Bernhard Peter
Tempel: Kyoto, Nison-in


Der Nison-in ist ein Tempel im Stadtbezirk Ukyo-ku, im Westen des Stadtteils Sagano (Arashiyama), 1,2 km nordwestlich des JR-Bahnhofs Saga-Arashiyama gelegen. Er gehört zu einer ganzen Gruppe von Tempeln, die am Rand der städtischen Bebauung in die westlich angrenzenden Hänge des Berges Ogura (Gipfel: 2112 m) gebaut sind und eine sehr enge Verbindung mit der Natur haben. Der Nison-in liegt gleich nördlich des in der Anlage sehr ähnlichen Jojakku-ji und südlich des Takiguchi-dera und südöstlich des Giou-ji. Die Adresse des Nison-in lautet: 27 Saga-nison-in Monzen Chojin-cho, Ukyo-ku, Kyoto, Kyoto-fu 616-8425. Am besten erreicht man den Tempel mit der JR Sanin Main Line in Richtung Kameoka, vom Bahnhof Saga-Arashiyama zu Fuß, alternativ vom etwas näheren Bahnhof Arashiyama der Keifuku-Eisenbahn oder mit dem City-Bus Nr. 28 ab Bahnhof Kyoto, Haltestelle "Sagako-mae". Wenn man sich sowieso mehrere Tempel in Arashiyama anschaut, erübrigt sich ein großer Anmarsch, weil die Sehenswürdigkeiten hier wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht sind.

Der Nison-in ist ein in den Hang des Ogura-yama gebauter Tempel, der nach außen sehr unscheinbar wirkt, weil sich die wesentlichen Gebäude hoch am Hang hinter dichten Bäumen verstecken. Von der kleinen Straße im Osten der Anlage aus sieht man nicht mehr als das So-mon (Sou-mon), und dahinter kann man auf Entdeckungstour im Wald gehen - und man wird hier nicht enttäuscht. Der Tempel ist sehr stimmungsvoll und ruhig, abseits der Touristenströme und nicht im Fokus der Massen. Durch den Baumbestand und die Lage sind Architektur und Natur aufs engste miteinander verbunden. Der Tempel ist am schönsten zur Zeit der Herbstlaubfärbung, dann freilich voller, weil seine Ahornbäume deswegen berühmt sind. Deshalb ist er auch ein beliebter Ort zum Betrachten der bunten Ahorne (Momiji) in der zweiten Novemberhälfte, ebenso wie der benachbarte Jojakku-ji. Weitere saisonale Höhepunkte sind die Kirschblüte im Frühjahr und die Hortensienblüte (Ajisai) im Juni.

Der Tempel entstand in der Mitte des 9. Jh. in der frühen Heian-Zeit und wurde 834 unter Kaiser Saga durch den Priester Jikaku Daishi (Ennin) gegründet und 847 fertiggestellt. Er gehört zur Tendai-Schule (Tendai-shuu). Diese hatte sich 993 in den Sanmon-Zweig (Partei des Ennin, Hieizan, Tempel: Enryaku-ji) und den Jimon-Zweig (Partei des Enchin und des Gishin, Tempel: Mii-dera) gespalten. Der Nison-in gehört zum Sanmon-Zweig und damit in die Tempelgruppe des Enryaku-ji. Aus der Heian-Zeit ist freilich kein Gebäude mehr erhalten, denn das ging alles im Onin-Krieg (1467-1477) kaputt. Der Mönch Honen (1133-1212) und seine Schüler, darunter Tanku, wohnten hier eine Zeitlang und bauten einige Gebäude wieder auf. Was wir heute sehen, entstammt z. T. noch der frühen Edo-Zeit. Der Nison-in stand in enger Beziehung zum Kaiserhaus, bevor dieses Kyoto für Edo = Tokyo verließ und im Zuge der Meiji-Reformen den Shintoismus bevorzugte. So war es üblich, daß ein nominierter oberster Priester den kaiserlichen Palast aufsuchte, um dort mit seiner purpurnen Robe ausgestattet zu werden, Symbol des höchsten buddhistischen Ranges. Zusammen mit wenigen anderen Tempeln waren die Priester des Nison-in für die Durchführung kaiserlicher buddhistischer Zeremonien zuständig.

Der heute geläufige Name Nison-in setzt sich zusammen aus "ni" = zwei, dem Kanji-Zeichen "son" für Gottheit oder Götterbild, ein Kanji, das auch als "mikoto" = kostbar gelesen werden kann, und einer der für buddhistische Stätten üblichen Endungen "in". Die Zahl "zwei" bezieht sich auf eine große Besonderheit dieses Tempels: In der Haupthalle wird nicht ein zentrales Bildwerk verehrt, sondern dort stehen zwei gleichberechtigte Buddhastatuen, die in gleicher Größe und Machart direkt nebeneinander gestellt sind und sich nur durch minimale Details (Mudras) unterscheiden. Das sind Shaka Nyorai rechts und Amitabha Tathagata (Amida Nyorai) links vom Betrachter. Beide Statuen, sowohl die des historischen Buddhas als auch die des erleuchteten Buddhas, sind damit praktisch zwei Seiten einer Medaille und ergänzen sich in ihrer Aufgabe. Die knapp 80 cm hohen, sehr alten Figuren mit Mandorla sind als wichtige Kulturgüter klassifiziert. Deshalb bedeutet der Tempelname "Tempel der zwei verehrten Bildnisse". Mit vollständigem Namen heißt der Tempel übrigens "Ogura-yama Nison-kyou-in Keidai-ji".

Der Tempel hatte einst einen berühmten Bewohner als Mönch: Als Perry 1853 mit seiner Flotte die Öffnung Japans erzwang, kam es zu einer Meinungsverschiedenheit in der Regierung. Eine Partei wollte, daß bei Ereignissen von so großer Tragweite der Rat des Kaisers, damals Komei, eingeholt werden sollte. Eine andere Partei wollte die Ehre und Integrität des Kaiserhauses verteidigen und den Tenno auf gar keinen Fall in solche profanen Dinge hineinziehen. Der Minister Sanjo Saki vertrat diese zweite Meinung. Er konnte sich nicht durchsetzen, und ihm wurde befohlen, den Rest seiner Tage als Mönch im Nison-in zu verbringen. Erst nach seinem Tod ließ Kaiser Komei ihn postum in den höheren Rang eines Udaijin, Ministers zur Rechten, erheben.

Das hölzerne einstöckige So-mon (Sou-mon) ganz im Osten ist ziegelgedeckt und in die östliche Umfassungsmauer integriert. Auch wenn es auf den ersten Blick unscheinbar wirkt - bei diesem Tor handelt es sich um ein Kunstwerk der Momoyama-Zeit, und der Blick auf die Details und Schnitzereien lohnt. Dieses Tor war einmal das Yakui-mon der Burg von Fushimi (gehörte Toyotomi Hideyoshi), ehe es durch einen wohlhabenden Kaufmann namens Suminokura Ryoi im Jahr 1613 hierher versetzt wurde. Linkerhand dahinter befindet sich das Empfangsgebäude. Dahinter beginnt eine 200 m lange, breite Straße, die abwechselnd von Kirschbäumen und von Ahornbäumen gesäumt wird und erst sanft und dann zunehmend steiler und mit Treppen gerade den Hügel hinaufführt und dabei rechterhand den Taeyukuon-Tempel passiert. Sie wird wegen ihrer Breite "Momiji no Baba" genannt, "von Ahorn gesäumter Reitweg", oder "Kojo (Koujou) no Baba", "Herbstlaub-Reitweg".

Oben gelangt man entweder direkt durch ein unspektakuläres Tor in den inneren Bereich oder nach einer scharfen Linkswendung nach wenigen Metern wieder rechts zum Chokushi-mon, dem Tor der Chokushi, der kaiserlichen Gesandten. Zu diesem Tor führt ein Parallelweg hinauf. Es ist im Kara-mon-Stil ausgeführt, d. h. im chinesischen Stil mit geschweiftem, in der Mitte hochgewölbtem Dach. Es ist in die Umfassungsmauer des inneren Bereiches eingefügt und war für den Besuch des Kaisers und seiner Gesandten reserviert. Dahinter gelangt man zum unlängst wiederhergestellten Hondo, der breitgelagerten Haupthalle des Tempels mit Irimoya-Dach, die nach einem Brand des Vorgängerbaus 1504-1531 entstand (jüngste Restaurierung wurde 2016 abgeschlossen).

Hinter dem Hondo führen Wege auf einen kleinen Hügel. Sehenswert ist auch der alte Friedhof, der sich nördlich der Haupthalle den Berghang in mehreren, durch Querwege miteinander verbundenen Ebenen hochzieht. Der Friedhof heißt San Tei Ryo, Friedhof der drei Kaiser, weil hier die Urnen mit der Asche der drei Kaiser Tsuchi-mikado (regierte 1198-1210), Go-Saga (regierte 1242-1246) und Kameyama begraben sind, gemäß dem letzten Willen des letztgenannten Kaisers, der 1304 verstarb. Hier liegen ferner etliche Mitglieder der alten Aristokratie (was das hohe Ansehen dieses Tempels in der damaligen Gesellschaft verdeutlicht), und die Steine im Gelände sind sehr malerisch. Eines der wichtigeren Gräber ist dasjenige von Suminokura Ryoi (1554-1614), der es als wohlhabender Fernhandelskaufmann bis zum Ratgeber des Shoguns Tokugawa Ieyasu brachte. Seine Statue steht in der Nähe des Glockenturmes (Shoro, Shourou, Shiawase no kane), der die sogenannte Glücksglocke enthält.

Hondo, von Osten gesehen, vom Chokushi-mon aus.

Haupthalle (Hondo), Blick von Südosten auf die östliche Veranda.

Haupthalle (Hondo), Blick von Südosten auf die östliche Veranda.

Die Gebäude öffnen sich zum Garten.

Nebengebäude und Mönchsquartiere.

Grobe Flußkiesel fangen das Traufwasser auf, dann folgen aufeinander weißer Kies, Moos und Wald.

Steintreppe im Garten

Garten am Berghang hinter dem Hondo.

Nördlich des Hondo stehen zwei kleinere Nebengebäude, rechts der von einem Phönix bekrönte Benten-do.

kleine Halle nördlich des Hondo zwischen diesem und dem Benten-do.

Chokushi-mon, von Nordwesten aus gesehen.

 

Abb. links: dicht gestellte Gorin-to (Gorin-tou) = "Fünf-Ringe-Türme" kennzeichnen Grabstellen.
Abb. rechts: überdachte zweistufige Veranda.

Benten-do: Hier werden Benzaiten, Dainichi Nyorai, Fudo Kyoiku, Bishamonten etc. verehrt.

Blick auf den bis 2016 renovierten Hondo von Nordosten.

Glockenturm mit der "Glücksglocke": Gegen eine kleine Spende darf man sie anschlagen.

alte Grabstellen mit interessanter Gestaltung in Form von Kopfbedeckungen

auf dem alten Friedhof

alte Grabstellen auf dem Friedhof

Die vielen Bäume schaffen eine einzigartige Verbindung zwischen Natur und Architektur.

Gorin-to (Gorin-tou) = "Fünf-Ringe-Türme", davor mehrere Reihen Jizo (Jizou)

Plattenweg unter Ahornbäumen


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@35.0211954,135.6685373,19.25z - https://www.google.de/maps/@35.0211954,135.6685373,184m/data=!3m1!1e3
eigene Webseite
http://nisonin.jp/ - Tempel: http://nisonin.jp/about/ - Geschichte: http://nisonin.jp/history/ - Rundgang: http://nisonin.jp/visit/
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 250-252
auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Nison-in
auf Inside Kyoto:
https://www.insidekyoto.com/nison-in-temple
auf JNTO:
https://www.jnto.go.jp/eng/spot/shritemp/nisonintemple.html
Nison-in:
http://kyoto.asanoxn.com/places/arashiyama/nisonin.htm
auf Japanhoppers:
https://www.japanhoppers.com/de/kansai/kyoto/kanko/863/
auf Japanvisitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/nisonin
auf TripKyoto:
http://eng.trip.kyoto.jp/spot/db/nisonin/
auf Japan-web-magazine:
http://japan-web-magazine.com/en/kyoto/temple/nisonin
Nison-in:
https://fastjapan.com/en/p118215


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