Bernhard Peter
Der Shintoismus - Weg der Götter


Shintoismus und Buddhismus
Das Spannende an Japan ist, daß Shintoismus und Buddhismus sich gegenseitig ergänzen, obwohl es grundverschiedene Religionen sind. Aber jede stillt ein eigenes und anderes Bedürfnis, so daß es keinerlei Widerspruch ist, zwei Religionen auszuüben, so daß man ohne mathematisch rot zu werden behaupten kann, daß Japans Bevölkerung zu rund 84 % dem älteren Shintoismus anhängen und zu rund 73 % dem im 6. Jh. eingeführten Buddhismus, wobei der erstere ein rein japanisches Phänomen ist und der letztere im gesamten asiatischen Raum vorkommt. Das Christentum ist mit 2,5 % Anteil gering vertreten; und rund 8 % der Bevölkerung sind Anhänger "anderer" Religionen, darunter ca. 300 in den letzten 150 Jahren entstandene "neue Religionen" (Shinshukyo) bzw. Sekten, die weder eindeutig shintoistisch noch eindeutig buddhistisch sind und deren größte Gruppe die 1930 in Japan gegründete "Werteschaffende Gesellschaft" (Soka Gakkai) ist. Oder in absoluten Zahlen: Im Jahre 2017 hatte Japan 126 045 000 Einwohner, davon 106 Millionen Shintoisten und 92 Millionen Buddhisten. Japaner sehen Religionszugehörigkeit äußerst pragmatisch: Drei Viertel aller Japaner fühlen sich beiden Religionen zugehörig. Bei Fragen des Jenseits oder der allgemeinen Lebensreflexion ist der buddhistische Tempel zuständig, auch bei Beerdigungen. Bei freudigen Anlässen wie z. B. einer Hochzeit wendet man sich an den Shinto-Priester (manchmal wird auch eine christliche Hochzeit inszeniert, auch wenn es nur die Kulisse einer Kirche ist und nicht wirklich ein geweihtes christliches Gotteshaus), und auch für die kleinen Wünsche nach Glück und die den Alltag betreffenden Bitten ist der Shinto-Schrein zuständig, wenn man den Segen der Kami braucht. Auch Neujahrsriten fallen in den Bereich des Shintoismus. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Bedürfnisse und der Zuständigkeit, und die Basis dieser Aufgabenteilung ist eine grundlegende Toleranz, die im Vergleich kein besonderes Wesensmerkmal monotheistischer Religionen ist - aber bei Buddhismus und Shintoismus geht das völlig problemlos. Die jeweiligen Priester pflegen die Einzeltradition (wobei die sich natürlich im Lauf der Geschichte vielfältig beeinflußt haben), und die Gläubigen leben in ihrem persönlich-individuellen Synkretismus. Historisch hatten viele buddhistischen Tempel ihre eigenen, ihnen zugehörigen Schutz-Schreine in der Nachbarschaft. Das Zusammenspiel beider Religionen im Alltag hat sogar einen Namen: "Shin-Butsu-Shugou". Dieser pluralistisch-tolerante Umgang mit Religion prägt das ganze Land. Japaner sind da äußerst pragmatisch: Religionen werden dafür genommen, wofür man sie gerade braucht, sozusagen flexibel à la carte. Daran ist sehr positiv, daß sich die Japaner auch nicht für irgendeine Religion oder ihre Dogmen vollständig vereinnahmen und instrumentalisieren lassen.

Reinigung und Erneuerung
Es gibt im Shintoismus keine Offenbarung und weder ein Anfangsdatum noch ein Anfangsjahr, keine faßbare Gründung. Shintoismus ist eine gewachsene Praxis, in der eine Vielfalt spiritueller Praktiken sich im gesellschaftlichen Konsens verbunden und langsam zu einer organisierten Religion entwickelt haben. Dogmen oder eine eigentliche Theologie im Sinne einer möglichen Orthodoxie gibt es im Shintoismus nicht. Es gibt auch kein grundlegendes religiöses Werk, keine einzelne heilige Schrift, kein zu befolgendes Regelwerk, noch nicht einmal einen definierten Heilsweg oder ein Heilsversprechen. Man macht es, weil man sich gut dabei fühlt, weil man durch göttlichen Rückhalt subjektiv Stärke gewinnt und weil es die Gemeinschaft fördert. Die Schriftwerke, aus denen man viel über die Götter erfährt, sind die historischen Geschichtswerke "Kojiki" und das "Nihon-Shoki".

Das einzige die Anhänger verbindende Grundprinzip ist das der Reinigung und Erneuerung: Reinigung bedeutet rituelle Reinheit des Körpers, der Kleidung, der Wohnstatt und der Seele (Makoto no kororo = reines Herz). Auch die Topographie einer Schreinanlage wird bestimmt vom Reinheitsgebot, denn bei keinem Schrein darf das Wasser fehlen, sei es in Form von Wasserbecken, sei es in Form von Flüssen oder Bächen, an denen die Schreine angelegt wurden, oder von rituellem Reinigen der Besucher durch Überschreiten des Wassers auf Brücken. Wasser ist lebensspendendes Element und verheerende Naturgewalt zugleich, Glück und Unglück, deshalb ist in den Schreinen das Wasser zugleich reinigendes Element als auch Barriere gegen Unheil. Auch die Tätigkeiten der Priester sind im wesentlichen Reinigungsrituale.

Deshalb gibt es auch die Praxis, einige Shinto-Schreine alle 20 oder 21 Jahre abzureißen und wieder neu zu erbauen. Aus Kostengründen wird das nur bei wenigen Schreinen heute noch aufrechterhalten. Seit seiner Gründung vor ca. 1300 Jahren ist aber z. B. der Schrein von Ise alle 20 Jahre abgerissen und neugebaut worden, zuletzt 2013, ein Symbol der Vergänglichkeit des Daseins, eine rituelle Erneuerung der Andachtsstätte, die so stets den Menschen Mut gibt, immer wieder innezuhalten, sich zu reinigen und selbst wieder neu und frischen Mutes anzufangen: was immer sich in der Zwischenzeit ereignet hat, was auch immer man für Unreinheiten angesammelt hat, man kann sich davon befreien und dann im Einklang mit den Göttern und der Natur wieder neu beginnen.

Kyoto, Shinto-Schrein auf dem Gelände des buddhistischen Tofuku-ji.

Unterscheide buddhistische und shintoistische Stätten
Weil Buddhismus und Shintoismus eng miteinander verwoben sind, vorab ein paar grundlegende Merkmale, wie man buddhistische und shintoistische Stätten unterscheidet: Zunächst am Namen: Shinto-Stätten enden auf -jinja, -yashiro, -miya, -sha oder -guu. Buddhistische Stätten enden auf -dera, -tera, -jiin oder -ji. Der Eingang einer Shinto-Stätte besitzt ein oder mehrere Torii, der zu einer buddhistischen Anlage meist Türwächter oder Himmelskönige. Eine einzelne, große, mit einem horizontalen Holzbalken anzuschlagende Glocke in einem eigens dafür gebauten Gebäude ist typisch für buddhistische Stätten, für shintoistische dagegen eine oder mehrere Schellen (Metallhohlkugel mit Schlitz und Kugel im Innern) mit Seilen und Stoffstreifen vor einer Gebäudefront. Räucherstäbchen, Verkauf derselben und Behälter zum Aufstellen sind typisch für die buddhistischen Stätten, nicht für Schreine. Und die Kleidung der Bewohner ist auch ein typisches Unterscheidungsmerkmal: Mönche sind meist orange oder grau gekleidet, Shinto-Priester (Kannushi), die mit Familie auf dem Schreingelände leben, tragen dagegen im Dienst weite, oft weiße Roben mit hohen Kopfbedeckungen (Kammuri oder Eboshi). Ebenso typisch sind Lackschuhe aus Paulonienholz (Asagutsu). Diese Kleidung hat ihr Vorbild in der aristokratischen Mode der Heian-Zeit.

Staats-Shintoismus
Es gab freilich im Laufe der Geschichte Japans Zeiten, in denen mal das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlug. In der Tokugawa-Zeit wurde der Buddhismus favorisiert. Als dann während der Meiji-Zeit die Macht des Kaisertums wiederhergestellt wurde, wurde der Shintoismus stark gefördert. Vor allem stand das shintoistische Gedankengefüge in starkem Zusammenhang mit der mythologischen Legitimation des Kaiserhauses. Vor dem Hintergrund der Bedrohung durch ausländische Interessen (Zwangsöffnung des bisher abgeschotteten Landes) und der Notwendigkeit der Erstarkung der nationalen Identität, um nicht als amerikanische Kolonie zu enden, betonte man die einheimische, landeseinzigartige und im Land entstandene Religion des Shintoismus entgegen dem einst aus anderen Ländern importierten, "landesfremden" und in vielen anderen Ländern praktizierten Buddhismus. Die Besinnung auf das Eigene, das Typische war die Antwort auf die politischen Herausforderungen jener Zeit; der Staats-Shintoismus entstand. Der Stärkung der nationalen Identität entsprach auch die Besinnung auf wichtige Persönlichkeiten der japanischen Geschichte, auch verstorbenen Wegbereitern der Meiji-Reformen, die vergöttlicht und als Kami verehrt wurden. Per Gesetz wurden buddhistische Tempel und Shinto-Schreine, auch diejenigen, welche historisch zusammengehörten (Schutzschreine von Tempeln), voneinander getrennt (Shinbutsu bunri) und sind seitdem unterschiedliche Institutionen. Pointiert kann man sagen, daß der Shintoismus erst durch diese erzwungene Trennung zur eigenständigen Religion wurde. Im Zuge dieser politisch motivierten Erstarkung des Shintoismus wurden viele Schreine wiederhergestellt und neu gebaut, und es wurde ein völlig neues, bis 1946 gültiges System der Klassifizierung von Schreinen erdacht. Nach dieser Vereinnahmung des Shintoismus durch den Staat als nationaler Kult wurde nach 1946 die Glaubensgemeinschaft strukturell und wirtschaftlich neu organisiert, ein Verdienst des Dachverbandes Jinja Honchou.

Shintoismus - eine Naturreligion
Der Shintoismus, der Weg der Götter (Kami), ist primär eine Naturreligion und eine Volksreligion. Der Name setzt sich zusammen aus Shin = Gottheit und To (Tou) = Weg. Grundlegend ist der Glaube, daß es Kami (Götter) gibt, deren Anzahl unbegrenzt ist (die Mythen nennen häufig yaoyorozu no kami, also acht Millionen Götter, was aber einfach nur "unvorstellbar viele" bedeutet), und daß diese Kami unser Leben beeinflussen können, indem wir Vorteile oder Nachteile erfahren, Glück oder Unglück. Da jeder Verstorbene prinzipiell zum Kami werden kann, müßte theoretisch die Anzahl der Kami sogar täglich steigen. Kami leben an besonderen Orten, meist an herausragend schönen oder auffälligen Stellen in der Natur (markante Felsen, Berggipfel, große Bäume, Quellen) oder an eigens für sie eingerichteten Orten. Kami können als Mensch, Tier, Gegenstand, Pflanze oder auch als Fabelwesen auftreten. Einige Kami können wie Menschen aussehen, denken und fühlen, und andere Kami können im Wind, im Meer, in Bergen, in Blitz und Donner oder im Regen präsent sein. Unsere Umwelt, unsere Natur und Naturereignisse sind belebt und beseelt; göttliche Geister sind in allem präsent, was uns in der Natur begegnet und beeindruckt, und genau deswegen bringen wir dieser Natur Respekt und Verehrung entgegen. Kami sind allgegenwärtig, im Brunnen genauso wie im Küchenherd. Und wegen dieser Allgegenwart größerer Kräfte und Energien bestimmt der Shintoismus das gesamte tägliche Leben, von der Nahrung über die Wohnung bis zu Kleidung und Handlungen. Shintoismus ist auch eng mit landwirtschaftlichen Zyklen, insbesondere dem Reisanbau verbunden, und die Priester sind für die Riten im Agrarzyklus zuständig, damit das jeweils richtige Maß an Wasser im Sommer zur Verfügung steht und damit kein Taifun im Herbst die Ernte zerstört, auch dafür sind Regen-Kami und Wind-Kami zuständig, zu denen man Kommunikation aufbaut.

Shintoismus - eine Volksreligion
Der Shintoismus ist die älteste Religion Japans, bekam aber den Namen erst im 6. Jh. n. Chr., als die Notwendigkeit auftrat, eine Bezeichnung im Gegensatz zum Buddhismus zu finden, um eben einen unterscheidenden Namen zu haben. Die Religion entstand aus dem Volke heraus und entwickelte sich als Konsens spiritueller Bräuche und als Mittel, um auf religiöse Weise das Verhalten der Menschen positiv zu beeinflussen. Die grundlegende soziale Einheit war früher die Familie, der Clan (Uji), insbesondere auf dem Land. Die Abstammungsgemeinschaft bildete die Gemeinde (Ujiko = Kinder des Uji). Jeder Clan besaß eine Schutzgottheit, das war der Clan-Gott, Uji + Kami -> Ujigami. Dazu hatte das Dorf eine Dorfgottheit, und irgendwann flossen beide zusammen. Im Dorf bildete der Schrein das soziale Zentrum, und die landwirtschaftlichen Zyklen gingen einher mit dem Rhythmus im Schrein. Die Rolle des Wassers im Shintoismus, die Lage der Schreine am Wasser, das hat auch einen Bezug zum wasserintensiven Reisanbau, zur Bedeutung von weder zuwenig noch zuviel Wasser für eine gute Reisernte, und auch für die Kontrolle und Zuteilung von fließendem Süßwasser. Die Prinzipien des Shintoismus sind keine abstrakten theologischen Konstrukte, sondern volkstümlich und auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft und des Lebens der Mitglieder ausgerichtet. Das macht ihn so einfach und so erfolgreich, so pragmatisch-japanisch, und so integrativ in Bezug auf andere, komplexere Religionen.

 

Schreine des Shintoismus liegen oft in großartiger Naturkulisse und besitzen meist uralte heilige Bäume:
Abb. links: Kyoto, am Hirano-Schrein. Abb. rechts: Arashiyama, kleiner Schrein am See beim Daikaku-ji.

Die vier Arten des Shintoismus
Shintoismus existiert in Japan in vier verschiedenen Erscheinungsformen mit fließenden Übergängen: 1.) Jinguu Shinto = Schrein-Shintoismus, 2.) Minkan-Shinto = Folklore-Shintoismus, 3.) Koushito-Shinto = Kaiserhaus-Shintoismus und 4.) Kyouha-Shinto = Sekten-Shintoismus. Der Tourist begegnet am vordergründigsten dem Schrein-Shintoismus, bei dem der Ritus, das angemessene Verhalten und die korrekte Durchführung von Reinigungsritualen im Vordergrund stehen. Über 80000 Schreine bilden die Basis für diese wichtigste und lebendigste Erscheinungsform der Religion. Die Organisation Jinja Honchou mit Sitz in Ise bildet einen Dachverband, dem die meisten Schreine angehören. Dieser Dachverband besitzt aber keinerlei inhaltliche Deutungshoheit oder Weisungsbefugnis. Der Folklore-Shintoismus faßt rituelle Handlungen zusammen, die nicht an einen Schrein gebunden sind und auch nicht von deren Priestern durchgeführt werden, sondern vom einfachen Volk zu Hause oder in freier Natur (Felsen, Bäume) oder an nicht vom Schrein-Shintoismus anerkannten Kultstätten. Bei diesem Folklore-Shintoismus gibt es viele Praktiken, die auf buddhistischen, taoistischen oder lokalen spirituellen Erscheinungsformen beruhen. Hier fließen auch magische Praktiken und der Glaube an okkulte Kräfte ein, und der Grenze zwischen Glaube und Aberglaube ist in diesem Bereich fließend. Der Kaiserhaus-Shintoismus ist der Einsatz von Religion als Mittel der Legitimation und Stabilisierung einer Herrscherdynastie und beruht auf der mythologischen Abstammung des Kaiserhauses von der Sonnengöttin Amaterasu Omikami. Deshalb unterhält das Kaiserhaus auch besondere Beziehungen zu all den Schreinen, die die entsprechenden göttlichen Vorfahren verehren, allen voran der Ise jingu. Der Sekten-Shintoismus entstand im 19. Jh. Charismatische religiöse Anführer gründeten zwischen 1876 und 1900 insgesamt 13 Sekten, die von der Meiji-Regierung als Zweige des Shintoismus offizielle Anerkennung erfuhren. Tatsächlich haben sich diese Gruppierungen teilweise sehr weit vom Shintoismus entfernt oder haben gar nichts mit ihm mehr gemeinsam. Sie werden lediglich dem Shintoismus zugerechnet, weil es in der Meiji-Zeit nur drei erlaubte Kulte gab, den buddhistischen, den shintoistischen und den christlichen Kult. Neue Sekten wurden der Einfachheit wegen als Shinto-Sekte klassifiziert, selbst wenn darin keine Shinto-Gottheiten mehr angebetet wurden wie in der von Kawate Bunjiro gegründeten Sekte Konkokyo (Konkoukyou). Da der Folklore-Shintoismus rückläufig ist, der Kaiserhaus-Shintoismus im wesentlichen auf die Schreine des Kaiserpalastes limitiert ist und die Sekten teils künstlich dem Shintoismus zugeordnet wurden, ist daher, wenn von "dem Shintoismus" ohne weitere Angaben die Rede ist, der Schrein-Shintoismus gemeint.

Schreine als räumliche Basis des Shintoismus
Ein Schrein (Jinja) ist ein Bauwerk, das für die Präsenz von Kami vorbereitet ist und wo Kami durch Opfergaben angelockt und durch Priester und Gläubige verehrt werden. Auch wenn Kami prinzipiell allgegenwärtig sein können, und sie auch prinzipiell überall, z. B. im eigenen Privathaus oder an einer Quelle im Wald, verehrt werden können, bilden doch die Schreine die räumliche Basis des Shintoismus. Hier wird die Nähe und Anwesenheit der Kami vorausgesetzt, hier wohnen die Götter, hier bindet man sie mit Zuwendung, hier betet und opfert man, und man erhofft hier auch die Gegenleistung der Kami in Form von Vorteilen. Wer im Allerheiligsten eines solchen Schreines auf die leibhaftige Gegenwart eines Kami von Angesicht zu Angesicht hofft, wird enttäuscht werden: Da ein Kami eher spirituell anwesend ist, hängt da häufig einfach nur ein Spiegel. Shintoismus ist eine im Volk sehr lebendig gepflegte Religion, auch wenn es im Vergleich zum Buddhismus weniger Priester pro Kultstätte gibt. Im ganzen Land gibt es ca. 89000 öffentliche Shinto-Kultstätten. An jeder einzelnen bilden die im jahrzeitlichen Zyklus durchgeführten Zeremonien zugleich ein Bindeglied für die Gemeinschaft. So sind die Schreine zugleich Treffpunkt der Gemeinschaft zur Äußerung ihrer Bedürfnisse und ihrer Wünsche an das Schicksal und zur Pflege bestimmter Riten und aufgrund der oft wunderschönen Lage in der Natur zugleich Ort der Entspannung und Ruhe und des friedvollen Naturgenusses und bilden so einen wichtigen Gegenpol zum Alltag.

Kyoto, shintoistischer Inari-Schrein auf dem Gelände des buddhistischen Sanjusangendo mit Büscheln von Sakaki-Zweigen in den Vasen.

Die Vielfalt der Kami und ihres Goshintoku
Die vielen dezentralen Orte in der Natur, die Bäume, Felsen, Quellen, Steine etc. mit ihren oft undefinierten Kami sind das eine Ende der Skala, das andere sind die Schreine, in denen wichtige und namentlich definierte, mythologische oder historische, später deifizierte Personen als Kami verehrt werden. Dazu zählen Personen aus der Gründungsmythologie Japans und des Kaiserhauses wie Susanoo-no-mikoto, Kushiinadahime-no-mikoto, Yahashira-no-mikogami, Kaiser Ojin, auch unter dem Namen Homudawake-no-mikoto bekannt, Kaiser Nintoku, Kaiser Chuai, auch unter dem Namen Tarashinakatuhiko-no-mikoto bekannt, Kaiserin Jingu, auch unter dem Namen Okinagatarashi-hime-no-mikoto bekannt. Weiterhin zählen wichtige Personen der japanischen Geschichte wie die drei Reichseiniger Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu. Oder es sind tragische Schicksale wie das von Uji no Waki-iratsuko (Ujigami jinja), die Menschen postum zum Kami werden lassen. Dazu zählen ferner Persönlichkeiten, denen Unrecht geschah und die zur Besänftigung ihrer ruhelosen Geister Schreine gesetzt bekamen, wie z. B. Fujiwara Tadafumi (Uji, Matafuri jinja) oder Sugawara no Michizane (Tenjin, Kitano Tenmangu in Kyoto). Und es gibt Schreine der neueren Zeit, in denen politisch oder militärisch bedeutende Personen als Kami verehrt werden wie in den Gokoku Jinja verschiedener Städte.

Die Vielfalt der Kami ist also groß und reicht vom namenlosen Naturkami über Reisgottheiten bis zu Menschen, die im Einsatz für die Nation einen gewaltsamen Tod gefunden haben. Jeder dieser Kami hat besondere Fähigkeiten, die sich die Betenden zunutze machen möchten. Der eine Kami gibt Schutz und Sicherheit im Straßenverkehr, der andere gibt Gesundheit, der nächste hilft beim Bestehen einer Prüfung und wiederum ein anderer hilft in Liebesdingen: Diese jeweils besonderen Fähigkeiten eines Kami nennt man Goshintoku. Ein paar Beispiele: Der Gott Okuninushi no O-kami hilft im Izumo O-yashiro beim Finden einer Liebes- und Heiratsbeziehung. Schutz des Landes und besonders der Samurai gibt es bei den Hachiman-Schreinen, wo Kaiser Ojin und seine Frau Jingu eingeschreint sind. Geschäftlichen und landwirtschaftlichen Erfolg verspricht das Gebet zur Reisgottheit Inari in den Inari-Schreinen. Für Wohlstand allgemein, Gesundheit und Segnungen im nächsten Leben betet man zu den drei Kami der Kumano-Schreine. Gegen Epidemien unternimmt man etwas durch Pflege der Beziehungen zu Susanoo no mikoto am Yasaka-Schrein in Kyoto. Wer Sicherheit bei einer Seereise braucht, wendet sich an die Gottheiten des Sumiyoshi Taisha in Osaka. All diese Fähigkeiten sind das jeweilige Goshintoku des Kami.


Literatur, Links und Quellen:
Religionen in Japan: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Index - https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Grundbegriffe
Shinto-Schreine:
http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Bauten/Schreine
Ernst Lokowandt: Shinto - Eine Einführung. Publikation der OAG Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokyo 2001, 117 S., Verlag Iudicium 2001, ISBN-10: 3891297270, ISBN-13: 978-3891297278
Joseph Cali, John Dougill: Shinto Shrines - a Guide to the Sacred Sites of Japan's Ancient Religion, 328 S., University of Hawaii Press 2012, ISBN-10: 0824837134, ISBN-13: 978-0824837136
Suzanne Sonnier:  Shinto, Spirits, and Shrines - Religion in Japan, Lucent Books 2007, ASIN: B00FAWMA88
Kenji Kato: Shinto Shrine, Bilingual Guide to Japan, Nippan Verlag 2017, 128 S., ISBN-10: 4093884781, ISBN-13: 978-4093884785
Shintoismus:
www.planet-wissen.de/kultur/asien/japanische_kultur/pwiedershintoismuswegdergoetter100.html
Vereinigung der Shinto-Schreine:
http://www.jinjahoncho.or.jp/en/index.html - Schreine: http://www.jinjahoncho.or.jp/en/shrines/index.html - Shintoismus: http://www.jinjahoncho.or.jp/en/shinto/index.html - Naturverehrung: http://www.jinjahoncho.or.jp/en/spiritual/index.html - Ahnenverehrung: http://www.jinjahoncho.or.jp/en/spiritual/index2.html - Feste: http://www.jinjahoncho.or.jp/en/festival/index.html - Durchführen von Gebeten: http://www.jinjahoncho.or.jp/en/shrines/index3.html
Florian Coulmas: Die Kultur Japans - Tradition und Moderne, 334 S., Verlag C. H. Beck, 2014, ISBN-10: 3406670970, ISBN-13: 978-3406670978, S. 105-117
Shintoismus:
https://doyouknowjapan.com/shinto/


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