Bernhard Peter
Kyoto, Kaiserpalast (Kyoto Gosho), Teil 1: Beschreibung und Rundgang


Lage und Erreichbarkeit
Das Kaiserpalastgelände bildet ein riesiges Areal im nördlichen Herzen der Stadt Kyoto, westlich des Kamo-Flusses. Das rechteckige Gelände mißt in Nord-Süd-Richtung 1300 m und in West-Ost-Richtung 690 m. Im Westen verläuft die Hauptverkehrsachse Karasuma Dori, im Norden die Imadegawa Dori, im Süden die Marutamachi Dori und im Osten die Teramachi Dori. Da der Großteil der Fläche schönen, alten Baumbestand hat, ist das Areal so etwas wie die grüne Lunge der Stadt. Die rechteckige Fläche voller Natur inmitten der modernen Stadt mit ihrer Betonwüste erinnert aus städtebaulicher Perspektive ein wenig an den Central Park in New York. Und die Einwohner nutzen den öffentlich zugänglichen Park mit seinen breiten Wegen auch ebenso gerne zur Naherholung. In diesen äußeren Rechteckrahmen sind mehrere weitere Blöcke eingepaßt: Der größte Block ist der eigentliche Kaiserpalast (mit der kaiserlichen Residenz, Dairi) selbst, nicht zentral, sondern etwas in die nordwestliche Ecke verschoben, der ebenfalls rechteckig ist und von breiten Kieswegen umgeben wird; dieser ca. 11 ha große Block mißt 450 m in Nord-Süd-Richtung und 250 m in West-Ost-Richtung. Eine weitere Palasteinheit liegt im Südosten des Gesamtareals, der Omiya- und Sento-Palast. Dieser Block mißt 350 m in Nord-Süd-Richtung und 265 m in West-Ost-Richtung. Der Bereich ist nach Voranmeldung besuchbar, nur mit Führung. Der Sento-Palast war die Residenz für einen abgedankten Kaiser. Ein dritter großer Block des Staatlichen Gästehauses (Geihinkan) liegt östlich des eigentlichen Kaiserpalastes, dieser ist der kleinste von den dreien und mißt 190 m X 105 m. Auch dieser Bereich ist besuchbar, aber ebenfalls nur nach Voranmeldung und nach nerviger Sicherheitsprozedur und noch nervigeren Belehrungen, und hier ist nur moderne Architektur zu sehen, in dem Räumen wird aber exquisites Kunsthandwerk ausgestellt. Das Gästehaus wurde 2005 als völlig neue Struktur gebaut.

Außerhalb dieser größeren, jeweils separat ummauerten Einheiten befinden sich noch im Westen und Norden des eigentlichen Kaiserpalastes etliche Bauten: Im Nordwesten liegt in der Nähe des Eingangs zum Kaiserpalast die kaiserliche Haushaltung (Kunaicho Kyoto Jimusho). Weiter südlich liegt das Hauptquartier der Kogu-Polizei. Noch weiter südlich liegt das Umweltministerium. Am südlichen Ende des Geländes liegt im mittleren Teil ein Garten mit einem Teehaus (Shusui-tei) am Kujo-Teich, und in letzteren steht nahe dem nördlichen Ufer der Schrein Itsukushima-jinja auf einer Insel. Es handelt sich um einen Zweigschwein des berühmten Itsukushima-Schreins auf der Insel Miyajima bei Hiroshima (der mit dem super-berühmten Torii im Wasser). Das ist nicht der einzige Schrein auf dem Gelände; etwas nördlich liegt in der Nähe des Gartens Toyosaka-no-niwa der Kazan-Inari-Daimyo-jin-Schrein, östlich der Polizeistation befindet sich der Shirakumo-jinja und östlich des kaiserlichen Gästehauses liegt der Nashinoki-jinja und bildet dort eine kleine Stufe im äußeren Umriß des Geländes.

Den Kaiserpalast (Adresse des Gosho: 3 Kyoto Gyoen, Kamigyo-ku, Kyoto) erreicht man am besten ab Kyoto Eki (Hauptbahnhof) mit der U-Bahn der Karasuma Line; der Bahnhof Imadegawa liegt direkt an der Nordostecke des Geländes bei der Doshisha-Universität. Wer vom Netz der Keihan-Bahn aus anreist, fährt am besten bis zum Endbahnhof Demachiyanagi und nimmt dort den Bus Nr. 201 an der Mibu Soshajo mae und fährt drei Haltestellen bis zur Haltestelle Karasumaimadegawa. Viele Busse halten in der Nähe des Kaiserpalastes, z. B. die Linie 4 an der Nordostecke (Haltestelle Kawaramachi Imadegawa), die Nr. 202 an der Südseite (Haltestelle Saibanshomae), die Nr. 203 an der Nordwestecke (Haltestelle Karasumaimadegawa).

Von den vier kaiserlichen Besitzungen, die für Touristen interessant sind (Kaiserpalast, Sento- und Omiya-Palast, Katsura-Villa mit prächtigen Gärten und Shugakuin-Villa mit einer tollen Aussicht über die Stadt) ist der Kaiserpalast der einzige, der ohne Voranmeldung besichtigt werden kann. Bei allen anderen dreien muß man sich vorher bei der entsprechenden kaiserlichen Haushaltung (kaiserliches Hofamt, Kunaicho) bewerben und anmelden, und bis vor ein paar Jahren war das beim Kaiserpalast auch noch so. Das Verfahren ist seit 2016 abgeschafft, man geht einfach hin. Nur montags ist geschlossen, wenn ein nationaler Feiertag auf den Montag fällt, ist dienstags zu. Der Eintritt ist frei, eine für die Reisekasse erholsame Abwechslung. Übrigens sind auch die Villa Shugakuin-Rikyu und der  Omiya-Palast bzw. der Palast Sento-Gosho hinsichtlich des Eintrittes frei; die Villa Katsura-Rikyu und das staatliche Gästehaus (Geihinkan, mittwochs zu) kosten hingegen. Alle erstgenannten drei Sehenswürdigkeiten kann man nur im Rahmen einer Führung besichtigen, beim Gästehaus hat man die Wahl, und beim Kaiserpalast selbst ist man Herr seiner Zeit und kann so lange schauen, wie es einem gefällt.

Am Eingang, der an der Westseite am zweiten von Norden gezählten Torgebäude ist, findet eine kurze Taschenkontrolle statt, dann erhält man seinen Besucherausweis. Es gibt sogar Führungen, die ebenfalls umsonst sind. Ebenso kann man das Gelände innerhalb der Absperrungen frei durchstreifen. Oder man macht erst eine einstündige Führung mit und geht danach noch einmal rum, um alles mit Zeit und Muße zu genießen. Man betritt nur Außenwege; kein einziger Raum kann innen betreten werden. Photographieren ist durchweg erlaubt, allerdings behält sich die kaiserliche Haushaltung vor, das Photographieren mit eindeutig kommerziellen und entsprechend umfangreichen Ausrüstungen zu untersagen. Das Gelände ("Kyoto Gyoen National Garden") ist riesig, die Gebäude sind es ebenfalls - auch größere Besuchermengen sind nicht wirklich störend. Ich habe das Gelände an einem Regentag im September besucht, es war äußerst entspannt, und die wenigen Touristen verloren sich sofort auf der Fläche. Wie an allen Sehenswürdigkeiten der Stadt ist mit saisonalem Großandrang zur Kirschblütenzeit und zur Zeit des Herbstlaubes zu rechnen. Gemessen an anderen Sehenswürdigkeiten sind die Gebäude relativ jung, und man kommt nicht hinein. Man kann auch die wenigen guten Gartenbereiche nicht durchstreifen. Das mag für einige enttäuschend sein. Auf der anderen Seite ist die Palastanlage eine gute und umsonst zu habende Abwechslung zu all den Tempeln und Schreinen, es sind riesige, qualitativ hochwertige und auch schöne Gebäude, die absolut repräsentativ und sehenswert sind, sowohl einzeln als auch in ihrer Heian-zeitliche Anlagen zitierenden Gesamtheit. Außerdem ergänzt ein kaiserliches Bauwerk als gute Abwechslung die Flut an Tempeln und Schreinen, zumal das Kaiserhaus in Japan eine hohe Bedeutung hat. Die neue Offenheit im Umgang mit den Besuchern seit 2016 sollte man nutzen, um seinen Eindruck von der Stadt abzurunden.


Geschichte und Bedeutung (1): der alte Kaiserpalast von Heian-kyo
Von allen Hauptstädten Japans war Kyoto die längste Zeit Sitz des Kaisers, nämlich von Beginn der Heian-Zeit 794 bis zur Verlegung des Kaisersitzes nach Tokyo durch Kaiser Meiji 1869. Aber selbst danach noch hatte Kyoto eine so große Tradition, daß sowohl Kaiser Taisho (regierte 1912-1926) 1915 als auch Kaiser Showa (regierte 1926-1989) 1928 die Krönungszeremonien in Kyoto abhielten. Bei den nachfolgenden Kaisern fanden die Krönungsfeierlichkeiten in Tokyo statt. Auch wenn wir also in Kyoto eine 1075jährige Tradition als Kaisersitz haben (auch wenn die wahre Macht in andere Städte verlagert war, Kamakura, Edo), gilt das nicht für die deutlich jüngeren Gebäude (ab 1855) und selbst nicht für die Lage des Kaisersitzes in der Stadt (ab 1331), denn an dieser Stelle befand sich nur rund die Hälfte der Zeit der Sitz des Kaisers.

Der erste Kaiserpalast war der Heian-Palast (Heian-kyu), auch Daidairi-Palast genannt. Er wurde sofort nach Verlegung der Hauptstadt von Nagaoka-kyo nach Heian-kyo erbaut, ca.2 km westlich des heutigen Standorts. Er befand sich in der Mittelachse der Hauptstadt Heian-kyo in ihrem nördlichen Teil, chinesischer Idealstadtplanung nach dem Vorbild von Chang-an entsprechend. Bei dieser Gelegenheit ein kurzer Exkurs zum Aufbau der alten Hauptstadt: Genauso wie bei alten Städten Chinas war die planmäßig angelegte Stadt ein strenges Rechteck mit einem Straßenraster in Nord-Süd- und in West-Ost-Richtung, wie ein Schachbrett angelegt. Die Außenmaße waren 5,5 auf 4,5 km. Das aus den Hauptstraßen aufgespannte Schachbrett bestand aus 8 Blöcken in West-Ost-Richtung und 9 Blöcken in Nord-Süd-Richtung. Jeder Block ist durch drei untergeordnete Straßen in jeder Richtung in 16 Unterfelder unterteilt. Die zentrale Achse lief von Süden und dem dort befindlichen Rajo-mon (Rasho-mon) direkt auf den Kaiserpalast zu und endete am Suzaku-mon. Der Kaiserpalast hatte eine Breite, die je einen Block rechts und links der Mittelachse entsprach. Diese zentrale Süd-Nord-Achse hieß Suzaku. Sie teilte die alte Stadt in eine westliche Hälfte, Ukyo, und eine östliche Hälfte, Sakyo. Wichtige Bauwerke waren symmetrisch beiderseits der Hauptachse angeordnet, so die beiden Staatstempel, der Westtempel, Sai-ji (heute nichts mehr da), und der To-ji (Ost-Tempel, heute einer der sehenswertesten und ältesten Tempel deer Stadt). Beide Tempel reichten bis zur südlichsten Querstraße. Ebenso wurden die beiden Märkte in der benachbarten Achse angelegt. Die Straßen numerierte man einfach durch, vom Kaiserpalast weg nach Süden: 1. Straße, 2. Straße, 3. Straße etc. Mit den japanischen Zahlwörtern 1 = ichi, 2 = ni, 3= san, 4 = shi, 6 = go etc. wird daraus: Ichi-jo-dori, Ni-jo-dori, San-jo-dori, Shi-jo-dori, Go-jo-dori etc. Diese Bezeichnungen haben sich bis heute gehalten, und selbst der eilige Besucher der Stadt wird zumindest die U-Bahn-Stationen abzählen können: Nijo, Shijo, Gojo. Alle nördlich einer Hauptquerstraße gelegenen Blöcke einer Reihe bildeten das gleichnamige Viertel; "Shijo" war also der Bereich nördlich der Shijo-dori bis zur Sanjo-dori etc. Die erste Querstraße bildet den oberen, nördlichen Abschluß der alten Stadt und hat etwas mehr Abstand zu den anderen Haupt-Querstraßen, einerseits weil hier die Tiefe des Palastgeländes berücksichtigt wird, andererseits weil es hier im Norden eine nachträgliche Hinzufügung von zwei Block-Reihen gab. Jeweils drei schmalere Querstraßen gliederten den Bereich zwischen zwei Haupt-Querstraßen, wobei die mittlere "-bo-mon" im Namen trug und so auf ein Nebentor hinweist. Südlich des Palastes befand sich östlich der Hauptachse zwischen der Nijo-dori und der Sanjo-dori (auch Nijo-oji und Sanjo-oji genannt, dori = Straße, oji = Avenue) der Palastgarten (Shinsen-en). Das Universitätsviertel entstand im driten Block südlich des Palastes östlich der Suzaku-oji. Soweit der Idealplan, wie er einmal gedacht war. Im Laufe der Geschichte kam alles anders. Die ursprünglichen Gebäude von Heian-kyo sind bis auf den Tempel To-ji alle verschwunden, allein das strenge Raster blieb und prägt auch heute noch die Stadt Kyoto.

Das Kaiserpalastgelände (Daidairi) lag im Norden des alten Heian-kyo. In Nord-Süd-Richtung maß das Palastgelände 1,4 km, in West-Ost-Richtung 1,2 km. Die Nishi-Omiya-dori (westliche Palast-Straße) lief an der Westseite entlang, die Higashi-Omiya-dori (östliche Palaststraße) oder einfach Omiya-dori lief an der Ostseite entlang. Insgesamt hatte der Palastbereich 14 Tore, je vier an den Längsseiten und je drei an der Nord- und Südseite. An der Südseite sind das das Suzaku-mon in der Mitte, das Koka-mon (Kouka-mon) links und das Bifuku-mon rechts. An der Nordseite gab es in der Mitte das Ikan-mon, westlich das Anka-mon und östlich das Tatchi-mon. Die Westseite besaß von Norden nach Süden das Josai-mon (Jousai-mon), das Inpu-mon, das Soheki-mon (Souheki-mon) und das Danten-mon. Die Ostseite schließlich hatte die vier Zugänge, von Norden nach Süden gelistet, Joto-mon (Joutou-mon), Yomei-mon (Youmei-mon), Taiken-mon und Ikuho-mon (Ikuhou-mon). Der repräsentative Haupteingang lag im Süden, und dort stand hinter dem Suzaku-mon das Oten-mon (Outen-mon), das zum Chodo-in (Choudou-in), dem Palasthof, führte und weiter zur Staatshalle (Daigoku-den). In diesem Gelände gab es wiederum separat ummauerte Blöcke für die einzelnen Funktionsbereiche, darunter auch der Dairi, der eigentliche Kaiserpalast, aber auch die ganzen Ministerien, Haushaltung und Küchenbereiche, Ställe, Behausungen für die Wachen, Lagerhäuser etc. Westlich des Chodo-in lag der Banketthof Buraku-in. Die Anordnung folgte dem chinesischen Vorbild, wie bereits in Nara zuvor. Also auch im alten Heian-kyo war der eigentliche Kaiserpalast (Dairi) nur eine separate Untereinheit eines wesentlich weitläufigeren Palastbereiches (Daidairi). Die Rückseite des Palastgeländes bildete den nördlichen Abschluß der Stadt.

Der Dairi, der innere Kaiserpalast, lag nordöstlich vom Chodo-in (Choudou-in), dem zentralen Palasthof. Sein Haupttor war das Kenrei-mon in der Mitte der Südseite. Es war flankiert von dem Kyujo-mon (Kyuujou) und Sumei-mon links und dem Shunka-mon rechts. Im Osten lag das Kenshun-mon, im Westen das Gishu-mon (Gishuu-mon). Im Norden lagen das Shikkan-mon und das Sakuhei-mon. Das dahinter liegende innere Rechteck hatte erneut drei Tore auf jeder Seite, im Uhrzeigersinn und im Süden in der Mitte beginnend: Shomei-mon (Shoumei-mon), Eian-mon, Ecke, Butoku-mon, Onmei-mon, Yugi-mon (Yuugi-mon), Ecke, Kian-mon, Genki-mon, Anki-mon, Ecke, Kayo-mon (Kayou-mon), Senyo-mon (Senyou-mon), Ensei-mon, Ecke, Choraku-mon (Chouraku-mon). In diesem inneren Bereich lag die private kaiserliche Audienzhalle Shishinden. Vor dieser standen im Süden bereits Ukon-no-tachibana (Orangenbaum) und Sakon-no-sakura (Kirschbaum). Im Dairi gab es insgesamt 17 Hallen, die symmetrisch angeordnet waren und in rhythmisch wechselnden Gruppierungen einen durch Korridore vernetzten Komplex im Stil Shinden-zukuri bildeten. Vom Shishinden aus führte eine Veranda zum Seiryo-den, der nordwestlich gelegenen privaten Wohnhalle des Kaisers. Das Gebäude hatte im Osten einen Hof mit zwei Bambusbüschen. Alles das sind Vorbilder in Anordnung und Bezeichnung, die, wie wir weiter unten sehen werden, größtenteils auch im neuzeitlichen Kaiserpalast wiedergefunden werden können. Im Innern der Halle dienten Schiebetüren und Stellschirme der Schaffung einzelner Kompartimente. Den besonderen Charakter erhielt der Dairi durch seine Innenhöfe (Tsubo), die nach Pflanzen benannt waren, nach der Wisteria (Fuji -> Fuji-tsubo), nach der Birne (Nashi), nach der Paulownie (Kiri) oder nach dem Pflaumenbaum (Ume).

An das alte Suzaku-mon von Heian-kyo erinnern in Kyoto noch der Suzaku-Park und das Suzaku Koen ya, ein Sportplatz für Baseball neben der Kyoto Municipal Nishi-no-kyo Junior High School. Bauliche Reste sind nicht mehr vorhanden. Auch an der Stelle des Rajo-mon (Rasho-mon) steht heute nur noch eine steinerne Gedenkstele auf dem Gelände eines Spielplatzes im Westen des Tempels To-ji, wo sich die Kujo Dori und die Senbon Dori treffen. Nicht ein einziger Grundstein des Tores ist mehr vorhanden.


Geschichte und Bedeutung (2): Stadtentwicklung von Heian-kyo zu Kyoto und Verlegung des Kaiserpalastes
Schon während der Heian-Zeit brannte der Palast mehrfach, wurde aber immer wieder aufgebaut. Das erste Mal brannte der Kaiserpalast im Jahre 960, 166 Jahre nach Gründung der neuen Hauptstadt. 1177 wurde nach erneutem Brand auf den Wiederaufbau der Haupteinheit verzichtet; die Kaiser bezogen kleinere Palastteile oder die Residenzen des Hofadels und nutzten sie als Sato-dairi, Nebenresidenz, bis zum erneuten Brand von 1227. Das war der 16. Brand seit der Gründung. Und jetzt hatte man keine Lust mehr zum Wiederaufbau: Danach blieb der Heian-Palast Ruine. Heute ist die Stelle vollständig modern überbaut; Spuren konnten bei Ausgrabungen gesichert werden. Einen verkleinerten Widerhall fand der Palast bei der späteren Anlage des Heian-Schreines, der den Chodo-in in 5/8-Größe nachempfindet und einige Gebäude wie das Oten-mon (Outen-mon) und die Staatshalle verkleinert wiederaufleben läßt. Dort kann man eine Ahnung davon bekommen, wie der echte Chodo-in zur Heian-Zeit ausgesehen haben könnte. Ca. einen halben Kilometer östlich des ersten Kaiserpalastes bestand mit dem Tsuchimikado-dono (genauer: Tsuchimikado-higashi-no-toin-dono) eine Nebenresidenz (Sato-dairi). Dieser Palast, der Familie Fujiwara zugehörig, wurde nun Sitz des Kaisers. Um 1308 ging der Palast in kaiserlichen Besitz über. Kaiser Kogon verfügte bei seiner Thronbesteigung 1331, daß dies nun der offizielle Kaiserpalast sein solle. Im Plan unten ist das das orangefarbene Quadrat. Die Stelle blieb offiziell Platz des Kaiserpalastes bis 1869.

Abb.: Übersicht über die Lage des neuen Kaiserpalastes in Relation zum Heian-zeitlichen Kaiserpalast und der Burg Nijo.

Aber auch diesen Palast suchten immer wieder Brände heim. Insgesamt wurde der Palast achtmal zerstört und im jeweiligen Stile der Zeit wiederaufgebaut, davon sechsmal während der Edo-Zeit. Die Konstruktion der Gebäude des Kaiserpalastes mit den Hinoki-Dächern begünstigte die Ausbreitung von Bränden, weil die vielen Lagen dünner Holzschindeln mit Luftkanälen dazwischen mit ein bißchen Wind wie Zunder brennen konnten, eine konstruktive Schwäche dieser Dächer. Der Onin-Krieg war nur eine von vielen Gelegenheiten, bei denen die Gebäude wieder einmal niederbrannten. Und nicht nur der Kaiserpalast, sondern der Großteil der Hauptstadt, insbesondere ihr nördlicher Teil. Dann kam die Zeit der Bürgerkriege. Stadt und Palast waren in einem Zustand rapiden Niedergangs begriffen. Was danach von der Stadt übrigblieb, waren ein paar miteinander verbundene Siedlungskerne, in denen man sich nachbarschaftlich zusammenschloß (Cho-gumi), das waren Kamigyo und Shimogyo (hellgrau in der obigen Schema-Zeichnung), und ringsum herrschte Zerstörung. Nach den ganzen Kriegen gab es nur noch einen Siedlungs-Rest der alten Stadt, der notdürftig gesichert wurde. Die Stadt zerfiel in mehrere einzeln befestigte Plätze. Oda Nobunaga machte 1571 erste Anstrengungen zur Wiederherstellung der Stadt und des Kaiserpalastes. Shimogyo und Kamigyo wurden zur Keimzelle des sich danach wieder entwickelnden Kyoto, und damit wurde auch der Schwerpunkt der Stadt nach Nordosten und in Richtung Kamo-Fluß verschoben. Das lag auch daran, daß die westliche Hälfte (Ukyo) der Heian-zeitlichen Idealanlage nie fertiggebaut worden war, also ohnehin der Siedlungsschwerpunkt in Sakyo lag.

Unter Toyotomi Hideyoshi erfolgten der Wiederaufbau und die Vergrößerung der Stadtgebiete. Er war Kampaku (Regent) geworden, befriedete das Land und ordnete die Verhältnisse. 1590 machte er sich an die Wiederherstellung des Kaiserpalastes, und zu dieser Zeit separierte man den Otsunegoten, den persönlichen Lebensbereich des Kaisers, funktional vom Seiryoden. Dabei wurde der bisherige Bereich (orange im Schaubild) das erste Mal vergrößert. Hideyoshi baute ab 1591 eine Stadtbefestigung aus Wall und Graben rings um die besiedelten Gebiete, den Odoi-Wall (braun in der obigen Schema-Zeichnung). Der Verlauf zeigt, daß nicht mehr viel von der Heian-zeitlichen Struktur überlebt hat, denn der umwallte Bereich umfaßte vor allem die Oststadt. Im Süden wurde gerade einmal der To-ji mit eingeschlossen, aber der heutige Bahnhofsbereich ausgelassen, im Norden verlief der Wall außen um den Daitoku-ji-Tempelkomplex herum. Im Osten bildete der Kamo-Fluß die Begrenzung. Im Westen ging der Odoi-Wall scharf am Kitano Tenmangu vorbei, und dort haben sich beachtliche Reste erhalten, die besichtigt werden können. Die Stadt war schmaler, länger und unregelmäßiger geworden. Unter Toyotomi Hideyoshi entstand der Jurakudai-Palast auf der ehemaligen Nordostecke des alten Kaiserpalastes, 1586-1587 erbaut. Sein eigener Palast und der Kaiserpalast bildeten die beiden repräsentativen Kerne der wiederaufgebauten Stadt. 1595 wurde der Jurakudai-Palast schon wieder zugunsten des Schlosses Fushimi aufgegeben. Fushimi wurde das neue Machtzentrum de Kampaku. Vom Jurakudai-Palast sind nur wenige Gebäude übrig, der Pavillon Hiun-kaku im Nishi Hongan-ji, das Tor Karamon im Daitoku-ji und das Vordertor des Myokaku-ji. Die meisten Gebäude wurden damals abgebrochen und nach Fushimi verbracht. Toyotomi Hideyoshi sortierte innerhalb der Stadt, was von den alten Tempeln übrig war, und positionierte etliche um.

Das Tokugawa-zeitliche Kyoto ließ Anfang des 17. Jh. die Burg Nijo-jo entstehen, etwa an der Südostecke des Heian-zeitlichen Kaiserpalastes gelegen und nach der dort verlaufenden zweiten Querstraße benannt. Kyoto wurde damit zur Burgstadt. Der frisch ernannte Shogun hatte damit seine eigene Burg und militärische Machtbasis mitten in der Kaiserstadt. Das Schloß Fushimi, schwer im Jahr 1600 durch Kriegsereignisse in Mitleidenschaft gezogen, wurde aufgegeben und abgebrochen. Die Gebäude und andere Bauteile wurden auf Tempel und andere Burgen verteilt. Mit der Befriedung des Landes konnte man auch an den Ausbau der kaiserlichen Residenz gehen. Tokugawa Ieyasu ließ die von Toyotomi Hideyoshi errichteten Gebäude auf dem Kaiserpalastgelände abbrechen und konzipierte die ganze Anlage unter Vergrößerung des Gesamtgeländes neu. Aus dem Tsuchimikado-dono entwickelte sich in der frühen Tokugawa-Zeit ein wesentlich größeres Palastareal (hellgelb in der obigen Schema-Zeichnung), in dem der eigentliche Kaiserpalast nur eine Untereinheit bildete (dunkelgelb in der obigen Schema-Zeichnung), umgeben von Residenzen des Hofadels. Eine Adels-Stadt von den Ausmaßen des heutigen Kaiserpalastgeländes (Gyo-en) entstand so in der Edo-Zeit, innerhalb derer der eigentliche Kaiserpalast (Gosho) das Zentrum bildete. Als weitere Untereinheit kam 1630 unter Kaiser Go-mizuno-o aus Anlaß dessen Abdankung der Sento-Palast hinzu (ebenfalls dunkelgelb in der obigen Schema-Zeichnung). Gleichzeitig entstand der Omiya-Palast, auch schon an der heutigen Stelle. Er war für seine Frau, Tofukomonin, die Enkelin von Shogun Tokugawa Ieyasu.

Die vorletzte große Zerstörung des Kaiserpalastes fand im Tenmei-Feuer 1788 statt. Bis dahin waren alle Wiederaufbauten im Stile der jeweiligen Zeit erfolgt. Nun besann man sich wieder auf die stilistischen Wurzeln: Der Shogun beauftragte Matsudaira Sadanobu, Daimyo von Shirakawa, Vorsitzender im Rat des Bakufu und Berater des Shoguns, mit dem Wiederaufbau. Er orientierte sich an dem Heian-zeitlichen Vorbild und Grundplan und stützte sich dabei auf die Forschungen von Uramatsu Mitsuyo (Uramatsu Kozen). Maßgeblich war dessen Werk "Daidairi Zukosho". Ab 1790 entstanden das Tor Jomei-mon, die Regierungshalle Shishinden und die Halle mit den kaiserlichen Wohnräumen Seiryo-den. Auch lang verlorene Gebäude wie den Higyosha baute man wieder auf. Ein weiteres, letztes großes Feuer zerstörte 1854 den Palast erneut. Ausgebrochen war das nicht mehr kontrollierbare Feuer durch Maßnahmen zur Ausrottung von Raupen von Fraßschädlingen. 1855 baute man die Gebäude wieder im Stil Shinden-zukuri nach den Plänen von Uramatsu wieder auf, so daß die Bausubstanz des heutigen Palastes aus dieser Zeit stammt. 1864 gab es während des Kinmon-Vorfalls (Kinmon no Hen) erneute Brandschäden, aber nicht so gravierend. Dieser erneute Angriff auf die Integrität des Kaiserpalastes ging ausgerechnet auf eine Partei der Sonno-joi (Sonnou-joui) zurück, die die Ausländer aus dem Land werfen und die Regierungsgewalt des Kaisers wiederherstellen wollte. 1869 wurde Kyoto als Kaisersitz aufgegeben, und 1869 zog der Kaiser nach Tokyo um. Danach wurden die Gebäude erst einmal etwas vernachlässigt, aber ab 1877, als die Erhaltung des alten Palastes befohlen wurde, repariert und fortan erhalten. Die ruinösen Residenzen des Hofadels wurden abgetragen. Der danach neu angelegte äußere Park "Kyoto Gyo-en" wurde 1949 allgemein öffentlich zugänglich gemacht.

1945 kam es noch zur Abtragung etlicher Gebäude, dabei wurden die Küchengebäude entfernt, viele Verbindungskorridore, die Dienerinnengebäude am Kaiserinnenpalast etc. Hintergrund war der Zweite Weltkrieg, man hatte Angst vor Flächenbränden und zerlegte den Baubestand in einzelne Gebäudegruppen, damit im Falle eines Brandes nicht alles verloren geht. Die damals geschlagenen Brandschneisen erwiesen sich glücklicherweise als unnötig, haben aber den Baubestand weiter dezimiert. Im Falle eines Falles hätten sie sowieso nichts geholfen, weil damals die US-Streitkräfte auch Kyoto in der engeren Wahl zur Abwurf der ersten Atombombe hatten, weil sie eine flächenmäßig ebene Stadt mit Hügeln ringsum suchten zum Ausprobieren der Wirkung. Nur die Sorge, die Vernichtung der alten Kaiserstadt könnte das japanische Volk zu unvorhersehbaren Reaktionen provozieren, rettete Kyoto, denn man entschied sich statt dessen für Hiroshima. Aber es war knapp, wie knapp, mag man sich nur mit Schaudern vergegenwärtigen.

Auch wenn die Gebäude also erst im 19. Jh. erbaut wurden, haben sie dennoch große historische Bedeutung, weil genau hier die Meiji-Restauration stattfand, angefangen mit dem Dekret zur Wiederherstellung der kaiserlichen Regierungsgewalt, im Ogakumonjo, über die Verhandlungen, wie es mit dem Shogunat weitergehen soll, im Kogosho, bis zur Deklaration der 5 grundlegenden Artikel einer zukünftigen Politik, im Shishinden, wo auch die Krönung von Kaiser Meiji stattfand, alles im Jahr 1868.


Rundgang und Beschreibung: Gesamtgelände Kyoto Gyoen
Das gesamte Gelände ("Kyoto Gyo-en National Garden") ist von einer niedrigen Mauer umgeben mit insgesamt neun Toren, alle vom Typ eines Korai-mon mit einem schmalen Satteldach quer und zwei tiefer angesetzten Nebendächern nach hinten über den Anschlägen der Torflügel, in unterschiedlicher Größe. Zur Imadegawa Dori hin gibt es im Norden ein einziges Tor, das Imadegawa Go-mon. "Go-" ist hier ein Honorativpräfix, genau wie bei Goten (Palast), Goshuin (Pilgerstempel) etc. Soll noch ein kaiserlicher Kontext ausgedrückt werden, wird aus dem "go-" ein "gyo-" wie bei Gyo-en (kaiserlicher Garten) oder Gyo-i (kaiserlicher Wille). Daneben gibt es auf der Nordseite eine weitere Einfahrt ohne Torkonstruktion. An der Karasuma Dori im Westen gibt es vier Tore, das nördliche ist das Innui Go-mon (dadurch betritt man das Gelände, wenn man mit der U-Bahn anreist), das mittlere das Nakadachiuri Go-mon und das südliche das Hamaguri Go-mon. Das letztgenannte Tor war dasjenige, das 1864 beim Kinmon-Aufstand (Aufstand an dem verbotenen Tor) angegriffen wurde, der deswegen auch Hamaguri-go-mon-no-hen genannt wird (Hen = Aufstand, Rebellion, Aufruhr, also Aufstand am kaiserlichen Hamaguri-Tor). Der Name kommt daher, daß das Tor immer geschlossen war wie eine Muschel. Früher hieß es Shinza-ike-mon. Daneben gibt es noch weiter im Süden der Westseite noch eine Einfahrt ohne Torkonstruktion, dann folgt das vierte, relativ kleine Tor, das Shimodachiuri Go-mon, und ganz im Süden der Westseite zwei weitere Einfahrten ohne Torkonstruktion. An der Südseite zur Marutamachi Dori hin gibt es ein Tor, das Sakaimachi Go-mon mit einer etwas aufwendigeren Konstruktion: Das Korai-mon wird über zwei kurze Mauerstücke mit zwei symmetrischen Flügelbauten verbunden. Auf der Südseite gibt es rechts und links des genannten Tores zwei weitere Einfahrten ohne Torkonstruktion. An der Ostseite gibt es im Norden ein sehr kleines Tor, das Ishiyakushi Go-mon, das auf eine kleine Nebenstraße führt. Anschluß an die Teramachi Dori haben das Seiwain Go-mon nördlich des Omiya-Palastbereiches und das Teramachi Go-mon südlich desselben.

Innerhalb des Kyoto Gyo-en gibt es mehrere Stellen abgegangener Paläste: Im Norden des eigentlichen Kaiserpalastes lagen die Konoe-Residenz (Konoe tei-ato, ato = Ruine, Fundament) und auf der anderen Seite des Sees Konoe-ike die Katsura-no-miya-Residenz, wobei letztere in den Honmaru-Bereich des Nijo-jo versetzt worden ist (siehe dort). Heute befindet sich an der Stelle der Konoe-Residenz ein Kinderpark (Jido koen, Jidou kou-en). Südlich des eigentlichen Kaiserpalastes lag die Arisugawa-no-miya-Residenz. Im Südwesten lag nahe dem kleinen Bach Demizu-no-Ogawa die Kaya-no-miya-Residenz. Östlich des Umweltministeriums lag die Kazan-in-Residenz, südlich des erstgenannten die Kan-in-no-miya-Residenz. Nördlich des Omiya-Palastbereiches lag einst die Tsuchimikado-Residenz. Diese Paläste entstanden ab dem 16. Jh. für den Hofadel. Als der Sitz des Kaisers nach Tokyo verlegt wurde, wurden alle anderen Adelssitze abgerissen, um Platz für die riesige Parkfläche zu machen. Alle diese Stellen einstiger Paläste oder Residenzen sind heute entweder Parkanlagen oder mit anderen Gebäuden überbaut.


Rundgang und Beschreibung: Mauern und Tore des Kyoto Gosho
Der eigentliche Kaiserpalast (Gosho) ist ringsum von einer hohen, bedachten Lehmmauer (Tsujibei) umgeben, die ein strenges Rechteck bildet, mit einer einzigen kleinen Unregelmäßigkeit im nordöstlichen Eck, wo eine kleine eingezogene Ecke gebildet wird (am Sarugatsuji). Einen solchen Wall aus Lehm mit verstärkenden vertikalen Holzbohlen, die das Dach tragen, sieht man zwar oft an Tempeln, doch rings um den Kaiserpalast erreicht die Mauer eine besonders beeindruckende Höhe, weil sie auf einem hohen Steinsockel steht. Fünf weiße Linien markieren kaiserlichen Rang. Rings um die Mauer läuft ein schmaler Kanal, der von Frischwasser aus dem Biwa-See gespeist wird. Der seltsame Versatz im Nordosteck hat etwas mit der Abwehr von Gefahren zu tun, die aus nordöstlicher Richtung vermutet werden. Durch das Invertieren der Ecke ist hier keine Mauer vorhanden, die böse Geister beschädigen könnten, vielmehr eine Sackgasse. Diese Mauer enthält erneut mehrere Tore. Davon sind sechs richtige Torkonstruktionen, von denen vier zurückgesetzt sind mit einem durch einen beiderseitigen Mauerrücksprung gebildeten Vorplatz. Nur zwei Tore, die beiden nördlichen auf der Westseite, sind in der Mauerflucht positioniert und insgesamt auch weniger aufwendig als die anderen vier. Zusätzlich gibt es auf jeder Seite mehrere Tore ohne eigene Dachkonstruktion in der Mauer, also Nutzöffnungen mit hölzernen Torflügeln, die in die Mauer integriert sind und über denen das Dach der Mauer weiterläuft. Die echten Tore sind, beginnend im Norden der Westseite und im Gegenuhrzeigersinn umlaufend, das Kogo-mon (Kougou-mon, Kougou-go-mon, Kaiserin-Tor), das Seisho-mon (Seisho-go-mon, das ist der Eingang für Besucher) und das Gishu-mon (Gishuu-mon) im Westen, das Kenrei-mon im Süden, das Kenshun-mon im Osten und das Sakuhei-mon (Sakudaira-mon) im Norden. Für die wichtigsten Tore auf jeder Seite wurden Bezeichnungen gewählt, die identisch mit denen im alten Kaiserpalast der Heian-Zeit sind. Von den Öffnungen ohne eigene Dachkonstruktion gibt es zwölf, zwei im Norden, vier im Westen, eine im Süden und fünf im Osten.

Abb.: Die Graphik vergleicht die Bezeichnungen der Tore des Kaiserpalastes zur Heian-Zeit (links) mit denen des jetzigen Kaiserpalastes: Die Namen von etlichen Haupttoren wurden übernommen.

Diese Tore hatten ganz unterschiedliche Funktionen. Das Kenrei-mon ist das Haupttor des Palastes, weil hier die Südachse auf die Staatshalle zuläuft. Es wurde vom Kaiser selbst und von hochrangigen Staatsgästen wie ausländischen Staatsoberhäuptern benutzt. Das Kenshun-mon ist eines mit geschwungenem Giebel (Karahafu); es wurde ursprünglich von den kaiserlichen Gesandten genutzt. Aber seit der Meiji-Ära wurde es von der Kaiserin und den Prinzen benutzt. Hier gingen auch die wichtigen Staatsgäste hindurch, die nicht Staatsoberhaupt waren, wie z. B. ausländische Premierminister. Das Sakuhei-mon im Norden war nicht wirklich dafür gedacht, Zugang zum Palast des Kaisers zu gewähren, sondern zum dahinter liegenden Palast der Kaiserin und zum Wohnbereich des kaiserlichen Nachwuchses. Das Kogo-mon auf der Westseite war primär dem Kogo Otsune Goten zugeordnet. Das Seisho-mon benutzten die Kinder der kaiserlichen Familie. Da die Bediensteten auch hier in Richtung des ehemaligen Küchentraktes durchgingen, wurde es auch kaiserliches Küchentor genannt, Odaidokoro-go-mon. Das Gishu-mon hieß auch Kara-mon nach der Form der seitlichen Giebel oder auch Kuge-mon nach seiner Funktion, denn hierdurch betrag der Hofadel (Kuge) den Palastbereich. Hier ging alles durch, was nicht durch die anderen Tore durfte: Minister, Geschwister des Kaisers, Mönch oder Nonne gewordene Angehörige des Kaiserhauses, Hofadel. Es war üblich, hier am Gishu-mon die Schuhe zu wechseln, ehe man weiter in den Palastbereich vordrang. Diese legte man natürlich vor dem Betreten der Innenräume wieder ab.

Nach dem unspektakulären Eingangstor, durch das der Besucher die Anlage betritt und hinter dem er sich südwärts wendet, und nach dem Passieren von Warteraum bzw. Besucherzentrum, sanitären Anlagen und Lagerräumen (Kura) ist das Gishu-mon das erste prunkvoll mit vergoldeten Beschlägen geschmückte Gebäude, das der Besucher sieht. Das Tor selbst trägt ein geschwungenes Satteldach aus Naturmaterialien und mit reichlich vergoldeten Beschlägen auf den Balken. Die Dachziegel an der ganzen Traufkante der anstoßenden Mauern und an ihren Stirnenden tragen das kaiserliche Chrysanthemen-Kamon, und auch die Endziegel der Dachrippen, die normalerweise Onigawara sind, haben hier keinen Oni zum Schmuck, sondern den Chrysanthemenblütenstand.


Rundgang und Beschreibung: südliche Gebäude des Palastes
Als nächstes kommt man zum Okurumayose, dem offiziellen Eingang in die Palastgebäude. Das Wort setzt sich zusammen aus dem Honorativpräfix "O-", "kuruma" = Wagen und "Yose", Vorfahrt, also große Wagenvorfahrt. Übrigens ist das Kanji für Kuruma = Wagen leicht zu merken: Ein Kasten, eine durchgesteckte Achse, und am Ende der Achse jeweils ein Rad in Aufsicht, also ein Strich. Das war die offizielle Zufahrt für Hofadlige. Natürlich näherten sich die meisten Hofadligen trotzdem zu Fuß, denn um hier mit seinem Ochsenkarren vorfahren zu dürften, bedurfte es einer besonderen Erlaubnis. Prunkvolle vergoldete Beschläge setzen die Formensprache des Gishu-mon fort.

Dahinter liegen drei hufeisenförmig um einen engen Hof gestellte Gebäude. Das nördliche ist der Shodaibu-no-ma (Raum der Würdenträger), der Wartebereich für Gäste. Innen folgen drei Räume aufeinander, den Wartebereichen für drei verschiedene gesellschaftliche Rängen entsprechend. Der Tiger-Raum (Tora-no-ma) ganz rechts im Osten, also am nächsten dran am Bereich des Kaisers, war für den höchsten Rang, in der Mitte der Kranich-Raum (Tsuru-no-ma) für den nächsttieferen Rang, und ganz im Westen der Kirschblüten-Raum (Sakura-no-ma) für den tiefsten Rang. Benannt sind die drei Räume nach den Motiven der schwarz-weiß bemalten Schiebetüren. Sie tragen auch andere Namen: Im Westen liegt der Shodaibu-no-ma, in der Mitte der Tenjobito-no-ma, und im Osten liegt der Kugyo-no-ma, der "beste" Wartebereich. Auch die textilen Randeinfassungen der Tatami-Matten unterscheiden sich in den drei Räumen, um den Statusunterschied auszudrücken: Die im "besten" Raum sind silbern, die anderen braun. Wer im Tora-no-ma (Malereien von Kishi Gantai, 1782-1865) und im Tsuru-no-ma (Malereien von Kano Eigaku, 1790-1867) warten durfte, durfte die Wagenvorfahrt benutzen. Wer hingegen im Sakura-no-ma (Malereien von Hara Zaisho, 1813-1871) warten mußte, hatte zu Fuß zu kommen und die Trittsteine linkerhand des Gebäudes zu benutzen.

An den Bau südlich des schmalen Hofes wurde 1915, als Kaiser Taisho (1879-1926) auf dem Thron nachfolgte, im Süden ein weiterer Eingangsbereich angebaut, dem ersten ganz gleich. Er heißt Shin-Okuruma-yose, also neue große Wagenvorfahrt. Alternative Bezeichnung: Shin-Mikuruma-yose. Man brauchte diese zweite Vorfahrt für die Inthronisationsfeierlichkeiten. Das war eigentlich gegen das traditionelle Zeremoniell, denn der Kaiser bestieg traditionell seine Sänfte vor dem Shishinden (Thronhalle) und verließ den Palast durch das Jomei-mon und dann durch das Kenrei-mon. Das Tor hatte aber drei Stufen, kein Problem für Sänftenträger. Wohl aber für von Tieren gezogene Wagen wie Kutschen. Und 1915 gab es schon Autos, und der Kaiser fuhr vor der neuen, stufenlos zu erreichenden Vorfahrt mit seinem Auto vor. Wegen der Schwellen ging das nicht mehr auf dem alten Weg in der Mitte. Die Tradition, daß der Kaiser seinen Palast von Süden her betrat und in Richtung Süden verließ, wurde durch die Ausrichtung der Zufahrt beibehalten. Der Hofadel und andere Besucher durften den neuen Zugang nicht benutzen, diese gingen weiterhin durch die alte Wagenvorfahrt. Innen ist das Gebäude übrigens recht modern gestaltet mit Glasfenstern und Teppichen.

Früher stand an dieser Stelle der alte Shenkaden oder Shunkoden, ein Gebäude zur Aufbewahrung des Heiligen Spiegels. Dieses Gebäude wurde abgerissen und in die südliche Präfektur Nara geschafft, wo es dem Kashihara-Schrein (Kashihara jingu) am Berg Unebi geschenkt wurde, Teil der Neugestaltung des nördlich gelegenen Grabmonumentes von Kaiser Jimmu.

Der südlichste Bereich ist eine stilistisch von den anderen Gebäuden abweichende Galerieeinfassung des Hofes vor der größten Halle:  Drei Korridore mit zinnoberrot gestrichenen Tragekonstruktionen und dunkelgrauem Ziegeldach umfassen den Hof und besitzen in der Mitte jeder Seite ein Tor mit erhöhtem Dach. Die Galerien bestehen aus einer Trennmauer in der Mitte und jeweils einem gedeckten Gang innen wie außen. Das westliche Tor mit einem Durchgang und zwei Seitenkompartimenten ist das Gekka-mon. Das baugleiche Tor der Ostseite heißt Nikka-mon. Heute stehen beide permanent offen, doch früher war das anders, da wurden sie nur bei besonderen Gelegenheiten und Zeremonien geöffnet, und die kaiserlichen Wachen sicherten den Zugang zum Hof. Zwei kleinere Durchlässe durch die linke bzw. rechte Galerie werden Ueki-mon (Tor zur Rechten) bzw. Hidari-mon (Tor zur Linken) genannt. Das Tor im Süden (Jomei-mon) ist größer und hat drei Durchgänge. Dieses Tor war dasjenige, durch das der Kaiser traditionell den Palast betrat oder verließ. Ihm allein war der mittlere Durchgang vorbehalten. Auch dieses Tor wird seitlich von zwei Durchgängen in den Korridoren flankiert.

Durch sie hindurch fällt der Blick frontal auf den Shishinden (auch: "purpurne kaiserliche Halle"), die Haupthalle des Palastes, die eigentliche Repräsentationshalle für Staatsakte wie Inthronisationen oder andere wichtige Zeremonien. Um das eigentliche Dach sind reihum Hisahi-artige Dächer angesetzt, was die Stufe im Dach erklärt. Der Boden liegt relativ hoch, so daß vom Hofniveau eine breite Treppe hinaufführt. Die Halle mißt 33 x 23 m. Vom Stil her ist es eine Kopie Heian-zeitlicher Thronhallen. Hier steht der eigentliche Thron (Takamikura für den Kaiser, Michodai für die Kaiserin), auf einer dreistufigen rechteckigen Plattform (Dais), schwarz lackiert mit goldenen Verzierungen und einer zinnoberroten Balustrade. Der Thron des Kaisers steht in der Mittelachse, der der Kaiserin nach rechts (Osten) verschoben. Die schwarz lackierten Throne selbst befinden sich in einem achteckigen Pavillon mit schwerem Baldachin, ca. 5 m hoch. Die beiden Throne wurden 1913 für die Krönungszeremonien 1915 angefertigt. Mehrere Vorrichtungen dienen dazu, den Kaiser vor Blicken zu verbergen, Gardinen zwischen den den Baldachin tragenden Pfosten und Schiebetüren (Kenjo no shoji). Letztere ist mit 32 himmlischen Figuren bemalt, einem für die Heian-Zeit typischen Motiv. Der Baldachin über dem kaiserlichen Thron wird mit einem großen und acht kleinen Phönix-Figuren (Vogel Ho-o, Hou-ou) verziert, einem kaiserlichen Symbol. Beiderseits des Thrones befinden sich zwei kleine Tischchen, wovon der eine für die Regalien vorgesehen war, der andere für die beiden Siegelstempel, den des Staates und den privaten des Kaisers. Der Baldachin über dem Thron der Kaiserin ist ganz ähnlich gestaltet, aber nur 90% so groß. Er wird oben mit einer Figur des Vogels Rancho (Ranchou) verziert. Der ganze Zentralbereich wird von einem schmalen Gang (Hisashi) umgeben. Das Irimoya-Dach ist wie die meisten Gebäude des Palastkomplexes mit Zypressenholzschindeln gedeckt.

Ursprünglich fanden Inthronisationen in einem Gebäude statt, das Daigokuden genannt wurde. 1177 brannte dieses Gebäude mit dem alten Kaiserpalast ab, und dann wurden die Krönungen in den Dajo-kan verlegt. Aber auch diese Halle brannte im Onin-Krieg ab. Als Kaiser Go-Kashiwabara 1521 den Thron bestieg, fand das erstmals im Shishinden des neuen Palastes statt, und man blieb fortan bei dieser Lokalität. Der heutige Bau im Shinden-Stil stammt natürlich von 1855, und in genau wieder Halle wurden nur drei Kaiser gekrönt, Meiji (1868), Taisho (1915) und Showa (1928). Spätere Kaiserkrönungen (Heisei 1989 und Reiwa 2019) fanden in Tokyo statt, aber dafür wurden die beiden Throne jeweils von Kyoto nach Tokyo geschafft. Hinter den beiden Thronen befinden sich Gemälde der 32 chinesischen Weisen, über jedem einzelnen eine Kurzbiographie mit seinen Leistungen. In diesem Raum wurde 1868 die 5 Artikel umfassende Erklärung verlesen, in denen Kaiser Meiji die Grundzüge seiner Regierungsziele darlegte. Diese 5 Artikel seiner Regierungserklärung können als die erste Verfassung des modernen Japans angesehen werden.

Im Hof, der Dan-tei genannt wird (wörtlich "Süd-Garten", vgl. Nan-tei, wobei "Garten" reichlich euphemistisch ist bei dieser weißen Kieswüste), stehen zwei Bäume, ganz typisch vor einer Staatshalle, vom Besucher aus links ein Tachibana-Baum (Ukon no tachibana, eine Zitrusfrucht-Art, Citrus tachibana) und rechts ein Sakura-Baum (Sakon no sakura, Kirschbaum). Eigentlich beziehen sich die Bezeichnungen auf den Blick aus der Halle, denn die Bezeichnungen bedeuten "Rechts-Tachibana" und "Links-Kirsche", bzw. verständlicher "Tachibana zur Rechten" und "Kirsche zur Linken". Diese Anordnung wird auch an anderen Stellen kopiert, z. B. im Shoren-in Monzeki. Rings um den Hof verläuft eine Wasserrinne, genau wie in dem nördlich des Shishinden befindlichen Hof sowie weiteren Innenhöfen und genau wie außen um die ganze Mauer herum. Das vom Biwa-See-Kanal gespeiste Wassersystem verschafft in der Sonnerhitze eine angenehme Kühle. Nördlich des Nikka-mon stößt die Galerie an ein Gebäude, das zweimal an den Shishinden angebunden ist, mit einem kleinen Innenhof zwischen den Verbindungen. Es wird Jinnoza genannt.

Östlich des zuvor beschriebenen Komplexes steht isoliert die unlängst restaurierte Halle Shunkoden, im Shinden-Stil aus Zypressenholz mit einem Dach aus Kupferblechtafeln (ganz modern, kein Dach mehr aus Naturmaterialien). Nach vorne und nach hinten ist das Dach rechteckig vorgezogen. Das Dach über dem Kohai-Zugang auf der Vorderseite ist ohne Kurvatur. Diese Halle wurde 1915 für den heiligen Spiegel (Yata no Kagami, steht für Weisheit) gebaut, eines der drei Throninsignien Japans. Zu diesen drei "Sanshu no Shinki" gehören außerdem das heilige Schwert (Kusanagi no Tsurugi, "Grasschneider-Schwert", steht für Tapferkeit), das im Atsuta-Schrein in Nagoya aufbewahrt wird, und eine Halskette aus krummen, tropfenförmigen Juwelen (Yasakani no Magatama, steht für den Willen zum richtigen Handeln), die im Kaiserpalast in Tokyo aufbewahrt wird. Alle drei Throninsignien werden nie gezeigt, weder der Öffentlichkeit noch der Wissenschaft, keiner hat sie in neuerer Zeit je gesehen, niemand kennt ihr Aussehen, weil auch keinerlei Abbildungen veröffentlicht wurden. Beim Spiegel kann aufgrund des Alters vermutet werden, daß es sich um eine polierte Bronzescheibe handelt. Er ist, anders als man bei dem Namen der Halle vermuten möchte, nicht wirklich da drin. Aber der heilige Spiegel wurde hier zeitweise zur Krönung des Kaisers Taisho im Jahr 1915 aufbewahrt. Heute befindet er sich im Schrein von Ise; eine Replik ist im Kaiserpalast in Tokyo. In der Halle fand damals die Zeremonie Kashikodokoro Omae-no-gi statt. Deshalb wird das Gebäude alternativ auch Kashikodokoro genannt. Im Inneren gibt es drei Räume, einen äußeren (Ge-jin) und einen inneren Raum (Nai-jin) und das innerste Heiligtum (Nai-nai-jin), wo der Spiegel aufbewahrt wurde. Auch während der Krönung von Kaiser Showa wurde diese Halle benutzt. Im Norden der Halle verläuft eine Trennmauer, die bis zur östlichen Abschlußmauer des inneren Palastbereiches reicht.

Der Weg der Besucher führt nach Passieren dieser Mauer nach links in einen Hof: Nordwestlich des Shishinden steht um 90 Grad gedreht die Halle Seiryoden ("kühle bzw. erfrischende Halle"), früher der persönliche Lebensbereich des Kaisers, später ebenfalls für Zeremonien benutzt. Eine solche Halle gab es schon im Heian-zeitlichen Palast. Diese hier ersetzte einen Vorgängerbau und wurde 1790 am neuen Kaiserpalast erbaut und später erneuert. Sie mißt 26 m x 15,6 m und bildet den westlichen Abschluß des großen Innenhofes. An der Nordseite lag das Schlafzimmer des Kaisers. Im Westen lagen die sanitären Anlagen, ferner der Frühstücksbereich für den Kaiser. Im Süden befanden sich Archive, und hier hatte der kaiserliche Archivar seinen Platz. Im Gegensatz zum Shishinden ist diese im Stil Shinden-zukuri erbaute Halle mehrfach durch Trennwände unterteilt. Die Kompartimente im Seiryoden werden Tenjo-no-ma (im Süden, für privilegierte Hofadelige), Moya (zentraler Raum mit dem Thron des Kaisers, Micho-dai), Higashibisashi (langer Raum an der Ostseite, mit einem Sitz für den Kaiser, Hinogoza, aus zwei dicken Tatami-Matten mit einem Kissen darauf, Hinomashi), Hirobisashi und Nishibisashi (Raumfolge im Westen mit Bad, Küche, Hofdamenbereich) genannt. Auch diese Halle Seiryoden besitzt ein Dach aus Zypressenholzschindeln. Hinter dieser Halle liegt noch ein Innenhof (Hagi-tsubo, Hagi-no-tsubo, Buschklee-Hof), der im Westen an den Okurumayose stößt. Vor dieser Halle, genauer vor dem Higashi-bisashi, stehen zwei verschiedene Kübel mit seltenen Bambusarten, rechts der Kuretake, links der Kawatake. Auch das nach dem Vorbild des Heian-zeitlichen Palastes. Im Norden und Osten umschließen niedrigere Galeriebauten den großen Innenhof.

Nach Norden schließt sich eine weitere, mit Korridoren verbrückte Gebäudegruppe an. Den weiteren Weg des Besuchers begleiten linkerhand im Westen zwei Hallen mit einem kleinen Rücksprung dazwischen. Die erste, südlichere Halle ist der Ko-gosho ("kleiner kaiserlicher Palast"). Sie ist in einem Misch- oder Übergangsstil aus Shinden- und Shoin-Stil erbaut. Der erste Bau stammte aus der Kamakura-Zeit, wurde aber mehrfach erneuert. Die Halle wurde für Zeremonien der Kronprinzen verwendet und für Treffen zwischen dem Kaiser und dem Shogun bis zur Abschaffung des Shogunats, ebenso für Treffen mit Provinz-Daimyos. Am 9.12.1867 fand hier die Kogosho-Konferenz statt, nach der Deklaration der Wiederherstellung der kaiserlichen Regierungsgewalt, hier fiel die Entscheidung für die Meiji-Reformen. Das gegenwärtige Gebäude ist eine Rekonstruktion aus dem Jahre 1958, nachdem die originale Halle 1954 einem Feuer zum Opfer gefallen war. Als man damals am Kamo-Fluß ein Feuerwerk abbrannte, landete einer der Feuerwerkskörper auf dem Dach der Halle, so ging sie verloren. Innen gibt es drei mit Tatami-Matten ausgelegte Räume, jeder 18 Matten groß, mit stufenweise ansteigendem Bodenniveau, alles umgeben von einem breiten Holzkorridor. Der innerste Raum mit dem höchsten Boden wird Jodan-no-ma genannt.

Die nördlichere Halle nennt sich Gogakumonjo (auch: Ogakumonsho, Ogakumonjo, "kaiserliches Studienzimmer bzw. kaiserliche Bibliothek"). Sie ist im Shoin-Stil erbaut worden und besitzt ein Irimoya-Dach aus Zypressenholzschindeln (Hiwadabuki). 1613 entstand erstmals diese funktionale Abtrennung vom Seiryoden. In diesem Gebäude fanden wissenschaftliche Treffen, Poesiewettbewerbe (Waka-Gedichte) und Treffen mit Vasallen statt. Innen gibt es sechs Räume, darunter je nach Höhe des Bodenniveaus einen oberen (Jodan-no-ma), einen mittleren (Chudan-no-ma) und einen unteren Raum (Gedan-no-ma); diese drei blicken nach Osten auf den Garten. Diese Räume sind jeweils 12,5 Tatami-Matten groß und besitzen eine Kassettendecke und geschnitzte Ranma zwischen den Räumen über den Schiebetüren. Hier befinden sich Malereien von Hara Zaisho (1813-1871) mit 18 chinesischen Gelehrten und jahreszeitlichen Szenen mit Blumen und Vögeln. Die anderen drei Räume, die nicht auf den Garten blicken, heißen Kari-no-ma (Raum der Wildgänse, Malereien von Renzan Gantokan), Yamabuki-no-ma (Raum der japanischen Kerrie, Malereien von Maruyama Okyu, 1733-1795) und Kiku-no-ma (Raum der Chrysanthemen, Malereien von Okamoto Sukehiko, 1823-1883). Alle Räume sind mit Tatami-Matten ausgelegt. 1867 traf sich hier Kaiser Meiji mit den kaiserlichen Prinzen und seinen höchsten Gefolgsleuten, um das Dekret zur Wiederherstellung der kaiserlichen Regierungsgewalt zu verabschieden, ein Schlüsselereignis der Meiji-Restauration. Zwischen den nächsten Gebäuden liegt ein rechteckiger Kieshof, der als Kemari-no-niwa bezeichnet wird. Mit Garten hat das wenig zu tun, vielmehr ist Kemari eine Art altes japanisches Fußballspiel, für das der Bereich genutzt wurde. Dieses aus China stammende, bei der Hofgesellschaft beliebte Spiel hat nichts mit unserem Fußball und dem Wettbewerb zweier Mannschaften zu tun. Vielmehr stand man im Kreis und kickte sich den Ball gegenseitig zu, wobei der Ball möglichst nie den Boden berühren sollte. Ziel war es, gemeinsam den ball möglichst lange in der Luft zu halten.

Östlich dieser Gebäude liegt der Oikeniwa, ein Garten vom Typ eines Teich-Wandelgartens. Der Name bedeutet O-ike-niwa = großer-See-Garten. Eine Brücke aus Zelkoven-Holz (Keyaki-bashi) überspannt den See zur Insel Naka-jima, und am Westrand des Sees ist eine Art Strand (Suhama) aus dunklen Kieselsteinen aufgeschüttet, ein Geschenk vom Daimyo von Odawara, in der Nähe des Fuji-san gesammelt, daher der vulkanische Ursprung des Gesteins. Große unregelmäßige Trittsteine führen zur Wasserkante herunter. Weitere Inseln wie die Horai-jima liegen im See. Im Garten fand jährlich am 15. Januar Okitsusho Sagicho statt, wobei sogar gemeines Volk zugelassen war. Ursprünglich wurde der Garten von Kobori Enshu (1579-1647) gestaltet, wie das von so vielen Gärten gesagt wird, aber die gegenwärtige Anlage ist eine Rekonstruktion aus dem 19. Jh. Der See wird über unterirdische Kanäle gespeist von Wasser aus dem Biwa-See, und er entwässert in den Kamo-Fluß.


Rundgang und Beschreibung: mittlere Gebäude des Palastes
Der Besucher kommt nur noch ein kleines Stückchen weiter nach Norden. Dort liegt eine von den bisherigen Bauten isolierte Gebäudegruppe. Kernstück ist die Halle, die Otsunegoten genannt wird, frei übersetzt Alltagspalast. Sie ist im Shoin-Stil erbaut und trägt ein Irimoya-Dach aus Zypressenholzschindeln. Sie ist mit 22,2 x 28,5 m die größte Halle des Palastbereiches, größer als der Shishinden, aber im Gegensatz zu diesem in viele Räume aufgeteilt, 15 insgesamt. Nachdem der Seiryoden mehr und mehr seinen Charakter als Privatbereich verloren hatte, wurde diese Halle vom Kaiser als Privatbereich genutzt. Vorher waren die Funktionen im Seiryoden integriert, erst 1590 schuf man dafür ein separates Gebäude.

Die Halle ist untergliedert in insgesamt 15 Räume, darunter an der Südseite die für Audienzen genutzten Räume Jodan-no-ma (oberer Raum), Chudan-no-ma (mittlerer Raum), Kadan-no-ma (tieferer Raum). Gemälde von Saida Shigenari, Tsurusawa Tanshin (1834-1893) und Kano Eigaku (1790-1867) zeigen historische Szenen aus dem Leben echter und legendärer chinesischer Kaiser: 1.) Kaiser Tang Gaozong träumt davon, einen tugendhaften Gefolgsmann zu empfangen, 2.) Kaiser Yu = Rong Yu warnt vor Gefahren und übermäßigem Trinken, 3.) Kaiser Yao = Yaotangshi beauftragt einen Weisen mit der Regierung des Landes. In diesen Räumen empfing der Kaiser private Gäste. Ein weiterer Raum in dieser Halle diente als privates Schlafzimmer. Im Schatzraum (Kenji-no-ma), dem größten und schönsten Raum, wurden zeitweise zwei der drei Regalien aufbewahrt. Weitere Gemälde in den Räumen der Ostseite stammen von Hara Zaisho (1813-1871) und Okamoto Sukehiko (1823-1883) und stellen unter anderem Gagaku-Tänze und ein Kemari-Fußballspiel dar, außerdem eine Party am Fluß, bei der man wechselseitig Gedichte vortragen mußte, ehe man mit einem auf dem Wasser schwimmenden Sake-Gefäß belohnt wurde.

Die Lücke zu der südlichen Gebäudegruppe entspricht nicht dem ursprünglichen Konzept. Früher waren alle Gebäude des Palastes mit Korridoren verbunden, und so bestand auch hier eine Korridor-Anbindung zum Ogakumonjo. Erst gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gab man 1945 die bauliche Verbindung auf zur Schaffung einer Schneise gegen die Ausbreitung möglicher Brände, in Erwartung amerikanischer Luftangriffe.

Zwischen dieser Halle und dem Wasserlauf geht es weiter nach Norden. Dort liegt der Garten Gonaitei ("innerer kaiserlicher Garten"), ein kleiner, aber sehr hübsch angelegter Garten mit Teehaus ("Kintei"). Das war früher der private Garten des Kaisers. Vom südlicheren Garten Oikeniwa ist er baulich abgetrennt. Im Garten verläuft ein mäandrierender Bach, und es gibt viele kleine Brücken und Steinlaternen und beschnittene Büsche; von allen Gärten des Palastbereiches ist dieses der kunstvollste. Hier wirft man einen Blick auf die Gebäude Koshun (5 Räume, unter Kaiser Komei als Lesezimmer erbaut und von ihm gerne genutzt), Osuzumi-sho (ein luftiger Sommerpalast, 5 Räume, Name bedeutet "Abkühl-Platz") und Chosetsu (ein Teehaus, Name bedeutet "dem Schnee lauschen", ein Bach läuft unter dem Fußboden hindurch). Das Chosetsu ist mit dem Osuzumi-sho durch einen Korridor mit einem Dach im Stil Sukiya-zukuri verbunden. Ein kleines Gebäude mit Namen Izumi-dono oder auch Jishin-den diente als Unterstand bei Erdbeben. Es ist ein geschmackvoller kleiner Pavillon mit braunroten Wänden. Hinter diesem Bereich liegt verborgen vor neugierigen Besucherblicken noch der Ohana-Goten (Palast für den Kronprinzen, Name bedeutet O-Hana-Goten = "ehrenwerter Blumen-Palast"), über einen Korridor (Watari-ro) mit den vorgenannten Strukturen verbunden. Hier wohnte auch Kaiser Meiji in seiner Zeit als Kronprinz.

Durch das Tor Nageshi-mon geht es nach Westen und anschließend zwischen Omima und Gogakumonjo (s. o.) hindurch wieder zum Ausgang. Das sich westlich an den Otsune-goten anschließende Gebäude Omima diente der Abhaltung von jahreszeitlichen Zeremonien des kaiserlichen Hofes, z. B. das Tanabata-Fest (Stern-Fest). Noch 1860 wurde hier eine Zeremonie abgehalten, um für das Wachsen und Gedeihen des damals achtjährigen Kronprinzen zu beten, des späteren Kaisers Meiji. Früher gehörte das Gebäude funktional zum Otsune-Goten, wurde aber noch in der Edo-Zeit 1790 unabhängig. Es ist unterteilt in drei Räume. Auf den Schiebewänden (Fusuma) befinden sich schöne Malereien. Kishi Gansei (1827-1867) malte im linken Raum, wie dem Kaiser Pferde präsentiert werden. Komai Korei (1793-1860) malte eine kaiserliche Prozession zum Kamo-Schrein. Und Sumiyoshi Hirotsura (1793-1863) malte ganz rechts, wie dem Kaiser Neujahrswünsche überbracht werden.

Wenn man nun wieder westwärts in Richtung Ausgang geht, überquert man eine große Freifläche mit parkartig angelegten Inseln voller Bäume und Sträucher. Diese bedecken linkerhand die Stelle, wo sich einst die Küchenbauten erstreckten (O-daidokoro-ato, Ruine der großen Küche). Davon ist heute nichts mehr zu sehen, aber früher lagen die Küchenbauten zwischen dem Gishu-mon und dem Ogakumonjo, etwa auf halbem Weg. Von daher wurde das Gishu-mon auch kaiserliches Küchen-Tor genannt, Odaidokoro-go-mon.


Rundgang und Beschreibung: nördliche Gebäude des Palastes
Die ganzen weiter nördlichen Gebäude, die sich bis zum Sakuhei-mon erstrecken, bekommt man nicht zu Gesicht. Der Kogo-gu-tsune-goten (Kogo otsune-goten) war die private Residenz der Kaiserinnen. Dieses Gebäude ist die südlichste Halle der Baugruppe am Nordtor (Sakuhei-mon). Früher war der Bereich noch weiter ausgebaut, aber die Räume für die Hofdamen wurden in der Meiji-Zeit abgebrochen. Erhalten sind hingegen Schlafzimmer und Ankleidezimmer der Kaiserinnen. Die Räume sind elegant und mit Bildern aus dem Leben besonders herausragender Frauen geschmückt.

Für die kaiserlichen Kinder standen der Wakamiya Goten und der Himemiya Goten zur Verfügung, ersterer im Osten für die Prinzen und letzterer im Westen für die Prinzessinnen. Jede Einheit besitzt vier Räume. Hier wohnte auch Kaiser Meiji als kleines Kind. Diese Gebäude liegen in der Baugruppe am Nordtor nordwestlich von der Kaiserinnen-Residenz.

Im Higyosha, dem nördlichsten Gebäude dieser zusammenhängenden Gruppe, wurde die Nyogojudai-Zeremonie abgehalten. Das Bauwerk, das im Stil der Heian-zeitlichen Nyogo-Residenz bzw. im Stil Shinden-zukuri rekonstruiert wurde, wird auch Fujitsubo genannt, nach den Fuji (Glyzinie, Wisteria), die im inneren, von Korridoren umgebenen Hof südlich des Higyosha und östlich der Räume für die Kinder wuchsen. Es war der offizielle Palast der Kaiserin, so daß alle sie betreffenden offiziellen Zeremonien hier abgehalten wurden. Südöstlich des Sakuhei-mon befindet sich das etwas größere Genki-mon. Südlich desselben steht isoliert das Gebäude Izumi-dono.


Die zweite Palasteinheit: Sento Gosho
Hier sind die Begrifflichkeiten irreführend: Offiziell heißt dieser 350 m in Nord-Süd-Richtung und 265 m in West-Ost-Richtung messende Sonderbereich Sento Gosho (Sentou Gosho). Einen Sento-Palast sucht man aber vergeblich, statt dessen findet man einen Omiya-Palast. Das liegt daran, daß es hier nacheinander zwei Paläste gab, und das Areal wurde nach dem ersten und wichtigeren benannt, der als Residenz für einen abgedankten Kaiser diente. Der Sento-Palast wurde 1630 für Kaiser Go-Minzuno-o (1596-1680) erbaut, als er sich aus dem Amt zurückzog und das Regieren der Kaiserin Meisho überließ, und seitdem wohnten hier die jeweiligen Ex-Kaiser nach ihrer Abdankung. Alternative Bezeichnungen für den Sento-Palast waren kaiserlicher Palast "Hon-in" oder "Shin-in". Gleichzeitig mit dem Sento-Palast wurde weiter im Norden der Nyoin-Palast für des Ex-Kaisers Ehefrau erbaut, das war Tofukumon-in (Tokugawa Kazuko, 1607-1678). Auch hier suchten mehrfach Brände beide Gebäudekomplexe heim, zuletzt brannten der Sento-Palast und der Nyoin-Palast 1854 ab, danach wurden sie nicht mehr aufgebaut, weil man sie mangels eines Altkaisers nicht mehr benötigte. 13 Jahre lang blieb der Bereich nun ohne Palast.

Für die Ehefrau eines regierenden Kaisers wurde danach im Jahre 1867 etwas weiter nördlich auf dem Gelände des Nyoin-Palastes der Omiya-Palast errichtet, konkret für Dowager Eisho (1833-1897), Witwe des Kaisers Komei (1831-1866). Als das Kaiserhaus nach Tokyo umzog, inklusive der Kaiserwitwe, wurden nach 1872 die meisten Gebäude abgerissen; nur der Otsunegoten blieb als Residenz übrig. Und das sind die einzigen Gebäude, die wir innerhalb der rechteckigen Mauereinfassung sehen können. Seit 1945 nutzte die kaiserliche Familie diesen Palast zur Unterbringung von Staatsgästen, bevor das staatliche Gästehaus 2005 erbaut wurde. Der Bereich kann nur mit Voranmeldung über das kaiserliche Hofamt und nur im Rahmen einer Führung (dauert ca. 1 h, Erlaubnisschein und Paß mitbringen, Führung auf Japanisch, Audio-Guide in Fremdsprachen erhältlich) besichtigt werden, aber der Eintritt als solcher ist frei. Es gibt ein limitiertes Kontingent für Besuche am selben Tag, das aber schnell ausgeschöpft ist, also entweder sehr früh da sein oder ein paar Tage vorher reservieren.

Wie der eigentliche Kaiserpalast selbst (Gosho) ist auch dieser Bereich von einer rechteckig verlaufenden Lehmmauer (Tsujibei) umschlossen. Auf der Nordseite liegt weit im Westen das Haupttor des Omiya-Palastes (Omiya Gosho Sei-mon). Auf der Westseite befinden sich zwei Tore, im Norden das Vordertor des Omiya-Palastes (Omiya Gosho Omote-mon) im Stil eines Yakui-mon (vierbeiniges Tor), im Süden das Haupttor des ehemaligen Sento-Palastes (Sento Gosho Sei-mon) im Stil eines Shikyaku-mon. Letzteres wird nie geöffnet.

Der Besucher betritt den Bereich durch das nördliche Tor der Westseite. Nach Passieren der Eingangskontrolle und dem Wartebereich für Besucher kommt man über den Vorplatz zum Mi-kuruma-yose, der Wagenzufahrt. Hier sind drei Giebel hintereinander gestaffelt, zwei Irimoya-Dachgiebel und der auf zwei Pfosten vorkragende, geschwungene Karahafu-Giebel der überdachten Vorfahrt, alle drei Giebel sind seitlich gegeneinander versetzt. Das ist der offizielle Eingang in den Otsune-Goten. In diesem Gebäude hielten sich der Kaiser und der Kronprinz auf, wenn sie nach Kyoto kamen. Den Otsune-Goten selbst kann der Besucher nicht betreten. Man kann auf der geführten Tour noch vom Nantei (Südgarten) aus die Südseite der Gebäude ansehen. Dort wachsen Kiefern, Bambus und Pflaumenbäume, die zusammen als Glückssymbole angesehen werden. Im Osten des Otsune-Goten liegt ein kleiner Garten mit einem mäandrierenden Bachlauf, der Garten des Kranichs und der Schildkröte, beides Langlebigkeitssymbole. Der Garten wird nicht bei der Führung gezeigt. Statt dessen geht die Tour dann durch das kleine Tor Oniwaguchi-mon hindurch in die großen Gärten.

Zu den beiden nacheinander existierenden Palästen gehörten zwei Teiche, die durch einen kurzen, mit Booten befahrbaren Kanal miteinander verbunden sind. Der nördliche Teich (Kita-ike) gehörte zum Garten des Palastes Nyoin bzw. des Nachfolgepalastes Omiya Gosho, der südliche Teich (Minami-ike) zum Garten des verschwundenen Palastes Sento Gosho. Beide Teiche begannen viel kleiner und wurden mit jedem Neubau der Paläste erweitert und schließlich durch den Kanal verbunden, so daß die heutige Gartengestaltung weit vom ursprünglichen Aussehen zur Bauzeit der ersten beiden Paläste entfernt ist. Das ursprüngliche Aussehen dürfte sehr nah an der Gestaltung der kaiserlichen Villen Katsura und Shugakuin gelegen haben, alles Villen, die eng mit dem Kaiser Go-Mizuno-o verbunden sind. Der erste Garten des Sento-Palastes wurde sogar von Kobori Enshu angelegt. Die Linien wurden seitdem mehrfach verändert, am spektakulärsten die Uferlinie des Nord-Teiches.

Im Bereich des nördlichen Sees gibt es mehrere Brücken, z. B. die bogig nach oben gekrümmte und mit Geländer versehene Dobashi ("Erdbrücke", auch Tsuka-bashi) im Nordosten des Teiches, wo der Nord-Teich seine Reiher-Insel asymmetrisch positioniert hat. Die Insel heißt so, weil sie im Reiher-Wald liegt. Besagte Brücke führt vom Nordufer des Sees auf die Insel. Sie heißt so, weil der Bodenbelag des Weges auf der Brücke weitergeht, als wäre der Untergrund Erde. Weiter rechts liegt der Hügel Koto-yama. Weiterhin gibt es die aus gegeneinander versetzten Steintafelpaaren bestehende Ishibashi (Steinbrücke) am östlichen Zipfel des Teiches, die von der Reiherinsel ans östliche Ufer führt. Jede der vier Steinplatten ist rechteckig zugeschnitten, so daß der zickzackförmige Versatz besonders augenfällig ist. Früher hieß die Brücke Yatsu-hashi (Zickzack-Brücke), bis der Name von der Brücke im Südsee üblich wurde; seitdem wird diese hier einfache nur "Steinbrücke" genannt. Und es gibt die Rokumai-bashi im Nordwesten, eine Brücke aus sechs (3 x 2) Steinplatten. Eine weitere Brücke ist die Momiji-bashi (Ahorn-Brücke), die den verbindenden Wasserlauf (Kanal) zwischen beiden Teichen überbrückt. Der im Osten und Westen benachbarte, quasi vom Kanal durchschnittene Hügel heißt entsprechend Momiji-yama (Ahorn-Hügel), noch weiter westlich liegt der Sotetsu-yama (Palmfarn-Hügel), auf dem auch eine Steinlaterne steht. Die Anordnung der Palmfarne in Bezug auf das nahe Teehaus ist eine Gestaltungsidee, die zuvor in der Villa Katsura verwirklicht und hier kopiert wurde.

Sehenswert ist die Brücke Yatsu-hashi (Zickzack-Brücke) über den südlichen See, idealerweise Ende April oder Anfang Mai, wenn die Glyzinien des Klettergerüstes (Fujidana) blühen und ein blaues Dach über der Brücke bilden. Die vom Westufer auf die erste Mittelinsel führende Brücke wird so genannt, weil sie einen Versatz hat. Früher war die Brücke aus Holz, wurde aber 1895 aus haltbarerem Stein erneuert. Früher befanden sich auf den Mittelinseln mehrere Pavillons, Wasserfall-Pavillon und Fisch-Pavillon. Sie sind Vergangenheit. Von den Inseln (Naka-jima, Mittelinseln), die mit einer kurzen Steinbrücke (Sori-hashi) untereinander verbunden sind, führt eine Bogenbrücke mit ganz niedrigem Steingeländer wieder ans andere Ufer. Die Sori-hashi bedeutet "Gegen-Brücke". Die Tosa-bashi überquert einen östlichen Zipfel des Teiches. Sie heißt so, weil sie ein Beitrag der Familie Yamanouchi war, die die Daimyos von Tosa stellte. Die Brücke besteht aus schlichten rechteckigen Steinplatten mit Mittelstütze. Eine weitere, nicht verbrückte Insel weiter südlich wird Yoshi-jima genannt; früher wurde sie tiefsinniger als Horai-jima angesprochen, eine Insel der Unsterblichen, ein paradiesisches Land in der japanischen und chinesischen Mythologie. Der Süd-Teich (Minami-ike) hat einen etwa 1000 m2 messenden Uferbereich (Suhama) aus mehr als 111000 aufgeschütteten runden Flußkieselsteinen (Isshoseki). Diese Kieselsteine sind ebenfalls (s. o.) ein Geschenk von Okubo Tadazane, dem Daimyo von Odawara, an den zurückgetretenen Kaiser Kokaku (1771-1840). Westlich dieses Steinstrandes befindet sich der Kaki-no-moto-Schrein (Kakinomoto-yashiro).

Die übrigen Gartenanlagen sind wenig beeindruckend. Es gibt noch zwei Wasserfälle, den She-Wasserfall im Osten des Nord-Teiches und den He-Wasserfall unterhalb des Ahornhügels am Nordrand des Süd-Teiches. Ersterer ist mehr ein kurzer Bach, der über mehrere Steine wie über Stromschnellen im Miniaturformat läuft, letzterer ist 80 cm breit und 1,80 m hoch, hier kann man eher von einem freien Fall des Wassers sprechen. Im Nordwesten des Nord-Teiches steht ein steinernes Monument für den früh-Heian-zeitlichen Dichter Ki-noTsurayuki, der - ohne Beleg - hier sein Haus gehabt haben soll. Belegt ist hingegen, daß der Staatsmann Fujiwara no Michinaga (966-1027) im nördlichen Bereich des Sento-Palastes gelebt hatte. Eine besondere runde Steinlaterne auf drei ausgestellten Beinen wird gezeigt, ein Geschenk der Mito-Familie.

Zwei Teehäuser (Chashitsu) befinden sich noch auf dem Gelände, Seika-tei und Yushin-tei. Das Seika-tei ist benannt nach einem Vers des chinesischen Dichters Li Bai (auch: Li Bo, 701-762), der auf sich im Teehaus auf einer schwarzen Tafel befindet und die Schönheit des Erwachens in einer Mondnacht und die Schatten der Blumen beschreibt. Dieses Teehaus wurde wohl ursprünglich gleichzeitig mit dem Sento-Palast errichtet, aber mehrfach durch Brände zerstört. Der gegenwärtige Bau wurde 1808 für den zurückgetretenen Kaiser Go-Sakuramachi errichtet. Das großzügig und übersichtlich angelegte Teehaus steht am Südende des Süd-Teiches. Es handelt sich um ein Teehaus im Sukiya-Stil. Es mißt insgesamt 92 m2 und hat zwei Haupträume, einen Vorbereitungsraum für die Teezeremonie und eine Küche, und es besitzt einen Rückzugsraum. Der Shoin ist 4,5 Tatami-Matten groß. Er ist völlig leer bis auf einen kleinen Einbauschrank mit Schiebetüren. Sein Hauptzweck ist es, sich auf den östlichen Teegarten zu öffnen. Ansonsten öffnet sich das Teehaus zum Teich und dessen Kiesstrand hin, und von hier hat man den besten Blick über den ganzen südlichen Gartenbereich. Im Süden schließt sich ein Bambuswald hinter dem Teehaus an. Westlich dieses Teehauses befindet sich eine ausgemauerte, eingetiefte Struktur, das Eis-Haus (Ohiyashi), wo man in dem tiefen Schacht Eisblöcke aufbewahrte. Wenn man sich wieder nach Norden wendet, kommt man zu einem weiteren künstlichen Hügel, dem Sazae-yama.

Das hingegen vielfach verwinkelte, teilweise strohgedeckte Yushin-tei steht im Westen des Nord-Teiches und besitzt ein charakteristisches großes Rundfenster auf der Ostseite. Das 37 m2 große Teehaus wurde 1884 von der Familie Konoe errichtet. Der Eingangsraum mißt 2 Tatami-Matten, der Hauptraum 6, der Vorraum 2, dazu gibt es noch die Küche. Vom Stil her entspricht das Teehaus dem Geschmack des 11. Oberhauptes der Urasenke, Gengensai. Zwei Arten von Dächern mischen sich hier, Zypressenholzschindeln und Schilfdach decken unterschiedliche Bereiche. Der Teegarten ist mit einem sehr locker gefügten Bambuszaun vom Typ Yotsumegaki abgeteilt. Das Zugangstor besitzt ein strohgedecktes Satteldach mit einer beschwerenden Balkenkonstruktion im Firstbereich. Außerhalb befindet sich der Wartebereich (Okoshikake). Ansonsten besitzt der Garten ausgedehnte Moosflächen, die besonders an einem regennassen Tag ein herrlich intensives Grün zaubern.


Literatur, Links und Quellen
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.0251878,135.7628606,16.75z - https://www.google.de/maps/@35.0254071,135.7623247,551m/data=!3m1!1e3
Imperial Household Agency (Hrsg.): Kyoto Imperial Palace, Pocket Guide 1, Public Interest Incorporated Foundation by Kikuyou Court Culture Institute, printed by Mainichi Editional Center Corporation
Imperial Household Agency (Hrsg.): Sento Imperial Palace, Pocket Guide 2, Public Interest Incorporated Foundation by Kikuyou Court Culture Institute, printed by Mainichi Editional Center Corporation
Kaiserpalast auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report20.html
Auf Japan Travel Manual:
https://jpmanual.com/en/imperial-palace
auf den Seiten des Ministry of the Environment:
http://www.env.go.jp/garden/kyotogyoen/english/ - Karten des Parks mit Pflanzen und jahreszeitlichen Höhepunkten im Park: http://www.env.go.jp/garden/kyotogyoen/english/Kyotogyoen%20map%201.pdf - http://www.env.go.jp/garden/kyotogyoen/english/Kyotogyoen%20map%202.pdf - http://www.env.go.jp/garden/kyotogyoen/english/Kyotogyoen%20map%203.pdf
auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserpalast_Ky%C5%8Dto - https://en.wikipedia.org/wiki/Kyoto_Imperial_Palace
Throninsignien Japans auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Throninsignien_Japans
Beschreibung der Gebäude des Kaiserpalastes:
http://www.kunaicho.go.jp/e-about/shisetsu/kyoto-ph.html
Seite der kaiserlichen Haushaltung:
http://sankan.kunaicho.go.jp/english/guide/kyoto.html - Übersichtskarte: http://sankan.kunaicho.go.jp/english/guide/institution_kyoto.html - http://sankan.kunaicho.go.jp/english/guide/img/13gr-13.gif - Gesamtanlage: http://sankan.kunaicho.go.jp/english/guide/access_map_kyoto.html - http://sankan.kunaicho.go.jp/english/guide/img/13gr-12.gif - Sento-Palast: http://sankan.kunaicho.go.jp/english/guide/sento.html - Karte: http://sankan.kunaicho.go.jp/english/guide/institution_sento.html
Kaiserpalast auf Japan-Kyoto:
https://japan-kyoto.de/der-kaiserliche-palast-in-kyoto-gosho/ und https://japan-kyoto.de/kaiserlichen-palaste-villen-kyoto-sento-gosho-katsura-shugakuin-rikyu-kyoto-state-guest-house/
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https://www.japan-guide.com/e/e3917.html - https://www.japan-guide.com/e/e3935.html
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https://www.discoverkyoto.com/places-go/gosho/
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https://kyoto.travel/de/shrine_temple/175
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https://www.japan-experience.de/stadt-kyoto/kaiserpalast-sento-gosho
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https://www.insidekyoto.com/kyoto-gosho-kyoto-imperial-palace-central-kyoto
auf Welcome to Kyoto:
http://welcome-to-kyoto.com/imperial-palace/
auf Travel around Japan:
http://www.travel-around-japan.com/k62-45-kyoto-gosho.html
Matthew Stavros: Kyoto - An Urban History of Japan's Premodern Capital, Teil der Edition "Spatial Habitus: Making and Meaning in Asia's Architecture", hrsg. von Ronald G. Knapp und Xing Ruan, 256 S., Verlag: University of Hawaii Press, 2014, Paperback Edition 2016, ISBN-13: 978-0824867881, danach die Graphiekn zum Heian-zeitlichen Kyoto und zur Stadtentwicklung
Rose Hempel: Japan zur Heian- Zeit, Kunst und Kultur, 262 S., Verlag: W. Kohlhammer 1986, ISBN-10: 3170081284, ISBN-13: 978-3170081284
Besucherfaltblatt des Kaiserpalastes, Hinweistafeln an den Gebäuden
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 162-172


Kaiserpalast (Kyoto Gosho), Teil 2: Photos von Mauern, Toren und vom Gishu-mon - Kaiserpalast (Kyoto Gosho), Teil 3: Photos vom O-kuruma-yose, Shodaibu-no-ma und Shin-o-kuruma-yose - Kaiserpalast (Kyoto Gosho), Teil 4: Photos vom Gekka-mon, Kenrei-mon, Jomei-mon und Shishinden - Kaiserpalast (Kyoto Gosho), Teil 5: Photos vom Nikka-mon, Kenshun-mon und Shunkoden - Kaiserpalast (Kyoto Gosho), Teil 6: Photos vom Innenhof zum Seiryoden und vom Oikeniwa - Kaiserpalast (Kyoto Gosho), Teil 7: Photos vom Kogosho, Ogakumonjo, Gonaitei und Otsunegoten - Kaiserpalast (Kyoto Gosho), Teil 8: Photos vom Omima, Koshun, Osuzumi-sho und Sakuhei-mon

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