Bernhard Peter
Shinto-Schreine: Otsu (Präfektur Shiga), Omi Jingu


Lage und Erreichbarkeit
Der Omi-Jingu (Oumi-Jingu) ist ein großer Shinto-Schrein in der Stadt Otsu (Präfektur Shiga), am Westrand der sich lang und schmal dem Ufer des Biwa-Sees entlangziehenden Stadt am Fuße der Berge gelegen (Adresse: 1-1, Jingu-cho, Otsu-shi, Shiga). Im Rücken des Schreins liegt der Tunnel der Nishi-Otsu-Umgehungsstraße. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, hat die Wahl zwischen JR und Keihan. Günstiger ist die Keihan Electric Railway Ishiyama Sakamoto Main Line; der Omi-Jingu befindet sich etwa in der Mitte zwischen den Bahnhöfen Omi-Jingu-Mae und Minami-Shiga, von ersterem 800 m Fußweg, von letzterem 1100 m Fußweg entfernt. Eine sinnvolle Busverbindung gibt es in beiden Fällen nicht. Wer prinzipiell mit JR an reist, kann von Kyoto aus entweder mit der Kosei Line fahren und vom JR-Bahnhof Otsukyo zum Keihan-Bahnhof Otsukyo wechseln, oder er kann mit der Tokaido Main Line fahren und von JR Zeze zu Keihan Zeze wechseln. Wer das verpaßt, kann noch einmal in Ishiyama wechseln. Günstiger und schneller ist aber die Nordroute mit Wechsel des Bahnhofs in Otsukyo.

Alternativ fährt man mit JR Tokaido Main Line nur bis zum Bahnhof Otsu, dort kann man an der Keihan Bus Otsu Station auf Bussteig 3 den Bus 66 oder 66a nach Hieidaira nehmen und an der Haltestelle Omi-Jingu-Mae aussteigen. Oder man fährt mit JR Kosei Line bis zum Bahnhof JR Otsukyo, dort bekommt man ebenfalls die Keihan Busse 66 oder 66a in Richtung Hieidaira - auch wenn hierbei nicht wirklich viel gespart ist gegenüber der im ersten Absatz beschriebenen Variante. Der Eintritt ins Schreingelände ist frei, lediglich das Museum (Homotsu-kan) kostet Eintritt.


Geschichte und Bedeutung
Der in der Nähe des alten Kaiserpalastes von Otsu erbaute Schrein ist relativ neu und wurde erst in der Showa-Zeit im Jahre 1937 begonnen und 1940 fertiggestellt. Anlaß war der 2600ste Jahrestag der Begründung des japanischen Kaiserhauses. 1940 fällt zusammen mit dem Höhepunkt des japanischen Imperialismus am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, und mit diesem Schrein wurde das Selbstbewußtsein des Kaiserhauses noch einmal kräftig gefeiert. Als der erste Kaiser Japans gilt Jinmu (711 v. Chr. - 585 v. Chr.). Er wurde am 18.2.660 v. Chr. Kaiser, und das wurde 1940 als Jahrestag gefeiert. Allerdings ist Jinmu eine mythische Figur, Sohn von Hikohohodemi no mikoto und Toyotama, Enkel von Ninigi no mikoto und Konohanasakuyahime, Urenkel von Amenooshihomimi no mikoto, damit ein Urururenkel der Sonnengöttin Amaterasu. Die Person scheint kein real existierender historischer Kaiser zu sein, sondern eher eine mythische Amalgamisierung von mehreren Herrschern dieser Zeit. Dennoch gilt das Jahr 660 v. Chr. als der Anfang des Kaiserhauses. Während der Meiji-Zeit wurde der Staats-Shintoismus stark gefördert, und deshalb bekam auch dieses Eckdatum die passende bauliche Erinnerung. Die Regierung erklärte im Jahr 1872 den 11.2.660 v. Chr. zum Gründungstag des japanischen Kaiserreichs. Der 11.2. wurde gewählt, weil das der Neujahrsbeginn im lunisolaren Kalender war. Er wurde zu einem eigenen Feiertag, der Kigensetsu genannt wurde. Der Feiertag wurde 1948 als Folge der Niederlage im Zweiten Weltkrieg abgeschafft, 1966 aber mit neuem Gesicht wieder eingeführt, nun unter dem Namen "Gründungstag der Nation" ("Kenkoku kinen no hi" und mit anderen Inhalten des Gedenkens - de facto eine ziemlich uninteressante und langweilige Veranstaltung, aber ein schöner freier Tag für die Japaner.

Der Hauptschrein ist aber nicht für Jinmu, wie man jetzt annehmen könnte, sondern für den Kaiser Tenji (626-672), den 38. Kaiser der Reihe. Er regierte nur eine kurze Zeit, von 661-672. Entscheidung ist aber, daß er 667 seinen Hof von Asuka (bei Nara) in das Land Omi verlegte und den neuen Sitz "Omi Otsu-no-miya" nannte, oder kurz "Omi-kyo". Unter ihm wurde also die Stadt Otsu kurzfristig kaiserliche Residenzstadt, und deshalb wird sein Kami hier verehrt, unter dem Namen Amemikoto-hirakasuwake-no-okami. Kaiser Tenji wurde auch als Waka-Dichter berühmt; ein Gedicht von ihm ist das erste in der Sammlung "Ogura Hyakunin Isshu". Eine wichtige Leistung des späteren Kaisers Tenji waren noch als Prinz Naka no Oe die Taika-Reformen oder wörtlich die "Reformen der großen Wende" (Taika no kaishin), die ein einheitliches und zentralistisches Verwaltungs- und Bürokratiesystem schufen.

Der Omi Jingu war früher in die erste Gruppe der kaiserlichen Schreine eingruppiert (ein Kanpei taisha), nach dem 1871 eingeführten hierarchischen System der Shinto-Schreine. Der Schrein gehört zu den Chokusai-sha (eigentlich: Chokushi sanko no jinja), also denjenigen Schreinen, die zu besonders wichtigen Gelegenheiten einen kaiserlichen Boten geschickt bekommen. Damit ist der Omi-jinja, obwohl ein junger Schrein, in der gleichen Gruppe voller berühmter Namen wie beispielweise der Kamo-Schrein in Kyoto, der Izumo-Taisha in Izumo, der Kasuga-Taisha in Nara oder der Atsuta-jingu in Nagoya.

Die meisten Gebäude dieses Schreins sind als materielle Kulturgüter Japans (Yuukei Bunkazai) registriert. Am 20.4. jedes Jahres findet das Schreinfest statt. Ein besonderer Höhepunkt ist das Bogenschießfest (Yabusame) am ersten Sonntag im Juni, bei dem berittene Bogenschützen ihr Können zeigen.


Struktur der Anlage, Rundgang und Beschreibung
Der Schrein besteht aus mehreren mit Korridoren und Mauern abgetrennten Bereichen, die entlang der Hauptachse von Osten nach Westen aufeinander folgen und aufgrund der Hanglage auch unterschiedlichen Niveaux entsprechen, die mittels Torbauten und Treppen miteinander verbunden sind. Der Besucher erlebt so schrittweise den Übergang von den äußeren zu den inneren, von den tieferliegenden zu den höherliegenden, von den profaneren zu den heiligeren Bereichen, bis er nicht mehr weiterkommt, weil der innerste Bereich den Priestern vorbehalten ist.

Vorbereich: Das Gelände erstreckt sich von Osten nach Westen über eine Länge von 490 m, ab dem ersten Toriii (Ichi-no-torii) gemessen, hinter dem sich die Grünanlage dreieckig aufweitet. Den eigentlichen Eingang zum Schrein am oberen Ende einer Treppenanlage erreicht man nach 330 m ab dem ersten Torii. Bis dahin führt der Weg (Omote-Sando, vorderer Zuweg) mitten durch die Grünanlage und erreicht nach 260 m das zweite Torii (Ni-no-torii). Vor diesem führen Steinstufen (Ishidan) nach oben. Hinter dem zweiten Torii überquert man die Straße bis zu einem Denkmal mit aufgerichteten Steinen mit eingehauenen Gedicht-Inschriften (insgesamt gibt es 13 solche mit Gedichten beschriebenen Steinmonumente auf dem Areal des Schreins), biegt nach rechts ab und gelangt am Reinigungsbecken (Chouzusha, Temizusha) vorbei nach 45 m wieder nach links zur Haupteingangstreppe (Steinstufen = Ishidan). Noch weiter nördlich führt eine weitere Treppe nach oben und endet nach einem Versatz über den oberen Weg nach links an einem Nebentor mit Satteldach (s. u.).

Außenbereich: Zurück zur Haupttreppe, an deren oberem Ende das turmartige Tor, das Ro-mon mit Irimoya-Dach steht: Es wurde ursprünglich 1944 erbaut, ging aber aufgrund von Brandstiftung verloren und wurde 1956 wieder neu gebaut. Links grenzen Shukuei-sha (ursprünglich Raum des Wächters für die Nacht), Nanbu Soto Kairou (südlicher Außenkorridor) und dahinter das zweistöckige Technikmuseum (Tokei-kan Homotsu-den) an, das sich dem Thema Uhren widmet und ca. 3000 Exponate besitzt. Der Zusammenhang besteht darin, daß Kaiser Tenji, dem der Schrein hauptsächlich gewidmet ist, angeblich die erste Wasseruhr Japans konstruierte. Auf der freien Fläche vor dem Museum befinden sich ein paar Großobjekte: Rokoku (Roukoku) wird eine Wasser-Uhr genannt, die 1964 von dem schweizerischen Uhrenhersteller Omega als Nachbau der von Kaiser Tenji gebauten Uhr gestiftet wurde. Der Ablauf der Zeit ist an der Höhe des ausfließenden Wassers zu erkennen. Eine Feueruhr (Kodai Hidokei) in Form eines bronzenen Drachens wurde 1979 von der Firma Rolex gestiftet. Es handelt sich um einen Nachbau eines 4000 Jahre alten Vorbildes, wie er in China erfunden wurde: Um den geraden Rücken ist ein Faden gewickelt, an dem in gleichmäßigen Abständen Gewichte über einer Metallschüssel hängen. Wenn man den Faden anzündet, brennt dieser kontinuierlich ab, und alle 2 Stunden löst sich eine Kugel und fällt mit entsprechendem Klang in die Bronzeschüssel. Hidokei werden Sonnenuhren genannt, von denen hier zwei aufgestellt sind. Am 10.6. jedes Jahres ist Toki-no-kinembi, Uhren-Gedenktag. Das Uhren-Fest heißt Rokoku-sai.

Ganz links im Eck auf Höhe des Technikmuseums befindet sich der Jidosha kiyoharae-sho, ein Reinigungs- und Segnungsplatz für Autos. Das etwas fehl am Platze wirkende Gebäude mit dem Namen Kuruma-yose ist eine überdachte Wagenvorfahrt (Kuruma = Auto). Sie wurde 1890 erbaut, stammt aus einer Hofhaltung im Bezirk Otsu und wurde hierhin ans Ende des Korridors versetzt. Damit ist das Gebäude älter als die meisten anderen im Schreinbezirk. Ein abgewinkelter Korridor (Nobori-ro, Nobori-rou) bindet das Gebäude an den äußeren Haiden an. Noch weiter links am Parkplatz befindet sich der Shuzo-kan (Shuuzou-kan).

Rechterhand an das Ro-mon grenzen Kamifu juyo-sho (Jinpu-juyo-sho, Amulettverkauf und Goshuin-Büro) und Hokubu Soto Kairou (nördlicher Außenkorridor) an. Hinter dessen Rücksprung folgt eine weiter nach Norden führende Mauer (Außenwand, Soto toru hei, Soto tsukibei = äußere Mauer) mit dem vorerwähnten zweiten Tor in der Mitte (Hoku-shin-mon, Kita-shin-mon). Die seitlichen Mauern sind mit Teilen aus dem Ogura Hyakunin Isshu behängt. Die Mauer setzt sich fort zu einem weiter nördlich gelegenen Gebäudekomplex, der aus dem Kaguraden (Halle für rituelle Tanz- und Musik-Darbietungen) besteht, rechterhand Korridore (Kaguraden-kairo, Kaguraden-kai-rou) um einen Innenhof. Rückwärtig am Kaguraden liegen der Verbindungskorridor Shinsensho noborirou und dahinter das Gebäude für Kostüme. Linkerhand liegt der Shinsensho (Raum für die Zubereitung der Opferspeisen).

Mittlerer Bereich: Zurück zum Ro-mon und dem Platz dahinter: In gerader Linie führen in der Hauptachse Steinstufen (Ishidan) hinauf zum äußeren Haiden (Ge-Haiden, Soto Haiden). Der moderne Stil der Konstruktion mit Irimoya-Dach und einem Karahafu-Giebel, der die angrenzenden Dachpartien überlappt, wird nach diesem Vorbild Omi-zukuri genannt oder auch nach der Zeit der Entstehung Showa-zukuri. Typisch für diesen Stil ist, daß die Korridore in die Gebäude integriert werden; das kann sowohl beim inneren wie auch beim äußeren Haiden nachvollzogen werden. Der äußere Haiden ist eingebunden in ein Rechteck aus Korridoren, bestehend aus dem Nanbu uchi in kairou (Nanbu nai in kairou) im Süden und dem Hokubu uchi in kairou (Hokubu nai in kairou) im Norden, einen rechteckigen Hof (Uchi in bzw. Naka-niwa) einschließend. Beide Teilkorridore enden im Westen am inneren Haiden (Uchi-Haiden, Nai-Haiden). Nördlich des nördlichen Korridors befindet sich einsam im Wald noch ein kleiner Subschrein (Seishyo-Haiden oder Seishyo-Youhaiden), in dem ein Kami der Familie Arisugawa-no-Miya verehrt wird, einer Shinnoke-Familie, also einer Zweigfamilie des Kaiserhauses.

Kernbereich: Weiter geht es in der Hauptachse: Auf den inneren Haiden folgt ein Verbindungsgang (Nobori-rou), dahinter kommt das mittlere Tor, das Chu-mon (Chuu-mon), das in den innersten Bereich führt. Die Korridore des innersten Schreines werden als Nai-in-kairou bezeichnet. Links zur Seite führt der Tsubasa-rou, nach dem Eck nach hinten führend folgt der Korridor Kai-rou, links hinten im Eck liegt der Jinko, vom Eck zur Mitte hin führt der südliche Zaun (Nanbu jingu toru hei), in der Mitte liegt das Hintere Tor (Ko-mon, Kou-mon). Rechts herum führen analog der Tsubasa-rou, nach dem Eck nach hinten der Korridor Kai-rou, vom Eck zur Mitte hin der nördliche Teil des Zaunes (Hokobu jingu Toru hei). Das Herzstück liegt in der Mittelachse und beginnt mit dem Noritoden (Gebetshalle), dann schließt der Korridor (Watari-rou) an, und dieser stößt an das Allerheiligste, den Hauptschrein (Honden) in der Mitte dieses letzten Hofes.

Außerhalb dieser Gebäude sind noch ein paar Punkte erwähnenswert: Im Südwesten des Schreines, kurz vor dem Tunnel der Umgehungsstraße, befinden sich die Usayama-Gräber. Im Norden der Anlage liegt nördlich des Kaguraden die Verwaltung (Shamu-sho) mit dem Eingang für die kaiserlichen Boten (Chokushi-genkan) nach vorne und dem Toki-kan an der nordöstlichen Ecke. Noch ein Stück weiter befindet sich das Gebäude des Omi Kangakukan (Omi-Schule). Hier finden jedes Jahr im Januar die Kartenspielwettbewerbe (Kyogi Karuta) Meijin-sen und Queen-sen statt; wobei die Namen gleichzeitig die Titel der männlichen bzw. weiblichen Sieger sind.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.0319044,135.8531243,18.28z - https://www.google.de/maps/@35.0323732,135.8518255,101m/data=!3m1!1e3
auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report1779.html
auf JPManual:
http://jpmanual.com/omijingu - http://jpmanual.com/en/omijingu
bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/%C5%8Cmi-jing%C5%AB - https://en.wikipedia.org/wiki/Omi_Shrine
Webseite des Schreins:
http://oumijingu.org/ - http://oumijingu.org/publics/index/1#googtrans(ja|en) - Bogenschießfest: http://oumijingu.org/publics/index/177/
kleines Video zum Schrein:
https://www.youtube.com/watch?v=CdxehIKHk2Q&list=ULG2E_DeabwkQ&playnext=1&feature=bfnav
Kaiser Jinmu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Jimmu - https://en.wikipedia.org/wiki/Emperor_Jimmu
Kaiser Tenji:
https://en.wikipedia.org/wiki/Emperor_Tenji - https://de.wikipedia.org/wiki/Tenji
Nationaler Gründungstag:
https://en.wikipedia.org/wiki/National_Foundation_Day
Nationaler Gründungstag:
https://nipponinsider.de/kenkoku-kinen-no-hi/
Stammtafel der japanischen Kaiser:
http://www.kunaicho.go.jp/e-about/genealogy/img/keizu-e.pdf
Keihan-Webseite:
https://www.keihan.co.jp/travel/en/plan-your-trip/itinerary-ideas/otsu-line
JR Kosei Line:
https://www.kyotostation.com/jr-kosei-line-for-hieizan-sakamoto-ogoto-onsen-omi-maiko/
auf Japan Hoppers:
https://www.japanhoppers.com/de/kansai/otsu/kanko/1327/
auf Japan Visitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/omi-shrine


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