendrin in der vertikal gespaltenen Figur befinden sich Modelle der menschlichen Organe aus Seide, die man erst 1953 in einem Hohlraum entdeckte, und auch sonst gab man sich bei dieser Figur Mühe, die menschliche Anatomie auf das Götterbild zu übertragen, weswegen die Figur auch Ikimi Nyorai genannt wird, Buddha aus Fleisch und Blut. Zieht man die Legenden ab, bleibt eine nicht von geübter Hand hergestellte Figur der Song-Zeit, bei der man sich offensichtlich größte Mühe gab, sie menschenähnlich zu gestalten.

Neben diesem wichtigen Kultbild, wegen dem der Tempel auch einfach nur Saga-Shaka-do (Saga Shaka-dou) genannt wird, werden hier noch weitere wichtige Figuren aufbewahrt, z. B. eine ebenfalls als Nationalschatz klassifizierte Amitabha-Dreiheit, die zehn Schüler Buddhas und die vier Himmelskönige. Die Haupthalle ist so reich mit Kunstwerken, auch in reihum aufgestellten Vitrinen, ausgestattet, daß sie selbst eine Art Museum ist und als sehr, sehr besuchenswert empfohlen werden kann. Aber auch das modern gebaute Reihokan-Schatzhaus (Reihoukan, im Osten der Anlage neben dem Parkplatz) ist sehenswert, aber nur in den Monaten April, Mai, Oktober und November geöffnet.

Nach seiner Rückkehr aus China ließ sich Chonen in der Gegend von Sagano nieder. Er fühlte sich bei den fünf Bergspitzen des Atago an das chinesische Gebirge Wutai Shan mit seinen Klöstern erinnert. Zu seinen Lebzeiten entstand aber noch keine Halle für das Kultbild. An der Stelle des späteren Tempels stand eine Villa (Seikakan) des Minamoto-no-Toru (822-895), Sohn des Kaisers Saga und Minister zur Linken. Nach ihm wurde die literarische Person Hikaru Genji gestaltet, die in der "Geschichte vom Prinzen Genji" vorkommt. In dieser Villa gab es bereits eine kleine Halle mit einem lebensgroßen Buddhabild (Buddha Shakyamuni), aus dem Jahre 945, also noch vor der China-Reise des Mönchen Chonen. Nach dem Tod von Minamoto-no-Toru wurde seine Villa in einen Tempel umgewandelt, der zunächst Sika-ji hieß und erst später den heutigen Namen bekam. Chonens Schüler Yozan konnte nun dem chinesischen Buddhabild einen angemessenen Rahmen zur Verehrung geben. Mit wachsender Pilgerschaft wuchs auch der Tempel. Der Tempel Seiryo-ji (Seiryou-ji) gehörte erst zur im 8. Jh. gegründeten buddhistischen Kegon-Schule ("Schule der Buddha verherrlichenden Blumenpracht"), dem japanischen Gegenstück zur chinesischen Schule Huayan zong. Zu dieser Richtung gehört auch der Todai-ji in Nara. Später wurde der Seiryo-ji (Seiryou-ji) ein Tempel des Amitabha-Buddhismus (Reines-Land-Buddhismus), dessen beherrschende Lehren das Vertrauen in die Allgüte von Amitabha (Buddha Amida) und die Erwartung einer Wiedergeburt nach dem Tod im Jodo (Joudo, Reines Land) sind.

Wenn man von Süden kommt, trifft man zuerst auf ein imposantes zweistöckiges Tor, das Nio-mon. Das 1783-1784 erbaute Tor trägt diesen Namen, weil in den Nischen seitlich des Durchganges zwei Nio stehen, Wächterfiguren. Rechterhand befindet sich gleich hinter dem Tor ein kleiner Shinto-Schrein zum Schutz der Tempelanlage, mit Torii davor, de eigentliche Schrein unter Bäumen versteckt. Im Südwesten der Anlage, linkerhand des Nio-mon, steht eine zweistöckige Pagode (Taho-to, Taho-tou). Wenn man weiter nach Norden geht in Richtung der Haupthalle, liegt rechterhand ein quadratisches Wasserbecken. Linkerhand erkennt man am westlichen Rand des Geländes das Gebäude Kyogen-do (Kyougen-dou). Im Frühling und im Herbst wird jeweils der Saga Buddha Kyogen aufgeführt, eine Form des traditionellen japanischen Theaters.

Wer man sich hingegen von Westen nähert, gelangt durch ein kleineres Tor auf das Gelände; dieses Tor ist vom Typ eines Korai-mon. Ein Korai-mon (Kourai-mon) = "koreanisches Tor" = ist ein Tor aus Pfosten und Balken, dessen Hauptdach quer zum Weg steht und das nach innen gehend zwei kleine Nebendächer im rechten Winkel dazu besitzt; letztere decken die geöffneten Torflügel und deren Anschlag ab. Nördlich des Weges liegt abgesetzt mit eigenem Tor ein Subtempel, dahinter direkt am Weg eine weitere Tempelhalle; südlich des Weges befindet sich gegenüber der Glockenturm (Shoro). Auf dem Tempelgelände befinden sich auch die Gräber von Mönch Chonen, Minamoto-no-Toru, Kaiser Saga und Kaiserin Danrin.

Die große Haupthalle (Hondo) liegt in der Mitte des Geländes und wurde in ihrer gegenwärtigen Form 1701 von Tokugawa Tsunayoshi, dem fünften Shogun der Edo-Zeit, und seiner Mutter Keishoin und anderen Geldgebern erbaut, nachdem ein Vorgängerbau im späten 17. Jh. abgebrannt war, der seinerseits einen 1218 abgebrannten Bau ersetzt hatte. Ein gedeckter Korridor verläuft von der Haupthalle (Hondo) nach Norden und knickt dann ostwärts zum Klostergebäude (Mönchsunterkünfte, Lehrräume, Verwaltung) ab. Ein Vorgängerbau des Korridors wurde 1637 zerstört; der heutige Bau entstand Anfang des 18. Jh. Im Nordwesten des Areals liegt der  Garten. Nordwestlich dieses Korridors steht auf einer Insel im Gartenteich ein Benten-Tempel (Benten-do, Benten-Halle), der gegen Ende der Edo-Zeit errichtet wurde. Westlich des Benten-Tempels stehen einige der im Herbst am schönsten gefärbten Ahorne des Parks auf der Kawanaka-jima (Kawanaka-Insel), dazu eine dreizehnstöckige Zierpagode. Direkt östlich der Haupthalle befindet sich der Amida-do (Aminda-dou), die Amida-Halle. Davor steht ein weißblühender Pflaumenbaum.

Eines der interessantesten Bauwerke auf dem Gelände ist die Sutrenhalle, Kyozo (Kyouzou) oder Kyodo (Kyoudou), mit einem flammenden Juwel auf dem Dach. Dieses im Osten des Tempelgeländes gelegene Gebäude folgt dem üblichen Maß von 3 x 3 Pfostenabständen. Darin befindet sich eine riesige, vertikal aufgestellte, sechseckige Trommel, die zunächst von weitem wie eine Gebetsmühle in anderen buddhistischen Ländern aussieht, aber ein um eine vertikale Achse drehbares Bücherregal darstellt. Diese heißt Rinzo (Rinzou) oder Kaiten Rinzou. In den einzelnen Regalen befinden sich Schubladen, in denen die Sutras liegen. Natürlich ist es praktisch, wenn man durch Drehen das richtige Fach herankommen lassen kann, insbesondere wenn man auf einer Leiter o.ä. steht und etwas weiter oben sucht. Doch das ist nicht der Hauptgrund für diese Konstruktion. Die Verbindung von Lehrschriften mit dem Prinzip des Drehens ist vielmehr typisch für den Buddhismus und die Rolle, die das Rad der Lehre darin spielt. Etwas lesend zu umschreiten oder Texte in Rotation zu versetzen hat eine große Bedeutung im Umgang mit den Texten. Deshalb ist es genauso verdienstvoll, eine Sutra zu lesen wie diese in Rotation zu versetzen. Eine ganze Bibliothek dieses Ausmaßes zu drehen ist für den Tempelbesucher also äußerst verdienstvoll. Hier spielt auch eine Rolle, daß man so auch des Lesens unkundige Besucher oder eilige Besucher wenigstens symbolisch an den Inhalten und den sich durch die Lektüre ergebenden Verdiensten teilhaben lassen kann.

Eine Vergleichskonstruktion befindet sich übrigens im Mii-dera in Otsu, sie hat aber eine achteckige Trommel, eine weitere im Chion-in in Kyoto, noch jeweils eine im Ankoku-ji (ältestes Beispiel, 1407) in der Präfektur Gifu, im Kongoubu-ji Oku-in Kyouzou (1599 erbaut) in der Präfektur Wakayama, im Hase-dera in Kamakura und im Zenkou-ji in Nagano (Sutrenregal 1694, Gebäude 1759). Und es gibt noch ein solches drehbares Regal im Narita-san Shinshou-ji, Narita, sehr bunt bemalt, und ein weiteres im Iwaya-ji (1812 erbaut).

Nach außen gewandt sind drei Figuren zu sehen, die mittlere erhöht und auf einem breiten chinesischen Stuhl sitzend, die beiden anderen stehend und erstere flankierend. Die Kleidung ist die der chinesischen Tang-Zeit. Das sind der Chinese Fu Daishi (497-569) und seine beiden Söhne, Fu Jou (chinesisch: Fu Cheng) und Fu Ken (chinesisch: Fu Jian). Fu Daishi, der im Königreich Liang zur Zeit der Sechs Dynastien lebte und kein Mönch war, sondern ein im Buddhismus sehr bewanderter Laie, gilt als der Erfinder der sich drehenden Sutra-Bibliothek (Rinzo, Rinzou). Deshalb wird er gerne in der Nähe einer solchen dargestellt. Der Name der Erfinders ist eigentlich nur Fu Kyuu (chinesisch: Fu Xi, Fu Hsi), "Daishi" bedeutet "großer Lehrer". Weil seine Figur meist lachend dargestellt wird, ist er auch als "Warai-botoke" oder "lachender Buddha" bekannt.

Fu Daishi wurde in Japan zum Schutzpatron der Bibliotheken und gelehrten Sammlungen. Von ihm ist folgende Geschichte überliefert: Der Herrscher von Liang, Wu, bat Fu Daishi um eine Lehrrede über die Diamant-Sutra. Dieser stieg auf das Podium, schlug mit dem Hammer auf das Rednerpult und verließ das Podium wieder, einen konsternierten Herrscher zurücklassend - ein ausgeführtes Koan, denn die Diamant-Sutra (Vajrachchedika-Prajnaparamita-Sutra) befaßt sich mit dem Wesen der absoluten Wirklichkeit und die Grundzüge der Erleuchtung.

Im Innern der Sutrenhalle stehen in den vier Ecken des Gebäudes die vier Himmelskönigs (Shi-tenno), in den für Japan typischen Gesichtsfarben gefaßt.

das zweistöckige Nio-mon von Süden gesehen

Nio-mon, Detail

Nio-mon, von Südwesten gesehen

Nio-mon, von Südwesten gesehen

Detail

Niomon

   

Mauerkopf links des Nio-mon

Nio-mon von Nordwesten aus gesehen. Links Torii des kleinen Schreines.

konstruktive Details des Nio-mon

Schnitzerei am Nio-mon, rechts des Durchganges

Schnitzerei am Nio-mon, links des Durchganges

konstruktive Details des Nio-mon. Oben kleben zwei Pilgerzettel (Senjafuda).

Schnitzerei in Form eines Fabelwesens

Schnitzerei in Form eines Fabelwesens

konstruktive Details des Nio-mon

konstruktive Details des Nio-mon

konstruktive Details des Nio-mon

Westtor, Blick einwärts iun Richtung Hondo

Westtor, von Südosten gesehen.

Typisch für ein korai-mon sind die beiden kleinen Dächer senkrecht zum Hauptdach.

Glockenturm (Shoro) mit Bronzeglocke


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@35.0234703,135.6742763,18.75z - https://www.google.de/maps/@35.0234091,135.674539,184m/data=!3m1!1e3
eigene Webseite:
http://seiryoji.or.jp/ - Rundgang: http://seiryoji.or.jp/visit.html - Einführung: http://seiryoji.or.jp/introduce.html - Lageplan: http://seiryoji.or.jp/precincts.html - Veranstaltungen: http://seiryoji.or.jp/event.html
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 263-265
auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Seiry%C5%8D-ji
auf JNTO:
https://www.jnto.go.jp/eng/spot/shritemp/seiryojitemple.html
Tale of Genji:
http://www.taleofgenji.org/seiryoji.html
Places of interest in Kyoto:
http://kyoto.asanoxn.com/places/arashiyama/seiryoji.htm
auf Japan Hoppers:
https://www.japanhoppers.com/de/kansai/kyoto/kanko/1617/
auf Kyoto Kiss:
http://kyotokiss.com/districts_img/Sagano/seiryoji.html
auf Gojapango:
https://www.gojapango.com/places/kyoto-prefecture/kyoto/temple/seiryo-ji-temple/
Broschüre des Tempels mit Grundriß
Siryo-Shaka:
http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/s/seiryoujishikishaka.htm
Fu-Daichi:
https://de.wikipedia.org/wiki/Fu_Daishi - https://en.wikipedia.org/wiki/Fudaishi - http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/f/fudaishi.htm - http://www.chinabuddhismencyclopedia.com/en/index.php/Fu_Ta-shih
Kyuzo und Rinzo:
https://en.wikipedia.org/wiki/Ky%C5%8Dz%C5%8D - http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/deta/k/kyouzou.htm - http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/deta/r/rinzou.htm


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